Alltag & Lebensführung

Der lange Abschied mitten im Leben

Johanna Weymar

Der lange Abschied mitten im Leben

Leseprobe:

„Geh aufrecht wie die Bäume.
Lebe dein Leben so stark wie die Berge.
Sei sanft wie der Frühlingswind.
Bewahre die Wärme der Sonne im Herzen
und der große Geist wird immer mit dir sein.“

Weisheit der Najavo Indianer



Vorwort

Im Rahmen der „Großen Basisqualifikation zur Begleitung Trauernder“ faszinierte mich das Trauermodell von „William Worden“ in der erweiterten Form von Sozialpsychologin und Trauerbegleiterin Chris Paul. Es zeigt Wege aus der Passivität und „dem Erleiden“ im Trauerprozess und stellt uns vor gewisse Traueraufgaben. In den Kurswochen war es für mich immer wieder inte-ressant, meine eigenen Trauererlebnisse daraufhin zu beleuchten. Den Abschluss bildete eine Hausarbeit, in der ich einen besonderen Trauerprozess in den Blick nahm.
Bei meiner 82-jährigen Mutter wurde vor 24 Jahren Alzheimer-Demenz diagnostiziert. Die intensive Auseinandersetzung mit der Krankheit, die Bewältigung im Alltag und der immer weiter fortschreitende Prozess des demenziellen Syndroms waren für meine Familie und mich eine große Herausforderung. Dieses Geschehen noch einmal zu betrachten war nicht ganz einfach, denn ich musste mich mit Offenheit, Ehrlichkeit und voller Wucht allen Gefühlen und Problemen stellen, die ich in den letzten beiden Jahrzehnten gespürt und erlebt hatte. Die Reaktionen auf meine Arbeit haben mich ermutigt, daraus ein Buch entstehen zu lassen.
Ich wage darin zu behaupten, dass auf dem langen Weg des Abschieds – mitten im Leben – im Zuge des Verlustes normaler Lebensfunktionen eines Familienangehörigen die Traueraufgaben ähnlich zu bewältigen sind wie nach dem Verlust eines Angehörigen. Mein Dank gilt Chris Paul für die Vermittlung des umfangreichen Fachwissens sowie für intensive persönliche Gespräche und die Begleitung während der Qualifikation zur Trauerbegleiterin. Mit tiefem Respekt und unendlicher Dankbarkeit begegne ich meiner Familie, die mit Selbstverständlichkeit, Liebe und Fürsorge diese Traueraufgaben mit mir gemeinsam übernommen hat. Die anstrengende Betreuung und die intensive Pflege sind Herausforderung und Verantwortung – manchmal bis an die Grenzen der Belastbarkeit.
Zugleich bedeutete es aber auch persönliches Wachsen und Reifen und das Stärken des Familienverbundes. Jede Familie, die vor ähnliche Probleme gestellt wird, muss ihren eigenen Weg damit finden. Es gibt dabei weder richtig noch falsch. Niemand kann vorher erahnen, wo die Reise hingeht und wie lange er den Belastungen standhalten kann. Immer wieder gilt es neue Wege zu suchen.
Ich erzähle nicht über den Weg unserer Familie, unseren Umgang mit der Krankheit, unseren Herausforderungen, um dafür Respekt oder Lob zu ernten. Vielmehr ist es so, dass wenig Literatur von betroffenen Angehörigen selbst veröffentlicht wird und in Fachkreisen und Fachliteratur oft nur ausschließlich von den Belastungen einer solchen Erkrankung erzählt wird. Die Umschreibungen der Erkrankten und der pflegenden Angehörigen reichen von „hoffnungslos, traurig“ bis „nicht mehr lebenswert“. Ich schreibe darüber, weil ich meine Mutter in den Jahren ihrer Krankheit oft unglaublich fröhlich, gelöst und unbeschwert erlebte und weil Angehörige nicht an der Pflege zerbrechen müssen, sondern sogar an ihren Aufgaben wachsen und sich Hilfe holen können.
Ich betrachte mein Leben trotz der jahrelangen Pflege als unglaubliches Geschenk, in dem es neben der Belastung, die jede Betreuung und Pflege mit sich bringt, auch unzählige intensive, lebensfrohe, kuriose, glückliche Augenblicke gab. Leidvolle und schwere Erfahrungen machen uns sensibler, dankbarer und wesentlicher, und nicht ein Mensch geht durch dieses Leben, ohne irgendwann auch mit Schmerz und Trauer konfrontiert zu werden. Möge mein Bericht anderen Betroffenen Mut machen in der Bewältigung ihrer Aufgaben und darin, ihren eigenen Weg zu gehen und immer wieder nach neuen Lösungen und Strategien zu suchen, um den Alltag zu bewältigen.



Biografie meiner Mutter

Meine Mutter Klara Fröhlich, geborene Kalkhof, wurde am 30.09.1930 als sechstes Kind einer Bäckerfamilie geboren.
Mit strahlenden Augen, Zufriedenheit und großer Hochachtung erzählte sie uns immer von ihrer glücklichen Kindheit in Frauensee. Nach heutigen Maßstäben waren jedoch ihre Kindheit und Jugend von schwerer Arbeit in der Bäckerei und der Landwirtschaft – die Eltern kauften später einen Hof – gekennzeichnet.



1955 heiratete sie meinen Vater und ihnen wurden vier Kinder geschenkt. Heidrun 1956, Marlene 1959, Hartmut und ich als Zwillinge 1963.
Hartmut war ein Sorgenkind und bedurfte der Liebe und Fürsorge der ganzen Familie. Gemeinsam mit den Eltern meines Vaters bewohnten wir ein Eigenheim, das viele Jahre unter schwersten Bedingungen umgebaut wurde. Meine Mutter arbeitete in der Landwirtschaftlichen Genossenschaft, hatte zu Hause zahlreiche Tiere zu versorgen und bewirtschaftete zwei große Gemüsegärten und Felder. Trotz des schweren Alltags machte sie ihrem Familiennamen „Fröhlich“ immer alle Ehre.
Vielleicht können Sie dies auf den Fotos gut erkennen.

Einschneidende Ereignisse ihres Lebens waren die Pflege und der Verlust ihrer Eltern und Schwiegereltern sowie der plötzliche Verlust ihrer Brüder, ihres Patenkindes und ihres Sohnes. 1988 hatte sie ca. vier Wochen nach einer gynäkologischen Operation einen Ileus (Verschluss des Darmes). Durch den leitenden Operateur wurde uns mitgeteilt, dass der Verschluss zurückzuführen war auf zwanzig im Darm befindliche Pflaumenkerne. Das löste bei uns allen Verwunderung und Entsetzen aus. Wie hatte es dazu kommen können? Nach einigen Überlegungen äußerte der behandelnde Arzt den Verdacht, dass unsere Mutter vielleicht nicht mehr wisse, dass man Pflaumenkerne nicht mitessen dürfe.
Die daraufhin eingeleiteten hirnorganischen Untersuchungen zeigten bereits demenzielle Veränderungen im Gehirn meiner Mutter. Ein Schock für uns alle, denn bis zu diesem Zeitpunkt und noch geraume Zeit danach konnte sie die Erkrankung noch relativ gut verbergen. Jedoch begann hier für mich und unsere ganze Familie der lange Weg des Abschieds – mitten im Leben. Meine Mutter war damals 58 Jahre alt.



Die „Krankheit des Vergessens“ –
Alzheimer-Demenz

Der bekannte Psychiater Emil Kraepelin (1856–1926) benannte die Alzheimer-Krankheit nach dem Namen seines früh verstorbenen Schülers Alois Alzheimer (1864–1915), der als Neurologe, Psychiater und Hirnpathologe arbeitete. Die Alzheimer-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung, die in ihrer häufigsten Form bei Personen über dem 65. Lebensjahr auftritt und die für ungefähr 60 Prozent der weltweit etwa 24 Millionen Demenzerkrankungen verantwortlich zeichnet. Bei dieser Krankheit gehen in bestimmten Bereichen des Gehirns durch Störungen des Gleichgewichts des Botenstoffs Glutamat Nervenzellen zugrunde.
Mit dem Wort Demenz (lateinisch Dementia „ohne Geist“ bzw. Mens = Verstand, de = abnehmend) bezeichnet man ein Defizit der kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, das zu einer Beeinträchtigung sozialer und beruflicher Funktionen führt und meist mit einer diagnostizierbaren Erkrankung des Gehirns (Alzheimer = Alzheimer-Demenz) einhergeht. Kognitive Fähigkeiten betreffen das logische Denken, die Problemlösungsfähigkeit, die Lernfähigkeit und die Urteils- und Entscheidungsfähigkeit. Betroffen sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik. Charakteristisch ist eine zunehmende Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit, die in der Regel mit einer Abnahme der täglichen Aktivitäten, mit Verhaltensauffälligkeiten und neuropsychologischen Symptomen einhergeht. Die zugrunde liegenden Veränderungen im Gehirn sind nur wenig behandelbar.
Bis heute ist die Ursache der Alzheimer-Erkrankung nicht vollständig geklärt. Auf genetischer Ebene wurden verschiedene Risikofaktoren für die Entwicklung einer Alzheimer-Erkrankung erforscht, die möglicherweise im Zusammenspiel mit weiteren Lebensumständen einen unterschiedlich schweren Verlauf kennzeichnen. Dazu gehören Durchblutungsstörungen, Entzündungsprozesse, Umwelteinflüsse, giftige Stoffe, Medikamente, Kopfverletzungen, mangelnde geistige Aktivität, Autoimmunprozesse und vieles andere mehr. Die Prognose eines an Demenz erkrankten Menschen beträgt 7–10 Krankheitsjahre. Gerne hätte ich den damaligen Befund des Krankenhauses als Beweisstück dafür eingebracht, dass meine Mutter mit ihren mehr als 20 Jahren der Erkrankung diese Statistik deutlich überbietet. Leider war es mir durch Klinikschließung, Archivierung und aufgrund des langen Zeitraumes nicht mehr möglich.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 88
ISBN: 978-3-99038-441-1
Erscheinungsdatum: 23.06.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 7,99

Krampus & Nikolo