Alltag & Lebensführung

Die Antwort kennst nur du

Hermengild Schabauer

Die Antwort kennst nur du

Leseprobe:

Alex

Missmutig saß Alex am Tisch. Das Essen schmeckte zwar ausgezeichnet, aber die Gespräche widerten ihn immer mehr an. Es ging wieder einmal nur ums Geld. Ein Geschäftsfreund seines Vaters war mit seiner Familie zum Mittagessen gekommen. Eigentlich sollte es ein privates Treffen sein. Aber das Gespräch drehte sich nur um die Firma und ihre Schwierigkeiten. Der Vater von Alex beriet Firmeninhaber, wie sie effizienter produzieren und somit noch mehr Geld verdienen könnten. Dafür bekam der Vater viel Geld. Irgendwie war er auch prozentual am Gewinnzuwachs der Firma beteiligt. Als ob sie im Vergleich zu vielen anderen Menschen, die Alex kannte, nicht schon genug Geld hätten.

Alex musste bei solchen Gesprächen immer dabei sein, denn schließlich sollte er einmal in die Firma seines Vaters einsteigen und dessen Geschäfte mitführen. Anfangs hatte es ihn noch interessiert, aber das war schon lange her. Seit Alex nämlich dahintergekommen war, dass Gewinnsteigerungen oft schlechtere Arbeitsbedingungen für die Arbeitnehmer bedeuteten, lehnte er die Arbeit seines Vaters ab.

Anfangs versuchte Alex noch, seinen Vater davon zu überzeugen, dass man nicht auf Kosten anderer sein Geld verdienen dürfe. Aber der Vater verstand nicht, was sein Sohn meinte. Er handele immer im Rahmen des Gesetzes, dazu habe er schließlich Jura studiert. Er erwartete, dass Alex genauso dachte, denn er sollte einmal seine Kanzlei übernehmen. Da Alex mit seinen Argumenten, es gäbe auch noch moralische Richtlinien, nichts ausrichtete, frustrierten ihn solche Gespräche immer mehr. Der Vater nahm aber an, dass er Alex ein für alle Mal von der Richtigkeit seines Standpunktes überzeugt hätte und somit alles nach seinen Wünschen liefe. Was in Alex wirklich vor sich ging, interessierte ihn offenbar nicht.
Alex war so in seine Gedanken versunken gewesen, dass er nicht einmal mitbekam, wie Georg, der Sohn des Geschäftsfreundes, ihn zu einer Party am folgenden Wochenende einlud. Alex hatte überhaupt keine Lust. Obwohl Georg mit seinen achtzehn Jahren nur ein Jahr älter als er selbst war, sah er auf diesen herab. Für ihn war Georg nur ein Angeber, der sich sehr viel darauf einbildete, Juniorchef ihrer Firma zu sein. Dabei studierte er noch. Trotzdem musste Alex zusagen und außerdem noch Freude heucheln.

Nachdem dieser Punkt geklärt war, drehte sich das Gespräch wieder um die Firma. Da Alex vorher nicht zugehört hatte, war er nicht auf dem neuesten Stand. Er war daher völlig überrascht, als Georg von der Schließung eines Teiles ihrer Firma sprach. „Ihr wollt eure Firma schließen?“, fragte er. „Aber warum denn? Sie läuft doch so gut!“ Mitleidige Blicke trafen Alex. „Natürlich läuft die Firma gut“, meinte Georg herablassend, „aber sie könnte noch mehr Gewinn abwerfen, wenn die Personalkosten niedriger wären, und deshalb hat uns dein Vater geraten, die Produktion in den Osten zu verlegen. Über den genauen Standort sind wir uns noch nicht einig, aber das wird schon.“ „Aber was wird aus euren Angestellten?“ „Die müssen wir entlassen, so leid es uns tut. Aber die werden schon wieder Arbeit finden.“ Die letzten Worte von Georg klangen sehr selbstgerecht und überheblich.

Alex glaubte das Gehörte kaum. Er stand auf und verließ das Zimmer. Er brauchte jetzt dringend frische Luft. Tief versunken in seine Gedanken lief er durch die Straßen. Seine Gedanken waren keineswegs erfreulich. Manchmal verachtete er seinen Vater für das, was er tat. Für ihn waren Menschen nur ein Mittel zum Zweck. Aber das hatte Alex eigentlich immer schon gewusst. Wer seinem Vater nicht nützlich war, der zählte nicht für ihn, der existierte für ihn nicht. Da sein Vater ein sehr mächtiger und wohlhabender Mann war, zumindest in dieser Stadt, konnte er mit seinen Mitmenschen beliebig umspringen. Manche fürchteten ihn geradezu. Alex wusste das aus den Erzählungen seiner Mitschüler. Das hatte sich auch schon auf seine Person ausgewirkt. Im Moment spürte er nur Verachtung für seinen Vater.

„Tu es nicht!“ Alex hörte plötzlich eine Stimme. Da er aber nicht sicher war, reagierte er nicht. „Tu es nicht!“ Diesmal schaute Alex auf und sah einen Mann, der neben ihm ging. Dieser war groß und stattlich, wirkte sehr sympathisch und lächelte Alex wohlwollend zu. „Verachte deinen Vater nicht für das, was er tut. Damit verletzt du dich nur selbst“, meinte der Mann mitfühlend. „Ich weiß, dass du das im Moment nicht verstehst. Aber glaube mir, indem du andere verachtest, verachtest du dich selbst.“ Ungläubig starrte Alex den fremden Mann an. Das verstand er nicht. „Auch wenn du daran zweifelst, ist es dennoch so. Außerdem begibst du dich damit auf eine Stufe mit deinem Vater, der deiner Meinung nach die Menschen nicht achtet, die seinen Zwecken nicht dienen. Die Ursache der Verachtung ist zweitrangig, das Gefühl bleibt das gleiche, es ist negativ. Aus Negativem kann nie etwas Positives entstehen.“ Bestürzt erkannte Alex, dass er sich nicht anders verhielt als sein Vater. Jetzt war er total verwirrt: „Aber ich kann das, was er tut, doch nicht akzeptieren?“ „Du musst es sogar akzeptieren, du musst es aber nicht gutheißen.“

Schweigend gingen die beiden nebeneinander her. In Alex’ Kopf schwirrte alles durcheinander. Irgendwie erkannte er, dass der Mann recht hatte, aber er verstand es nicht. „Das musst du jetzt auch noch nicht verstehen“, meinte der Mann. Konnte er Gedanken lesen, weil er immer genau wusste, was in Alex vorging? „Gedanken lesen kann ich nicht. Aber ich beobachte die Menschen sehr genau und spüre meistens, was in ihnen vorgeht. Ich erkenne, dass dir vieles, was in deinem Leben vor sich geht, nicht gefällt. Aber du glaubst, daran nichts ändern zu können. Wenn du willst, können wir uns darüber einmal unterhalten.“ „Können Sie mir sagen, wie ich etwas ändern kann?“, fragte Alex erfreut. „Nein, das kann ich nicht. Aber ich kann dir dabei helfen, es selbst herauszufinden.“ Alex schaute den Mann so verwundert an, dass dieser lachen musste. „Wenn du wirklich an einem Gespräch interessiert bist, dann komm in einer Woche zum See außerhalb der Stadt. Da steht ein kleines Holzhäuschen, dort treffen wir uns. Bis bald!“

Ehe Alex etwas erwidern konnte, war der Mann auch schon verschwunden. Alex war sich nicht sicher, ob er das alles nicht nur geträumt hatte. Aber er fühlte sich jetzt viel ruhiger und gelassener. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, aber der Mann hatte sein Interesse geweckt. Er hatte sich in seiner Nähe wohl und ernst genommen gefühlt. Irgendetwas hatte sich verändert, aber Alex wusste nicht, was. Auf jeden Fall wollte er nächste Woche den Mann wieder treffen.

***



Tanja

Missmutig saß die fünfzehnjährige Tanja in einer Ecke. Irgendwie ging ihr alles auf die Nerven. Die Musik war zu laut und das Zimmer war voller Menschen, die lachten und tanzten. Alle waren vergnügt und ausgelassen – bis auf Tanja. Es war die Geburtstagsparty ihres Stiefbruders Andreas, Andy genannt, und er hatte die ganze Stadt eingeladen, zumindest erschien es Tanja so. Schließlich war es sein achtzehnter Geburtstag und den wollte er gebührend feiern. Jedenfalls war das seine Meinung und die Ansicht ihrer Eltern, das heißt, die Meinung ihres Stiefvaters. Denn seit ihre Mutter diesen Mann geheiratet hatte, zählten nur mehr seine Ansichten. Tanja erschien es fast so, als ob ihre Mutter mit ihrem alten Familiennamen auch gleich ihre Persönlichkeit abgelegt hätte. Es war nur mehr das gut, richtig und schön, was ihr Stiefvater so sah. Alles musste so geschehen, wie er es wollte, denn er ließ meist keine andere Meinung gelten.

Im Grunde genommen kannte Tanja ihn kaum. Tagsüber war er in der Firma und am Abend wollte er seine Ruhe haben. An den Wochenenden war er entweder nicht zu Hause, oder er durfte nicht gestört werden. Aber er war immer nett zu Tanja und ihrer jüngeren Schwester und behandelte sie wie seine eigenen Söhne. Eigentlich machte er keinen Unterschied zwischen seinen eigenen Kindern und den angeheirateten. Er war gerecht und fair. Sie hatte jetzt sogar ein eigenes Zimmer, was früher nicht der Fall gewesen war. Da hatte sie sich mit ihrer Schwester das Zimmer teilen müssen. Aber nachdem der Vater ihre Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hatte, mussten sie in eine kleinere Wohnung ziehen und dort war eben nicht so viel Platz. Jetzt hingegen hatten sie Platz genug, sodass jedes der Kinder sein eigenes Reich hatte. Tanja hatte also allen Grund, dankbar und zufrieden zu sein. Auch mit ihren Stiefbrüdern kam sie ganz gut zurecht. Der ältere studierte schon und war selten zu Hause und Andy würde wohl auch in absehbarer Zeit ausziehen. Sie hatten also nicht allzu viele Reibungspunkte.

Probleme hatte sie eigentlich nur mit ihrer Mutter und ihrer Schwester. Die beiden himmelten sowohl den Stiefvater als auch seine beiden Söhne an. Tanja durfte zum Beispiel nicht mehr fernsehen, sobald Konrad, so hieß ihr Stiefvater, nach Hause kam, denn es könnte ihn stören, wenn sie im Wohnzimmer saß. Er wollte nach einem anstrengenden Tag schließlich seine Ruhe haben und es sich gemütlich machen. Wenn Konrad zu Hause war, durfte sich Tanja eigentlich nur in ihrem Zimmer aufhalten und musste leise sein, nicht einmal Musikhören war erlaubt. Auch Freundinnen durften nur dann kommen, wenn sie allein zu Hause waren, damit Konrad sich nicht gestört fühlte. Auch wenn Andy lernte – er machte ja jetzt bald die Matura –, musste es im Haus leise sein, damit er nicht gestört würde. So ging es ununterbrochen.

Ihre jüngere Schwester fand es ganz in Ordnung, dass immer auf die Männer Rücksicht genommen wurde, denn schließlich lebten sie bei ihnen und Konrad ermöglichte ihnen ein sorgenfreies Leben. Nicht auszudenken, was aus ihnen geworden wäre, hätte die Mutter Konrad nicht kennengelernt. Ihr Vater hatte, wenn überhaupt, nur unregelmäßig Unterhalt bezahlt und außerdem hätten sie von dem bisschen Geld nicht leben können. Daher mussten sie nun das Ihre dazu beitragen, dass das Zusammenleben reibungslos verlief. Tanjas Bedürfnisse und Wünsche waren kein Thema, sie hatten ganz einfach keinen Platz in dieser Familie.

Tanja wurde aus ihren Grübeleien herausgerissen, als ein junger Mann, den sie nur vom Sehen kannte und der ihr nicht sehr sympathisch war, mit ihr tanzen wollte. Er forderte sie auf eine so herablassende Weise dazu auf, dass Tanja fluchtartig die Party verließ. Sie lief ziellos durch die Straßen der Stadt und setzte ihre Gedanken fort. Natürlich wusste sie, dass es ihr in ihrem neuen Leben gut ging, und sie schätzte das alles auch, vor allem nach den Jahren, die hinter ihr lagen. Außerdem war sie froh darüber, dass es ihrer Mutter wieder gut ging. Nachdem der Vater sie verlassen hatte, war sie in ein tiefes Loch gefallen, kam sich wertlos und unnütz vor. Tanja erinnerte sich an diese Zeit wie an einen Albtraum. Ihre Mutter konnte sich damals zu nichts aufraffen und bemitleidete sich selbst. Auch ihre kleine Schwester war völlig verstört. Beide konnten nicht begreifen, warum der Vater ausgezogen war und sie allein gelassen hatte. Sie weinten sehr viel und jammerten oft. In dieser Zeit war Tanja nicht gerne zu Hause. Sie verbrachte viel Zeit bei ihrer Cousine. Deren Mutter, die Schwester von Tanjas Mutter, war es dann auch, die Tanjas Mutter in ihren Bekanntenkreis einführte, und das, obwohl sich die beiden Schwestern nicht sonderlich nahestanden. Da lernte die Mutter Konrad kennen und heiratete ihn. Sie blühte richtig auf und Tanja war froh darüber.

Eigentlich sollte Tanja dankbar sein, dass ihr Leben sich so positiv verändert hatte. Trotzdem war sie unzufrieden und übellaunig und gab in erster Linie Konrad dafür die Schuld. Er war in ihren Augen ein Egoist, dem es in erster Linie um seine Bequemlichkeit ging.

Plötzlich hielten zwei starke Hände Tanja an ihren Schultern fest. Sie hob den Blick und ein Auto raste an ihr vorüber. Ohne es zu bemerken, war sie zu einer stark befahrenen Kreuzung gekommen und hätte sie bei Rot überquert, wenn sie nicht festgehalten worden wäre. Nachträglich zitterten ihr die Knie bei dem Gedanken, dass das Auto sie fast überfahren hätte. Beruhigend lagen die Hände immer noch auf ihren Schultern und hielten sie fest. „Das ist noch einmal gut gegangen“, sagte eine angenehme, tiefe, freundliche Stimme zu ihr. „Trotzdem wäre ich in Zukunft vorsichtiger. Trübe Gedanken, vor allem, wenn man in sie versunken ist, können oft unangenehme Folgen haben.“ Woher wusste der Mann, der sie gerettet hatte, woran sie gedacht hatte? Fragend schaute sie zu dem Mann auf und blickte in ein freundliches, mitfühlendes Gesicht. „Woher wissen Sie, was ich gedacht habe?“, fragte Tanja erstaunt. „Ich weiß es nicht. Aber ich spüre, dass du keine erfreulichen Gedanken hattest. Du wirkst niedergeschlagen und unglücklich. Irgendetwas bedrückt und beschäftigt dich sehr. Trotzdem ist es nicht nur unfair, sondern außerdem wenig sinnvoll, jemand anderem die Schuld für deine Probleme zu geben.“ Sprachlos starrte Tanja den Mann an: „Woher wissen Sie das alles?“ „Ich beobachte die Menschen und spüre, wie es ihnen geht. Wenn du willst, kann ich dir vielleicht helfen.“ „Sie können mir sagen, wie ich meine Probleme lösen kann?“, fragte Tanja erfreut. „Nein, das kann ich nicht. Aber ich kann dir vielleicht dabei helfen, selbst Lösungsmöglichkeiten zu finden. Wenn du das willst, treffen wir uns in einer Woche am See außerhalb der Stadt in dem Holzhäuschen. Bis bald!“ Noch bevor Tanja etwas erwidern konnte, war der Mann verschwunden.

Leicht verwirrt blieb Tanja zurück. Hatte sie das alles nur geträumt? Aber jetzt war sie neugierig geworden. Es konnte nicht schaden, diesen Mann noch einmal zu treffen und zu hören, was er ihr zu sagen hatte. Möglicherweise wusste er einen Ausweg aus ihrem Dilemma. Seltsam getröstet machte sie sich auf den Heimweg. Sie beschloss, niemandem von dieser Begegnung zu erzählen.

***



Tom

Tom saß in einer Ecke des Wohnzimmers und versuchte zu lernen. Übermorgen hatte er Schularbeit und bis dahin musste er alle Formeln können. Er durfte diese Schularbeit nicht wieder verpatzen, das wusste er genau. Aber es war schwierig, sich auf den Stoff zu konzentrieren, wenn in der Küche nebenan seine Eltern wieder halblaut ihre fruchtlosen Diskussionen führten. Es ging immer um das Gleiche. Der Vater hatte die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder eine passende Arbeit zu finden, erging sich in Selbstmitleid und fühlte sich als Versager. Die Mutter versuchte, ihm Mut zu machen, und beschwor ihn, nicht aufzugeben. Das Schlimme an der Sache war aber, dass sie selbst nicht mehr an einen passenden Arbeitslatz für ihren Mann glaubte, und das spürte er und wurde immer verzweifelter. Dabei war der Vater noch nicht alt, knapp fünfzig. Aber in diesem Alter zählte man eben schon zum alten Eisen. Tom hatte das alles schon viel zu oft gehört, um es noch ertragen zu können. Er stand auf und ging ins Freie, er brauchte Bewegung.

Warum war alles so gekommen? Was hatten sie falsch gemacht? Es war doch nicht ihre Schuld, dass die Firma, in der sein Vater gearbeitet hatte, pleitegegangen war. So etwas passierte beinahe jeden Tag. Schließlich war nicht nur sein Vater entlassen worden, sondern auch alle anderen hatten ihre Arbeit verloren. Einige hatten schon eine neue Arbeitsstelle gefunden, aber bei Weitem nicht alle. Auch jüngere Kollegen seines Vaters saßen noch zu Hause. Aber irgendwie wurden sie mit der Situation besser fertig. Ein Kollege seines Vaters, den auch Tom ganz gut kannte, hatte auch noch keinen neuen Arbeitsplatz gefunden. Aber er saß nicht zu Hause und jammerte, sondern arbeitete, wo er gerade gebraucht wurde. Sicher, es waren nur Gelegenheitsarbeiten, manchmal auch nur für ein paar Tage, aber er fühlte sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Außerdem verdiente er sich immer etwas zu seinem Arbeitslosengeld dazu. Da auch seine Frau stundenweise arbeiten ging, kamen sie finanziell ganz gut über die Runden. Aber was das Wichtigste war, zumindest für Tom, sie waren immer heiter und vergnügt und davon überzeugt, dass wieder bessere Zeiten kommen würden.

Die Mutter wollte auch arbeiten gehen. Aber das hätte den Vater vollends deprimiert. Als Mann hätte er für die Familie zu sorgen und er ließe sich nicht von seiner Frau aushalten, meinte er. Tom hielt diese Ansichten für völlig antiquiert. Heutzutage war es völlig egal, wer das Geld verdiente, wichtig war nur, dass es allen gut ging. Aber genau das war der springende Punkt. Der Vater zog lieber in eine kleinere Wohnung (und sie würden in absehbarer Zeit von der Sozialhilfe leben müssen), als dass er jede sich ihm bietende Arbeit annehmen würde. Außerdem war er strikt gegen die Berufstätigkeit der Mutter. Warum war er so? Tom hatte keine Antwort darauf.

Aber das war auch nicht sein Problem. Wichtiger war, wie es mit ihm weitergehen sollte. Konnte er weiterhin an der Schule bleiben und die Matura machen, wenn kaum Geld vorhanden war, oder war er jetzt verpflichtet, für seine Familie zu sorgen? Bis vor Kurzem hatte er die Schule noch als lästiges, notwendiges Übel betrachtet. Aber wenn er jetzt seinen Vater so sah, wollte er unbedingt die Matura machen. Denn so wie sein Vater wollte er einmal nicht dastehen. Schließlich hatte sein Vater nur eine Lehre gemacht. Wenn er mehr hätte lernen dürfen, dann hätte er mit Sicherheit jetzt wieder Arbeit, das behauptete er wenigstens immer. Tom hatte keine Ahnung, ob das wirklich stimmte. Aber die Matura war für ihn auf einmal ungeheuer wichtig.

Plötzlich überfiel ihn ein Anflug von Panik. Er glaubte zu wissen, dass er in Zukunft für seine Familie sorgen müsste, wenn sein Vater nicht schnellstens Arbeit bekäme. Aber er wollte nicht irgendeine Arbeit annehmen, nur damit sie finanziell über die Runden kämen. Er wollte einen Beruf erlernen, der ihm Spaß machte, obwohl er noch keine Ahnung hatte, welcher das war. Auf jeden Fall musste es etwas sein, mit dem man viel Geld verdienen konnte. Das war überhaupt das Wichtigste. Vielleicht im Computerbereich? Aber dazu brauchte er unbedingt die Matura.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 180
ISBN: 978-3-99038-834-1
Erscheinungsdatum: 24.02.2015
EUR 15,90
EUR 9,99

Herbstlektüre