8 - 10 Jahre

Jo und der unheimliche Hausmeister

Gabriela Meyer

Jo und der unheimliche Hausmeister

Leseprobe:

<strong>Personen</strong>

Jo (Josephine) hat dunkelblonde Haare. Sie ist letzten Sommer nach Grafenberg gezogen und besucht die vierte Klasse in Sommertal. Ihren langen Namen findet sie extrem altmodisch, darum nennen sie alle einfach nur „Jo“. Sie hat eine zwei Jahre jüngere Schwester, Marie-Sophie. Auch sie findet ihren Namen doof und will, dass man sie „Mary“ nennt. Jo ist eine sehr gute Schülerin, aber trotzdem keine Streberin.

Mario wohnt direkt neben Jo, ebenfalls in einem Einfamilienhaus. Er hat eine drei Jahre ältere Schwester, Alexandra, die aber im Rollstuhl sitzt und schwer behindert ist. Mario ist hübsch, hat braune Haare und braune Augen und ist im Turnen sehr gut. Dadurch ist er auch bei fast allen sehr beliebt.

Gianni ist Marios bester Freund. Er ist ein sehr hilfsbereiter Junge italie­nischer Herkunft. Seine Eltern sprechen praktisch kein Wort Deutsch, sodass Gianni häufig mitgehen muss, um seinen Eltern bei der Verständigung zu helfen. Er hat zwei Brüder, einer ist drei Jahre jünger und der andere vier Jahre älter und geht bereits in die Oberstufe.
Anna wird schnell Jos beste Freundin. Auch sie hat blonde Haare, allerdings nicht solche langen wie Jo. Sie ist ziemlich faul und manchmal auch etwas frech, hat einen jüngeren Bruder, und ihre Familie besitzt einen großen Hund.

Markus ist ein blitzgescheiter Junge mit rötlichen Haaren und Sommer­sprossen. Ihn langweilen die anderen Kinder in der Schule, und die Schule selbst ist sowieso öd. Darum hängt er mehr in der Schulbank und starrt Löcher in die Luft. Er ist ziemlich faul, macht nur das Nötigste, denn er könne es ja schon, denkt er.

Linus ist ein Genie. Mit der Zeit langweilt er sich aber in der Schule und beginnt, Firlefanz zu treiben während des Unterrichts. In den Prüfungen bekommt er aber eine 6 nach der anderen. Die anderen Kinder nennen ihn „das Genie“ und fragen ihn immer, wenn sie irgendwo nicht weiterwissen. Im Turnen ist er ziemlich schwach – auch aufgrund seiner Statur. Außerdem ist er kurzsichtig und trägt eine starke Brille. Er ist Markus’ bester Freund. In der Freizeit sitzen sie am Computer und spielen oder programmieren so dies und das und überflügeln mit ihrem Wissen und Können in diesem Bereich sogar die Lehrer.

Susanne kommt ursprünglich aus Afrika, ist schwarzhäutig, hat aber ihre Kindheit mehrheitlich in der Schweiz bei Pflegeeltern verbracht. Sie ist zwei Jahre älter als ihre Klassenkameraden und somit auch schon viel reifer.
Frederic, den alle „Fred“ rufen, ist ein großer, massiger Junge, der sich aber trotz seiner Körperfülle sehr flink bewegen kann.

Herr Scherrer ist der Hauswart des Schulhauses in Sommertal. Er ist manchmal etwas mürrisch, im Grunde aber ein lieber, hilfsbereiter Mann von 50 Jahren. Seine Frau arbeitet auswärts, sodass man sie selten bis gar nicht antrifft. Seine Kinder sind bereits erwachsen und von daheim ausgezogen. Herr Scherrer besitzt einen Schulhausgarten, wo die Kinder ihre Strafen „abarbeiten“ müssen.

Herr Kunder ist der Lehrer der vierten Klasse, die Jo und ihre Freunde besuchen. Er ist streng, aber sonst ganz in Ordnung, trägt schwarzes Haar und einen Schnurrbart. Bei den meisten Kindern ist er beliebt, und die Eltern schätzen seine Geradlinigkeit.


<strong>Weihnachtsferien in Grafenberg</strong>

Es ist Weihnachten, Jo sitzt in ihrem Zimmer und streichelt gedankenverloren über das rote Metallherz, das sie von Mario geschenkt bekommen hat. Sie hat das Päckchen still und heimlich in ihrem Zimmer ausgepackt. Niemand sollte etwas davon wissen, es ist ihr Geheimnis! … ein Geheimnis, das sie mit Mario teilt. Mario ist ihr bester Freund, und es scheint, als hätte sie sich in ihn verliebt. Schließlich hat sie ihm ja auch einen Schlüsselanhänger geschenkt – den gleichen, den sie von ihm bekommen hat, einen Herzanhänger aus blauem Metall. Ihrer ist rot, seiner blau, einer für Mädchen, einer für Jungen, – perfekt! Das soll ihr Talisman sein, ab sofort. Sie wird keinen Tag mehr aus dem Haus gehen ohne diesen Anhänger. Sie wird ihn immer in ihrer Hosentasche oder in der Jacke dabeihaben.
Wann wird sie Mario wohl das nächste Mal wiedersehen? Das ist das Blöde an den Ferien, vor allem an Weihnachtsferien. So schön es ist, am Morgen auszuschlafen, so mühsam ist es, seine Freunde zwei Wochen lang nicht zu sehen. Über Weihnachten haben sie immer viel Besuch, und dann fahren sie jedes Jahr über Silvester mit Freunden von Mutter und Vater weg. Das war zwar bisher immer lustig, aber dieses Jahr freut sie sich nicht darauf. Sie würde viel lieber wieder zur Schule gehen, dann sähe sie Mario wenigstens.
„Josephine! Könntest du mal runterkommen und mir helfen?“ Das ist ihre Mutter. Sie ist dabei, Kekse zu backen. Jo hat versprochen, ihr zu helfen.
„Ich komme!“, ruft Jo. „Was soll’s, dann helfe ich halt. Immerhin ist Weihnachten. Bestimmt wird es ein schönes Fest werden. Heute kommen ja die Großeltern, dann ist es immer besonders feierlich und gemütlich“, denkt sie.

Jo verstaut ihren Herzanhänger in der Nachttischschublade und rennt die Treppe hinunter in die Küche.

„Hallo, Mama, was kann ich tun?“
„Du könntest die Mailänderli ausstechen und dann mit Eigelb bepinseln. Marie-Sophie wird dir helfen. Wo ist denn deine Schwester nur?“ Jos Mutter ist etwas nervös, denn sie muss noch die Torte backen und das Festessen für den Abend kochen. Den Christbaum haben sie schon gestern geschmückt, damit sie heute genug Zeit haben, um zu backen, zu kochen und zu dekorieren.
„Mary ist oben, sie packt noch etwas ein. Sie kommt sicher gleich“, beruhigt Jo ihre Mutter. Jo spricht den Namen ihrer Schwester aus, als wäre er englisch, also „Märi“. Ihre Mutter hingegen besteht auf der französischen Aussprache des deutschen Namens „Marie-Sophie“. Die beiden Mädchen finden das doof. Aber was soll man gegen den Willen seiner Mutter schon ausrichten? Das ist keinen Streit wert. Hauptsache, jeder weiß, wer gemeint ist.

Da ist sie auch schon. Mary kommt in die Küche gehüpft und stellt sich neben Jo. Die beiden Mädchen helfen gerne mit und stellen sich sehr geschickt an. Das ist auch kein Wunder, helfen sie doch jedes Jahr mit beim Backen der Weihnachtskekse.

Nachdem nun das letzte volle Blech im Backofen verschwunden ist, hat Jo eine Idee. Genau! So könnte sie vielleicht Mario kurz treffen!
„Mama, kann ich ein kleines Säckchen Kekse abfüllen und zu unseren Nachbarn bringen … als Weihnachtsgeschenk?“, fragt sie ganz unschuldig.
„Klar, wenn du möchtest“, wundert sich Jos Mutter. Sie denkt sich aber nichts weiter dabei. Schnell schnappt sich Jo ein Geschenksäckli und füllt von jeder Sorte ein paar Kekse hinein. Beim Herstellen der meisten hat sie auch mitgeholfen. Zum Schluss bindet sie ein Geschenkband um das Säckli, damit nichts herausfallen kann.
„Ich geh dann mal schnell rüber!“, ruft sie und verschwindet. Mit klopfendem Herzen zieht sie Schuhe und Jacke an. „Mein Gott, wie weich meine Knie sind!“, wundert sich Jo. Es ist doch nicht das erste Mal, dass sie bei Mario klingelt! Aber noch nie zuvor war sie so nervös dabei. Sie schwitzt, obwohl es draußen mindestens drei Grad minus sind. Ein kalter Wind weht, und es ziehen immer dunklere Wolken auf. Vielleicht wird es noch schneien heute. „Das wäre schön“, denkt Jo, „weiße Weihnachten wie im Märchen.“ Sie fühlt sich sowieso wie im siebten Himmel, schöner kann es kaum noch werden. Langsam nähert sie sich Marios Haustür. Ihr Herz pocht wie wild. Nachdem sie endlich, nach langem Zögern, geklingelt hat, bereut sie es bereits. „War das wirklich eine gute Idee?“, fragt sie sich. Doch schon öffnet sich die Haustür, und Mario steht vor ihr. Jo spürt, wie sie rot wird im Gesicht. Unfähig, auch nur ein Wort zu sagen, streckt sie ihm die Kekse hin.
„Sind die für mich?“, fragt Mario verwundert. Jo nickt.
„Hast du die selbst gebacken?“ Jo nickt erneut.
„Vielen Dank. Das ist sehr lieb von dir!“, freut sich Mario. Endlich bringt auch Jo einen Ton he­raus: „Gern geschehen. – Frohe Weihnachten!“, stammelt sie weiter.
„Euch auch ein schönes Fest!“, erwidert Mario. Jo dreht sich verlegen um und geht langsam die Treppe hinunter. Mario steht noch immer an der offenen Haustür und schaut ihr nach. Glücklich lächelt er in sich hinein. Am Fuße der Treppe dreht sich Jo nochmals um und schaut vorsichtig über die Schulter zurück. „Ja, er steht noch immer da und schaut mir nach. Er lächelt und freut sich anscheinend ehrlich über die Kekse“, denkt Jo. Glücklich hebt sie die Hand und winkt kaum erkennbar, während sie zurück nach Hause geht. Mario winkt ebenfalls, auch er ist glücklich und freut sich über das feine Geschenk.

Zu Hause zieht Jo ihre Jacke und Schuhe aus, versorgt sie in der Garderobe und schleicht sich in ihr Zimmer. Hoffentlich hört ihre Mutter sie nicht zurückkommen! Sonst würde sie sie bestimmt ausfragen, ob er Freude gehabt hätte und so. Aber das geht sie überhaupt nichts an. Jo hat Glück: Ihre Mutter ist in der Küche so beschäftigt, dass sie außer „Hallo“ nichts weiter sagt.

Das Weihnachtsfest bei Jos Familie wird sehr schön: Jo freut sich über ihre Geschenke, und die Verwandten genießen den Abend bei Familie Jaquet. Ja, so heißt Jo mit Nachnamen. Ausgesprochen wird der Name etwa so: „Schagge“. Auch dieser Name ist französisch, wie Josephine (Schosefin ausgesprochen) und Marie-Sophie. Das kommt daher, dass Jos Vater in der Westschweiz aufgewachsen ist, genau genommen in Neuenburg. Da spricht man Französisch, und darum ist auch der Name französisch. Einerseits findet Jo, ihr Name klinge altmodisch, andererseits findet sie es auch schön, einen französischen Namen zu haben. Es ist auch etwas Besonderes, das hat nicht jeder.

Die Weihnachtsferien verlaufen ansonsten mehr oder weniger ereignislos. Es schneit immer mal wieder, sodass die Familie schlitteln gehen kann, wenn auch leider nicht am Schlittelberg gleich um die Ecke. Da hätte Jo vielleicht ihren Freund Mario angetroffen. Nein, ihre Eltern wollten wegfahren, irgendwohin, wo es mehr Sonne habe und einen Sessellift, damit man nicht zu Fuß hochgehen müsse. Eine richtige Schlittenbahn wollten sie auch, nicht nur einen Hügel wie in Grafenberg. Jo und Mary finden das zwar auch ganz cool, doch vor allem Jo wäre eigentlich lieber in Grafenberg geblieben. Jetzt hat sie Mario schon über die Weihnachtstage nicht gesehen, da hätte sie ihn ganz gerne am Schlittelberg getroffen.
Die Neujahrsfeiertage verbringt die Familie Jaquet dann in einem Lagerhaus, zusammen mit drei weiteren Familien. Die Zeit dort vergeht wie im Flug, denn es ist immer etwas los. Immerhin sind es acht Kinder, die mitgekommen sind. So ist immer jemand zum Spielen, Plaudern oder Blödeln da.

Am Samstag vor Schulbeginn kommen sie wieder nach Hause. Als das Auto ins Quartier einbiegt, schaut Jo ganz verstohlen zum Haus, in dem Mario wohnt. Ob er zu Hause ist? Ob er sie vielleicht auch vermisst hat? Oder denken Jungs da anders als Mädchen? Mag er sie überhaupt so, wie sie ihn mag? Schon wieder quälen Jo diese Gedanken. Wieso hat sie nie mit ihm darüber geredet? Weil sie Schiss hatte, Angst, er könnte sie auslachen, er könnte nicht so empfinden wie sie. Aber er hat ihr ja einen Herzanhänger geschenkt zu Weihnachten. Das bedeutet doch sicher mehr, als nur Freunde sein zu wollen. Oder bildete sie sich da etwas ein?
Das Auto biegt in die Garage ein, aber Jo hat Mario nicht erblicken können. Dann würde sie jetzt ihre Sachen auspacken und in ihr Zimmer gehen. Von da hat sie eine gute Aussicht auf Marios Haus. Sein Zimmer ist direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite. Wenn er also auch am Fenster stehen würde, könnten sie sich zuwinken oder einander sogar zurufen.

Während Jo es sich mit einem Buch am Fenster bequem macht, packen ihre Eltern die restlichen Sachen aus. Danach sortiert die Mutter die Post, die während ihrer Abwesenheit gekommen ist.
„Jo! Da ist Post für dich!“, ruft die Mutter.
„Für mich? Von wem denn?“, antwortet Jo, die sofort aufgesprungen ist und nach unten eilt. Post bekommt sie schließlich nicht jeden Tag!
Jo schnappt sich den Brief und verdrückt sich wieder.
„He! Nicht so hastig! Seit wann hast du denn Geheimnisse?“, ruft ihr die Mutter nach, doch Jo ist bereits in ihrem Zimmer verschwunden. Ihre Mutter schmunzelt vor sich hin.
Jo betrachtet den Brief von allen Seiten. Es steht zwar ihre ganze Adresse drauf, aber die Briefmarke fehlt. Also hat ihn jemand eigenhändig in ihren Briefkasten geworfen. Die Schrift sieht aus, als stamme sie von einem etwa gleichaltrigen Kind. Der Umschlag ist blau, hellblau, die Adresse ist mit Kugelschreiber geschrieben. Von wem der Brief wohl stammen mag? Langsam fährt Jo mit dem Finger unter die Lasche, um den Brief aufzureißen. Könnte er von Mario sein?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 140
ISBN: 978-3-99003-287-9
Erscheinungsdatum: 24.03.2011
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Herbstlektüre