8 - 10 Jahre

Die Weisheit der Ahnen und die Kinder der neuen Zeit

Bernadette Maria Raab

Die Weisheit der Ahnen und die Kinder der neuen Zeit

Leseprobe:

Franziskus

Es war einmal und es geschieht noch immer, dass der Heilige aus La Vernia auf der Erde wandelt. In welcher Form auch immer.

Wer in aller Welt kennt ihn nicht, den Bruder Immerfroh, Franz von Assisi (1181–1226), dem es gelang, die erste Seligpreisung der Bergpredigt total umzusetzen!? Das bedeutet: alles loszulassen, was die Seele auf dem Weg zum Vater hindert. Und wie versprochen erntete er das Himmelreich, denn seine Seele triumphierte im göttlichen Licht. Trotz aller äußeren Schwierigkeiten. Der gute Bruder Habenichts war dennoch reicher als alle Könige der Welt.
Wie damals ruft er uns zu:
„Begegnet GOTT in jedem Wesen!“

Gewiss fügt er seinem Sonnengesang (Herrgott, ich preise Dich im Stillen ob Deiner Werke Kraft …) einen neuen Lobpreis hinzu: „Gelobt seist Du Herr durch die Kinder der neuen Zeit! In ihren Herzen sind das Gute und Schöne übermächtig und außergewöhnliche Wahrnehmungen eine naturgegebene Fähigkeit!“
Franziskus lässt sich nicht auf die eine oder andere Philosophie beschränken. Er ist einer der außergewöhnlichsten Menschen in der Geschichte. Und er gehört der ganzen Welt!

***

Emilies Großmutter kann Geschichten erzählen wie sonst niemand. Das behauptet jedenfalls ihre Enkelin. Und so sitzen denn die beiden an diesem lauen Sommerabend wieder einmal auf der Holzbank unter dem mächtigen Ahornbaum. Beide lauschen dem Blätterrauschen und dem frohen Zwitschern der Vögel. Eine sanfte Brise trägt den Duft des frisch gemähten Grases vor ihre Nasen.

„Es ist so friedlich hier“, flüstert die Großmutter. „Fühlst du es auch, mein Kind, dieses Wunder der Natur?“
„Omi, ich hab’ dich sooo lieb! Aber auch den Baum, die Vögel, den Wind, die Wolken und auch diesen Mistkäfer dort drüben!“

Die Großmutter lächelt ein Weilchen schweigend vor sich hin. Dann sagt sie: „Liebhaben, meine Kleine, geht nie verloren. Ganz gleich, wem du es schenkst.“
„Das hast du mir schon oft gesagt, Omi! Ich werde es niemals vergessen. Erzählst du mir heute eine ganz besondere Geschichte? Eine, die ich noch nie gehört habe?“
„Einverstanden! Diese Geschichte ist uralt und zugleich ewig jung.“
„Wie kann das sein?“, staunt Emilie. „Es liegen so viele Jahre dazwischen!“
„Diese Geschichte, welche du gleich hören wirst, ist wahr, weil etwas so Wunderbares nur wahr sein kann. In der Wahrheit gibt es keine Zeit. Und Mutter Erde ist dann randvoll mit Licht.“
„Ich verstehe nicht alles. Aber ich glaube dir. Woher nimmst du all diese Geschichten?“
Sie fliegen mir ganz einfach zu! Nun möchtest du wissen, wieso und woher?“
„Ja, Omi. Oder ist es ein Geheimnis?“
„Nein. Was ich dir jetzt anvertrauen werde, ist für ein kleines Mädchen nicht leicht zu verstehen. Hör mir einfach ganz aufmerksam zu!“

Emilie kann es kaum erwarten. Sie verhält sich mucksmäuschenstill.

„Eines Tages“, beginnt Omi und die Enkelin sieht, wie ihre Augen aufleuchten und ihr Gesicht strahlt, „eines Tages faszinierte mich aus einem Buch von Baird Spalding ein einziger Satz derart, dass ich Tage, ja, Wochen an nichts anderes mehr denken konnte. Plötzlich wusste ich, was mir dieser eine Satz sagen wollte: „Menschen brauchen Geschichten, fast genauso wie Brot und Wasser!“

Omi schweigt ein Weilchen, doch ihre Augen leuchten noch immer auf eine ganz besondere Weise. Das Kind erinnert sich an den Spruch des heiligen Franziskus im braunen Bilderrahmen in Omis Küche: „Dass mir mein Hund das Liebste ist, sagst du, o Mensch, sei Sünde! Der Hund ist mir im Sturm noch treu! Der Mensch nicht mal im Winde!“

Und da ist sie auch schon – Großmutters wohlbekannte Geschichtenerzählerstimme:

Waldemar lebte mit seinen Eltern in einem kleinen Haus am Waldrand. Stundenlang beobachtete er die Waldtiere, die nicht vor ihm flohen, sondern seine Nähe suchten. Es war genauso wie bei Franziskus vor unendlich langer Zeit, welchen der Bub aus den Erzählungen seiner Mutter kennengelernt und lieb gewonnen hatte.

„Diesen Heiligen kenne ich!“, unterbricht Emilie. „Du hast mir von ihm erzählt, wie er den wilden Wolf bändigte, welcher lammfromm wurde. Er half auch vielen anderen Tieren, weil er sie lieb hatte und immer für sie da war. – ?Bitte, Omi, erzähl weiter!“

Das Leben des Heiligen berührte Waldemar so sehr, dass er Franziskus immer wieder um Hilfe für leidende Tiere bat. Obwohl der Bub seinen himmlischen Freund nicht sah, fühlte er seine Nähe. Er erzählte ihm all seine Sorgen und Freuden. Mit der Zeit entstand eine sehr innige Vertrautheit, welche das Kind als ungeheuer wohltuend empfand.
Nicht weit entfernt von Waldemars Elternhaus wohnte Jakob Bims, der Jäger. Ein mürrischer, unzugänglicher Mensch, der sogar seinen Dackel schlecht behandelte. Dieser durfte nicht einmal bei grimmiger Kälte ins Haus. Auch fütterte er das Tier nur ab und zu und schlug es sogar, wenn es seine Nähe suchte. Der Dackel musste den Jäger auf seinen Jagdausflügen begleiten. Sobald er das Tier nicht mehr brauchte, jagte er es fort. Aber ein Hund ist treu! So kam auch Wadi immer wieder zurück. Wo sollte er auch hin? Er hatte ja sonst niemanden!

Eines Tages beobachtete Waldemar, wie der Jäger seinem Dackel einen Fußtritt versetzte. Da beschloss er, Waldi zu helfen. Selbstverständlich erzählte er seinem himmlischen Freund davon und bat ihn um Hilfe und Schutz. Von nun an versorgte Waldemar den Hund mit Futter und die beiden verbrachten viel Zeit zusammen. Wenn jedoch Bims an zwei bestimmten Tagen der Woche zur Jagd aufbrach und nach dem Dackel pfiff, sauste dieser los, um seinen Peiniger zu begleiten. Waldi dachte wohl, das müsse so sein.
Wochen waren vergangen. Eines Tages spazierten Waldemar und sein Begleiter den Wiesenweg entlang. Plötzlich hopste ein Hasenkind über den Weg. Waldi sauste wie ein Blitz hinterher. Der Bub pfiff ihn zurück. Er kam sofort. „Das Häschen hat dir nichts Böses getan! Du bist auch nicht mehr hungrig, so wie früher. Lass es laufen und glücklich sein!“ Der Dackel verstand. Das konnte der Bub an seinem schuldbewussten Blick erkennen. „Ist ja schon gut“, tröstete Waldemar. „Komm jetzt weiter!“
Folgsam ging der Hund neben seinem Freund her, bis sie zu einer Waldlichtung kamen. Der Bub setzte sich und der Dackel rückte ganz nah an ihn heran. Liebevoll begann Waldemar, Kopf und Rücken des Tieres zu kraulen. Waldi hob den Kopf und schaute seinen Retter aus großen, staunenden Hundeaugen an. So etwas war er nicht gewohnt. Eng aneinandergeschmiegt saßen die beiden, freuten sich am Duft des Waldes, dem Gesang der Vögel und waren rundum glücklich und zufrieden.
Für eine Weile schließt Großmama die Augen und sitzt einfach nur still da.
„Ist die Geschichte schon zu Ende?“, bangt Emilie.
„Aber nein! Kannst du dir vorstellen, wie sich Waldemar und Waldi gefühlt haben? So glücklich zusammen mitten im Wald?!“
Großmama und Enkelin versuchen, sich in die Gefühle der beiden hineinzuversetzen. Doch dann nimmt Omi die Erzählung wieder auf:

Was dann geschah, haben die beiden in ihrem ganzen Leben wohl nie wieder vergessen! Plötzlich senkte sich vor ihnen eine lichtdurchflutete Wolke von oben herab. Die Helle blendete so sehr, dass sie für einige Augenblicke die Augen schließen mussten. Und dann – sahen sie ihn! Franziskus, den Freund und Beschützer der Tiere, genau so, wie ihn Waldemar aus den Erzählungen seiner Mutter kannte. Der Bub versuchte aufzuspringen, aber die Überraschung war so groß, dass er sich vergeblich abmühte. Da trat der Heilige an die beiden heran und legte seine Hand auf den Kopf des Buben. Dann liebkoste er Waldi. Dieser begann, wie verrückt zu wedeln, und stimmte ein Freudengeheul an. Um das Tier zu beruhigen, setzte sich der Mann aus Assisi neben Waldemar und nahm Waldi auf den Schoß.
„Ich weiß, wer du bist!“, flüsterte der Bub, noch immer ganz und gar überwältigt.
„Natürlich kennst du mich! Wie könnte es anders sein?“, sagte der Heilige, während er fortfuhr, Waldi zu streicheln. „Wir sprechen doch täglich miteinander. Auch wenn du mich bis jetzt nicht sehen konntest, so habe ich alles gehört. Ich kenne also deine kleinen Geheimnisse, deine Sorgen und Befürchtungen. Du hast mir auch von Waldis hartem Leben erzählt und mich um Hilfe gebeten. Hier bin ich, mein kleiner Bruder! Zusammen werden wir Waldi ein glückliches Hundeleben ermöglichen.“

„Danke, Herr Franziskus!“, strahlte der Bub, noch immer völlig durcheinander. „Bist du es wirklich?“, fügte er scheu hinzu.
„Als du mich nicht sehen konntest, hattest du keine Zweifel. Warum jetzt? Ich bin es! Jener Franziskus, der vor einigen Hundert Jahren auf der Erde wanderte. Deine Mutti hat dir so manche Geschichte von mir erzählt. Erinnerst du dich?“
„Das weißt du auch?“, staunte Waldemar.

Wieder einmal unterbricht Emilie Großmutters Geschichte.
„War der Heilige vielleicht ein Wolf-, Hunde- oder Pferdeflüsterer? Galt das auch für die Vögel, die Eichhörnchen, die Katzen und Mäuse?“
„Da gibt es keinen Zweifel“, versichert die Großmama und lächelt glücklich vor sich hin.
„Mama hat mir aus der Zeitung von einem Hundeflüsterer vorgelesen. Er lebt in Wien. Da hieß es auch noch, dass dieser Mann den Heiligen aus Assisi zum Vorbild und Freund hat.“
„Da siehst du es, kleine Emilie. Alles wiederholt sich im Leben und doch ist es auch neu. Hör also weiter zu!“
„Leg deine Hand in meine, Waldemar!“, sagte der Heilige und streckte ihm seine entgegen. Als der Bub der Aufforderung folgte, wurde er augenblicklich von einem unglaublichen Glücksgefühl durchrieselt. Waldi beobachtete die beiden mit großen, staunenden Hundeaugen.
„Von nun an sollst auch du es gut haben“, versprach Franziskus. Sicher fühlte sich jetzt auch der Dackel so wohl wie noch nie in seinem Leben. „Alle Tiere sind unsere Geschwister“, fuhr der Heilige fort. „Aber nicht nur die Tiere, auch die Bäume, das Wasser, die Erde, die Luft und das Feuer der Sonne. In jedem einzelnen Wesen, ob winzig, klein oder riesig, strömt der Atem des Schöpfers. Und deshalb sind wir IHM in der Natur ganz besonders nahe!“
Waldemar konnte seine Augen von dem gütigen, leuchtenden Gesicht nicht abwenden. Er war überzeugt, dass kein Mensch, der auch nur ein einziges Mal in diese Augen sehen durfte, je wieder einem Tier Leid zufügen könne. Jetzt flog eine Hummel heran und setzte sich auf die ausgestreckte Hand des Heiligen. „Sieh nur, Waldemar“, flüsterte er, „was immer du lieb hast, es hat dich wieder lieb! In diesem Sinne wollen wir drei nun zum Wohle der Tiere und wenn möglich auch der Menschen wirken. Seid ihr damit einverstanden?“
Waldemar nickte lebhaft und seine Vorfreude war nicht zu übersehen. Waldi hingegen wedelte wie verrückt und stieß sonderbare Laute aus. „Er freut sich“, sagte Franziskus, „und wir mit ihm!“

„Wie ging es weiter?“, drängt Emilie. Und die Großmutter fährt fort:
Franziskus machte Waldemar ein außergewöhnliches Geschenk: „Du besitzt von heute an die Gabe, welche Menschen helfen wird, umzudenken, wenn sie Tiere quälen und obendrein noch lügen. Vielleicht hat sogar Jäger Bims irgendwann ein Einsehen. Mit ihm werden wir beginnen.“
„Welche Gabe wird das sein?“, möchte der Bub wissen.
„Sobald ein Tierquäler lügt, wird er gelbgrün im Gesicht. Seine Galle läuft über. In seinem Inneren wüten Neid, Hass, Wut … Hat er ein Einsehen, geht die Farbe wieder weg.“
„Bleibt die Farbe immer grün, wenn er weiter Tiere quält?“
„Nein! Niemand wird zum Gutsein gezwungen. Aber er bleibt ein grausamer, uneinsichtiger und unglücklicher Mensch. Das ist Strafe genug.“
Der Heilige war aufgestanden, und ehe Waldemar noch etwas fragen konnte, wurde Franziskus noch durchsichtiger und verschwand schließlich ganz.
Dies war für den Buben geradezu ein Schock. Auch der Hund winselte und drückte auf diese Weise seinen Abschiedsschmerz aus.
Doch nach einer Weile war Waldemar überzeugt, dass der Heilige nicht wirklich gegangen, sondern bloß unsichtbar war. Auch Waldi schien dies begriffen zu haben. Er sprang auf und begann, den Hügel hinunterzuflitzen. Waldemar hatte alle Mühe, ihn einzuholen.

„Großmama“, unterbricht Emilie, „ist das nicht doch nur eine ausgedachte Geschichte und nie passiert?“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 94
ISBN: 978-3-99048-834-8
Erscheinungsdatum: 16.11.2016
EUR 14,90
EUR 8,99

Krampus & Nikolo