8 - 10 Jahre

Die hundert Kleider

Eleanor Estes

Die hundert Kleider

Leseprobe:

Vorwort

Eigentlich bin ich ganz zufällig auf dieses wunderbare Kinderbuch gestoßen. Auf der Suche nach einem Buch für meine damals 10-jährige Enkelin fand ich die englische Fassung von „Die hundert Kleider“. Ich war so fasziniert von dieser auch heute noch sehr aktuellen Geschichte, dass ich mich sofort mit der Tochter der inzwischen verstorbenen Autorin in Verbindung setzte und über Internet einen Kontakt herstellen konnte, um sie um die Rechte für eine Übersetzung zu bitten. Diese wurden mir gerne gewährt und auch der Verlag war sehr entgegenkommend. Immerhin ist dieses Buch in Amerika ein Kinderbuch-Bestseller und gewann den begehrten „Newberry Honour Book Price“. Helena Estes, die Tochter der Autorin, erzählte mir auch, dass diese Geschichte ihrer Mutter vor 70 Jahren wirklich so passiert ist, aber die Problematik ist offensichtlich heute aktueller denn je. Kinder werden gemobbt und sind den Folgen hilflos ausgeliefert.
Danke an alle, die mir geholfen haben, dieses Buch zu veröffentlichen. Ich widme es meiner Enkelin Jody und allen Kindern.

Heidi Scheibmaier



Wanda

Am Montag saß Wanda Petronski nicht auf ihrem Platz. Aber nicht einmal Peggy und Madeline, die diese ganze Sache angefangen hatten, bemerkten, dass sie nicht da war.
Gewöhnlich saß Wanda in der letzten Reihe im Klassenzimmer Nr. 13. Sie saß dort ganz in der Ecke, wo sonst nur die Buben mit den schlechtesten Noten saßen, wo sie andauernd mit den Füssen scharrten und laut über alles lachten, was auch nur ansatzweise komisch war und wo es immer schmutzig war.
Eigentlich hatten die Kinder nie darüber nachgedacht, warum die Lehrerin Wanda auf diesen Platz gesetzt hatte, wenn sie überhaupt wahrnahmen, dass Wanda in ihrer Klasse saß, denn Wanda war ein besonders ruhiges Kind, und niemand hatte sie jemals laut lachen hören, nur manchmal kräuselten sich ihre Lippen in einem leichten schiefen Lächeln – aber das war auch schon alles.
Aber nach dem Unterricht bemerkten sie sie doch manchmal. Sei es mittags, wenn sie gruppenweise zurück in die Schule kamen oder morgens vor der Schule. Dann erzählten sie sich ihre Erlebnisse und lachten – und dann warteten sie manchmal auf Wanda, um sie ein bisschen zu ärgern und ihre Späße mit ihr zu treiben.
Auch am Dienstag war Wanda nicht in der Schule, aber erst am Mittwoch bemerkten Peggy und Maddie aus der ersten Reihe – da, wo alle Kinder saßen, die nur immer gute Noten hatten und die niemals schmutzig waren – dass Wanda nicht auf ihrem Platz war. Peggy war das beliebteste Mädchen der Schule. Sie war sehr hübsch, war immer toll angezogen und hatte wunderbare braune Locken und Madeleine war ihre beste Freundin.
Gemerkt hatten sie, dass Wanda nicht da war, weil sie ihretwegen fast zu spät in die Schule gekommen waren.
Sie hatten gewartet und gewartet, natürlich, um sie wie immer ein bisschen zu ärgern – aber Wanda war nicht gekommen. Sie dachten: „Jetzt kommt sie sicher gleich.“ Und weil auch der ewig zu spät kommende Jack Beggles bereits mit wehender Krawatte an ihnen vorbeigerannt kam, wussten sie, dass es schon sehr spät war. Denn er schaffte es immer, genau beim Läuten der Schulglocke mit einer perfekten Punktlandung an seinen Platz zu schlittern. Sie warteten noch ein bisschen, aber dann mussten auch sie sich beeilen, um rechtzeitig in der Klasse zu sein. Die Kinder rezitierten bereits, wie immer am Beginn der ersten Stunde, die berühmte Rede von Abraham Lincoln „Gettysburg Address“ – und Peggy und Madeleine schlüpften auf ihre Plätze, gerade noch, bevor die Klasse die letzten Zeilen dieser berühmten Rede aufsagte:


(ANMERKUNG: Diese Rede hielt der amerikanische Präsident Abraham Lincoln im Jahr 1863 nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Ein schrecklicher Krieg mit vielen Toten. Sie gehört zu den berühmtesten Reden Amerikas, obwohl sie nur eineinhalb Minuten gedauert hat, und wurde viele Jahre lang in allen amerikanischen Schulen vor Beginn der ersten Schulstunde gemeinsam aufgesagt.)
„… mögen unsere Toten nicht umsonst gestorben sein; möge die Nation mit Gottes Hilfe frei werden und möge eine Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk dauerhaft bestehen können.“



Das Kleiderspiel

Als Peggy und Maddie endlich auf ihren Plätzen saßen, bemerkten sie, dass Wanda auch heute wieder nicht in der Klasse war. Ihr Schreibtisch war nicht aufgeräumt, und es sah aus, als wäre sie auch gestern nicht in der Schule gewesen. Eigentlich hatten sie sie gestern auch nicht gesehen. Sie hatten, wie immer, ein bisschen auf sie am Schulweg gewartet, aber dann hatten sie sie schnell wieder vergessen.
Sie warteten ja auch immer nur auf Wanda Petronski, um sie ein bisschen zu ärgern.
Wanda wohnte ziemlich weit weg in Boggins Height, kein Ort wo man wohnen sollte. Man ging im Sommer dort hin, um wilde Blumen zu pflücken und schaute, dass man schnell am gelben Haus des alten Herrn Svenson vorbeikam. Die Leute in der Stadt sagten: „Der Svenson ist kein Guter.“ Er hatte keine Arbeit, aber was noch schlimmer war: Sein Haus und sein Garten waren schrecklich schmutzig, übersät mit rostigen Dosen, die überall herumlagen – auch ein alter Strohhut war zu sehen. Er lebte dort allein mit seinem Hund und seiner Katze. „Kein Wunder“, sagten die Leute in der Stadt, „wer will mit dem schon leben.“ Es kursierten auch wilde Gerüchte über ihn und die Dorfeinwohner schauten immer, dass sie sogar am Tag schnell am Haus vorbeikamen, um ihn ja nicht zu treffen.

Format:
Seitenanzahl: 98
ISBN: 978-3-903067-54-7
Erscheinungsdatum: 19.04.2016
EUR 24,90
EUR 14,99

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