Alltag & Lebensführung

Entfaltung durch Beziehung

Barbara Frischknecht-Schoop

Entfaltung durch Beziehung

Wie Erziehung gelingt

Leseprobe:

Inhaltsverzeichnis



Einleitung 11

Der Anfang meiner Reise
Wenn in Fehlern Entwicklungspotenzial schlummert 19

Die Orientierung
Wenn Sterne dich führen können 27

Die neuen Kinder
Warum unser heutiges Bild von Kindern von gestern ist 35

Beziehung als Schlüssel
So gelingt Erziehung 45

Das Gleichgewicht
Wie wir aus alten Erziehungsmustern ausbrechen können 51

Die Grundprinzipien
Wenn Führung und Gleichwürdigkeit die Balance halten sollen 61

Das Zusammenspiel
Wenn wir nicht bemerken, wenn Kinder uns beschenken wollen 71

Der Kontakt
Wie Schmelz- und Reibungswärme Beziehung gestalten 81

Grenzen setzen
Wie die neue Sichtweise große Chancen eröffnet 91

Erziehung ohne Strafen
Ein heißes Eisen mit Sprengpotenzial 105

Der Dialog
Unsere Chance, klüger zu werden 125

Konflikte
Feuer nutzen, ohne sich die Finger zu verbrennen 133

Gefühle
Wenn versteckte Wegweiser zur Weiterentwicklung entdeckt werden 141

Die Wut
Raum schaffen für eines der stärksten Gefühle 151

Mobbing
Wenn Kinder zu Tätern, Mitläufern und Opfern werden 161

Unscheinbare und gestempelte Kinder
Wenn Vielfalt bereichern darf 171

Gesundes Selbstwertgefühl
Das existenzielle Immunsystem fördern 179

Kinder stärken
Wie Pippi Langstrumpf aus zwei mal drei vier macht 187

Erwachsen werden
Wie unser Leuchtfeuer Jugendlichen Orientierung gibt 205

Der Stress
Warum Kinder überfordert sind 215

Zu sich finden
Wie wir im sicheren Hafen geborgen sind 227

Die gelingende Zusammenarbeit
Wie das „lernende Dreieck“ Kooperation ermöglicht 235

Entfaltung durch Beziehung
Wenn man entscheiden muss, welcher Wolf gefüttert werden will 245

Danksagung 249

Anmerkungen und Quellangaben 250










Das Zusammenspiel
Wenn wir nicht bemerken, wenn Kinder uns beschenken wollen



Solltest du wirklich deine Augen öffnen und sehen,
du würdest dein Ebenbild in allen Bildern erblicken.
Und solltest du deine Ohren öffnen und hören,
du würdest deine eigene Stimme in allen Stimmen hören.
Khalil Gibran


Selina erzieht ihre Tochter Julie alleine. Die beiden haben ein sehr inniges Verhältnis. Julie ist in der dritten Klasse und besucht bald zum ersten Mal ein Lager.
Die Woche vor Lagerbeginn ist für Selina ein Albtraum. Julie benimmt sich wie eine Amazone auf Kriegsfuß! In einem ruhigen Moment sucht Selina das Gespräch mit ihrer Tochter und fragt nach, was los sei. Julie druckst ein wenig herum, bis es aus ihr hervorbricht: „Mami, ich muss ein wenig blöd tun, sonst tut es mir zu fest weh, wenn ich dich nächste Woche nicht mehr sehe, und auch du würdest mich zu sehr vermissen!“


Kinder spielen sehr oft mit uns zusammen und wir bemerken es nicht. Sie kooperieren auch dann mit uns, wenn es gar nicht danach aussieht.
Als ich in einem Seminar für Lehrpersonen die große Bereitschaft der Kinder zum Zusammenspiel erwähne, erzählt uns Bea, eine Teilnehmerin, eine persönliche Geschichte:


Ich bin in einem Kinderheim aufgewachsen, da sich meine alleinstehende Mutter nicht um mich kümmern konnte.
Ich kann mich noch deutlich an meine große Freude erinnern, als mir das allererste Zeugnis ausgeteilt wurde! Die Lehrerin hat uns gesagt, dass die Eltern das Zeugnis unterschreiben müssen. Ich habe sogleich einen Filzstift hervorgenommen und selber unterschrieben. Die Lehrerin wurde unglaublich wütend und rief im Heim an. Ich wurde umgehend abgeholt und musste ohne Nachtessen ins Bett.
Meine Lehrerin hatte das Gefühl, ich würde sie provozieren, sie in ihrer Autorität untergraben, das sorgfältig erstellte Zeugnis besudeln und verunzieren.
Doch nichts hatte ich von all diesen Unterstellungen im Sinn gehabt: Ich habe kooperiert! Da ich wusste, dass ich meine Mutter erst in drei Wochen wiedersehen würde, beschloss ich, meiner Lehrerin einen großen Gefallen zu machen und mein Zeugnis in diesem Fall selber zu unterschreiben.


Es kann sein, dass das Zusammenspiel nicht offensichtlich ist. Wenn wir das Gefühl haben, unser Kind sabotiere uns, ist es an der Zeit, genau hinzuschauen. Was will mir mein Kind mit seinem Verhalten zeigen?
Wenn ich mich auf das Verhalten eines Kindes versteife und nur noch das Problem anschaue, kann ich normalerweise nichts anderes als ein auffälliges Kind entdecken, das mich ärgern will. Gerne ziehe ich die Sterne für einen weiteren Vergleich zu Hilfe: Ist dir schon einmal aufgefallen, dass du ganz kleine Sterne am Nachthimmel erst dann erkennen kannst, wenn du ein wenig dran vorbeischaust? Die Erklärung zu diesem Phänomen ist, dass sich in unserem Auge zum Rand hin mehr Stäbchen finden, die für Helligkeitsunterschiede empfindlicher sind, während das Farbsehen sich zur Mitte der Netzhaut hin konzentriert. Deshalb kann man im Halbdunkeln nicht genau auf einen Gegenstand sehen, sondern muss daran vorbeischauen, um ihn zu erkennen. Genau so kann es uns gelingen, das Verhalten eines Kindes zu verstehen. Es geht mir darum, den Blickwinkel zu erweitern, denn je intensiver ich auf das „Problem Kind“ starre, umso weniger sehe ich scharf und umso enger wird mein Handlungsspielraum.
Es bieten sich mir drei verschiedene Ebenen, den Fokus zu richten: auf die Ebene der Erwachsenen, der Kinder oder der Qualität der Beziehung, die wir zueinander haben.


1 Fokus Erwachsene
In vielen Fällen weisen uns die Kinder mit ihrem auffälligen Verhalten auf etwas hin, was wir selber angehen müssen. Dabei kann es um ein Thema gehen, vor dem wir uns drücken, um Gefühle, die wir verdrängen, oder um Konflikte, die wir umgehen.
Es ist bekannt, dass Stress, Unzufriedenheit oder Disharmonien auf Erwachsenenebene für sehr viel Unsicherheit bei den Kindern führen. Sie spüren nämlich mit sehr feinen Antennen, wie es uns tief in unserem Inneren geht! Passe auf, dass du das Kind nie für deine eigenen Gefühle verantwortlich machst. Es darf deinen Ärger, deine Trauer oder Frustration spüren, doch bitte entlaste es mit Aussagen wie: „Es geht mir heute nicht gut. Ich hatte einen Streit mit einem Freund. Du kannst nichts dafür. Du darfst dich gerne entspannen, denn ich sorge selber für mich, damit es mir bald wieder besser geht.“
Manchmal sind wir auch nicht klar. Kinder fordern uns heraus, uns deutlicher auszudrücken und authentisch zu zeigen.


Ich unterrichte eine Klasse von 17-jährigen jungen Frauen, die bei mir das Freifach „Ausbildung zur Nanny“ besuchen. Nach einer Befindlichkeitsrunde am Anfang wird mir klar, dass die Klasse unter enormem Leistungsdruck steht. Es ist gerade Probezeit und die Last der vielen Prüfungen drückt sehr. Eine der Frauen hat massive Schlafstörungen, eine andere muss in der nächsten Woche für mehrere Tage in das Spital wegen einer chronischen Erkrankung, eine hat Liebeskummer und die vierte bleibt trotz starker Kopfschmerzen im Unterricht.
Obwohl ich mich sehr auf den Nachmittag gefreut und ein abwechslungsreiches und spannendes Programm vorbereitet habe, kommen mir plötzlich Zweifel. Zu gerne würde ich den jungen Frauen eine Pause gönnen - einen Nachmittag zum Erholen und Auftanken. Etwas unsicher, ob ich denn nun etwas von ihnen fordern soll oder darf, verteile ich die Aufträge für Gruppenarbeiten.
Die Arbeiten, die zurückkommen, sind sehr mager. Plötzlich holt eine Schülerin ihr Handy aus der Tasche hervor, die zweite und dritte folgen, eine öffnet die Getränkeflasche und die nächste beginnt, ein Brot zu essen. Ich merke, wie die Wut langsam in mir hochsteigt. Werde ich jetzt für meine gutmütige Art ausgenutzt?
Es gelingt mir, den Blick auf mich selber zu richten, und mir wird klar, dass die Klasse einfach mit meiner inneren Unsicherheit und meiner Angst, das Thema könnte für die Frauen nicht wichtig sein, kooperiert.
Es reicht, ihnen mitzuteilen, dass es so, wie es jetzt läuft, für mich nicht stimmt, und ich sie bitte, sich konzentriert auf meinen Unterricht einzulassen. Ich habe viel in den Nachmittag investiert und hoffe, meine Freude am Thema könne auch sie begeistern. Handys, Esswaren und Getränke verschwinden und mit viel Engagement beteiligen sie sich am Unterricht. Ich muss weder auf die strengen Schulregeln verweisen noch drohen oder bestrafen.
Es reicht einzig und allein, Verantwortung für meine Gefühle und Haltung zu übernehmen, mich selber ernst zu nehmen und klar zu kommunizieren.
Spannend finde ich die Erkenntnis, dass die Übernahme von persönlicher Verantwortung die Grundvoraussetzung dafür ist, dass ich auch Verantwortung für andere übernehmen kann. Beginnen muss ich aber, wie immer, bei mir selber!


2 Fokus Beziehung
Viele Probleme in der familiären oder pädagogischen Welt entstehen, weil die Qualität des Zusammenspiels nicht optimal ist. Wir haben keine Zeit für unsere Kinder, starren nur noch das Mobile an, hetzen von Termin zu Termin und empfinden die Kinder als Belastung. Wir verlieren all die wunderbaren Freuden aus den Augen, die Kinder in unser Leben bringen, und fokussieren nur noch auf die Probleme. Manchmal zeigen uns Kinder mit ihrem Verhalten auf, dass wir wieder mehr Zeit und Raum schaffen für gemeinsame Begegnungen, indem wir zum Beispiel mit unseren Kindern spielen, ihnen Geschichten vorlesen, einen Ausflug in den Wald machen, eine Velotour unternehmen oder am Abend an ihrem Bett sitzen, um über den Tag zu sprechen.
Verbringen wir keine Zeit miteinander, verkümmert das Gefühl, zusammenzugehören, und wir verlieren die Gewissheit, wertvoll für unser Gegenüber zu sein. Kinder brauchen Momente ungeteilter Aufmerksamkeit. Handy-Displays sind dazu nicht geeignet. Starrst du immer auf das Display, fehlt dem Kind der Blickkontakt, den es für eine gesunde Entwicklung ganz dringend nötig hat! Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungs-Institutes Yougov bestätigt diesen Trend für Schweden. Dort gibt sogar jedes dritte Kind an, darunter zu leiden, dass sich seine Eltern oft lieber mit ihrem Mobile als dem eigenen Nachwuchs beschäftigen. Zwölf Prozent der Eltern gaben zu, ihre Kinder auf Spielplätzen oder Schwimmbädern nicht genügend beaufsichtigt zu haben, weil sie mit ihren Smartphones beschäftigt waren. Ein fataler Trend, denn Kinder, die sich zu wenig beachtet fühlen, können Depressionen entwickeln.


3 Fokus Kind
Oft zeigen Kinder mit ihrem sogenannt unkooperativen Verhalten, dass es ihnen nicht gut geht - wie bei Joachim, der beim Nachhausekommen aus dem Kindergarten außer sich war. Es macht großen Sinn, in Kontakt mit den Fachpersonen zu bleiben und herauszufinden, wie es dem Kind in der Schule, im Kindergarten oder in der Fremdbetreuung geht.
Kinder, die nicht so viel von sich selber preisgeben, sind am Abend vor dem Einschlafen meistens offener. Dies ist ein gutes Zeitfenster, nach dem Befinden des Kindes zu fragen und in seine Welt einzutauchen. Es kann aber sehr gut vorkommen, dass Kinder nicht Auskunft darüber geben können, was sie belastet oder was mit ihnen los ist. Dann geht es darum, wie ein Detektiv das Leben des Kindes auf verschiedene Stressfaktoren zu untersuchen. Denn unkooperative Verhaltensmuster entspringen häufig zu viel Stress.
Es ist aber ebenso möglich, dass wir Erwachsenen das Kind übergangen und uns nicht für seine Bedürfnisse und Grenzen interessiert haben. Dieses Kind wehrt sich nun zu Recht! Habe ich genau zugehört? War ich für sein Anliegen offen? Habe ich das Kind ernst genommen und mich um ein echtes Verstehenwollen bemüht?
Leider gibt es jedoch auch Kinder, die so stark verletzt wurden, dass sie nicht mehr bereit sind, mit uns zu kooperieren, oder die so stark kooperiert haben, dass sie nun nicht mehr können und die Kooperation einstellen. Das sind ganz schwierige Situationen, die nicht von heute auf morgen gelöst werden können. Hilfreich in jedem Fall ist, dem Kind Anerkennung zu schenken und seine Bemühungen zu würdigen.
Auch müssen wir Erwachsenen erkennen, wenn Kinder in der Überkooperation gefangen sind. Es gibt viele Kinder, die sich über ihre Kräfte hinaus bemühen, um sich in der Beziehung wertvoll zu fühlen. Diese Kinder vernachlässigen ihre eigenen Wünsche, um andere zufriedenzustellen, sie übernehmen viel zu viel Verantwortung, um für gute Stimmung zu sorgen oder uns Erwachsene zu schonen. Diese Überanstrengung führt eines Tages zu kranken oder auffälligen Kindern! Es liegt an uns Erwachsenen, das Kind aus einer Überkooperation zu entlassen, indem wir unsere erwachsene Verantwortung wieder zu uns nehmen und ihm seinen Platz als Kind aufs Neue einräumen. Eine wichtige Medizin, „kooperationserschöpfte“ Kinder zu heilen, ist, sie ganz viel spielen zu lassen, und zwar unbeaufsichtigt, mit anderen Kindern in freier Natur!
Ich finde es sehr spannend, dass viele Verhaltensauffälligkeiten daraus entstehen, dass sie aus den guten Absichten des Kindes entspringen, mit uns zu kooperieren! Jesper Juul hat ein paar interessante Grundregeln dieser Art von Nachahmung aufgestellt:
Kinder, die kritisiert werden, werden entweder kritisch oder selbstkritisch.
Kinder, die mit Gewalt aufwachsen, werden entweder gewalttätig oder selbstdestruktiv.
Kinder, die in Familien aufwachsen, in denen sich niemand persönlich ausdrückt, werden entweder schweigsam oder redselig.

So sind auch diese Formen der Kooperation kleine Liebesbeweise unserer Kinder an uns Erwachsene. Diese haben massive Folgen für ihre persönliche Weiterentwicklung, wenn es uns nicht geling, die Bedeutung dieser „Geschenke“ richtig entschlüsseln zu können!


Es war Weihnachten und die kleine Tochter überreichte dem Vater eine golden verpackte Schachtel.
Sie hatte dafür das gesamte, wertvolle Geschenkpapier aufgebraucht. Weil das Geld knapp war, war der Vater darüber verärgert. Als er dann das Geschenk öffnete und sah, dass die Schachtel leer war, schimpfte er los:
„Weißt du denn nicht, junge Dame, dass, wenn man jemandem ein Geschenk gibt, auch etwas in der Verpackung sein soll?“
Die Augen seiner Tochter füllten sich mit Tränen und sie sagte: „Aber Papa, die Schachtel ist nicht leer. Ich habe so viele Küsschen hineingetan, bis sie ganz voll war.“
Beschämt nahm der Vater seine Tochter in den Arm und bat sie um Verzeihung.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-99064-285-6
Erscheinungsdatum: 27.06.2018
EUR 19,90
EUR 11,99

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