Alltag & Lebensführung

ADHS - Leben auf einem Vulkan

Andreas K. Höpfert

ADHS - Leben auf einem Vulkan

Die ganz persönlichen Erlebnisse eines 71-jährigen Menschen

Leseprobe:

Gewidmet meinen fünf Kindern


Susann
Christian
Angela
Wiebke
Mareike

Besonders bedanke ich mich bei meiner Tochter Wiebke, die mir mit Rat und Tat geholfen hat, dieses Büchlein in die vom Verlag geforderte Druckversion zu bringen, da meine bescheidenen Computerkenntnisse dafür nicht ausgereicht haben, sowie bei meiner langjährigen lieben Freundin Edith, die mich in schweren Zeiten immer wieder „aufgebaut“ und getröstet hat und bis heute zu mir hält, mit Niklas, der selbst an ADHS leidet.

Ich danke auch Lucyna, die es als Einzige geschafft hatte, dass ich mit über siebzig Jahren endlich doch professionelle Hilfe in Anspruch genommen habe.

All diesen Menschen gilt mein tiefer Dank für die mit mir durchlittene schwere Zeit!

Andreas K. Höpfert



Biografie des Verfassers


Andreas (Andi) K. Höpfert wurde am 3. Oktober 1947 in Kitzingen am Main geboren.
Zweimal geschieden, dazwischen Bekanntschaften, eine hielt über fünf Jahre, die letzte fünfzehn Monate.
Er hat fünf Kinder, vier Mädchen und einen Jungen.
Alle seine Träume und Wünsche wurden durch das Krankheitsbild ADHS zerstört.

Sein Werdegang:

Von 1962 bis 1965 Tankwartlehre mit Abschluss.
Von 1966 bis 1974 Zeitsoldat im Sanitätsbataillon, er absolvierte in dieser Zeit viele Fachlehrgänge wie Narkotiseur- und Operationsgehilfe, diverse medizinische Lehrgänge, Ausbildung zum Fahrlehrer, in einem dreijährigen Abendkurs Ausbildung zum Kfz-Mechaniker mit Abschluss vor der IHK. Im Rahmen der dienstzeitbeendenden Berufsausbildung Ausbildung in einer privaten Handelsschule zum Bürokaufmann mit Abschluss vor der IHK. Ausgeschieden als Oberfeldwebel d. R.
Danach zwei Monate Fahrlehrer in Würzburg.
Von 1974 bis 1976 stellenweise Büro- und Lagerleitung des Verkaufsbüros eines bekannten Reifenwerkes in Würzburg.

Von 1976 bis 1978 Ausbildung für den Polizeidienst in Waldmünchen und Dachau.
Von 1978 bis 1986 Polizeidienst im Streifen- und Kriminaldienst.
Dann erfolgte aufgrund psychischer Probleme (Dienststellenphobie, Magen- und Schlafprobleme) die Frühpensionierung vom Polizeidienst.
Danach zwei Jahre Versicherungskaufmann, Planer für Kachelöfen, Inkassodienste, über zehn Jahre Taxifahrer.
Ab dem Jahre 2000 Privatier! Doch auch jetzt noch keine Ruhe! Gartenhelfer, Altenpflege u.v.m.

Ein bewegtes Leben mit vielen Tiefschlägen, aber auch Höhenflügen! C’est la vie!

Ein Leben mit den typischen Verhaltensmustern eines von der Krankheit ADHS geschädigten Menschen!

Zur Nachahmung nicht empfohlen!!!



VORWORT


Ich heiße Andreas, bin inzwischen 71 Jahre alt und habe, vermutlich schon seit meiner Kindheit, diese Erkrankung mit dem Namen ADHS.

Sehr schmerzlich ist mir das bewusst geworden, nachdem vor einiger Zeit wieder einmal eine Partnerschaft kaputtgegangen ist, welche mir unendlich wichtig war, ich mich jedoch aufgrund dieser Krankheit zu diesem Zeitpunkt nicht oder besser gesagt wieder einmal nicht unter Kontrolle hatte.
Eine Meinungsverschiedenheit mit meiner Partnerin und mein darauffolgendes Handeln führten letztendlich dazu, dass diese „das Handtuch warf“ und jeglichen Kontakt zu mir abbrach. Nun bin ich, wie schon mehrere Male vorher, wieder alleine. Das anschließende Gefühl der absoluten Einsamkeit ist für mich fast nicht zu ertragen.

Ich habe dieses Büchlein nicht von wissenschaftlichen Standpunkten aus geschrieben, dazu fehlt mir ohnehin das notwendige Fachwissen. Ich habe es geschrieben, um anderen Betroffenen, und davon gibt es sehr viel mehr, als Sie vielleicht glauben, Mut zu machen und sie wissen zu lassen, dass sie mit dem Problem nicht alleine sind und Hilfe möglich ist.
Mit siebzig Jahren bin ich dieses Problem leider erstmals und damit viel zu spät angegangen. Ich habe einen Psychotherapeuten aufgesucht, und er hat mir, nach Schilderung des Sachverhaltes, ein Medikament verschrieben. Da dieses nicht in kurzer Zeit die gewünschte Wirkung erzielte, verschrieb er mir eine höhere Dosierung. Als diese Tablettenpackung aufgebraucht war, ich meiner Meinung nach immer noch nicht den erhofften Erfolg verspürte, setzte ich sie selbstständig ab. Wie ich erst jetzt weiß, lag es an der Dosierung; zum damaligen Zeitpunkt war mir das nicht bewusst. Das Absetzen der Medizin war jedenfalls ein großer Fehler.
In dieser Phase der Nichteinnahme dieser Medizin kam es dann zu jenem Streit und letztendlich zum totalen Kontaktabbruch durch meine Partnerin.
Ich begab mich am nächstmöglichen Tag, einem Montag, der Streit war an einem Wochenende, sofort zu dem Psychotherapeuten, und dieser verschrieb mir zwar dasselbe Medikament, jedoch diesmal in einer hohen Dosierung.

Jetzt bin ich wesentlich ruhiger geworden und habe meine Gefühlsregungen sehr viel besser im Griff. Leider habe ich diesen Gang hinausgeschoben!

Ich hätte schon vor vielen Jahren in die Hände eines erfahrenen Therapeuten gehört! Mir wäre sicher so manches Negative erspart geblieben und damit auch meinen zwei Ehefrauen und den nachfolgenden Partnerinnen.

Machen Sie, der Leser dieser Zeilen, es anders. Vielleicht wissen Sie, dass Sie ADHS haben oder Sie leiden unter Problemen mit Ihrer Selbstbeherrschung bzw. neigen zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen – wie auch immer, tun Sie etwas dagegen!!!
Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch, das ist keine Schande und Sie sind auch nicht verrückt, sondern ganz einfach nur anders.

ADHS kann auch bedeuten:

ANDERS
DENKEN
HANDELN
SPÜREN
Ja, ich bin ANDERS!
Ja, ich DENKE anders!
Ja, ich HANDLE anders!
Ja, ich SPÜRE anders!

Aber ich bin in erster Linie ein Mensch – mit Gefühlen, Träumen, Wünschen und Sehnsüchten!

Vielleicht habe ich Sie, falls Sie ADHS haben oder des Öfteren unter den beschriebenen Gefühlsregungen und unkontrollierten Ausbrüchen leiden, nach Lesen dieses Büchleins dazu veranlasst, sich selbst und Ihren Partnern und Mitmenschen etwas Gutes zu tun, indem Sie handeln, bevor es, wie in meinem Falle, zu spät ist.

Meine sehr gute Freundin Edith sagte mir einmal:
„Andi, du bist ein wunderbarer und wertvoller Mensch, aber du hast die Gabe, dass du das, was du dir in jahrelanger und mühevoller Arbeit aufgebaut hast, in wenigen Sekunden zerstören kannst!“

Dass es Ihnen nicht so geht und Sie nicht eines Tages vor den Trümmern Ihres Lebens stehen, dafür habe ich dieses Büchlein geschrieben. Ich hoffe für Sie, dass Sie nachdenken und dann den richtigen Weg einschlagen.

Dies wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!!!

Herzlichst Ihr

Andreas K. Höpfert



Teil 1


Über meine Kinder- und Jugendzeit zu den ?späteren beruflichen Katastrophen!

Ich will Ihnen, verehrte Leser, in diesem Büchlein, niederschreiben, welche Ereignisse in meinem Leben prägend waren. Ich erlebte Scham, Verzweiflung und Trauer und auch tiefe Niedergeschlagenheit über Geschehenes und Erlebtes. All das hat mich wohl auch dazu gebracht, Dinge zu tun, die man nicht tun sollte. Letztendlich sind es Dinge, die mich glauben machen, dass ich schon seit früher Kindheit und auch später, im Erwachsenenalter, an dieser Krankheit mit dem Namen ADHS gelitten habe.

Geboren wurde ich am 3. Oktober 1947 in Kitzingen am Main. Meine Mutter hat mich in einer „Hausgeburt“ zur Welt gebracht. Entbindungen in einem Krankenhaus waren zu dieser Zeit nicht unbedingt die Regel. Zudem war es gerade etwas mehr als siebzehn Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und auch in Kitzingen lag noch vieles in Trümmern.
Meinen Vater kenne ich nicht, er war Amerikaner, ein Besatzungssoldat. Er wurde, wohl kurz nach meiner Zeugung, von Kitzingen wegverlegt. Nach Aussagen meiner Mutter weiß er nicht einmal, dass ich geboren wurde. Mein Großvater wollte auch nicht, dass meine Mutter ihn suchen ließ.
„Den Bub werden wir auch noch ohne ihn satt bringen“, soll er gesagt haben.
Meine Mutter, sie ist 2006 verstorben, arbeitete als Sekretärin in einer Firma in Kitzingen. Sie hatte noch zwei Schwestern, Magdalena und Marianne. Meine Mutter war die Jüngste, bei meiner Geburt war sie gerade einmal einundzwanzig Jahre alt.
Ich erinnere mich noch sehr dunkel an ein Vorkommnis, welches passierte, als ich noch sehr klein war, vielleicht drei oder maximal vier Jahre alt. Meine Mutter führte mich an der Hand über die Straße nahe des Hauses, wo wir zusammen mit den Großeltern zur Miete wohnten, es war kalt! Beim Überqueren der Straße war ich ihr wohl zu langsam, ich weiß den Grund heute nicht mehr. Jedenfalls schimpfte sie mich, doch was tat der kleine Andi? Er trat ihr mit aller Kraft und seinen Stiefelchen an ihr Schienbein! Aua, das hat ihr sicher wehgetan. Daraufhin schlug sie mich so, dass eine ältere Frau meine Mutter deswegen tadelte und sich beide beschimpften.
Als wir zu Hause ankamen, erzählte meine Mutter meinen Großeltern, was geschehen war. Mein Opa soll nur gegrinst und gesagt haben: „Na komm, Lisbeth, so weh kann’s ja auch nicht getan haben“, worauf meine Mutter ihm ihr Schienbein mit einer großen Schramme zeigte.
Ich nehme an, dass das schon ein Hinweis darauf war, dass der kleine Andi auch zu Wutausbrüchen und unkontrolliertem Handeln neigt. Den Begriff ADHS kannte man um 1950 herum noch gar nicht, man legte dieses Verhalten zu jener Zeit unter dem Begriff „Jähzorn“ ab.

Das Gefühl von Scham und wohl ohnmächtiger Wut erlebte ich auch schon in frühester Kindheit. Im Alter von etwa fünf Jahren spielte ich unterhalb der Alten Mainbrücke auf der Etwashäuser Seite. Meine Tante Marianne wohnte nahe der Brücke und hatte wohl den Auftrag, einige Zeit auf mich aufzupassen. Plötzlich sah ich mich von drei bis vier älteren Jungs umringt. Der Wortführer befahl mir, mich auszuziehen. Ich sträubte mich, worauf er anfing, mich zu schlagen. Was sollte ich tun, sie waren älter und sie waren in der Überzahl. Ich musste mich ausziehen, sogar meine Unterhose. Ich schämte mich sehr. In diesem Augenblick rief eine Frau von der Brücke herunter. Als ich hochsah, erkannte ich meine Tante Marianne, die mit den Jungs schimpfte und sich zu uns auf den Weg machte. Die Kerle rannten sofort davon und ich stand splitternackt da. Ich empfand tiefe Scham und große Wut! Meine Tante half mir, mich wieder anzuziehen und wir gingen nach Hause.
War das der Zeitpunkt, zu welchem ich Wut verinnerlichte? Ich kann heute noch keine Ungerechtigkeiten und Tätlichkeiten gegen Schwächere hinnehmen, ich muss dann einfach reagieren, auch, wenn ich dadurch Nachteile in Kauf nehmen muss. In diesem Augenblick sind mir die Folgen egal.
Sehe ich derartige Begebenheiten, wünschte ich mir von Seiten in der Nähe befindlicher Personen ein Mehr an Zivilcourage und Initiative.

Menschen mit dem Syndrom ADHS haben dieses Defizit nicht. Wir setzen uns in solchen Fällen selbstlos ein, ohne lange darüber nachzudenken, ob es für uns selbst riskant werden könnte.
Schon gar nicht denken wir in solchen Fällen darüber nach, ob wir daraus eventuell einen Vorteil für uns herausholen könnten. Menschen mit ADHS sind keine Krämerseelen!

Die vorgeschilderten zwei Erlebnisse sind mir zwar noch dunkel in Erinnerung, jedoch beginnt ein bewusstes Leben sicher nicht im Alter von drei bzw. fünf Jahren. Ich habe Ihnen diese Dinge auch nur deshalb erzählt, damit Sie erkennen, dass der Andi wohl doch schon zu viel früherer Zeit als der nachfolgend geschilderten mit der Problematik ADHS behaftet war.
Dass mir dies erst im Alter von siebzig Jahren wirklich bewusst geworden ist, mag u.?a. an meiner Sturheit liegen. Jahre vorher sagte meine damalige Freundin zu mir: „Andi, du hast ganz sicher auch ADHS wie der N. …, und das in hochgradigem Maße, tue etwas dagegen, geh zum Psychotherapeuten und lasse dir helfen!“
„Was, ich soll ADHS haben? Das ist eine Modekrankheit, an welcher nur die Ärzte verdienen wollen. Mich kriegst du niemals zu einem solchen Psychoonkel, die haben doch selbst nicht alle Latten am Zaun, vergiss es!“ Damit war damals das Thema ADHS für mich erledigt. Viele Male musste ich mir Ähnliches anhören und immer konterte ich in etwa derselben Weise wie beschrieben. Erst durch eine Frau, die ich mit siebzig Jahren kennen- und lieben lernte (davon später mehr), tat ich diesen Schritt und begab mich in fachärztliche Behandlung! Ich bin heute sehr froh, dass ich diesen Weg, wenn auch sehr spät, eingeschlagen habe!
Eine Therapie hielt der Arzt aufgrund meines fortgeschrittenen Alters jedoch für wenig hilfreich, er sagte, dass er mir Methylphenidat für mein Problem verschreiben würde, davon verspräche er sich wesentlich mehr. Als ich die Praxis verließ, hatte ich ein Rezept für MEDIKINET adult 20?mg in den Händen, welches ich umgehend bei einer Apotheke einlöste. Was mich erstaunte, war der relativ hohe Preis für dieses Medikament, aber ich sagte mir, die Beihilfe und meine Krankenkasse bezahlen das und wenn es mir hilft –okay! Wie sich später herausstellte, war diese Anfangsdosis für mich einfach zu gering, um einen spürbaren Erfolg erzielen zu können. Danach wurde sie erhöht (davon später).

Jetzt aber zu den Sechzigern, wo sich herausstellen sollte, dass Kritikverträglichkeit an meiner Person nicht unbedingt zu meinen Stärken gehörte, dafür jedoch mein Widerspruchsgeist umso besser ausgeprägt war. In dieser Zeit entstand wohl auch meine Aversion gegen Autoritäten jeglicher Couleur.
Richtig entwickelt hatte sich diese Aversion bereits in den Jahren meiner Lehrzeit zum Tankwart. Zu dieser Zeit wurde ein Lehrling noch ein wenig härter angefasst als heutzutage. Mein damaliger Chef war in dieser Hinsicht nicht zimperlich. Oft bekam ich, nach meiner Meinung ungerecht, einen „Anschiss“ wegen Kleinigkeiten. Ich wusste doch so vieles noch nicht, dazu war ich ja in der Lehre, aber für ihn war das kein Argument. Auch Ohrfeigen oder Tritte in den Hintern musste ich wegstecken. Gegen diese autoritäre und für mich unakzeptable Art der Behandlung entwickelten sich bei mir starke Wutgefühle, die ich immer unterdrücken musste und fühlte mich sehr oft gedemütigt.
Meine anfänglichen Hauptbeschäftigungen bestanden darin, für zwei erwachsene Tankwarte immer die Brotzeit zu besorgen, danach den Hof der Tankstelle zu reinigen, bei zwei Werkstatthallen die Fliesen mit Salzsäure abzuschrubben, die ich vorher in einer circa 30 Ltr. fassenden dicken Glasflasche mit einem „Bollerwagen“ in einer weiter entfernten Herstellerfirma abholen musste. Beim anschließenden Schrubben der Fliesen tränten mir die Augen und der beißende Geruch der Säure stieg ätzend in meine Nase.
Warum habe ich diese Lehre zum Tankwart eigentlich angefangen? Ganz einfach, der Sohn meines Stiefvaters arbeitete auch als Tankwart und hatte immer Geld in der Tasche – es war sein Trinkgeld, welches er von Kunden bekommen hatte. Das reizte mich und da ich eigentlich nie Geld hatte, wollte ich eben auch Tankwart werden wie er. Da meine Mutter immer an permanentem Geldmangel litt, habe ich nie ein Taschengeld bekommen. Vermutlich, um mich für ein paar Stunden los zu sein, bekam ich an Sonntagen gelegentlich zwei Mark, wurde in die Stadt oder im Sommer ins Dallenbergbad geschickt, wovon schon für den Eintritt das ganze Geld fast verbraucht war. Wenn ich Durst verspürte, trank ich Wasser aus der Leitung. Ein paar Pommes waren unerreichbar, ein mitgebrachtes Wurstbrot musste reichen!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 94
ISBN: 978-3-95840-872-2
Erscheinungsdatum: 18.06.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 3
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Herbstlektüre