Alltag & Lebensführung

Faszinierendes Grado

Hannes Feik

Faszinierendes Grado

Man arbeitet um zu leben und lebt nicht, um zu arbeiten

Leseprobe:

Einleitung

Das Urlaubsland Nummer eins der Österreicher verdient mit Recht, besser verstanden zu werden. Für einen Durchschnittsösterreicher, wie mich, ist das Leben in Italien mit all seinen Facetten völlig unterschiedlich zu dem, was wir von Österreich her gewohnt sind. Eigentlich war ich bereits gegen Ende 30, als ich mich damit intensiver auseinanderzusetzen begann und dabei die Besonderheiten dieses Landes kennenlernte. Die Wurzeln dazu wurden aber in meiner Kindheit gelegt, weshalb ich in meinen Erzählungen auch diesem Lebensabschnitt mit den damaligen Eindrücken einen einleitenden Teil widmen möchte. Anfangs ist es schwer, die Gewohnheiten von Italienern zu verstehen, vieles wird von uns sogar belächelt, aber erst wenn man weiß, was umgekehrt an uns belächelt wird, kann man damit besser umgehen. Und schließlich lieben wir doch alle das „Dolce Vita“, welches unsere Urlaube erst zu der Entspannung führt, die wir uns von Mußestunden wünschen. Nirgendwo wird uns das besser vorgelebt als in Italien. Mit einer gewissen Anpassung wird auch ein nur kurzer Aufenthalt wesentlich erleichtert.


Wissenswertes über Grado

Im Alter von fünf Jahren fuhr ich mit meinen Eltern und meiner um zwei Jahre jüngeren Schwester erstmals nach Grado. Grado ist eine Halbinsel an der Nordküste der Adria zwischen Venedig und Triest. Zur Halbinsel wurde es erst unter Mussolini, der die Verbindungsstraße übers Meer bauen ließ. Davor war Grado nur über den Wasserweg erreichbar. Die Einheimischen lebten hauptsächlich vom Fischfang, aber auch sehr früh bereits vom einsetzenden Tourismus im 19. Jh. Der ursprünglichen Insellage ist es zuzuschreiben, wie die Geschichte erzählt, dass Attila anlässlich der Eroberung von Aquileia kein Interesse daran fand. Auf seine Frage, was denn mit dieser Insel sei, hätte man geantwortet: „Dort gibt es nur eine kleine Schar von Verrückten.“ Zu diesen zähle mittlerweile auch ich! Dennoch wurde Grado über einige Jahrhunderte hindurch von Seeräubern und Nachbarn überfallen und geplündert, doch blieben die frühchristlichen Kirchen wie „Sant’Eufemia“ und „Santa Maria delle Grazie“, aber auch das Baptisterium „S. Giovanni Battista“ als wertvoller Schatz der Altstadt erhalten. Unter Kaiser Franz Josef kam es per Erlass zur Gründung der „Kur- und Badeanstalt Grado“ und wurde der Fischerort zum K. u. K. Seebad Grado ausgebaut. Die Errichtung eines artesischen Brunnens für die Trinkwasserversorgung und der Anschluss an die Bahnlinie nach Wien waren Voraussetzung für die Umsetzung dieses Vorhabens. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Zeit der österreichischen Riviera allerdings vorbei. Einen weiteren Schritt zur Modernisierung setzten dann die Amerikaner mit der Einführung der Wasserklosetts während des Zweiten Weltkrieges. Die Erker an den Gebäuden des Centro Storico bezeugen noch heute den nachträglichen Anbau. Davor brachte man die in Kübeln gesammelten Fäkalien an eine Stelle am westlichen Ende der heutigen „Diga“, um diese dort ins Meer zu entleeren. Diese Entsorgung, die in der Regel von den Hausfrauen durchgeführt wurde, barg die Gelegenheit für einen Tratsch, kam man doch sonst nicht viel raus. Grado wird auch die Sonneninsel oder Goldinsel genannt. Sonneninsel deshalb, weil durch die Lage weit draußen am Meer ein Mikroklima vorliegt, das häufig bei schlechten Wetterprognosen Regen nicht weiter als bis Aquileia vordringen lässt. Ja, es kommt sogar vor, dass es in Pineta, wo eine weitere Anbindung ans Festland seit den Sechzigerjahren besteht, regnet, ohne dass in Grado selbst ein Tropfen fällt. Der Begriff „Goldinsel“ stammt vom feinen, in der Sommerhitze beinahe golden schimmernden Sand des Strandes. Die Strände von Grado sind die einzigen der ganzen Adria, die ausschließlich nach Süden ausgerichtet sind und daher den ganzen Tag Sonne genießen. Weiterhin besitzt Grado gegenüber den übrigen Badeorten der oberen Adria die „Diga“, das ist die Promenade am Meer, die den eingezäunten Hauptstrand mit der „Costa Azzurra“, dem westlich liegenden, freien Strand, verbindet und der Altstadt zum Meer vorgelagert ist. Die „Diga“ wird von Touristen wie Einheimischen das ganze Jahr stark frequentiert und trägt mit den Restaurants, die ganzjährig geöffnet haben, dazu bei, dass in Grado die Geschäftslokale im Winter nicht die Schaufenster mit Papier abdecken, wie man es vielerorts kennt, und Gäste auch außerhalb der Saison anreisen, einfach um gut zu essen und einen Spaziergang in der Sonne zu genießen. Die Strände sind ausschließlich Sandstrände und damit ist auch der Meeresboden aus Sand. Durch die Verwirbelung mit der Bewegung des Wassers entsteht der Eindruck, dass das Meerwasser im Vergleich zu steinigen Böden, bei denen man klar bis zum Boden sehen kann, schmutzig wäre. Regelmäßige Prüfungen bezeugen aber, dass die Wasserqualität von Grado im internationalen Spitzenfeld rangiert und dafür sogar öffentliche Auszeichnungen existieren. Hintergrund könnte sein, dass die Kanalisation weit besser funktioniert als in südlicheren oder östlicheren Gefilden und Grado nicht den Massentourismus an Badegästen bewältigen muss, wie beispielsweise Lignano, Rimini oder Viareggio, dafür hat Grado zu kleine Strände. Das seichte Wasser des Hauptstrandes bis hin nach Pineta ist vor allem bei Familien mit Kleinkindern sehr beliebt, aber auch diejenigen, die tieferes Wasser zum Schwimmen suchen, finden dies an der „Costa Azzurra“, deren Strand erst mit dem Bau des Hafens „Porto san Vito“ in den 80er Jahren entstanden ist. Davor erreichte dort das Meer die Begrenzungsmauer der Promenade. Doch wird nicht nur kontrolliert, dass keine Abwässer ins Meer gelangen, auch die Strände unterliegen in den Sommermonaten einer täglichen Reinigung, um den Unrat und das Seegras, was die Gezeiten zurücklassen, noch zeitig am Morgen, vor dem Eintreffen der ersten Badegäste, zu entfernen. Traktoren mit anhängenden Rechen und Sieben fahren die Strände ab und Bagger schaufeln die zusammengescharrten Berge von Treibholz und anderen durch Flüsse und Schiffe ins Meer gelangten Abfälle auf Lkws, die das Ladegut auf Deponien führen. Finanziert wird das von der Gemeinde. Erwähnenswert hierzu ist eine filmreife Episode, die die Regionalzeitungen gefüllt hat. Um Kosten zu sparen, beauftragte man eine Firma aus Napoli, da diese alle vergleichbaren Mitbewerber finanziell in den Schatten gestellt hatte. Die Säuberung erfolgte anstandslos frühmorgens zu schlafender Stunde, jedoch wurden die Lastkraftwagen von Bürgern beobachtet, wie diese den eingesammelten Mist am anderen Ende von Grado, also hinter Pineta, wieder ins Meer kippten, um die Deponiegebühren einzusparen. Eine Anzeige bei den Carabinieri veranlasste diese, mit einer Blitzaktion die Gauner auf frischer Tat zu stellen. Letzten Endes kam es dem schlauen Unternehmer teurer, als wenn er gleich vertragsgemäß hätte arbeiten lassen.
Durch die Besuche des Kaisers und anderer berühmter Österreicher, und später unter dem Hintergrund von Kongressen, hob sich Grado schon sehr früh von den übrigen oberitalienischen Badeorten ab. Nicht nur durch seine Insellage und den historischen Stadtkern (außer Grado gibt es nur noch in Caorle eine sog. Altstadt), auch vom Niveau seiner Touristen her werden die Unterschiede deutlich. Grado erlebte seine absolute Blütezeit in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als ein nicht enden wollender Urlauberstrom in einen enormen Bauboom ausartete. Es wurden unzählige Hotels errichtet und das Bauland durch künstlich aufgeschüttete, dem Meer abgerungene Flächen vergrößert. So entstanden die „Isola della Schiusa“ und der Ortsteil Pineta. Zu dieser Zeit befanden sich während des Sommers mit den Besitzern von Ferienwohnungen an die 200.000 Personen in Grado und war auch die ansässige Bevölkerung während des Winters bei 15.000. Der Urlauberansturm war hauptsächlich deshalb so gewaltig, da sich mehr und mehr Österreicher und Deutsche den Urlaub am Meer mit seinem milden Klima leisten konnten und Flugreisen noch den Superreichen vorbehalten waren. Erst mit den Billigflugangeboten zeigte sich eine Trendumkehr und es sind sehr viele Einheimische mangels Arbeit abgewandert. Der heutige Grado-Urlauber schätzt umso mehr, dass der Ort in seiner jetzigen Größe nicht überlaufen ist.


Kindheitseindrücke

Meine Kindheit verbrachte ich in einem kleinen Ort der Obersteiermark, nahe Mariazell, wo mein Vater eine Arztpraxis mit angeschlossener Hausapotheke führte. Der berufliche Hintergrund meines Vaters war ausschlaggebend, weshalb wir ausgerechnet nach Grado fuhren: Es fand dort jährlich ein Kongress für Allgemeinmediziner statt, welcher damals noch als Gemeinschaftsveranstaltung der deutschen und österreichischen Ärztekammer abgehalten wurde. Damit trafen sich Referenten und teilnehmende Ärzte aus Deutschland und Österreich und verbanden dies mit deren Familien zu einem Kurzurlaub am Meer. In meinem steirischen Heimatort hatten der Arzt, der Schuldirektor, der Pfarrer und der Forstmeister – also die wenigen mit höherer Bildung – eine Sonderstellung, was uns Kindern eher unangenehm war, da sich dies auch in unserer Erziehung widerspiegelte und uns von den übrigen Jugendlichen unterschied. Erst im reiferen Alter lernte ich, die eher strenge Erziehung, das gute Benehmen, die Schriftsprache u.v.m. zu schätzen. Als Kinder aber hatten wir zumindest das Privileg, entgegen dem Großteil der übrigen Ortsbewohner, vom rauen Gebirgsklima weiter wegzukommen und sogar das Meer kennenzulernen. Es gab ja, außer den genannten, am Land noch kaum Familien, die Ende der Fünfzigerjahre schon Autos besaßen. Für die meisten war das Fahrrad oder ein Motorrad des österreichischen Herstellers „Puch“, als Familienfahrzeug auch mit Beiwagen, das einzige Fortbewegungsmittel. Dafür aber hatte der Postbus noch eine wesentlich höhere Wertigkeit. Reisen mit Zimmer, Küche, Kabinett, wie es in den großen Autos mit „Gepäcksarg“ am Dach heute durchaus üblich ist, war undenkbar und auch nicht gewollt. Also traten wir voller Aufregung, da uns die Eltern ja lange darauf vorbereitet hatten, die große Reise an. Es war zu dieser Zeit noch eine nicht enden wollende Tour im VW-Käfer mit rückwärtigem „Brezelfenster“, der Name kam von der Ähnlichkeit zu einer Brezel. Die Fahrt ging zunächst über eine Makadamstraße, das war die Straßenbauweise aus dem 19. Jahrhundert, bestehend aus 3 Schichten, welche aus unterschiedlich großen, gut verdichteten Gesteinskörnungen hergestellt wurden. Gegen die starke Staubentwicklung wurde die Oberfläche mit Bitumen geteert. So führte die Reise über den Seeberg, durch den Thörlgraben nach Bruck und von dort über die Triesterstraße, das war die in der Kaiserzeit entstandene Verbindung Wien – Triest, weiter auf der bereits asphaltierten Städteverbindung in Richtung Süden. Wir nächtigten in einer Pension in Neumarkt, nahe der Kärntner Grenze, da die Strecke von etwa 450 km ohne Autobahnen mit der Geschwindigkeit des Käfers eine Zweitagestour bedeutete. Mit Gesang und Geschichten, Autoradio gab es zumindest im Käfer noch nicht, wurden wir bei Laune gehalten. Die Geduld von uns Kindern unterlag einer besonders großen Zerreißprobe! Und endlich war es so weit, als wir nach Aquileia aus der Allee, die aus übermächtigen Pappeln bestand, auf die lange gerade Meeresstraße kamen, die Grado übers Meer mit dem Festland verbindet. Das war ein unvergesslicher Eindruck, der bis heute tief in mir drinnen geblieben ist. Dieser Anblick vom Meer mit den Umrissen von Grado im Hintergrund öffnet jedes Mal aufs Neue das Herz. Beim Überqueren des Meeres über diese Straße lassen wir sogar noch heute oftmals die Seitenscheiben unseres Wagens runter, um den typischen algen- und seegrasgetränkten Geruch einzufangen.
Weil Grado schon ein beliebtes Urlaubsziel unseres Kaisers war, denken die Einheimischen teilweise noch heute wehmütig an diese Zeit. In mancher Bar findet man sogar auch ein Porträt von ihm. Zu jener Zeit endete die Eisenbahn bei Belvedere, von wo die Überfuhr mit einem dampfbetriebenen Schiff erfolgte.

Anstelle der ehemaligen Eisenbahntrasse wurde vor wenigen Jahren ein Radweg errichtet, der bis Grado parallel zur Zufahrtsstraße führt.
Eine ganz besondere Wahrnehmung war für mich als „Steirerbub“ die völlig ungewohnte Hitze, unter welcher es damals meine Vorstellungen völlig überstieg, außer im Meer zu baden, auch noch imstande zu sein, andere Dinge zu tun, wie beispielsweise zur Schule zu gehen. Umgeben von italienischen Autos wie die Ur-Cinquecento, Alfa, Lancia, vereinzelt sogar Ferrari, dazwischen die „Ape“, was übersetzt Biene heißt und ein dreirädriges Transportfahrzeug mit Ladefläche ist (der Name kommt scheinbar von der fleißigen Biene), und ganz zu schweigen von den großen Autos der deutschen Kongressteilnehmer wie Jaguar, Mercedes usw., war es für mich, wo ich fast nur Puch-Pkws und VW kannte, beinahe wie auf einem anderen Planeten. Ich erinnere mich noch genau, dass wir Kinder bei unzähligen, am Straßenrad parkenden Autos hineinsahen, um festzustellen, welche Höchstgeschwindigkeit am Tachometer angeführt war, denn alles, was über die 120 km/h unseres Käfers ging, zählte in unserer Vorstellung schon zu Raketen. Wahrscheinlich war dies die erste Infektion zu meiner ausgeprägten Leidenschaft für Sportwagen, hauptsächlich italienischer Marken. Besonders fasziniert haben mich schon als Kind die sonoren Auspuffklänge, welche in erster Linie die Italiener ihren Autos verliehen. Wie ich viele Jahre später erfahren habe, wurden diese in Tonstudios entwickelt, um für das menschliche Ohr sympathische, tiefe und nach Kraft klingende Frequenzen zu schaffen. Im ersten Jahr bewohnten wir ein sehr elegantes Hotel nahe dem kleinen Jachthafen San Marco. Dieser Hafen im Centro ist ein besonderes Merkmal von Grado, da es an der gesamten nördlichen Adria keinen Ort gibt, an dem man mit dem Boot bis ins Zentrum gelangt. In den Folgejahren bewohnten wir wegen der gestiegenen Anzahl der Geschwister eine Privatpension, die „Villa Lucia“ am Kanal, längs der Hauptstraße. Die Vermieter waren ein Lehrerehepaar mit einem Sohn, der heute Bauingenieur ist. Meine Mutter durfte eine Sommerküche benutzen, da sie aufgrund der großen Familie selbst kochte, das Essen nahmen wir in einem schattigen Hof unter rankendem Wein ein. Damals stand eigentlich das Baden im Meer im Vordergrund. Ich erinnere mich noch gut an den Slalom im heißen Sand zwischen dem Schatten der Sonnenschirme am Weg zum lauwarmen Meerwasser. Aber meine Eltern waren schon damals bemüht, uns in jungen Jahren auch langsam in Richtung Kultur zu bilden. So zeigten sie uns im Rahmen eines Bootsausfluges die Insel Barbana, deren Beschreibung später folgt, und auch Venedig sahen wir erstmals im frühen Kindesalter anlässlich einer Ausfahrt von Grado. Durch eine Nierenfehlbildung bei einem meiner jüngeren Brüder und die Schulpflicht, weil die Kongresse jeweils Anfang Juni stattfanden, nahmen die Familienurlaube in Grado alsbald ein Ende.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-99048-730-3
Erscheinungsdatum: 27.10.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 3
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