Alltag & Lebensführung

Das kleine Atembuch

Alexander Neudorfer

Das kleine Atembuch

Leseprobe:

Theorie – Gedanken zur Atmung

Mein Leben beginnt mit einem Einatmen als Auftakt einer Folge unzähliger Atemzüge. Und es endet mit einem letzten Ausatmen.
Wie lange kann ich leben ohne Atem? Ein, zwei Minuten; wenn ich es trainiere, werde ich es etwas länger schaffen. Ohne Essen und Trinken kann ich schon einige Tage überstehen. Atmung ist offenbar eine recht bedeutende Sache für das Leben.
In den östlichen Traditionen wird Sauerstoff nicht nur chemisch betrachtet. Er ist dort Träger der eigentlichen Lebensenergie Prana (Indien), Chi (China) oder Ki (Japan). Mit Pranayama gibt es sogar eine Yogarichtung, die sich ausschließlich mit dem Atem beschäftigt, um zur Erleuchtung zu kommen. Und schon im Alten Testament haucht Gott mit seinem Atem Adam das Leben ein.
Es ist gut, dass die Atmung so unbewusst funktioniert. Einschlafen wäre ja sonst lebensbedrohlich. Automatisierte Tätigkeiten verleiten aber auch dazu, sie nicht mehr zu beachten, ihnen keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken. Was in Bezug auf die Atmung allerdings sehr schade ist.
Beobachte ich mein Atmen, erhalte ich wertvolle Informationen darüber, wie es mir gerade geht. Über die Atmung komme ich unmittelbar in meine Gefühlswelt im Hier und Jetzt. Weg davon, was passieren könnte, weil mal etwas passiert ist; oder wie ich gerade sein sollte, weil es so oder so angebracht wäre, mich zu verhalten, meine wahren Gefühle zu verhalten. Die Atmung eröffnet mir einen so direkten und unmittelbaren Zugang zu mir selbst, als ob ich jemand anderem tief in die Augen sähe. Meine Atmung lässt mich in mein Herz sehen. Die räumliche Nähe der beiden ist kein Zufall: Das Herz ist im linken Lungenflügel eingebettet, beide sind durch das Zwerchfell von den restlichen Organen getrennt und mit der kürzesten Verbindung zum Gehirn ausgestattet. Nervenleitung funktioniert sehr schnell, in Metern pro Sekunde. Aber es vergeht Zeit. Und ist er noch so winzig, der Bruchteil einer Sekunde kann über Leben oder Tod entscheiden. Herz und Lunge sind auch als einzige Funktionsorgane durch Knochen geschützt. Die Art und Weise, wie die Natur unsere Körper anlegt, lässt auf besondere Wertschätzung dieser beiden schließen.
Unterdrückte Emotionen
Eine Grundfunktion von Leben ist Fühlen. Während meiner gesamten Lebensdauer fühle ich. Egal was ich tue, ich fühle etwas dabei. Das ist auch toll so! Selbst im Schlaf, während ich träume, empfinde ich. Es gibt keine Abwesenheit von Gefühl. Ich entscheide allerdings, ein Gefühl auszudrücken oder zu unterdrücken.
Wenn ich ein Gefühl ausdrücke, tue ich, was das Wort E-motion ja schon nahelegt. Es kommt, wie kann es anders sein, aus dem Lateinischen. E = hinaus, motio = Bewegung. Also hinausbewegen. Eine Emotion entsteht in mir, breitet sich in mir und dann durch meine Ausdrucksmöglichkeiten (Blicke, Sprache, Taten) in meiner Umwelt aus. Jedes Gefühl ist auch gleichbedeutend mit einem bestimmten Hormonspiegel. Um glücklich zu sein, könnte ich mir das Hormon für Glücksgefühle einfach spritzen. Oder Hormone schlucken, was ja schon sehr verbreitet ist. Jedenfalls werden Hormone ja auch ausgeschüttet, also aus ihren Drüsen hinausbewegt.
Unterdrücken heißt nicht verschwinden. Und ich mag auch das Bild mit dem Keller nicht. Die Gefühle sitzen da unten nicht einfach so herum und warten auf bessere Zeiten. Und schon gar nicht „da unten im Keller“ … irgendwo. Nein – unterdrückte Gefühle sind mitten in meinem Wohnzimmer.
Ein Erwachsener besteht ja zu 60–70?% aus Wasser. Stellen wir uns unseren Körper einfach als „Wasserkörper“ vor, als wäre innen alles flüssig. Und stellen wir uns eine Welle vor. Aus Liebe zum Beispiel. Mit einem tiefen Einatmen sammle ich dieses Gefühl spannungsvoll in der Mitte meiner Brust. Und mit einem freien Ausatmen lasse ich es los. Wie bei einem Unterwasserbeben breitet sich von dort ein mächtiger Tsunami aus und durchschwingt meinen ganzen Wasserkörper. Durch Augen, Mund, Hände und Füße schnellt diese Welle nach draußen. Ich mache kurz die Augen zu und stelle mir das mal so richtig vor, jetzt.
7 Sekunden später … Ein Gefühl unterdrücken heißt also: diese spannungsgeladene Welle in ihrer Bewegung, wo sie in meinem Körper gerade ist, anzuhalten. Diese mächtige Welle auf ihrem Weg – wupps – einfach so anzuhalten. Da braucht’s richtig Kraft, um das zu schaffen. Aber die Welle will ja weiter! Solange ich sie anhalten will, so lange muss ich dagegenhalten. Und auch das erfordert eine Menge Kraft. Aber welche Art Kraft braucht es eigentlich, um so einen Gefühlsausdruck anzuhalten? Was ist das für eine Kraft?
Die körperlichen Werkzeuge zum Ausdrücken sind meine Muskeln und deren Sehnen. Sie sind das bewegende, das Motio-Element im Körper. Ohne Muskulatur gibt’s keine Bewegung. Wo ist dann aber eine nicht ausgedrückte Emotion im Körper?
Diese Gefühls-Welle geschieht ja körperlich. Meine Gefühle sind mein Körper, denn damit empfinde ich sie schließlich auch. Bei Angst zieht’s mir den Magen zusammen, verflacht sich meine Atmung. Bei Liebe öffnet sich mir die Brust, vertieft sich meine Atmung. Und von dort, wo es ausgeht, läuft ein Nervensignal ans Gehirn. Erst wenn das da ankommt, kriege ich es mit. Wie halte ich dieses Nervensignal also körperlich an? Was kann ich schon tun von meinem Gehirn aus, wenn ich weiß, da kommt etwas auf mich zu, und ich will es nicht haben? Ah ja – Muskeln kann ich von hier aus steuern. Und Nerven sind ja an den meisten Stellen ihres Weges in Muskeln eingebettet. Wenn ich die also anspanne, drücke ich die Nerven zusammen, komprimiere, deprimiere sie. Als ob ich einen Staudamm mit einem kontrollierbaren Schleusentor errichtete.
Das ist ein sehr unbewusster Vorgang. Und er spielt sich im Bruchteil von Sekunden ab. Ich reagiere aufgrund meiner gefühlsmäßigen Gewohnheiten, die ich allerdings ständig programmiere; und die Programminformation ist das Gefühl, das ich zu Situationen habe. Je öfter und/oder intensiver ich eine Situation mit einem bestimmten Gefühl verbinde, umso tiefer prägt sich dieser Zusammenhang in einen unbewussten Automatismus. Gewohnheiten werden zum Schicksal.
Auf jeden Fall geht durch das Schleusentor nur so viel durch, wie ich gerade will. Nette Sache. Vorerst.
Allerdings – wenn ich der Natur nicht ihren freien Lauf lasse, fängt meist der Schuh irgendwo zu drücken an.
Der Haken ist: Ein Gefühl unterdrücken, das mache ich nicht nur einmal, sondern oft. Das Leben hat nun mal die freche Angewohnheit, mir direkt das zu geben, was ich ausstrahle. Kann ziemlich doof sein, kann irre Spaß machen; je nachdem, wie gut ich die Spielregeln verinnerlicht habe.
Auf jeden Fall ist da so ein Schleusentor errichtet und ich kann’s vor manchen Menschenblicken verbergen. Aber vor den Augen des Universums eben nicht. Gott sieht alles, egal an welchen ich glaube. Es muss ja auch gesehen werden, woher soll diese Wünsche erfüllende Macht denn sonst meine Bestellungen wissen? Nun habe ich also so ein blockiertes Gefühl in meiner Ausstrahlung. Ich stelle es mir wie eine dunkle Delle in diesem farbenfrohen Lichtspiel vor. Aber das ist ja wie eine Mega-Bestellung, dick unterstrichen und mit drei Rufzeichen. Das heißt, zwangsläufig werden mir Situationen (in allen möglichen Erscheinungsformen) immer wieder und wieder präsentiert und ich bekomme jedes Mal die Chance, diesem Gefühl endlich freien Lauf zu lassen. Aber wenn ich es nicht laufen lasse, staut sich da über die Zeit einiges an.
Was passiert dann auf körperlicher Ebene?
Nun – ich tue, was ich kann, also Muskulatur anspannen. Und ich halte diese Spannung. Da ein wenig, dort ein bisschen. Und wie gesagt, es sammelt sich über die Zeit. Aber wie kann daraus ein Prob­lem entstehen, vielleicht sogar Krankheit oder Gebrechen? – Kurz gesagt: Leben ist Bewegung. Wo gehalten wird, ist Stillstand. Und Stillstand ist Tod. Aber warum genau?
Ein Muskel schwebt nicht einfach isoliert im Körper. Jeder Muskel ist über seine Sehnen schon mal an mindestens zwei Knochen befestigt, zum Zwecke der Beweglichkeit. Und jeder Muskel steht mit einem Gegenspielermuskel in Verbindung; ich strecke meinen Arm (zwei Knochen – Unterarm und Oberarm) gerade nach vorn, mit der Handfläche nach oben. Jetzt winkle ich den Arm an (Bizeps, Oberseite muss anspannen und Trizeps, Unterseite muss loslassen) und strecke ihn wieder aus (jetzt umgekehrt). Für einfach jede Tätigkeit, die ich den ganzen Tag so mache, und wenn es nur Sitzen ist – jeder einzelne Knochen wird ständig an seinem Platz gehalten oder gebracht. Je mehr Vorspannung schon vorhanden ist, umso starrer und kraftloser werden diese Abläufe. Mit der Zeit laufe ich dann nicht mehr herum wie eine geschmeidige Raubkatze, sondern wie ein ruckeliger Roboter. Also die Geschmeidigkeit und Spannkraft der Bewegung lassen nach.
Ein Muskel ist auch durchblutet. Er besteht aus Muskelfasern (Muskelzellen, die sich zusammenziehen und wieder loslassen können) und einer Faszie (einer Art Bindegewebs-Membran) drum herum. Wie ein Bündel Schnüre, um das ich ein Tuch wickle. Zwischen diesen Fasern laufen Blutgefäße. Irgendwie müssen die Zellen ja versorgt werden. Spannen sich Fasern an, werden diese Blutgefäße abgeklemmt. Die Versorgung der Zellen ist dann gleich null. Im Normalfall kein Problem, der Muskel löst sich ja wieder. Bei chronischer Verspannung kommt es mit der Zeit zu einer sogenannten Stoffwechselkrise. Wie in einer Stadt, die nichts mehr zu essen bekommt und deren Müll nicht mehr entsorgt wird. Nach einer Woche schaut’s dort nicht mehr schön aus und es riecht nicht mehr angenehm. Ein Muskel mit Stoffwechselkrise ist eine kleine therapeutische Herausforderung und braucht etwas Zeit. Ohne Behandlung stirbt er zwar nicht, vegetiert aber dumpf vor sich hin. Mein Körpergefühl in diesem Bereich wird immer stumpfer.
Ein Muskel ist umgeben von anderen Geweben und Organen. Je nach Lage kann ein Muskel einen ganzen Haufen Sachen ins Ungleichgewicht bringen. Da wären Nerven, Blutgefäße, Lymphgefäße, Organe und die Gelenke zwischen Knochen. Mein Körper ist schon ein Wunderding. All diese Strukturen halten Belastungen, Reizungen, Minder- oder Fehlversorgung und sonstige missliche Umstände wirklich lange aus. Aber manchmal nicht lange genug. Krebs ist hier ein gutes Beispiel. Ich habe ständig Krebszellen in mir. Jeder Mensch. Mein Immunsystem erkennt sie aber auch ständig, tötet sie und entsorgt sie. Bis mal eine übersehen wird. Aber warum? Vielleicht war dort kein reibungsloses, geschmeidiges Zusammenspiel aller nötigen Strukturen möglich.
Dasselbe gilt für die Atmung. Die Lungen sind umgeben von einem Konstrukt aus Knochen und Muskeln, Blutgefäßen, Nerven und Lymphgefäßen. Jede Atembewegung ist ein Zusammenspiel so vieler Strukturen und auf die Reibungslosigkeit dabei angewiesen. Da wird angespannt und entspannt; dort wird gezogen, woanders losgelassen; da wird etwas zusammengedrückt, dort wird gedehnt. Das alles bei einem simplen Atemzug. Und gerade hier ist viel an unterdrückten Gefühlen eingelagert. Sind doch die Lungen gleichsam meine innigste, unmittelbarste und nötigste Kontaktstelle mit der Umwelt. Emotionsunterdrückung findet in erster Linie hier statt.
Wenn ich schlecht drauf bin, halte ich inne, nehme mir einen ganz bewussten Moment; schließe meine Augen; gehe mit meiner ganzen Aufmerksamkeit in die Mitte meiner Brust; atme dort hinein und lasse von dort aus los. Immer tiefer, ruhiger und kraftvoller. So komme ich wieder zu mir, nehme wieder Kontakt zu meinem Inneren auf.


Zusammenfassung:

Ich fühle immer und ich entscheide über Ausdrücken oder Unterdrücken.

Unterdrückte Gefühle werden Verspannungen.

Verspannungen behindern die Funktionen des Körpers und machen Probleme, schränken ein. Je länger sie vorhanden sind, umso mehr.





Die Lust am Sein
Jede meiner Taten ist lustorientiert. Ich gehe nur Tätigkeiten nach, die mir ein lustvolles Ereignis versprechen. Auch wenn die Tätigkeit an sich manchmal alles andere als lustvoll ist. Mir fällt keine Aktion oder Tat von mir oder einem Bekannten ein, die nicht von etwas Lustversprechendem motiviert gewesen wäre. Wenn es auch manchmal gründliches Nachdenken braucht, um dahinterzukommen. Es ist ja schon die sexuelle Lust, die überhaupt Leben schafft. Was wäre denn das für eine seltsame Angelegenheit ohne diese tollen Gefühle dabei? Ein langweiliger, rein mechanischer Akt. Sofern man es dann überhaupt noch täte. ;-)
Vom ersten Tag unseres Lebens an sind wir auf der Suche nach lustvollen Erfahrungen. Was am Anfang noch recht einfach ist; essen, schlafen, bewegen, schreien, der liebevolle Blick der Mutter, Gesichter, die einen anlachen, das klingelnde, blinkende Ding über mir anstupsen, am Piepmatz rumspielen. Selbst Urinieren und Kotabgeben, auch wenn das noch so schmutzig ist. Wenn mir die Nahrungsaufnahme ein lustvolles Erlebnis sein kann, warum nicht auch die Abgabe? Mit dem Größerwerden wird’s üblicherweise komplizierter. Manchmal verwirrt sich diese Erfahrungssuche sogar so weit, dass sie anderen Schaden zufügt. Wirklich schräge Sachen passieren. Aber der zugrunde liegende Impuls für jede Tat ist dieses Streben nach Lust. Dieses Streben ist frei von Gut oder Böse. Wie ein Hammer, mit dem ich ein Haus bauen oder jemandem den Schädel einschlagen kann. Ich allein treffe die Entscheidung, was ich damit tue.
Es ist die Angst, die dieses Spiel verdrießlich machen kann. Nehmen wir an, ich bin ein Baby. Ich habe Hunger. Ich schreie, bis der Busen kommt. Klare Sache. Was ich nicht weiß: Mama hat sich eben so richtig über Tante Emma geärgert und grübelt immer noch zornig über diese blöde Kuh nach, als sie mich schreien hört. Ich für meinen Teil liege einfach nur da, habe Hunger und möchte etwas zu essen. Da kommt Mama. Juhu! Essen! Aber was ist das! Aus ihren Augen flammt mir Wut entgegen?! Da bekomme ich es mit der Angst zu tun. Da schnürt sich mir die Brust zu. Warum ist sie wütend auf mich?
Wenn es blöd kommt, habe ich ab jetzt die Lust am Essen mit Angst kombiniert. Egal wie oder wie intensiv sich das zukünftig auf mich auswirkt, die Erfahrung in ihrer Einfachheit ist nicht mehr da. Und man kann da ganz schön weit vom Weg abkommen.
Blicke sind nicht zu unterschätzen. Der Volksmund kennt es ja – wenn Blicke töten könnten. Ich denke, so weit hergeholt ist das gar nicht. Warum schauen sich Menschen, vor allem einander fremde, so ungern in die Augen? Warum darf ich in gewissen Vierteln gewissen Leuten nicht mal ansatzweise in die Augen schauen, ohne verprügelt zu werden? Wenn ich einen direkten Augenkontakt halte, da passiert etwas. Als stünde ich nackt da. Ein unmittelbares Erlebnis. Keine Täuschung, kein Verstecken. Ein Blick in die Augen geht direkt an allen Fassaden und Maskierungen vorbei. Das kann schon bedrohlich sein. Vor allem, wenn ich mich innerlich als unsicher und machtlos empfinde.
Angst ist der Grund dafür, Emotionen zu unterdrücken. Die Angst vor etwas, was passieren könnte, wenn ich diesem Gefühl freien Lauf ließe. Etwas, was vielleicht mal passiert ist, als ich dieses Gefühl hatte. Eine Erinnerung, die ich in meinem Körper irgendwo festhalte. Vielleicht habe ich mir die Angst auch einreden lassen, habe eine fremde Angst zu meiner gemacht. Es wird zurzeit sooo viel eingebrochen in unserer Gegend. Alle reden nur noch davon. Diese schrecklichen Ausländerbanden. Wie kann ich mich da nicht fürchten?
Es ist der Verstand, der mich hier quält. Meine Gefühle möchten sich einfach nur ausleben. Mein Denken bringt mich weg vom Hier und Jetzt, lenkt meine Aufmerksamkeit in die Erwartung eines negativen Erlebnisses. Vielleicht weil ich mal davon gelesen oder gehört oder eine ähnliche Situation schon mal erlebt habe, mit der Folge dieses negativen Erlebnisses. Gerade hier liegt der Denkfehler. Jedes Hier und Jetzt ist neu! Ich mag ähnliche Situationen erlebt haben. Aber das Hier und Jetzt kann ich noch nie erlebt haben, wie soll denn das gehen?
Sex zum Beispiel. Habe ich schon einige Male erlebt. Und es bahnt sich gerade wieder an. Reagiere ich automatisiert aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen mit dieser Situation, aus denen ich gelernt habe, es funktioniert so oder so, so denke ich ziemlich viel, habe viel Aufmerksamkeit im Kopf. Und natürlich wird’s auf diese Art irgendwann langweilig, denn ich erlebe nichts Neues. Eigentlich bräuchte ich es gar nicht mehr zu tun, ich kenne es ja schon.
Oder ich agiere frei vom Denken; bin gespannt auf dieses neue Erlebnis; überlasse meinem Körper die Kontrolle; gehe einfach in meine Atmung, lasse den Gefühlen, die da kommen mögen, freien Lauf.
Ich freue mich schon auf die nächste Mahlzeit, das wird eine spannende Erfahrung. :-)
Dieses erfahrungsbasierte Denken hat schon seinen Sinn. Habe ich mir an einer heißen Herdplatte einmal die Finger verbrannt, verzichte ich gern darauf, es aufs Neue auszuprobieren. Es ist sinnvoll in Gefahrensituationen. Aber nicht ständig. Wenn ich auf der Gefühlsebene Situationen mit Gefahr in Verbindung gebracht habe, in denen dies überhaupt nicht angebracht ist, bringen mich diese vorgefertigten, vorgedachten Erfahrungen weit weg von dem, was gerade ist. Das heißt, ich erlebe die momentane Erfahrung gar nicht, weil ich ja im Kopf ganz woanders bin. Auf diese Art kann ich mein ganzes Leben verpassen.
Nur hier und jetzt kann ich die Lust fühlen an dem, was ich tue. Die Lust ist grundlegend wichtig. Nicht, weil sie die Motivation für alles ist, was ich tue. Das ist nur eine Folge davon, warum sie wichtig ist. Sie ist die Kraft meines Lebens. Wie fühle ich mich denn, wenn ich etwas tue, was mir Spaß und Freude macht? Groß, gut, kraftvoll. Wie fühle ich mich, wenn ich etwas tue, was mich nervt und frustriert? Klein, mies, lasch.
Wie gehe ich mit solchen Unlust-Situationen um?
Der Trick ist einfach, aber er erfordert viel Training, bis er zur Gewohnheit wird. Manchmal muss ich halt etwas tun, was mich nervt, frustriert, auf jeden Fall definitiv unlustvoll ist. Üblicherweise beschäftigt sich dann ein Teil meines Denkens ausgiebig damit, wie sehr es mich gerade nervt, dass ich das gerade mache. Ich beschäftige mich mental, emotional und körperlich damit, mich dagegen zu wehren, mich innerlich zu sperren. Und fühle mich klarerweise mies dabei.
Während meiner Tätigkeit kann ich aber auch einen Teil meiner Aufmerksamkeit auf etwas Lustvolles lenken. Meine Atmung zum Beispiel. Was nicht besonders viel Aufmerksamkeit braucht, mich also nicht allzu sehr ablenkt. Ich kann einfach in dieses Gefühl gehen. Weg vom Kopf, wieder ins Herz. Freude am Einatmen. Spaß an jedem Ausatmen. So etwas Einfaches. Mich wieder öffnen fürs Leben. Und da fliegt auch wieder ein Lächeln über meine Lippen.
Diese einfache Sache, nur die Aufmerksamkeit zu verlagern, löst eine Kaskade von Ereignissen aus. Der Körper reagiert ja direkt auf Gefühle. Der Hormonhaushalt ändert sich schlagartig. Die gesamte Körperspannung und -statik verändert sich. Mir steht wieder mehr Kraft zur Verfügung. Das Denken öffnet sich wieder, jetzt nicht mehr belegt durch Frustgedanken. Im gesamten System ist wieder Bewegung und Fluss.
Wie schon ein Grundsatz der Magie lautet: Hartnäckigkeit führt zum Erfolg. Dieser Trick ist am Anfang schwierig. Gewohnheiten haben einen Überlebenstrieb. Wenn ich z.?B. lange in der Gewohnheit, frustriert zu sein, lebe, fühlt sich das irgendwann gut an. In Gewohnheiten fühle ich mich daheim. Unabhängig davon, ob sie von einem anderen Standpunkt aus positiv oder negativ sind. Und deswegen lasse ich sie nicht gerne gehen. Das bewusste Erschaffen einer Gewohnheit ist nun mal schwieriger, als einfach hineinzuschlittern. Vor allem, wenn eine unbrauchbar gewordene damit ersetzt werden soll. Aber es geht. Und es ist nur in der Anfangszeit schwer. Es wird dann immer leichter, dieses bewusste, eigenständige Programmieren wird selbst zu einer Angewohnheit.


Zusammenfassung:

Ich bin ein lustorientiertes Wesen.

Angst ist der Gegenspieler der Lust.

Ich erlebe nichts Neues, wenn ich nur aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen lebe.

Gewohnheiten sind mächtige Freunde oder Feinde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 40
ISBN: 978-3-99003-257-2
Erscheinungsdatum: 08.02.2011
EUR 13,90
EUR 8,99

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