8 - 10 Jahre

Gianni - Einer wie keiner

Angela Graf-Artuso

Gianni - Einer wie keiner

Eine ungewöhnliche Freundschaft

Leseprobe:

Vorwort

Geschichten fallen nicht vom Himmel auf die Erde. Oder doch? Vielleicht! Diese Geschichte, die ich dir gleich erzählen werde, hat stattgefunden. Ich habe es selber erlebt. Ob in meiner Fantasie oder im wahren Leben, das überlasse ich dir. Was ich mit Gewissheit bestätigen kann, sind die Spuren, die diese Geschichte in meinem Herzen hinterlassen haben. Zu erleben, was wahre Freundschaft ausmacht und wie man gemeinsam Wunder zum Leben erwecken kann, schenkt mir immer wieder ein Gefühl der tiefen Freude. Wunder geschehen überall und jeden Tag. Zugegeben, diese zu erkennen, ist nicht ganz einfach. Wenn du jedoch die Seelenaugen öffnest, dann entdeckst du des Öfteren, wo sich dir diese Wunder zeigen. Ist es für dich nicht auch ein Wunder, die Freude eines Wesens zu sehen, wenn man diesem einen lang ersehnten Wunsch erfüllt hat? Und ist es nicht wunderbar, jemandem zu helfen, der in Not ist, und wenn es ihm oder ihr dadurch viel besser geht?
Nichts ist unmöglich!
Glaubst du mir? Wenn ja, lade ich dich dazu ein, mit mir durch diese Geschichte zu reisen. Wer weiß. Vielleicht glaubst auch du danach an Wunder. Ich wünsche es mir für dich. Denn Wunder sind einzigartig. So einzigartig, wie Sternschnuppen, die auf die Erde fallen.


Wie alles begann …

Eins, zwei, drei, vier und bald fünf
Die erste Geschichte

„Ladiiiiinaaa! Komm! Schnell! Es schneit!“
„Was ist los?“
„Es schneit“, rufe ich so laut, wie ich nur kann, dabei flutscht mir fast mein Gummibärchen aus dem Mund. Während ich mir die Stimmbänder aus dem Hals schreie, schlendert meine liebe Schwester langsam ins Wohnzimmer. Sie lutscht genüsslich an einem Eis, als ob Hochsommer wäre. Kaum zu fassen. Sie isst schon wieder ein Eis. Sie schleckt und schleckt. Und während sie am Schmatzen ist, macht sich ein Vanille-Erdbeere-Duft im Zimmer breit. Müsste man für sie einen Werbeslogan erfinden, würde er in etwa so lauten: „Ob Sommer oder Winter, Ladina ohne Eis ist wie ein Hühnchen ohne Federn.“ Schmatzend bewegt sie sich zum Fenster. Plötzlich entdeckt auch sie die Schneeflocken und mit Stielaugen ruft sie mir zu: „Mensch, Schwesterchen! Sieh doch, es schneit.“
„Sag ich doch schon die ganze Zeit“, gebe ich zurück und verdrehe die Augen. Doch sie hört mir gar nicht zu. Stattdessen drückt sie ihre Stupsnase fest gegen die Fensterscheibe, so, dass ihre Nasenflügel wie Saugnäpfe daran kleben bleiben. Das sieht einfach zu komisch aus, dass ich laut lachen muss. Wütend fährt sie mich an und meint, ich solle nicht so doof glotzen, dabei lässt sie sich wie ein Kartoffelsack ins Sofa plumpsen. Dass sie mit dem Eis die Lehne des Sofas bekleckert, stört sie überhaupt nicht. Oh weh, das gibt wieder Ärger, und ich darf Mama einmal mehr alles erklären. Gut gemacht, Ladina! Danke Ladina! Mein Frust über ihr Benehmen kratzt meine Schwester überhaupt nicht.
Ich sehe es an ihrem Gesicht, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders ist. Mein Blick wandert wieder zum Fenster. Wie friedlich es doch schneit. Just in diesem Moment, wo ich mich von diesem Frieden einlullen lassen möchte, werde ich unliebsam aus meinen Gedanken herausgerissen.
„Hey, Lauraaa …! Was meinst du? Wann werden wir den Schneemann bauen?“
„Hm? Was hast du gesagt?“
„Ich wollte wissen, was du dazu meinst, wenn wir bereits morgen unseren Schneemann bauen würden. Es schneit so stark. Weißt du was, Laura, ich rufe gleich Christian und Vendolin an.“
Gesagt, getan! Ohne meine Antwort abzuwarten, rennt sie in den Flur hinaus. Das Eis zwischen die Zähne geklemmt, wählt sie die erste Nummer. Dabei tropft ihr die klebrige Erdbeermasse auf die Füße. Stört sie das? Wohl kaum! Mensch, die kann nerven. Schnell drehe ich mich zum Fenster hin; ans Rückensofa gelehnt beobachte ich wieder, wie die dicken, weichen Schneeflocken sanft auf die Erde gleiten, so als würden Engelshände sie vorsichtig auf den Boden legen. Wie kleine Wattebäusche sehen sie aus, so flauschig weich. Es dauert nicht lange, bis unser Garten ganz in Weiß eingehüllt ist, als hätte der liebe Gott Puderzucker darübergestreut. Ich öffne das Fenster und dabei spüre ich sofort die kalte Luft auf meinen Wangen. Es duftet herrlich nach Winter. Freudig strecke ich meine Hand in die Kälte hinaus. Schneeflocken gleiten sanft in meine warme offene Hand, um augenblicklich darin zu verschmelzen. Was bleibt zurück? Ein Tropfen. Zwei Tropfen. Drei Tropfen. Fünfzig Tropfen …? Ich beobachte, wie eine Schneeflocke nach der anderen in meiner Hand für immer verschmilzt. Der Himmel ist erfüllt mit Abertausend weißen Punkten. Für mich ist das der schönste Moment im Jahr … Winteranfang. Ach, wie ich diese Zeit liebe, genauso wie meine Freunde. Ob sie wohl zu Hause sind?
Ich kenne sie, seit ich denken kann. Mama erzählte mir einmal, dass unsere Mütter sich aus der Schulzeit kennen und dass sie alle etwa zur gleichen Zeit schwanger wurden. Komischer Gedanke. Und ohne es wirklich zu wollen, huscht ein Bild vor meine Augen.
Drei hochschwangere Frauen spazieren zum Bäcker, dabei schieben sie ihre riesengroßen runden Bäuche vor sich her. Und wir mittendrin. Tja, jetzt nach zehn Jahren sind wir alle irgendwie zusammengewachsen. Eine große Familie eben. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass ich die meiste Zeit mit Christian, Vendolin und natürlich mit meiner Zwillingsschwester Ladina verbringe. Der Winter hat nicht nur für mich etwas Geheimnisvolles, fast Magisches. Auch meine Freunde genießen diese Jahreszeit sehr. Und während ich dem Schneetreiben zuschaue, gleiten meine Gedanken ungewollt zurück in die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die nicht nur in mir Spuren hinterlassen hat.


Klosters im Winterkleid
Die zweite Geschichte

Der letzte Winter war kein Winter im üblichen Sinne. Er war … wie soll ich es ausdrücken? Er war voller Überraschungen, irgendwie unwirklich. So, als hätte ich das gar nicht erlebt. Trotzdem sehe ich vor meinem inneren Auge diese Bilder, die sich tief in meine Seele eingeprägt haben. Jeder einzelne Moment ist so präsent, dass ich Wirklichkeit und Erinnerung heute noch kaum voneinander unterscheiden kann. Es war einer der strengsten Winter in Graubünden. In Klosters, meinem Wohnort, hatte es tagelang geschneit. Die Straßen füllten sich schnell mit Schnee. Die Dächer verwandelten sich in wenigen Minuten in weiße, flauschige Kappen. Es dauerte nicht lange, und die Bäume und Tannen krümmten sich unter der schweren Schneelast. Die Aufräumarbeiten gingen nur schleppend voran. Alle Straßenarbeiter hatten große Mühe, die Trottoirs und Straßen von dem schweren Schnee zu befreien. Die ganze Nacht waren sie auf den Beinen und füllten einen Laster nach dem anderen mit Schnee, welcher dann aus dem Dorf abtransportiert wurde. Auch mein Vater war etwas beunruhigt, obwohl er sich über den Schnee genauso freute wie ich. Das Prättigau sei auf Schnee angewiesen, meinte er. Der Winter brachte Jahr für Jahr viele Gäste ins Tal, und das sei gut so. Denn vom Wintertourismus leben heute noch viele Familien. Die Schweizer Alpen lockten Jahr für Jahr Gäste aus aller Welt an. Genauso war es auch letzten Winter. Ich sehe meinen Vater noch vor mir, wie er voller Stolz erzählte, dass sogar ein Prinz aus England es sich viele Jahre nicht nehmen ließ, den Skiurlaub in Klosters zu verbringen. Oder war es Davos? Egal. Ich hörte meinem Vater sowieso nur mit halbem Ohr zu, denn ehrlich gesagt interessierte mich dieser Prinz nicht sonderlich. Für mich war etwas anderes viel interessanter, und ich konnte es kaum erwarten.

Wie bereits erwähnt, hatte es in jener Nacht stark geschneit. Am Morgen trauten Ladina und ich unseren Augen nicht. Unser Dorf war in seinem Winterkleid kaum zu erkennen. Es hatte bestimmt einen Meter Neuschnee gegeben. Wir konnten es nicht erwarten, unsere Freunde zu sehen. Als wir uns in der Schule trafen, waren wir alle wie elektrisiert. Christian, Vendolin, Ladina und ich waren uns einig. Am Nachmittag nach der Schule wollten wir sofort unseren Schneemann bauen. Treffpunkt: um zwei Uhr hinter Pasinas Scheune. Wir waren bereits ein eingespieltes Team, denn schließlich war das nicht unser erster Schneemann. Dieses Mal sollte er besonders groß werden. Vendolin und ich waren für den Unterleib verantwortlich. Ich formte mit etwas Schnee eine kleine, tennisballähnliche Kugel und legte diese auf den Boden. Dann begann ich diese Kugel vorsichtig vor mir herzurollen. Als die Kugel groß genug war, kam Vendolin ins Spiel. Wir rollten und rollten diese immer größer werdende Schneekugel vor uns her. Das war nicht so einfach, wie es sich anhört. Unsere Schritte wurden langsamer, die Kugel immer schwerer und unser Gestöhne immer lauter. In der Zwischenzeit formten Ladina und Christian den Mittelteil sowie den Kopf. Es war bitterkalt an diesem Nachmittag. Trotzdem schwitzten wir alle unter unseren dicken Daunenjacken. Die Hitze stieg in unsere Gesichter, und bald glühten unsere Wangen so rot wie jener Apfel aus Schneewittchens Geschichte. Kälte hin oder her. Wir ließen uns nicht beirren. Wir machten weiter. Als alle Kugeln vor uns standen, begannen wir damit, die mittlere Kugel über die größte Kugel zu stellen. Zu viert hoben wir sie auf und platzierten das schwere Ding an den gewünschten Platz. Das war noch ein Kinderspiel. Damit sie nicht wieder runterrollen konnte, füllten wir die Ritzen mit Schnee und formten somit den Unterleib. Wir klopften und tätschelten, bis wir zufrieden waren. Dann war der Kopf dran. Das wiederum erwies sich als äußerst schwierig, denn der Schneemann war bereits jetzt schon größer als wir selber. Damit wir den Kopf auf seine Position bringen konnten, benötigten wir etwas, um darauf zu stehen. Wir suchten, und schon bald entdeckten wir den alten Schlitten, der vor der Scheune stand. So dicht wie möglich platzierten wir diesen vor den Unterleib. Dann hoben Christian und Vendolin mit viel Gestöhne die letzte Kugel auf. Mit zittrigen Knien stiegen sie auf den Schlitten und versuchten unter der schweren Last nicht zusammenzubrechen. Mit einem lauten „Hau ruck!“ setzten sie die Kugel auf den Mittelteil. Leider war das Hauruck zu heftig und die Kugel rollte auf der anderen Seite wieder runter. „Bum!“ Ein dumpfer Knall hallte durch die Luft. Von einer Kugel war nichts mehr zu sehen. „Mist!“, brummte Christian. Doch wir Mädchen waren schon dabei, eine neue Kugel zu formen. Gott sei Dank war der Schnee schwer, sodass es ein Leichtes war, einen neuen Kopf zu bilden beziehungsweise zu rollen. Zweiter Versuch! Die Jungs stellten sich erneut vor die Schneekugel, und dicht an den Schneemann gelehnt, gingen sie in die Hocke. Mit einem lauten „Hau ruck!“ hoben sie die Kugel in die Höhe, stiegen erneut auf den Schlitten, und dabei grunzten sie wie zwei kleine Schweinchen. Ladina und ich grinsten, doch die Jungs bemerkten nichts. Mit einem „eins, zwei, drei“ platzierten sie die Kugel genau dorthin, wo wir sie haben wollten. Und dieses Mal kullerte nichts runter. Glück gehabt! Hoch erhaben thronte nun der Kopf über uns. „Mensch, ist der groß!“, sagte Christian sichtlich beeindruckt. „Imposante Erscheinung.“ Wir nickten zustimmend. Nun waren die Arme dran. Diese formten wir aus lauter kleinen Kugeln, so, als würde man eine Perlenkette aufziehen. Zum Schluss strichen wir den Schnee glatt von einem Ende des Armes zum anderen. So lange, bis die Form des Armes erkennbar war. Danach besprenkelten wir den ganzen Schneemann mit Wasser, denn er sollte pickelhart werden. Dabei äffte Christian unseren Klassenlehrer nach:
„Habt ihr gewusst, Kinder, dass Wasser durch Kälte gefriert? Habt ihr das gewusst, hm?“
„Haha“, lachten wir. „Das weiß doch jedes Baby.“
„St-stimmt, das weiß j-jedes K-Kind, und auch u-unser netter Klassenlehrer, der Herr M-Mathis“, bestätigte Vendolin grinsend. Dabei verlor er spuckend seinen Kaugummi, sodass dieser hochkantig aus seinem Mund flog, haarscharf an Christians Nase vorbei.
„Nicht schon wieder“, schrie Christian verärgert.
Ladina und ich prusteten vor Lachen. Das passierte Vendolin oft, immer, wenn er aufgeregt war. Vendolin entschuldigte sich bei Christian, ohne ein Grinsen zu unterdrücken. Christian sah es, sagte aber nichts.
„So! Was jetzt noch fehlt, ist das Gesicht“, meinte ich. Wie auf Kommando kramte meine Schwester zwei graue, kugelrunde Steine aus ihrer Hosentasche.
„Wow, die sind aber hübsch“, sagte ich begeistert. „Wo hast du denn die gefunden?“
„Ach, letzten Sommer an der Landquart, am Flussrand, als wir picknicken waren und unseren Geburtstag feierten“, antwortete sie nicht ganz ohne Stolz.
„Die sind hübsch. Schön, dass du sie für den Schneemann hergibst.“
Freudig stieg sie auf den Schlitten und drückte die Steine in den oberen Teil des Gesichtes. Dann holte sie aus ihrer Jackentasche eine riesenlange krumme Karotte und hielt diese triumphierend in die Luft:
„Trara, das wird die Nase“, sagte sie auf ladinisch schelmische Art und Weise.
„Die ist ja krumm!“, entgegnete ich etwas spöttisch. Ladina war über meine Bemerkung nicht gerade entzückt und schien verärgert zu sein.
„Ist doch egal!“, sagte Christian schnell. „Diese Nase macht ihn irgendwie … sympathisch.“
„Schon gut, ich wollte nicht gemein sein“, antwortete ich zu meiner Verteidigung.
Um Ladina friedlich zu stimmen, bat ich sie, dem Schneemann diese entzückende Nase reinstecken zu dürfen. „Bitte!“
„Na gut!“ Sie überreichte mir ihre Möhre. Und somit steckte ich voller Achtsamkeit diese ach so krumme Rübe in das Gesicht des Schneemanns.
„Was jetzt noch fehlt, ist der Mund“, meinte Christian.
„D-den M-Mund habe i-ich d-dabei“, sagte Vendolin eifrig. Er kramte in seiner alten Plastiktüte und entnahm dieser zehn Haselnüsse. Liebevoll formte er damit den Mund. Danach kramte er erneut in der Plastiktüte und holte vier große Walnüsse hervor. Diese steckte er in die Brust des Schneemanns.
„Hey Vendolin, give me five!“, sagte Christian. Sofort ertönte ein lautes „klatsch“, als sich die Hände der beiden trafen.
„Typisch Jungs“, lästerte Ladina.
„Auch ich habe etwas mitgebracht“, verkündete ich und blickte in die Runde. Mit meinen zu Eis erstarrten Fingern zog ich aus meinem Rucksack eine alte, blau-gelb-gestreifte Wollmütze und dazu den passenden Schal mit Fransen. Gedankenversunken strich ich zärtlich über diese Sachen und sprach wehmütig: „Die haben einmal unserem Neni Claudio gehört. Er liebte Eishockey über alles. Kein Spiel ließ er sich entgehen. Er war immer dabei. Sogar als er das Bein gebrochen hatte, humpelte er ins Stadion. Dabei trug er immer diese Mütze samt Schal, um allen zu zeigen, dass er ein großer Fan war. Leider ist er letzten Sommer gestorben.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 118
ISBN: 978-3-99038-552-4
Erscheinungsdatum: 08.10.2014
EUR 20,90
EUR 12,99

Winter-Tipps