8 - 10 Jahre

Drachenherz

Cornelia Thaler

Drachenherz

eine magische Freundschaft

Leseprobe:

<strong>1</strong>

„Francis Dracon! Wenn du weiterhin im Unterricht so unaufmerksam bist, muss ich wohl ein ernstes Wort mit deinen Eltern reden!“ Erschrocken fährt Francis hoch und stößt dabei mit seinem Schwanz beinahe Lehrer Lucius’ Tasche um. „Entschuldigung“, stammelt er. „Für heute genug, eure Hausarbeiten erwarte ich wie besprochen morgen.“ Herr Lucius dreht sich um und verlässt die Schülergruppe. Unter den Schülern beginnt sogleich ein angeregtes Gemurmel, nicht etwa um die Hausübungen. Es sind ja nur noch zwei Wochen bis zum jährlichen Wasserfest. Nur Francis steht etwas abseits der anderen Schüler und geht offensichtlich lieber seinen Tagträumen nach. „Francis ist fort – wo ist er wohl? Ach, da in meiner Schultasche hat er sich versteckt!“ – „Haha!“
Diese Gemeinheit kann ja mal wieder nur von Marcus kommen. Mit lautem Gelächter entfernt sich die Schülergruppe und Francis bleibt alleine zurück. Dass er so klein ist, ist leider nicht sein einziges Problem. „Irgendwann werde ich bestimmt ein so großer und beeindruckender Drache wie Papa“, denkt er bei sich. Oder wohl doch nicht so ganz bei sich, denn der wirklich etwas kleine Drache hat wohl zu laut gedacht, sodass er gleich wieder Gelächter erntet. Diesmal von einer Gruppe Drachenmädchen. Auch für sie gibt es zeitweilig kein besseres Tratschthema als Francis’ Körpergröße und Tratschen ist nun leider eine besonders beliebte Beschäftigung der Mädchen. Zerknirscht, aber auch um Fassung ringend, macht sich nun auch Francis auf den Weg nach Hause.

<strong>2</strong>

Dort angekommen, erwartet ihn schon seine Mutter. Nach einem, bei ihm leider nicht so beliebten, Mittagessen schickt sie ihn in sein Zimmer, um die Hausübungen zu machen. „Wenn ich doch nur wüsste, was wir aufbekommen haben.“ Auch dabei haben ihm seine Träumereien nicht wirklich geholfen. „Ach ja, es ist ein Aufsatz zum Wasserfest.“ Voller Tatendrang beginnt Francis nun mit seinem Werk:

Wir feiern das jährliche Wasserfest zum Andenken an den großen Zauberer Edward. Als vor vielen Hundert Jahren die Menschen uns Drachen gegenüber immer feindseliger wurden und viele unserer Vorfahren nicht nur ausgerottet, sondern auch als Trophäen gehandelt wurden, hat Edward unser Drachenvolk unter seinen Schutz genommen. Auch er hatte es unter den Menschen nicht leicht. Sie lebten damals wohl in der Vorstellung, Zauberei sei etwas Böses. Beziehungsweise wurde die Zauberei auch tatsächlich für dunkle Machenschaften benutzt. Edward hat die Drachen mit einem Zauber belegt und so in eine kleine abgeschlossene Welt gebracht. Auch er selbst ist uns dorthin gefolgt. Durch die Quelle des Vergessens gelangte unser Volk dorthin. Bis heute ist es den Menschen nicht bekannt, wo sich diese Quelle befindet, aber nach so vielen Jahrhunderten haben sie offensichtlich ohnehin auf unser Drachenvolk vergessen. Auch bei uns Drachen ist der genaue Ort der Quelle nicht mehr bekannt. Nach Edwards Tod geriet für uns Drachen die Menschenwelt etwas ins Vergessen, manch einer behauptet, die Menschen seien nur ein Märchen.

Stolz und mit müden Fingern betrachtet Francis sein Werk. Ja, Aufsätzeschreiben, das ist ihm das Liebste. Seiner Fantasie freien Lauf lassen und … „Francis, wo bleibst du denn? Essenszeit!“, ruft seine Mutter. „Hoffentlich hab ich nicht wieder zu viel hinzugedichtet“, denkt Francis bei sich, als er sich an den Tisch setzt. Er weiß ja, dass besonders Herr Lehrer Lucius sich nicht gerne mit den Sagen der Vergangenheit konfrontiert sieht. „Du hast aber brav für die Mathearbeit morgen gelernt“, lobt ihn seine Mutter. „Ich habe dich schon lange nicht mehr so konzentriert arbeiten sehen, du hast ja ganz auf die Zeit vergessen.“ „Oje, die Mathearbeit, ich wusste doch, dass da noch was war! Hoffentlich hab ich wenigstens das jetzt leise gedacht. Mama muss ja nicht gleich alles wissen und vielleicht bleibt mir vor dem Schlafengehen ja noch etwas Zeit, um wenigstens die Textaufgaben noch mal durchzusehen.“

<strong>3</strong>

Nach einer, von Lampenfieber und schlechtem Gewissen, schlaflosen Nacht wird es sehr mühsam für Francis, sich auf die Mathearbeit zu konzentrieren. Mit etwas gutem Willen und Durchhaltevermögen hat er nun auch diese erste Schulstunde des neuen Tages gut überstanden und bereitet sich nun auf eine für ihn noch gefürchtetere Unterrichtsstunde vor: Herr Lucius hält heute nicht nur die Literaturstunde, sondern auch noch Heimatkunde, da Frau Dorn krank ist.
An sich liebt Francis den Literaturunterricht, aber seine freien Gedanken stoßen bei Herrn Lucius nicht immer auf Verständnis und so fühlt sich der kleine Drache von seinem Lehrer unverstanden. „Francis, in Heimatkunde ist nun wirklich kein Platz für deine Träumereien! Spekulationen, alles Spekulationen, was du da in deinem Bericht schreibst!“ Francis muss sich nun sehr zurücknehmen, aber wie immer fehlt ihm auch der Mut, seinem Lehrer mal die Stirn zu bieten. Artig, wie es sich für Drachenschüler gehört, entschuldigt er sich und verspricht, den geforderten Bericht über die Geschichte des Wasserfestes noch mal zu überarbeiten. „Schade, dass Frau Dorn nicht da ist, bei ihr sind freie Gedanken nicht so verpönt.“ Aber Francis muss sich auch eingestehen, dass er bis jetzt noch niemanden gefunden hat, der ihm Genaueres über die Menschen berichten kann. Dieses Tabuthema darf er auch zu Hause bei seinen Eltern nicht ansprechen. Der Reiz des Geheimnisvollen umgibt diese Sage und Francis würde nur allzu gerne eine Möglichkeit für mehr Informationen finden.
Den Abschluss eines anstrengenden Schultages macht der Kunstunterricht. Auch in diesem Unterrichtsfach dreht sich im Moment alles um das bevorstehende Fest. Zu Francis’ Freude sind diesmal Ideenreichtum und Fantasie gefragt. Die Schüler sollen ihre Vorstellung der Quelle des Vergessens zu Papier bringen. Um es den Schülern etwas zu erleichtern, wird der Unterricht ins Freie verlegt. Herr Schleier ist mit den Drachenschülern unterwegs in den angrenzenden Wald, um dort nach Gewässern für ihre Zeichnungen zu suchen.
Auf den Unterricht mit Herrn Schleier freuen sich die Schüler immer. Zumindest die meisten von ihnen. Nur Marcus ist ihm gegenüber immer etwas feindselig. Es liegt wohl daran, dass sein Großvater mit diesem alten Drachen nicht immer einer Meinung war.
Herr Schleier ist der Einzige, den Francis kennt, der von Zeit zu Zeit auch mal über die Menschen spricht. Diese Eigenschaft hat ihm leider nicht viele Freunde gemacht, aber die meisten erwachsenen Drachen halten ihn sowieso für senil. In seinem Alter dürfe man nicht mehr alles glauben, was er erzähle, meint auch Francis’ Vater, doch wenn’s darum geht, etwas kunstvoll zu Papier zu bringen, ist Herr Schleier einsame Spitze.
Trotzdem hört Francis gerne zu, wenn ihm Herr Schleier mal wieder eine seiner Geschichten erzählt. Meist ist er aber auch der einzige Zuhörer, was ihn nicht stört, denn so kann Francis ungehindert seine neugierigen Fragen stellen. Dass er anders ist als die anderen Schüler, hat Francis schon lange verstanden, diese Treffen mit Herrn Schleier machen ihn aber irgendwie zu etwas Besonderem. Manchmal glaubt Francis sogar, eine geistige Verbundenheit mit seinem Lehrer wahrzunehmen. Mit seinen Eltern kann er ja sowieso nicht über all diese für ihn so spannenden Sagen über die Geschichte des Drachenvolkes sprechen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 82
ISBN: 978-3-99003-306-7
Erscheinungsdatum: 10.05.2011
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo