Kinder und Jugend

Die Abenteuer der drei Giraffen

Leonora Frank

Die Abenteuer der drei Giraffen

Leseprobe:

Die drei Giraffen bekommen einen Jeep

Es war friedlich unter dem großen Akazienbaum. Die größte Hitze der Mittagszeit hatten die Giraffen im Schatten verbracht, und jede hatte saftige Blätter gegessen. Jetzt war Claudelle am Dösen, während Agathe Mimí aus einem Roman vorlas.
„… die junge Schauspielerin fuhr mit ihrem wunderschönen Cabriolet durch die Stadt und …“
„Was ist ein »Cabriolet«?“, fragte Mimí.
„Ein Cabriolet ist ein Auto, bei dem man das Dach abnehmen kann“, antwortete Agathe, die sehr gebildet war und die Antwort zu jeder Frage hatte.
„Wieso macht man das?
Und wie nimmt man ein ganzes Dach weg? Das muss sehr schwierig sein.“ Mimí war neugierig.
„Na ja, ich denke, so kann man das schöne Wetter besser genießen, wenn die Sonne scheint. Und den Wind durch das Fell zu spüren ist auch angenehm“, erklärte Agathe.
„Und wieso baut man die Autos nicht gleich ganz ohne Dach?“
„Und was soll man machen, wenn es regnet?“, fragte Claudelle, die von ihrem Halbschlaf erwacht war. „Es ist sicher nicht praktisch, ein Auto ohne Dach zu fahren, wenn es regnet.“
„Hm, das leuchtet mir ein“, sagte Mimí.
„Ja, es ist wie die Schale einer Banane“, fuhr Claudelle fort, „es ist besser, sie zu haben, auch wenn man sie nicht braucht, als sie nicht zu haben.“
Mimí schaute fragend zu Agathe, weil sie das mit der Bananenschale nicht verstand.
„Ich glaube, Claudelle möchte Regenmantel sagen“, korrigierte Agathe. „Es ist besser, einen Regenmantel zu haben, den man anhat, wenn es regnet und ausziehen kann, wenn es nicht mehr regnet, als gar keinen Regenmantel zu haben. Dann wird man garantiert nass.“
„Ähm- – ja, genau.“ Claudelle wurde leicht rot im Gesicht unter ihren schönen Giraffenflecken.
„Ah, ich verstehe“, nickte jetzt Mimí, die diesen Vergleich gut verstand. „Und wie macht man das Dach weg?“
„Also in der letzten Ausgabe von »Auto Heute« hat gestanden, dass das Dach aus wasserfestem Stoff ist. Dazu lassen sich die heutigen Cabrios per Knopfdruck umwandeln“, wusste Agathe die Antwort. „Früher war es anders. Früher musste der Fahrer aussteigen und das Dach von Hand entfernen. Dieses hat man dann im Kofferraum verstaut.“
„Ich hätte auch gerne ein Cabrio“, meinte Mimí und war schon ganz in Gedanken verloren und stellte sich vor, sie wäre die junge Schauspielerin …
„Wenn wir ein Auto hätten“, träumte auch Claudelle vor sich hin, „könnten wir unsere Cousinen im Süden besuchen. Sie wissen immer alles über die neueste Fellpflege.“
„Oder in die Wüste fahren und auf Nomaden treffen“, wünschte sich Agathe.
Alle drei Schwestern waren in Tagträumereien versunken, als sie plötzlich ein Grollen hörten.
„Was ist das?“, reagierte Claudelle als Erste. „Es kann kein Donner sein, denn die Sonne scheint und es ist gar keine Wolke am Himmel zu sehen.“
„Und eine Herde Elefanten ist es auch nicht, denn sie bringen immer die Erde unter den Füßen zum Beben, aber die Erde ist ruhig“, teilte Agathe ihre Gedanken mit.
„Da, hinter dem großen Felsen“, deutete Mimí mit einem Bein in diese Richtung.

Die drei Giraffen beobachteten eine große Staubwolke, die sich auf sie zu bewegte. Als die Wolke näher kam, konnten sie erkennen, dass das Grollen von einer Art Sofa auf vier Rädern kam.
„Das ist ein Auto!“, sagte Claudelle verblüfft.
„Das ist nicht nur ein Auto“, korrigierte Agathe, „das ist ein Jeep. Und noch dazu ein Cabrio!“
„Und was bedeutet »Jeep«?“, fragte Mimí, die bis jetzt nur die Autos aus Agathes Beschreibungen kannte.
„Ein Jeep ist ein Auto, das auch ohne Schwierigkeiten außerhalb der Straßen fahren kann. Es kommt mit Löchern im Boden zurecht, aber auch mit Steinen und Gras. Deswegen kann es auch hier bei uns im Park fahren.“
Als der Jeep in der Nähe der Giraffen war, blieb er plötzlich stehen.
Die Schwestern konnten jetzt erkennen, dass drei Menschen drinsaßen.
Einer blieb hinter dem Lenkrad, die anderen stiegen aus und näherten sich noch ein wenig zu Fuß. Sie hatten alle kleine, schwarze Gegenstände in den Händen, die sie einmal vor die Augen hielten, einmal wieder runternahmen. Das wiederholten sie mehrmals.

„Kommt“, sagte Claudelle energisch, „lasst uns zu ihnen gehen. Vielleicht können sie mir etwas über die neueste Mode in anderen Regionen des Parks erzählen.“ Während sie das sagte, galoppierte sie freudig in Richtung Jeep.
Als die Männer das riesige Tier sahen, das schnell auf sie zukam, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Schnell stiegen sie wieder in ihr Auto ein. Einer davon war so erschrocken, dass er das kleine, schwarze Kästchen fallen und liegen ließ. Sie schrien und fuchtelten mit den Händen! Alle schienen auf den Fahrer einzureden, und dieser schrie zurück und zeigte aufs Auto.
„Hmpf hmpf hmpf“, kam ein Geräusch aus dem Auto, aber es war nichts Vergleichbares zu dem Grollen von vor einigen Minuten.
„Hmpf hmpf hmpf.“
„Hmpf hmpf hmpf.“

Claudelle war schon fast bei den Menschen angekommen, die Touristen sein mussten, denn diese benahmen sich immer alle gleich. Außerdem konnte man Touristen an diesen kleinen, schwarzen Kisten erkennen, die sie alle um den Hals trugen. Plötzlich sprangen alle aus dem Auto raus und liefen schnell davon.


„Was ist denn?“, Claudelle war enttäuscht, dass sie jetzt niemanden über die neueste Mode ausfragen konnte. „Weshalb laufen diese Menschen so aufgeregt weg?“
Agathe und Mimí stießen zu Claudelle. Die drei Schwestern beobachteten, wie sich die drei Touristen entfernten, bis sie ganz verschwunden waren. Die kleine schwarze Kiste, die noch am Boden lag, legte Agathe in das Handschuhfach.
„Wieso haben sie das Auto da stehen gelassen?“, fragte Mimí und beschnupperte skeptisch den Jeep.
„Hast du nicht gehört, wie es ganz andere Geräusche gemacht hat, als sie wegfahren wollten?“, fragte Agathe, die wie immer mit ihrem scharfen Beobachtungssinn bemerkt hatte, dass mit dem Auto etwas nicht stimmte. „Ich glaube, das Auto ist kaputt.“
In der Zwischenzeit war Claudelle schon in den Jeep eingestiegen. Es war nicht schwierig gewesen, da er keine Türen hatte. Die langen Beine von Claudelle hatten ausreichend Platz. Es war sogar sehr bequem hinter dem Lenkrad. Die zwei anderen Giraffen folgten ihrem Beispiel und stiegen auch ein. Agathe nahm vorne Platz, neben der ältesten Schwester, Mimí hinten auf der Rückbank.
„Brumm, brumm“, machte Claudelle, die wie ein Kind sich mit Freude vorstellte, sie könne wirklich mit dem Auto fahren.
„Claudelle!! Probier doch mal zu fahren. Der Schlüssel steckt noch“, forderte Mimí ihre Schwester auf.
Claudelle drehte vorsichtig den Schlüssel, aber es kam nur ein dumpfes „Hmpf hmpf“.
„Nein, das Auto funktioniert nicht mehr“, bestätigte Agathe enttäuscht.
Eine Weile blieben die Giraffen sitzen. Sie waren traurig, weil der Motor nicht startete.
„Einen Versuch war es wert“, meinte Claudelle und stieg als Erste wieder aus, die Schwestern folgten ihr.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Mimí Agathe.
„Es tut mir leid. Mit Autos kenne ich mich nicht gut aus. Ich weiß nicht, was ihm fehlt.“
„Die ganze Aufregung hat mich wieder hungrig gemacht“, sagte Claudelle. „Wenn das Auto nicht fährt, schlage ich vor, dass wir uns um das Vor-Abendessen-Essen kümmern.“
„Du hast recht“, bestätigte Agathe, „es ist eine gute Zeit, einige Blätter zu essen.“ So gingen die drei Schwestern auf Futtersuche.
Kaum hatten sie sich zu einer guten Portion Blätter verholfen, hörten sie eine bekannte Stimme.
„Hallo Giraffen.“ Es war Timbo, der Elefant. Timbo war ein langjähriger Freund der Giraffen. Er kam jedes Mal auf einen Besuch vorbei, wenn er auf Wanderung war.
Timbo war sehr groß und seine Ohren waren wie riesige Schmetterlinge. Er hatte nicht so lange und dünne Beine wie seine Freundinnen, sondern die seinen waren kräftig und breit. Trotzdem konnte er bis 40 km/h schnell laufen! Aber im Normalfall hatte es Timbo nicht eilig. Er war von friedlicher Natur und lief gemütlich durch die Gegend auf der Suche nach Futter und Wasser.
„Hallo Timbo“, grüßten Claudelle, Agathe und Mimí zurück. „Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut, danke. Ich war gerade unterwegs zum Wasserloch nördlich von hier, da habe ich einen Jeep mit Touristen gesehen. Er ist in eure Richtung gefahren. So habe ich mir gedacht, dass auch ich euch wieder besuchen könnte.“
„Timbo, Timbo“, Mimí hüpfte umher und packte Timbo am Ohr. „Schau, da ist der Touristenjeep. Die Touristen sind weg und haben das Auto allein zurückgelassen. Es ist kaputt und fährt nicht mehr.“
„Und wo sind die Menschen hin?“, fragte Timbo zurück.
„Sie haben Claudelle gesehen und sind davongelaufen. Ich glaube, sie war ihnen nicht schön genug.“ Mimí konnte es einfach nicht lassen, ihre älteste Schwester zu necken.
„Also so was!!“, antwortete Claudelle empört. „Das kann gar nicht sein – bei meinem schönen Fell und den außerordentlich glänzenden Flecken …“
„Und es funktioniert wirklich nicht?“, fragte Timbo.
„Nein. Man kann den Schlüssel drehen, aber es passiert nichts.
Es macht nur »Hmpf hmpf hmpf«“, antwortete Agathe.
„Vielleicht ist es ja nur verstopft“, meinte Timbo.
„Verstopft?“, fragten die drei Schwestern gleichzeitig.
„Ja. Ich habe einmal meinen Onkel Duran besucht. Er arbeitet in einem Lager mit den Menschen zusammen. Da habe ich gesehen, wie er ein Auto entstopft hat.“
„Und du könntest das auch?“, fragte Agathe voller Hoffnung. Auch die zwei anderen Giraffen hörten Timbo aufmerksam zu.
„Jeder Elefant kann das! Es ist eine Sache der Ehre. Kommt, ich zeig’s euch.“ Timbo ging zum Jeep, und die Giraffen folgten ihm. Timbo öffnete zuerst die Motorhaube und schaute hinein.
„Claudelle, kannst du bitte den Motor anlassen? Ich muss hören, welche Geräusche er macht.“
„Hmpf hmpf hmpf“, tönte es wieder, als Claudelle den Schlüssel drehte.
„Ah ja. Eindeutig verstopft.
Das passiert, weil sie beim Fahren immer so viel Staub aufwirbeln. Da hilft nur eins …“
Timbo ging zur Rückseite vom Auto, legte seinen Rüssel an den Auspuff und blies ganz kräftig hinein.
„Triiiiiiiii“, ertönte es vermutlich im ganzen Serengeti Nationalpark. Gleichzeitig entwich dem Motorraum eine riesige Staubwolke.
„So, da habt ihr die Ursache für die Verstopfung. Jetzt sollte alles wieder in Ordnung sein.“
„Schnell, Claudelle! Probiere es jetzt noch mal“, forderten Agathe und Mimí Claudelle auf.
„Wroum, wroum wroum!!“, startete der Motor diesmal sofort und machte ein gleichmäßiges Geräusch.
„Hurra! Timbo, du bist der Beste!“ Claudelle stieg wieder aus und gab Timbo einen kleinen Kuss auf die Wange, um sich bei ihm zu bedanken. „Das Auto funktioniert wieder! Jetzt können wir überall hinfahren, wohin wir wollen! Zu den Cousinen in den Süden …“

Format:
Seitenanzahl: 188
ISBN: 978-3-99064-516-1
Erscheinungsdatum: 22.01.2019
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