Kinder und Jugend

Das Lied der Glasvögel

Anna Fischer-Thomke

Das Lied der Glasvögel

Leseprobe:

Es war einmal …

… ein Königreich. Verteilt auf fünfzehn grüne Inseln lag es weit draußen im Meer. Und mochte es von bescheidener Größe sein und nicht so einflussreich wie die großmächtigen Reiche der Erde, es war weit herum bekannt für Rechtschaffenheit und gute Handelsware. Prächtige Schiffe liefen aus, trugen wertvollen Wein, Saatgut, teures Öl und Kunsthandwerk mit sich und kehrten wieder mit kostbaren Schätzen aus aller Welt.
Doch nicht allein dies verlieh ihm Ansehen unter den großmächtigen Reichen der Erde. Man erzählt sich von einem einzigartigen Zauber, der von ihm ausging: Durch Wälder und Täler, über Klippen und Berge ertönte von alters her ein Lied, so wohlklingend schön wie von Engelszungen, so lieblich frisch wie der Tau am Morgen und so rein wie das kristallklare Wasser einer jungen Quelle. Es weckte den Morgen und sang sich in die Seelen der Menschen hinein, dass sie frohen Mutes ihr Tagewerk begannen. Und es geleitete zum Ende des Tages die müd gewordene Sonne auf ihrer Reise ins Meer und legte der Nacht einen Mantel der Ruhe um.
Das Lied, von dem man sich erzählt, entsprang dem Gesang der Glasvögel.

Nun herrschte einst in jenem Reich ein König. Bereits als Jüngling bestieg er den Thron seines Vaters, um wie jener ein guter und gerechter König zu werden. Aber das Leben spielte ihm einen üblen Streich und seine junge Frau starb bei der Geburt ihrer ersten Tochter. In seiner Not zog sich der König das Trauergewand über und beklagte die geliebte Gemahlin viele Tage und Nächte lang. Das ganze Volk trauerte mit ihm. Allein das Lächeln der Prinzessin und das Lied der Glasvögel vermochten ihn zu trösten und ließen seine Trauer leiser werden mit der Zeit.
Übers Jahr nahm er sich eine neue Frau. Diese aber war eine Hexe, die sich des Königs Einsamkeit zunutze machte, um selber an Ansehen und Einfluss zu gewinnen. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Doch mochte die Freude des Königs aufrichtig sein, deutlicher wurde es mit jedem Tag, dass die Prinzessin ihm das Liebste blieb.
Die neue Königin entflammte darüber in Eifersucht, quälte das Mädchen, wo sie nur konnte, und fasste dabei einen teuflischen Plan. Eines Nachts ließ sie es heimlich auf ein Schiff und außer Landes bringen. Sie belegte es mit einem Bann des Vergessens, der ihm das Wissen über seine Herkunft rauben und sein ganzes Leben lang wirksam bleiben sollte.
Dem König ließ sie unter falschen Tränen berichten, die junge Prinzessin sei über die Klippen ins Meer gestürzt und die Wellen hätten sie verschlungen.
In seiner Not zog sich der König das Trauergewand über und beklagte die geliebte Tochter viele Tage und Nächte lang. Das ganze Volk trauerte mit ihm. Allein das Lied der Glasvögel vermochte ihn zu trösten und ließ seine Trauer leiser werden mit der Zeit.
Die Königin aber wurde der Bosheit nicht satt. Sie durchstöberte des Königs Kammern und ließ alles verbrennen, was je an die Prinzessin erinnerte. Dabei stieß sie auf einen Stein von seltener Schönheit: rubinrot, mandelgroß, in Form eines glasreinen Tropfens.
Sein Inneres bewegte sich, als wäre es lebendig und berge flüsternd ein Geheimnis. Die Hexe, davon angezogen, erkannte das Besondere und entschied, den Stein an sich zu nehmen. Doch wie sie ihn berührte, erlosch das Licht in seinem Innern, erstickend, wie eine verglühende Lampe.
Und als das Licht erlosch, geschah, was nie hätte geschehen dürfen: Im ganzen Land verstummten die Glasvögel. Das Lied verschwand und gleich einem Schatten breitete sich eine schwere Stille über das Königreich aus.

Der König allein kannte das Geheimnis, das mit dem Stein einherging. Doch als er begriff, was geschehen war, war es bereits zu spät. In seiner Verzweiflung ließ er im ganzen Reich nach dem Stein suchen, in der Hoffnung, damit das Geschehene rückgängig zu machen, doch es nützte nichts; der Stein blieb verschwunden.
Der König, geplagt vom Schicksal, wurde krank und starb.
Sein Sohn, der Prinz, trat die Stellung des Vaters an und bestieg den Thron, während seine Mutter mit allen Mitteln die Macht für sich zu beanspruchen versuchte. Dabei offenbarte sich mehr und mehr ihr wahres Wesen, dass man bald munkelte, sie sei eine Hexe. Man verachtete und fürchtete sie und ausgerechnet ihr Sohn, der König, verbannte sie eines Tages aus dem Schloss; denn auch er erkannte, was sie war.
Das Volk, für das sie nie ein gutes Wort übrig hatte, verjagte sie aus seiner Mitte.
Verstoßen, gekränkt und ohne Hab und Gut zog sie sich in die Berge zurück. Doch sie unterließ es nicht, einen dichten Nebel voll zorniger Flüche über das Schloss, die Gärten, die Insel und das ganze Reich zu verhängen. Damit hinterließ sie Spuren ihres Giftes, das für viele Jahre das Königreich schwächen und plagen sollte.
Die Wirkung blieb nicht aus: Die Ernten wurden schlecht, das Brot knapp und der Wein bitter. Der Handel brach ein und bald kündigten sich Kriege an. Das Volk wurde unzufrieden, aufständisch und anspruchsvoll. Der junge König regierte Zeit seines Lebens ein zerbrechendes Reich; was er auch anfing, nichts wollte gelingen. Als er nach einem langen, von Leid geplagten Leben sein Amt niederlegte, nahm sein Sohn es nur widerwillig entgegen. Von der einstigen Pracht der Inseln schien nichts übrig geblieben zu sein.

Die Hexe, hoch oben in den Bergen, lachte sich ins Fäustchen, verspottete das Königreich und badete sich in höhnender Selbstgefälligkeit.
Bloß etwas bedachte sie nicht: Nicht jeden hatte ihr Fluch getroffen.

In einem fernen Land war indessen die verbannte Königstochter herangewachsen und von Tag zu Tag schöner und klüger geworden.
Obgleich sie sich ihrer Herkunft nie bewusst war, so zeugte doch ihr Wesen von königlichem Blut. Und so geschah es, dass der Prinz jenes Landes Gefallen an ihr fand und sie auf sein Schloss und zur Frau nahm.
Im Reich der fünfzehn Inseln gedachte ihr niemand mehr, als hätte es sie nie gegeben. Und so vergingen viele Jahre, Könige kamen und Könige gingen, das Leben, von Mühsal und Last geplagt, nahm seinen Lauf und das Volk vergaß, was ihm einst genommen wurde.
Doch tief verborgen schlummerte, was die Hexe für immer ausgelöscht glaubte. Der Stein in ihrer Obhut, wenn auch gebrochen, flüsterte noch immer. Und mit ihm wartete alle Kreatur, dass geschehen würde, was dereinst geschehen musste …


Kapitel 1 - Erinnerungen an Scalona

Hört!
Hört ihr das Meer? Das ewige Lied der Brandung, ohne Anfang, ohne Ende, eine unaufhörliche Kraft, mal sanft wie eine flüsternde Mutter, mal wild wie ein unbändiges Tier? Hört ihr es?
Es murmelt, sagte Großvater, als ich noch klein war. Es erzählt uns Geschichten – uralte Geschichten, die so weit zurückreichen, dass niemand sonst davon erzählen könnte.
Ob es stimmt? Na ja, vielleicht. Auf jeden Fall hörte ich hin, lauschte dem Sang der Wellen, noch ehe ich groß genug war, über den Rand des Bootes meines Vaters hinauszublicken. Das Meer murmelte und ich murmelte zurück. Ich ließ mein eigenes Gebrabbel mit den Wellen in die Welt hinausziehen, im Glauben daran, dass das Meer meine Worte in sich aufnehmen und meine Geschichte sich zwischen den Wellen sammeln würde. Und irgendwann, in ferner Zukunft – so stellte ich es mir vor – würde sie an einen unbekannten Strand gespült werden, und ein Fischer, der dort gerade seine Netze säuberte, würde sie hören und sich darüber freuen.
Als ich größer wurde, glaubte ich zu verstehen, dass ich mich geirrt hatte, dass das Meer wohl rauscht und braust, mit dem unermüdlichen Drang, immer in Bewegung zu bleiben, aber das Murmeln von einst war verschwunden.
So glaubt man vieles, und auch wieder nicht, und das Leben schreitet voran, vielleicht mit demselben Auf und Ab wie die Wellen. Inzwischen bin ich ein alter Mann geworden, zittrig und welk, und manchmal, wenn ich nichts tue und nur still der Brandung lausche, so ist’s mir, als wär das einstige Murmeln zurückgekehrt. Nur leise, gewiss, und etwas verworren, aber wenn ich genau hinhöre, so steigen daraus Geschichten auf. Alte Geschichten, über längst Vergangenes, und nicht selten erzählen sie von Scalona, meiner Heimat.
Ihr mögt etwas merken und darüber lächeln … Nur zu! Es stört mich nicht.
Aber wenn ich dem Meer lausche, dann ist’s nun mal, als spürte ich den frischen Wind wieder, der in Scalona über den Strand hinweg weht und das Salz des Meeres auf meine Zunge klebt. Es ist, als stände ich vor unserer Hütte, aus deren Schornstein der Rauch aufsteigt. Ich trete ein, es riecht nach geräuchertem Fisch, trockenem Obst und Kräutern. Das Feuer zischt, der Rauch tanzt empor und entzieht den im Rauchfang aufgehängten Fischen langsam die lebendige Fülle. In der Hütte hält es mich nicht lange, es ist zu heiß und zu stickig da drin. Draußen empfängt mich der frische Wind, der Blick aufs Meer und den langen Strand, die steilen Küsten an seinem Ende, hinter welchen sich türkisfarbene Buchten verbergen. Ich blicke zum Hafen auf der anderen Seite, zur Stadtmauer und über Scalonas Dächer hinweg zum Adlerfels, wo, wie auf einem erhobenen Thron, das Schloss hoch über die Stadt hinausragt. Weiß leuchten seine Mauern im Sonnenlicht des Tages, silbrig im Mondschein nachts, während beständig im Wind, hoch über den Türmen, die Flaggen wehen, blau und golden, in ihrer Mitte der weiße, scalonische Adler. Hinter der Stadt erheben sich die Grünen Höhen. Ihren Hängen entlang, der Sonne und dem Meer zugewandt, erstrecken sich weitläufige Weinberge. Die Häuser der Winzer kann man vom Strand aus entdecken, da und dort, wie Eckpfeiler zwischen den langen Reihen der Reben.
Na ja, vor langer Zeit, in meinen Kindertagen, stand es um jene Hütten nicht gut. Halb zerfallen, mit löchrigen Dächern und schiefen Mauern glaubte man zu meinen, der Wind würde sie jeden Moment zum Einstürzen bringen. Die Zeiten waren schwer, die Weinernten schlecht. Arme Schweine, sagte mein Vater und meinte damit die Weinbauern. Ob es am Boden lag oder an den Reben – oder an den Winzern selbst – Scalona war kein guter Ort für den Weinbau. Man erzählte sich aber, so sei es nicht immer gewesen. Im Gegenteil, einst habe man seine erlesenen Weine auf der ganzen Welt gekannt und mit teurer Ware gehandelt. Das war auch der Grund, warum der König und all seine hohen Herren verbissen daran festhielten, dass Weinbau betrieben werden sollte – auch wenn kaum je etwas Gutes dabei herauskam. Die Winzer selbst hatten nichts dazu zu sagen. Sie gehörten dem König und mussten tun, was man ihnen zu tun befahl. Taten sie es nicht oder fiel das Ergebnis ihrer Mühe noch schlechter aus als erwartet, so endete nicht selten der eine oder andere im Kerker, am Pranger oder gar vor dem Schlosstor, wo der Galgen auf ihn wartete. Ja, es war kein einfaches Leben für die Winzer.
Da hatten wir es besser: Wir waren Fischer – wohlgemerkt bescheidene Handwerkersleute, ohne Stimme und Rang, aber doch immerhin mit einer gewissen Freiheit und einem gesicherten Einkommen, wenn wir nur unsere Arbeit taten. Und darin waren wir gut. Gewiss, als Fischer ist man ständig der Gefahr des Meeres, dem Wind und jeder Art von Wetter ausgesetzt, aber das war Teil unseres Lebens, gerade so wie der Fisch ins Wasser gehört. Mein Vater war mit Leib und Leben ein Fischer, genau wie sein Vater, sein Großvater und wahrscheinlich alle Väter und Großväter davor. Er war groß und dünn, mit langen geschickten Fingern, kräftigen Armen und wachen Augen. Er sagte nicht viel und arbeitete mit beständiger Ruhe, die sich durch nichts stören ließ. Von uns Kindern forderte er mit Strenge, dass wir unsere Pflicht taten, klopfte uns aber ebenso auf die Schulter, wenn er zufrieden mit uns war. Er trug einen Hut aus geflochtenem Stroh und versteckte damit sein dichtes, nussbraunes Haar – immer. Ich kannte ihn nicht anders und glaube, bloß zum Schlafen hängte er ihn an die Wand.
Meine Mutter, an seiner Seite klein und rundlich wirkend, verzog manchmal den Mund darüber und drohte halb scherzend, der Hut würde sich noch in seiner Kopfhaut festfressen, und eines Tages, wenn er einen neuen bräuchte, müsste er den alten erst mühsam herausschneiden, wie eine im Netz verfangene Krabbe. Sie selber hatte kräftiges, dunkles, von ersten Silbersträhnen durchzogenes Haar, das sie bei der Arbeit stets zu einem großen Knoten hochgesteckt trug, was ihr ein strenges Aussehen verlieh. Die kleinen Augen unter zusammengezogenen Brauen und der spitze Mund verstärkten diesen Eindruck noch. Aufgewachsen jenseits der Grünen Höhen hatte sie als einstige Bauerntochter vieles gelernt über die Härten des Lebens, was sich jetzt als sichtbare Spur in ihrem Gesicht abzeichnete. Dafür konnte sie arbeiten. Von Kindsbeinen auf hatte sie geschuftet, Äcker bestellt, die nichts herzugeben gewillt waren, Ziegen gemolken und Schweine durchgefüttert, selbst wenn das Brot kaum für sie selber reichte. Friedlose Herren plagten die Bauern und nahmen ihnen ab, was immer sie wollten, selbst dann, wenn schlechte Ernten auch sie gezwungen hätten, den Gürtel enger zu schnallen. Doch all diese Dinge hatten Mutter nicht gebrochen, im Gegenteil. Die Kraft, mit welcher sie bis spät in die Nacht Kleider flickte, Milch zu Käse verarbeitete, Geschirr töpferte, Gemüse rüstete und nach der Räucherware schaute, schien niemals zu schwinden. Ich glaube aber, manchmal war sie dennoch müde. Sie lachte selten und hinter ihrem strengen Blick verbarg sich ein ständig besorgtes Herz – nicht zuletzt, weil sie das Meer fürchtete. Sie gab es nie so direkt zu, aber wir wussten es alle. Niemals begleitete sie Vater hinaus. Ihre Augen zuckten unruhig, wenn der Wind zunahm, die Wolken sich schwarz färbten und der Donner über die Wellen rollte. Sie fluchte leise, wenn der Sommer vorbei war und die ersten Herbststürme sich ankündigten. Am deutlichsten wurde es aber, wenn wir Kinder aus Lust und Freude in die Wellen sprangen. Dann stand sie mit aufmerksamer Furcht am Strand, als zweifelte sie, ob sie uns nachspringen könnte, würde einer von uns nicht wieder auftauchen.
Oh, ich bin schon mitten ins Erzählen geraten. So ergeht es mir immer, wenn ich an Scalona denke. Dabei hätt ich beinah vergessen zu erwähnen, wer ich bin und wen ich meine, wenn ich von uns Kindern spreche.
Nun, mein Name ist Giu. Eigentlich Giuseppe, aber kaum jemand hat mich je so genannt – vielleicht deshalb nicht, weil es in meiner näheren Umgebung mindestens ein halbes Dutzend weitere Giuseppes gab; einige sogar innerhalb der Verwandtschaft – eine zugegeben recht große Verwandtschaft.
Doch lassen wir Onkel und Tanten, Cousinen und Vettern einmal beiseite und kehren wir zurück zum Kern meiner Familie, der allein schon von stattlicher Größe war.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 576
ISBN: 978-3-99048-758-7
Erscheinungsdatum: 22.12.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 21,90
EUR 13,99

Frühlings-Tipps

Neuerscheinungen