Kinder und Jugend

Der Drache von Basel

Jeannine Piesold

Der Drache von Basel

Abenteuer eines Basilisken

Leseprobe:

Der Drache von Basel

Der achtjährige Max schaut zum Autofenster hinaus. Er sieht zu, wie sie gerade an einem langsamer fahrenden Fahrzeug vorbeiziehen. Er und seine Eltern sind heute unterwegs nach Basel zu Oma und Opa. Auf Opa freut sich Max ganz besonders, denn er kennt so viele spannende Geschichten.
Kurze Zeit später kommen sie schon beim Haus von Oma und Opa an. Es ist ein kalter und nasser Novembertag. Deshalb beeilt sich Max, um möglichst rasch ins Haus zu kommen. Freudig werden er und seine Eltern begrüßt.
Nach dem Mittagessen verabschieden sich seine Eltern. Sie wollen heute mal Zeit alleine verbringen und Max darf bei Oma und Opa bleiben. Opa will mit Max in die Stadt fahren. Dort gibt es jede Menge zu sehen. Max schaut etwas misstrauisch. Eine Stadt mit vielen langweiligen Gebäuden kann doch nicht spannend sein, denkt er sich. Mit Opa ist es aber immer lustig und so machen sich die zwei auf den Weg.
Zuerst kommen sie auf den Barfüsserplatz, wo auch die Barfüsserkirche steht. Max muss über den lustigen Namen lachen. Opa erklärt ihm, dass dort früher die Franziskanermönche gelebt haben. Die sind immer barfuß gelaufen. Deshalb heißen die Kirche und der Platz auch so. Die Basler nennen den Platz auch Seibi. Dort wurde jahrhundertelang Handel getrieben mit Holz, Kohle und auch Schweinen. Wegen den Schweinen hat der Platz seinen zweiten Namen bekommen, also Seibi für Sauplatz.
Sie gehen weiter zum Münster hinauf. Max bestaunt diese große rote Kirche mit den vielen zum Teil lustigen Skulpturen drum herum. Ganz besonders gefällt ihm der Ritter, welcher gerade den Drachen mit seiner Lanze besiegt. Hinter der Kirche gibt es einen kleinen Platz, die Pfalz. Schon wieder so ein komischer Name, denkt sich Max. Von dort aus sieht man fast die ganze Stadt. Auch den Rhein, der Fluss, der mitten durch Basel fließt, sieht man gleich unten dran vorbeiziehen. Die Treppe hinunter kommen die zwei zur Münsterfähre. Es ist eine der vier noch heute in Betrieb stehenden Fähren in Basel. Voller Freude besteigt Max die Fähre. Opa lächelt Max an und fragt: „Hörst du das? “ Max schüttelt fragend den Kopf. Opa grinst noch breiter und sagt: „Genau. Man hört nichts. Die Fähre hat nämlich keinen Motor. Sie fährt alleine durch die Strömung des Rheins. Je tiefer das Boot durch das Gewicht im Wasser liegt, umso schneller fährt sie. Wenn es mal besonders schnell gehen soll, weil ein Schiff kommt, dann kann der Fährmann zusätzlich mit einem Paddel nachhelfen.“
Die Fahrt ist schnell vorbei und Max bettelt Opa an, sitzen bleiben zu dürfen und wieder mit der Fähre zurückzufahren. Opa gibt schnell nach und hält derweil einen Schwatz mit dem Fährmann. Als Opa zurückkommt, erzählt er Max, dass man in Basel immer wieder sagt: „Erzähl das doch dem Fährimaa“, wenn man etwas nicht so richtig glaubt, was man gerade erzählt bekommen hat. Man hat hier früher wohl viele Geschichten ausgetauscht. „Und das hast du jetzt auch gerade getan?“, fragt Max erstaunt. „Nein“, sagt Opa lachend. „Ich habe mich einfach so mit ihm unterhalten.“ Und schon ist auch diese Fahrt wieder vorbei.
Sie laufen zur Wettsteinbrücke. Dort beim Brücken-kopf steht auf einem Sockel ein großer Drache. Opa erklärt, dass die Figur kein Drache, sondern ein Basilisk ist. Max schaut Opa verwundert an und fragt: „Opa, was ist ein Basilisk?“ „Der Basilisk ist ein Fabelwesen, also eine Fantasiefigur. Dazu gibt es eine tolle Geschichte. Am besten erzähle ich sie dir zu Hause bei einer warmen Tasse Schokolade. Mir ist nämlich langsam kalt.“ Max ist so aufgeregt, dass er selber ganz vergessen hat, wie kalt es ist. Der Vorschlag von Opa klingt deshalb sehr gut und so laufen sie zur Haltestelle hinüber.
Als sie dort ankommen ruft Max: „Schau, Opa, da kommt ja schon die Straßenbahn!“ Opa erklärt: „In Basel ist das ein Trämli. Und siehst du? Es ist so grün wie der Basilisk. In Basel ist der Basilisk nicht nur der Wappenhalter, sondern auch so etwas wie ein Maskottchen. Es gibt einen Radiosender, der so heißt, und ganz viele Brunnen mit einem Basilisken drauf. Früher standen sogar auf der Wettsteinbrücke vier große Basilisken. Als die Brücke wegen dem vielen Verkehr größer gemacht werden musste, kamen leider auch die Figuren weg. Jetzt ist nur noch der eine beim Brückenkopf dort.“
Das Trämli hält an und beide steigen ein. Max setzt sich ans Fenster und freut sich schon auf Opas Geschichte. Da hört er plötzlich eine alte Frau giftig sagen: „Kannst du nicht mit dem Gepolter aufhören? Du ungezogener Bengel!“ Max schaut erschrocken zu der alten Dame vor ihm. Er war so in Gedanken, dass er gar nicht gemerkt hat, wie er mit dem Fuß gegen den vorderen Sitz geklopft hat. Die alte Dame schaut ihn böse an und steht auf, um auszusteigen. Opa grinst, stößt Max freundlich mit dem Ellenbogen in die Seite und sagt: „Es sind in Basel wohl noch nicht alle Drachen ausgestorben.“ Max muss lachen und auch Opa bekommt einen bösen Blick von der alten Dame zugeworfen, bevor diese nun aus dem Trämli aussteigt.



Der stolze Hahn

Kurz darauf sind sie zurück bei Oma. Sie begrüßt die beiden freundlich. Während Opa und Max in der Stadt waren, hat sie einen Apfelkuchen gebacken. Max bekommt ein großes Stück davon und dazu eine Tasse warme Schokolade. Er setzt sich zu Opa ins Wohnzimmer und macht es sich bequem. Endlich fängt Opa an zu erzählen:

Es war einmal in Basel ein wunderschöner Hahn namens Valentino. Seine Federn glänzten in der Sonne und hatten die schönsten Farben. Er wurde von allen bewundert. Alle Hennen gackerten aufgeregt, wenn er an ihnen vorbei stolzierte und viele wünschten sich, dass er sie ebenfalls beachtete. Doch Valentino war ja etwas ganz Besonderes und wollte sich auch nur mit einer besonderen Henne abgeben. So vergingen die Jahre und keine Henne war gut genug für ihn. Valentino wurde immer älter. Die Hennen, die ihn einst bewundert hatten, hatten längst das Interesse an ihm verloren und einen anderen Hahn gefunden. So beschloss Valentino eines Tages weiterzuziehen, um seine große Liebe zu finden. Kurz darauf kam er an einen Hof mit vielen Hennen. Sein Aussehen erregte sofort Aufmerksamkeit. Mit hervorgestreckter Brust präsentierte er seine farbigen Federn und stolzierte an den Hennen vorbei auf und ab. Diese fingen leise an zu gackern. Valentino fühlte sich dadurch noch mehr angestachelt, sich zu präsentieren. Doch dann hörte er, wie eine der Hennen sagte: „Der sieht ja schon nicht schlecht aus, aber was sollen wir denn mit so einem alten Gockel?“ Als Valentino das hörte, zog er beleidigt weiter. Doch auch auf den anderen Höfen ging es ihm nicht besser.
Nach einer Weile kam Valentino zu einem abgelegenen Wald. Es wurde schon langsam dunkel. Er war hungrig, müde und fühlte sich so einsam wie noch nie. Von der weiten Reise waren seine Federn schmutzig geworden und entsprechend war auch von seinem Stolz nicht mehr viel übrig. Niedergeschlagen setze er sich auf den Boden. Da zischte es plötzlich hinter ihm: „Kannst du nicht aufpassen?“ Erschrocken drehte sich Valentino um und erblickte eine wunderschöne Schlange. Er hatte sich aus Versehen auf ihren Schlafplatz gesetzt. Nun schaute er sie sprachlos an. „Kannst du dich nicht einmal entschuldigen?“, zischte die Schlange weiter. Valentino fing an zu stammeln: „Ent … Ent … Entschuldigung.“ Die Schlange verdrehte genervt die Augen und machte es sich an ihrem Schlafplatz bequem. Valentino konnte die Augen nicht von ihr lassen und spürte ein Kribbeln im ganzen Körper. Die Schlange war wunderschön. Sie war ganz grün, aber die verschiedenen Grüntöne leuchteten wie ein Edelstein. Ein Smaragd hätte nicht schöner aussehen können. Aufgeregt lief Valentino hin und her, um die Aufmerksamkeit der Schlange zu erregen. Die Schlange schaute ihn empört an. „Weißt du eigentlich, wer ich bin? Ich bin Gloria, die schönste Schlange weit und breit. Schon viele Schlangenmännchen haben mich verehrt, aber ich möchte jemand ganz Besonderen.“ Valentino schaute sie erschrocken an. Traurig sagte er: „Das habe ich auch gedacht. Ich war der schönste Hahn von Basel, aber niemand war gut genug für mich. Und jetzt bin ich nur noch einsam.“ Valentino erzählte Gloria die ganze Geschichte. Gloria wurde nachdenklich. Auch sie war mittlerweile sehr einsam und Valentino tat ihr irgendwie leid. So beschloss sie, Valentino zu helfen und ihn bei sich aufzunehmen. Sie teilte mit ihm ihren Schlafplatz und zeigte ihm, wo man Wasser und Essen finden konnte. Die beiden freundeten sich mit der Zeit immer mehr an, und nach ein paar Jahren waren sie unzertrennlich.
Eines Tages war es dann so weit und Valentino legte ein Ei. Stolz schauten es die beiden werdenden Eltern an. Sie freuten sich auf ihr gemeinsames Kind. Liebevoll rollte sich Gloria um das Ei, damit es nicht kalt wurde, bis das Kind schlüpfte. Die nächsten vier Wochen blieb Gloria auf dem Ei liegen und wurde von Valentino mit Essen versorgt. Beide konnten es kaum erwarten. Dann war es so weit. Es war ein heißer Sommertag und die Gewitterwolken zogen auf. Es fing an zu blitzen und donnern. Mitten in diesem heftigen Gewitter fing sich das Ei an zu bewegen. Dann, mit einem heftigen Ruck, schaute plötzlich ein kleiner Kopf heraus. Nach und nach schlüpfte es ganz aus dem Ei. Gerührt schauten sich Valentino und Gloria an. Der Kopf ihres Sohnes hatte einen Schnabel, einen Kamm und war dem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten. Auch die Flügel und die Füße hatte er vom Vater. Der lange Hals, die grüne Farbe und die eher schlanke Statur waren ganz die Mama. Man konnte die Schönheit der Eltern in ihrem Sohn wiedererkennen. Die Eltern wussten sofort, dass ihr Sohn etwas ganz Besonderes war. Sie wussten aber auch, dass das Probleme mit sich bringen würde. Es gibt immer welche, die neidisch sind oder Angst haben. Deshalb beschlossen sie, ihren Sohn zu verstecken und ihn im Wald großzuziehen. In Erinnerung an Basel, die Heimatstadt von Valentino, nannten sie ihren Sohn Basilius.
Basilius genoss eine unbeschwerte Kindheit. Der Wald war ein toller Ort, um groß zu werden. Es gab überall viel zu entdecken. Es lebten nur ganz wenige Tiere in dieser abgelegenen Gegend und mit denen schloss Basilius schnell Freundschaft. Er hatte viel Fantasie und wusste immer neue Dinge, die man spielen konnte. Nur von seinem großen Stolz fühlten sich die anderen immer mal wieder etwas gestört. Trotz allem hatten sie Basilius aber gern.
Basilius wurde immer größer und mit ihm auch die Neugier, was es außerhalb des Waldes zu sehen gäbe. Die Eltern wussten, dass sie ihn nicht mehr lange zurückhalten konnten und so beschlossen sie, ihm von den Gefahren der Welt zu erzählen um ihn auf seine Abenteuer vorzubereiten. Schon bald kam der Tag, an dem sich Basilius von seinen Eltern verabschiedete und in die Welt hinauszog. Valentino hatte seinem Sohn viel von seiner Heimatstadt erzählt und deshalb wollte Basilius nun auch als erstes die Stadt sehen, welche ihm seinen Namen gegeben hatte.



Ein Missverständnis sorgt für Angst und Schrecken

„Aber Opa, ein eierlegender Hahn? Was erzählst du da?“, fragt Max und schaut ihn ungläubig an. Opa lacht. „Ja, Max, die Menschen haben das damals geglaubt. Damit ein Basilisk entsteht, muss ein siebenjähriger Hahn ein Ei legen und dieses muss dann auf dem Mist von einer Schlange ausgebrütet werden. Die Menschen hatten damals sogar so viel Angst, dass man 1474 einen Hahn zum Tode verurteilte und mitsamt seinem Ei verbrannte.“ „Man hat Basilius verbrannt?“, fragt Max entsetzt. „Nein, Basilius erging es zum Glück nicht so. Lass mich weitererzählen, dann erfährst du seine Geschichte.“

Es war schon Abend, als Basilius endlich die Stadt Basel erblickte. Misstrauisch schaute er die vielen rechteckigen Blöcke aus Stein und Holz an. Sein Vater hatte ihm davon erzählt und auch, dass man diese Dinger Häuser nennt. Aus den meisten kam Rauch, aber niemanden schien es zu beunruhigen, dass es dort brannte. Die Bewohner, die Menschen heißen, hatten Feuer wohl gern. Staunend machte sich Basilius nun auf in die Stadt. Mittlerweile war es dunkel. Es gab ein paar Stangen mit einem Feuer drin, Straßenlaternen oder so ähnlich heißen die, welche die Wege etwas erleuchteten. Überall war es ziemlich still und es schien Basilius, als würden hier gar nicht so viele Menschen leben. Dann kam er zu einem Haus, da war es richtig laut. Viele Stimmen und laute Musik ertönten und dazu schepperte und klirrte es ständig.
Plötzlich ging die Türe auf und ein Mann mit nur noch wenigen Zähnen im Mund und vielen Falten im schmutzigen Gesicht stolperte hinaus. Der alte Mann schaffte es gerade noch zur Treppe am Flussufer des Rheins und setzte sich dort hin. Basilius nahm seinen ganzen Mut zusammen und setzte sich neben ihn. Der alte Mann schaute Basilius an und rieb sich ungläubig die Augen. „Das letsch…scht Bier war wohl sch…schviel gewesen“, sagte der Mann etwas unbeholfen. Basilius schaute ihn fragend an: „Was ist Bier?“ Der Mann lachte und sagte: „Das isch…sch etwas zum Trinken, aber nur für groß…e Mensch…schen. Macht komisch…sche Kopf und Zsch…schunge.“ Deswegen redet er wohl so komisch, dachte sich Basilius, aber er verstand nicht, warum die Menschen dann so etwas überhaupt tranken. „Wer bisch…sch du überhaupt?“, fragte nun der alte Mann. „Ich bin Basilius und komme aus dem Wald. Mein Vater ist Valentino der Hahn und meine Mutter ist Gloria die Schlange. Ich bin hier, um die Welt zu entdecken.“ Der alte Mann hörte interessiert zu. Dann redeten die beiden eine Weile miteinander.
Sie waren so vertieft in ihr Gespräch, dass sie gar nicht bemerkten, wie eine alte Frau auf sie zugeschlurft kam. Als sie schon fast neben dem alten Mann stand, sagte sie: „He, Gusti, führst du wieder mal Selbstgespräche? Du solltest nicht so viel trinken!“ Gustav fuhr erschrocken herum. „Ach, Elsi, du bisch…sch es. Alles isch…sch gut. Sch…schpreche gerade mit Basilisch…sch.“ Erst jetzt bemerkte Else dieses grüne Wesen neben Gustav. Erschrocken fing sie an zu kreischen: „Hilfe, Hilfe, ein Ungeheuer!“ Wie wild rannte sie umher. Basilius bekam große Angst. Er blickte um sich, aber konnte kein Ungeheuer entdecken. Die Eltern hatten ihn oft genug vor den Gefahren der Welt gewarnt und so beschloss er dennoch, lieber vorsichtig zu sein. Er schlich am Rheinufer entlang und suchte dort ein geeignetes Versteck. Er fand eine höhlenartige Einbuchtung, in der er sich verstecken konnte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 116
ISBN: 978-3-903155-56-5
Erscheinungsdatum: 21.09.2017
EUR 22,90
EUR 13,99

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