Alltag & Lebensführung

150 Jahre Leben lernen

Martin Fink

150 Jahre Leben lernen

Alter - Bildung - Gesellschaft

Leseprobe:

<strong>Zeitlang und Langzeit –
das Alter im Vergleich von Tier und Mensch</strong>

Mit dem Schreiben ist es so eine Sache. Die Idee reicht nicht. Das gesammelte Material ist unvollständig.
Die Zeit? Ihr Material ist unberechenbar, die Konsistenz „unzuverlässig“. Sie lässt sich nicht formen. Eben eine subjektive Zeit.
Also das zufällige, eigenwillige Zusammentreffen von Idee und Material? In Stichpunkten: Die Möglichkeit, 140 Jahre zu werden – gelesen und verlegt. Faszination geblieben. Der zeitweilig älteste Mann der Welt, ein Japaner, hat bis zum Alter von 105 gearbeitet – gelesen beim Arzt, eilig Name und Angaben notiert. Die zehn ältesten Tiere – ein Fernsehfilm. Der Mensch? – Irgendwo dazwischen.
Ein halbes Jahr geschrieben – festgeschrieben. Neu geschrieben – umgeschrieben – nicht weiter geschrieben – abgebrochen. Mit den „Tierwelten“ wieder begonnen – das andere verworfen.
Schreiben. Tag und Nacht. Der Tag nimmt, was die Nacht bereitet. Gut, dass es die Nacht gibt – den Schlaf. Zu wissen, wie es weitergeht. Noch mal schreiben – anders und doch neu. Eine verrückte Zeit. Die Nacht – mein Arbeitgeber? Der Tag – mein Arbeitsplatz?
Die kurze Zeit: eine Zeit inmitten möglicher 140 Lebensjahre und mehr – eine gute Zeit.

3. November 2004: Der NDR sendet „Tierwelten – die 10 ältesten Tiere“. Der Mensch in der Reihe der Tiere? Das lässt der Titel nicht ahnen. Und doch dreht sich alles um ihn und um die Frage, was können wir von den Methusalems im Tierreich lernen? Länger zu leben, jung zu bleiben oder gar den Tod zu überwinden? Diskret ist die Botschaft: Verbringe dein Leben, nicht die Jahre deines Daseins.
Was ist das Geheimnis des Lebens? Der Mensch liegt mit etwa 80 Jahren im Mittelfeld. Und mit jedem Tier stellen sich neue Fragen.
Die Affen, uns am nächsten, werden durchschnittlich 25 Jahre alt. Doch bei etlichen Affenarten spielen die „Senioren“ eine wichtige Rolle. Der Schimpanse (Platz 10) lebt über seine fruchtbare Zeit hinaus bis zu 60 Jahren und ist deshalb eine Ausnahme. Wenn er keine elterlichen Pflichten mehr wahrnimmt, ist er als „Großmutter“ und „Großvater“ wichtig. Ist das ein erster Hinweis darauf, warum auch wir länger leben?
Platz 9: Die Alten bei den Elefanten machen vor, was die Jungen nachahmen. In freier Natur erreichen sie in sozialen Verbänden ein Alter bis zu 60. In der Obhut der Menschen können sie 80 Jahre und älter werden. Beeinflussen richtige Pflege und Aufgaben ein längeres Leben?
Platz 8: Unter den Vögeln werden die Kolkraben gut 90 Jahre alt. Sie leben in harmonischer Einehe, was sich statistisch auch beim Menschen günstig auf ein längeres Leben auswirken soll. Das hohe Alter bei ihnen überrascht, während das der Kakadus mit über 90 uns schon eher geläufig ist.
Platz 7: Unter den Krustentieren ist es der Hummer, der gut 100 Jahre alt werden kann, wenn nicht der Mensch eingreift. Bedeuten ein geruhsames Leben und Energiesparsamkeit auch ein längeres?
Platz 6: Das nächste Tier in der Hitliste der Superalten ist ebenfalls ein Wassertier. Es kommt in heimischen, sommerkalten und nährstoffarmen Wässern vor: die Flussperlmuschel. Sie kann über 110 Jahre alt werden. Je langsamer sie wächst und je weniger Sauerstoff sie verbraucht, desto älter wird sie und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, eine wertvolle Perle in sich zu tragen. Ihre Stoffwechselrate ist äußerst gering.
Machen dem Menschen auf Platz 5 seine Fresssucht und sein übermäßiger Energieverbrauch zu schaffen? Die innere Einstellung ist nicht unbedeutend, doch es muss noch etwas hinzukommen. Liegt die Erklärung in den Genen?
Während manche Fische die Fortpflanzungsperiode nur kurz überleben, da sie danach zu Tode erschöpft sind, bringt es der Stör (Platz 4) auf ein Alter von bis zu 150 Jahren. Zuchtversuche legen die Frage nahe: Liegt das Geheimnis des Alterns in einem Methusalem-Gen? Altern wir deshalb, weil nach unserer Fortpflanzungsperiode verschiedene gegen das Leben arbeitende Gene aktiv werden? Könnten wir diese ausschalten, würde das ein längeres Leben bedeuten?
Es folgt der Grönlandwal auf Platz 3 mit einem Alter von bis zu 200 Jahren. Eine derzeit diskutierte Theorie beschreibt den Prozess des Alterns als in der Anzahl möglicher Zellteilungen begrenzt. Ein Unsterblichkeitsenzym könnte diesen Prozess stoppen und uns ein sehr viel längeres Leben bescheren.
Auf Platz 2 steht die Galapagos-Schildkröte, die ein Alter von bis zu 250 Jahren erreicht. Ihr Lebensgeheimnis dürfte in der genetischen Ausstattung, dem energiearmen, vegetarischen und sehr ruhigen Leben liegen. Ist es die Kombination?
Der Super-Methusalem ist ein großes, vielzelliges Wesen, ähnlich dem der menschlichen Zellen. Er lebt in der Antarktis auf dem Meeresboden in 140 Meter Tiefe unter kärglichsten Lebensbedingungen: Minus 20 Grad Wassertemperatur, Dunkelheit und sehr wenig zu fressen. Es ist ein Schwamm im Alter von 10.000 Jahren – potenziell unsterblich.
Möchten wir unter ähnlich harten Entbehrungen, für das Labor forschungstauglich gemacht, länger leben? Oder gibt es so etwas wie „gesellschaftliche“ Laborbedingungen, die ein sehr hohes Alter wahrscheinlich werden lassen?

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Den eigenen biologischen Takt erkennen und
mit dem sozial-gesellschaftlichen synchron halten</strong>
Der NDR-Film ist ein Meisterwerk der Inszenierung. Fast beiläufig und doch hinführend: die biologische Zeit. Scheinbar nebenbei und doch im Mittelpunkt der evolutionären Entwicklung der Tiere: der Mensch. Der biologische Takt fortschreitend und unumkehrbar. Schon der Vorspann öffnet den Blick zur Natur und lädt ein, die Mannigfaltigkeit der Kreatur zu erleben. Als sollten wir innehalten, um zu finden, worin der Mensch dem Tier überlegen ist. Die demografische Entwicklung der Gesellschaft etwa im Lichte der Methusalems des Tierreichs?
Der Mensch, noch ganz am Anfang, das Altern zu leben. Weit weg von der bislang ältesten Frau der Welt, der Französin Madame Jeanne Louise Calment, die 122-jährig verstarb. Das Werden und Vergehen gleich dem der Tiere, gebunden an von der Natur gegebene Grenzen? Wie lange können wir das Leben herausfordern? Ist es realistisch, das biblische Alter von 120 Jahren – und vielleicht noch mehr – im Blick zu haben? Sind es natürliche Besonderheiten, die die Menschen unter bestimmten Umständen sehr alt werden lassen, beispielsweise in Japan und Italien?
Eine Herausforderung an das eigene Leben, zu lernen, sich widerstands- und durchsetzungsfähig zu machen – und zu halten. Es gilt wohl einen Weg zu finden – die Begrenzung des Lebens vor Augen –, mit der jedem von uns zugeteilten Stoffwechselrate energiesparend umzugehen.
Unter den Lebewesen ist die Stellung des Menschen insofern eine herausragende, als er zwar auch, aber nicht ausschließlich instinktgeleitet ist. Das macht es möglich, der Gestaltung des Lebens eine Menge Möglichkeiten zu geben. Aber es entfällt auch, was den Tieren zur Bestimmung der Lebenszeit mitgegeben ist, das Regulierungsprinzip der „Dosierung“ artenspezifischer Energierate. Kann der hohe Entwicklungsstand der Medizin unter Nutzung der Erkenntnisse der Genforschung dies beim Menschen ausgleichen? Mögliche erbbedingte Risikofaktoren lassen sich in jungen Jahren hinsichtlich des Sterberisikos medizinisch darstellen. Und ganz allgemein: Bei ausreichender Bewegung und gesundheitsbewusster Ernährung ließen sich dem Leben noch weitere Jahre hinzufügen.
Es gibt jedenfalls eine Verpflichtung dem Leben gegenüber, der Gesetzmäßigkeit der menschlichen Natur auf der Spur zu bleiben. Sie im natürlichen Fortgang zu beobachten und den aufgespürten Erkenntnissen zu folgen. Keine Frage, das Kind und der junge Mensch sind der biologischen Prägung am stärksten unterworfen. Dem trugen die Erwachsenen zu allen Zeiten Rechnung. Und auch heute stellt sich mehr denn je die Frage, wie die „Erziehungs“-Aufgabe zu bewerkstelligen sei: in der Unterweisungs-„Vorgabe“ oder der Entwicklungs-„Begleitung“ des Heranwachsenden. Solche Überlegungen erfordern „Konzepte“, die dem Individuum in der Entfaltung seiner Entwicklungsmöglichkeit weniger oder mehr Freiheit – mehr oder weniger verantwortbare Lebensgestaltung zugestehen bzw. abverlangen.
In der Darstellung der kindlichen Entwicklung folge ich den Überlegungen Maria Montessoris (1870–1952), die als Assistenzärztin und erste Ärztin Italiens überhaupt in der psychiatrischen Universitätsklinik zu Rom schwachsinnigen Kindern begegnete und mit den Erfahrungen der französischen Ärzte Itart und Séguin zur Förderung der Sinneswahrnehmung geistig Behinderter schließlich eine Schule gründete. Sie erprobte verbesserte Unterrichtsmaterialien und beobachtete deren Erfolg bei den Kindern. Die Entwicklung des didaktischen Materials, das schwachsinnige und später auch verwahrloste (normal begabte) Kinder zu formen begann, ist von der anfänglichen Schlüsselbeobachtung des Gebrauchs der Hand für die Ausbildung von Fähigkeiten (Intelligenz) geprägt. Kinder lernen anders, das findet Montessori schnell heraus.
Die Vermutung, das Lernen der Kleinen folge Gesetzen der Natur, wird durch Veröffentlichungen des niederländischen Biologen H. de Vries zur Entwicklung von Insekten bestärkt: Es geht dabei um eine Raupenart, die von der entgegengesetzten Ablagestelle der Eier – nämlich der Schutz bietenden, wo der Ast den Baum verlässt – als Raupenwürmchen schnell zu den zartesten Blättern am Ende der Zweige vordringt, und zwar mit Hilfe der Lichtorientierung. Das Seltsame ist, die Raupe verliert ihre Lichtempfindlichkeit, sobald sie sich in anderer Weise ernähren kann. Die Empfänglichkeits-Phase nennen Montessori wie de Vries „sensible Periode“. So entwickelt sich jeder Charakterzug aufgrund eines Impulses und während einer eng begrenzten Zeitspanne. Das Wachstum etwa ist nicht ein unbestimmtes Werden, ererbt und dem Lebewesen eingeboren, sondern das Ergebnis einer inneren Arbeit, die von periodisch auftretenden Instinkten sorgfältig geleitet wird. Diese Instinkte nötigen das Lebewesen in gewissen Stadien seiner Entwicklung zu einem Energieaufwand, der sich oft einschneidend von dem des erwachsenen Individuums unterscheidet.
Das in der Tat Wunderbare dieser instinktgeleiteten Entwicklungsstadien ist die „mühelos“ fotografisch exakte Fixierung einer Fähigkeit (Montessori nennt sie „Charakterisierung“) im „vitalen Gedächtnis“. Die beim Kind noch unbewusste Geistesform, die eine schöpferische Kraft besitzt, wird „absorbierender Geist“ genannt, während sich die Geistestätigkeit des Erwachsenen auf „Aufmerksamkeit, Willensanstrengung und Verstand“ stützt. Montessori veranschaulicht den unterschiedlichen Lernvorgang: Im Falle der dem Unbewussten anvertrauten Sprache bricht das Erworbene nach außen kurz nach dem zweiten Lebensjahr. Die Besonderheiten der Laute, der Vor- und Nachsilben, der Deklinationen und Konjugationen und des Satzbaues haben darin ihren Platz eingenommen. Das ist dann die unverlierbare Muttersprache: Das Kennzeichen eines Volkes.

Der Pädagoge hat die Aufgabe, das dem Kind Eigene zur Entfaltung zu bringen. Wie bei ihm liegt es im Erziehungsauftrag der Institution des Kindergartens und der Schule sowie der Eltern, das Kind bei der Bündelung der Aufmerksamkeit durch ausgewähltes (Spiel-)Material und gestaltende Lernatmosphäre zu unterstützen. Denn die optimale Empfänglichkeit der jeweiligen Phase – analog eines „Entwicklungsfensters“ – ist als „natürliches Interesse“ nur für ein bestimmtes Zeitintervall gegeben. Der mühelos erreichte Kompetenzgewinn führt zur schrittweisen personalen Unabhängigkeit.
Daraus lässt sich folgern: Auch im Leben des Erwachsenen gibt es innerlich steuernde Gesetzmäßigkeiten der Natur, die Entwicklungsumbrüche und Stabilisierungsphasen darstellen. Das heißt, es gibt Zeiten, die den Einzelnen fordern, auf natürliche Lebensveränderungen zu reagieren. Doch dann nicht mit „vorbereiteter Umgebung“ durch andere, sondern im ausschließlichen Gestaltungswillen des Einzelnen. Es ist anzunehmen, je stärker mit zunehmendem Lebensalter die zukunftsschauende Orientierung zum gestaltenden Lebenswillen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, ein hohes Lebensalter zu erreichen. Das Lernen vollzieht sich nun willentlich, als Prozess der personalen Ausei­nandersetzung mit der Umwelt.
In der Entwicklungsphase der Pubertät, dem Übergang vom Kind zum Erwachsenen, braucht der meist noch sehr verschlossene, aber sich schon stärker nach außen orientierende Heranwachsende eine ihm zugewandte Umgebung (Eltern, Schule) und offene Ohren in der Öffentlichkeit.
Viele von uns glauben, dem Zeitpunkt des beginnenden Alterns mit 40 Jahren kurz begegnet zu sein, ohne dem größere Bedeutung beizumessen. Doch das Altern kommt schleichend daher und wird besonders spürbar in den Wechseljahren. Vor allem natürlich bei der Frau, aber auch beim Mann in zunehmendem Maße, insbesondere wenn soziale Konfliktsituationen hinzukommen wie z. B. der drohende Verlust des sicher geglaubten Arbeitsplatzes.
Der biologischen Umbruchphase beim Übergang vom Kind zum jungen Menschen und der sozialen um die 60 wird also unsere Aufmerksamkeit zukommen müssen. Jeder, der älter wird, merkt, wie er dünnhäutiger auf Unannehmlichkeiten und Ungereimtheiten des mitmenschlichen Umgangs reagiert.
Also was tun, um sich mit seiner Umwelt im Gleichgewicht zu wissen oder wieder dorthin zu gelangen? Eine Regulierung des Energieverbrauchs auf „niedrigerem Niveau“? Was lange unerreichbar schien, gewinnt als individuell realisierbar hohe Aktualität: das Anvisieren einer Altersplattform, die ein verlangsamtes Altern verheißt, eine von Altersforschern ergründete Fundstelle des Alterungsprozesses um die 85, die Hochbetagten Mut machen und den Jüngeren Ansporn sein kann.
Ich denke an die freundschaftlichen Begegnungen mit einer älteren Bewohnerin eines Seniorenwohnheimes abseits der Stadt, die mir Einsicht in ihr Leben gab. Ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie damals in der eng umgrenzten, parkähnlichen und dennoch die Weite der Natur beherbergenden Anlage des Altenheimes Anschluss an frühere, ihr lieb und wichtig gewordene Lebensgewohnheiten suchte. Wie sie den Kampf aufnahm mit einer heimtückischen Krankheit – diese besiegt glaubte und dabei ungeahnte Energien freisetzte. Kein Zweifel, was sich da vor meinem geistigen Auge auftat, aber sich durch die ungünstigen Bedingungen des Umfeldes nicht zum Positiven wenden konnte, ist einzig als Entwicklungsphänomen des relativ hohen Alters zu sehen.
Und meine Gedanken verweilen bei einer weiteren älteren Frau, die vor allem wohl von der Lebensfülle der ihr gebliebenen alten Umgebung profitierte. Sie gehörte zum Stadtbild auch meiner gewohnten Umgebung, dem etwas nördlich von Frankfurt am Main gelegenen Bad Nauheim. Wie zu beobachten war, erledigte sie vieles alleine, manches auch mit der Tochter. Durch meinen Umzug verlor ich sie dann aus den Augen.

In der physiologischen Entwicklung überrascht die Präzision der Entwicklungsabläufe. Folgen wir den Fruchtbarkeitsphasen von Frau und Mann sowie den jeweiligen Zeiten danach: Während Männer normalerweise befruchtungsfähige Spermien bis ins hohe Alter bilden, stehen Frauen nur etwa 400 gesunde, sprungreife Eizellen in den Eierstöcken zur Verfügung. Fängt der Verbrauch der Eizellen (Beginn des Eisprungs) mit etwa 13 Jahren an, so sind die 400 Eizellen in 400 Monaten (etwa 30 Jahre) aufgebraucht. Dann gerät das System durcheinander. Die Eierstöcke produzieren immer weniger Hormone, von den wenigen verbliebenen Eiern gelangen immer seltener welche zum Eisprung … Dieses unwiderrufliche Ende der Eierstockfunktion wird Menopause genannt. Die Wechseljahre beginnen also je nach Einsetzen des ersten Eisprungs zwischen 45 und 55.
Frauen erleben in den Wechseljahren durch das Versiegen des Sexualhormons Östrogen einen erkennbaren Hormonknick. Bei Männern ebbt die Testosteron-Produktion nur langsam ab. Man sagt, etwa ein Prozent weniger Hormonausschüttung pro Jahr, beginnend im dritten Lebensjahrzehnt: Bei etwa einem Drittel aller Männer über 60 Jahre ist ein Testosteron-Mangel nachweisbar. Nicht alle Männer leiden darunter. Man muss heute den Begriff ‚Wechseljahre‘ auch für den Mann als Krankheitsbild akzeptieren. Die (biologischen) Wechseljahre des Mannes sind vielfach identisch mit der sozialen Krisenzeit des Übergangs von der Erwerbstätigkeit ins (vorzeitige) Rentenalter, zwischen 55 und 65.

Was früher dem Leben anpassbar schien, klafft heute zunehmend in den Lebens- und Verhaltenskomponenten auseinander. Zum oft nicht mehr funktionierenden Zusammenwirken des biologischen Lebenszyklus mit dem sozialisationsbedingten Rhythmus ein Vergleich: In den letzten Jahren hat für mich eine Uhr Bedeutung gewonnen, etwa 110 Jahre alt. Eine Schwarzwälder Uhr. Ich hatte sie vor Jahren antiquarisch erworben. Relativ günstig. Mit dem Uhrwerk stimmte etwas nicht. Nun läuft sie seit geraumer Zeit, abgesehen von einigen Eigenheiten. Ihr Schlag ist dumpf, fast scheppernd. Durchdringend. Vom Schlag der Kirchturmuhr unterscheidet sie sich wenig. Das Herunterrattern der angerosteten Gewichte an der grob gegliederten Kette ist förmlich zu hören. Ohne mein tägliches Eingreifen – das Aufziehen wäre die ihr gegebene Zeitdauer im 24-Stunden-Rhythmus zu Ende. Wird sie etwas verrückt, was beim Aufziehen der schweren Gewichte passieren kann, lässt sie über Stunden probieren und rätseln, welche für sie gewohnte Lage die beste sei. Fast schon pedantisch. Jeder zehntel Millimeter zählt. Der Abstand zur Wand – unten etwas mehr als oben. Das Charakteristische an der Uhr? Ihr Charme und die vielen Unberechenbarkeiten – ich habe mich arrangiert. Da ist noch das Schlagwerk. Vom Uhrwerk getrennt. Als hätte das eine mit dem anderen nichts zu tun. Sollte ich vergessen haben, ihr durch Aufziehen neue Zeit zu geben, blockiert sie. Der Schlagrhythmus stimmt nicht mehr. In langer Beobachtungszeit war herauszufinden, was zu tun ist, um gezielt ins Schlagwerk einzugreifen. Zunächst hin und wieder, in letzter Zeit, symptomatisch häufiger, rückt der volle Stundenschlag an die Stelle des davorliegenden halben. Dann auch mal eine ganze Stunde weiter. Die Werke noch synchron? Über lange Zeit musste ich kaum eingreifen, dann häufiger. Die gewissenhafte Beachtung ihres Schlag-Verhaltens hilft mir, den Überblick zu behalten. Durch die Zeitansage, den mir vertraut gewordenen Schlag, tritt sie nach außen. Im Halbstunden- und Stundentakt. Ich brauche das Heraustreten aus ihrer zeitlichen, „biologischen“ Anonymität – der „Gewohnheit“ des bisweilen eigenwilligen Schlag-Rhythmus auf der Spur.
Was lange im individuellen Lebensablauf synchron war, der biologische und der sozial-gesellschaftliche Ablauf, beide scheinen auseinanderzugehen: schon bei der „Bereitstellung“ des Nachwuchses und zunehmend beim Übergang ins Rentenalter. Als würde sich Neues erst einen Weg bahnen müssen und als könnte man auf Gewohnheit und traditionelle Einlassung nicht mehr vertrauen, plötzlich mit völlig anderem konfrontiert. Liebgewonnenes und verinnerlicht Geglaubtes nicht fortsetzbar?
In einem einzigen Menschenleben kann sich Gewaltiges ändern. Man denke allein schon an die Erfahrung, vorzeitig nicht mehr zu den Erwerbstätigen zu gehören. Die Vollmitgliedschaft in der Gesellschaft aufgekündigt zu sehen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-99003-313-5
Erscheinungsdatum: 30.05.2011
EUR 12,90
EUR 7,99

Herbstlektüre