8 - 10 Jahre

Bernie, das Nilpferd

Stefanie Obermayer

Bernie, das Nilpferd

Leseprobe:

Max plante seinen Ausbruch aus dem Zoo nun sehr sorgfältig. Ihm ging es ganz ähnlich wie Lukas’ Vater. Er war sehr aufgeregt und wollte auf keinen Fall irgendetwas vergessen. Zusammen mit Rudi plante er jeden einzelnen Schritt, schließlich wollte er nicht riskieren, dass er von den Wärtern erwischt wurde und endgültig aufgeben musste.
„… und dann werden wir ganz schnell rennen und uns aus dem Tor drängeln. Aber was tun wir, wenn das Tor versperrt ist? Und wollen wir überhaupt in der Nacht oder bei Tageslicht ausbrechen? Und was machen wir, wenn …?“ Fragen über Fragen und Max konnte es nicht mehr hören.
„Hör auf, hör auf! Stell nicht so viele Fragen auf einmal! Wir planen einen Ausbruch und wir haben noch nicht überlegt, was wir machen, wenn Probleme auftauchen. Zu diesem Punkt kommen wir doch erst. Und bis dahin hältst du gefälligst deinen Schnabel! Also, …“ Max wollte einfach sichergehen, dass alles so verlief, wie geplant, und auf keinen Fall etwas vergessen. Notfalls mussten sie einfach einen Plan B ausführen.
„Hach, dieses Nilpferdgequatsche. Man könnte glatt meinen, du wärst eines von deren Rasse. Ach. Du bist ja eines, krraaaaa!“, versuchte Rudi die Laune wieder aufzupolieren. Max war die Sache äußerst ernst, schließlich ging es um seinen Bruder. Dem großen Nilpferd war gar nicht nach Spaßen zumute. Er stand vor dem Papagei, der sich köstlich über seinen eigenen Witz zu amüsieren schien. Max beachtete er dabei nicht. Der bemerkte immer mehr, wie wenig der Vogel den Ernst der Lage begriffen hatte. Rudis Federkleid glitzerte, als er seine Flügel voller Freude ausbreitete.


Böser Papa

Und während sein älterer Bruder tüftelte, begann Bernie sich bei Lukas wohlzufühlen. Sie hatten viel Spaß auf dem Weg zum Hotel. Lukas erzählte von seiner früheren Klasse und von seinen Freunden, die er zurücklassen musste. Und Bernie erzählte von den lustigen Stunden mit seinem Bruder und von dem Wassererlebnis. Lukas musste nur noch lachen, so viel Spaß hatten die beiden, und Bernie ging es ebenso. Als sie im Hotel ankamen, machten sie sich aus, dass das Nilpferd vor dem Eingang wartete und Lukas sich duschen ging und etwas zu essen holte. Theo und Marianne kamen bald nach, um zu sehen, ob ihr Sohn auch wirklich das tat, was er gesagt hatte. Und als sie ihn im Hotelzimmer vorfanden, waren sie sehr beruhigt. Der immer noch unrunde Vater konnte zwar noch nicht akzeptieren, was Marianne Lukas erlaubt hatte, aber etwas dagegen unternehmen konnte er nun auch nicht mehr. Der besorgte Vater hatte noch immer vor, Bernie so schnell wie möglich in den Zoo zu bringen. Als das kleine Nilpferd vor dem Hotel versteckt hinter einem Busch saß, rief er noch einmal im Zoo an.
„Hallo? Hier spricht Berndt. Bin ich hier im Zoo Blumfelde?“, meinte er leise.
„Ja! Bitte sehr, was kann ich für Sie tun?“, meldete sich ein Wärter mit einer etwas helleren Stimme an der anderen Leitung.
„Sie könnten mir ein kleines Nilpferd vom Hals schaffen. Und zwar so schnell es geht. Es läuft mitten in der Stadt herum!“, hörte man den verärgerten Vater schimpfen. Er wankte nervös zwischen seinem rechten und dem linken Bein hin und her und drehte den Kopf dabei in alle Himmelsrichtungen, als würde er nach etwas Ausschau halten.
„Wie bitte? Ein Nilpferd? Wissen Sie, wie es aussieht?“, gab der Wärter äußerst erstaunt zurück.
„Bitte? Soll das ein Witz sein? Ein graues Ledertier mit Riesenschnauze eben.“
„Ja, natürlich, natürlich“, vernahm Theo von der anderen Leitung.
„Ich nehme an, es ging verloren, aber dann bekommen Sie es heute wieder. Ist das nicht schön? Und jetzt machen Sie schon!“, brummte der nervöse Vater in den Hörer hinein. Je länger das Gespräch dauerte, umso ungeduldiger wurde er.
„Ja, natürlich. Aber dürfte ich noch wissen, wo sich das Nilpferd in diesem Augenblick befindet?“, wollte der Mann an der anderen Leitung noch wissen. Eine kleine Pause entstand, in der sich Theo erneut nach allen Seiten umdrehte.
„Ich stehe vor dem Landhotel Blumfelde! Und hier draußen ist das Nilpferd. Also beeilen Sie sich. Das Ding wird nicht ewig hier sitzenbleiben!“, schimpfte Theo wieder wütend.
Bernie, der dem Telefonat traurig lauschte, entging nicht, wie unpassend es Lukas‘ Vater fand, dass sie sich so gut verstanden. Das kleine Nilpferd musste ihm gehörig auf die Nerven gehen.
Dabei hatte Bernie den kleinen Jungen doch so gern.
„Ja, wir werden so schnell wie möglich …!“, wollte der Wärter aus dem Zoo noch sagen.
„Jaja, schon gut! Beeilen Sie sich einfach … Ja, auf Wiederhören! Mein Gott, was für ein Langweiler! So, und jetzt zu dem Nilpferd. Wo ist es denn hin?“
Bernie wollte nicht glauben, was er da gehört hatte! Er sollte wirklich ohne das Wissen von Lukas wieder in den Zoo? Das konnte er seinem Freund nicht antun. Und auch Lukas’ Vater konnte es nicht ernst meinen. Theo hatte so eine Wut bekommen, dass er gar nicht daran dachte, wie sehr er damit seinen Sohn verletzen würde und dass dieser dann vielleicht nie mehr mit ihm sprechen würde. Aber das war dem Vater im Moment ziemlich egal. Er wollte das Nilpferd nur noch wegschaffen. Auch wenn das nicht fair war.
Und dann klingelte wieder das Telefon von Theo …
„Ja?“, „Ja, hallo! Bin ich hier richtig bei … Berndt?“, meldete sich die vertraute Stimme von vorhin erneut.
„Ja, das bin ich! Wer spricht?“, gab der Vater wieder sehr ungeduldig zurück. Er stieg von einem Bein auf das andere und suchte noch immer den Umkreis nach Bernie ab. Der wiederum drückte sich ängstlich hinter dem Busch zusammen.
„Der Zoo, Sie haben vorher angerufen, weil Sie unser Nilpferd gefunden haben?“, dröhnte es von der anderen Leitung.
„Ja, das habe ich! Gibt es Probleme?“ Theo schien zu ahnen, dass irgendetwas nicht stimmte.
„Nein. Ich muss Ihnen nur mitteilen, dass wir das Nilpferd erst morgen holen können, da …!“ Theo glaubte, er höre nicht recht und unterbrach den Wärter energisch und in sehr unfreundlichem und harschem Ton.
„Bitte? MORGEN? Sagen Sie, Sie können doch nicht ein Nilpferd mitten in der Nacht frei herumlaufen lassen! Das ist äußerst verantwortungslos.“
Lukas’ Vater schien nun endgültig der Kragen geplatzt zu sein. Er wollte und konnte einfach nicht glauben, dass er das Tier noch eine Nacht ertragen musste. Sein Sohn durfte nicht so stark von ihm beeinflusst werden. ‚Lukas hat sich so sehr verändert, seit er dieses Nilpferd kennt, dass ich ihn kaum mehr wiedererkenne’, dachte der Vater wütend.
„Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich! Es geht um die Öffnungszeiten und die Fütterungszeiten, es ist heute zu spät! Die Tiere verhungern sonst alle und das wollen Sie genauso wenig wie ich, richtig?“
Allmählich schien wohl auch der Wärter seine Fassung zu verlieren.
„Aber, das …!“
„Richtig?“ Diesmal war der Mann aus dem Zoo Theo ins Wort gefallen.
„Ja, Sie haben ja recht. Dann morgen um zehn?“, wollte sich Lukas‘ Vater vergewissern.
„Einverstanden! Was wollen Sie für das Nilpferd haben?“, wollte der Wärter dann noch wissen. Verdutzt öffnete und schloss Theo seinen Mund wieder. Würde er etwa einen Lohn dafür bekommen, dass er das Tier aus Lukas‘ Nähe entfernte?
„Wie meinen Sie das …? Sie … Sie meinen, ich bekomme so etwas wie einen Finderlohn?“, gab Theo sichtlich erstaunt zurück. Eigentlich wollte er das Vieh nur loswerden, jedoch kam es ihm sehr gelegen, dass er nun eine Belohnung dafür erhalten sollte.
„Ja, natürlich. Ein Finder verdient einen Finderlohn“, erklärte der Wärter. Theo war plötzlich wieder sehr zufrieden und ruhig. Wie Geld die Menschen verändern konnte, dachte sich Bernie, der die ganze Sache noch immer aus seinem Versteck beobachtete. Um seinen Sohn machte sich der Vater wohl keine Gedanken. Er war so kalt und gar nicht nett, fand das kleine Nilpferd. Seinen Freund sollte man nicht verraten, das wusste Bernie.
„Naja, … was kostet denn so ein schönes Nilpferd normalerweise?“, wollte Theo neugierig wissen und bekam dabei ganz große, gierige Augen.
„Ich bitte Sie! Der Finderlohn ist nicht mal annähernd die Hälfte eines Nilpferdpreises, wenn Sie es kaufen! Sie müssen unterscheiden, Herr Berndt“, klärte ihn der Wärter auf.
„Naja, wie … wie wär’s denn mit … zweihundertundfünfzig Euro?“, fragte Theo vorsichtig. Bernie sah die Dollarzeichen in seinen Augen. Er war sichtlich erfreut darüber, dass er nun an der Beseitigung von Lukas‘ neu gewonnenem Freund auch noch etwas verdienen sollte.
„Zweihundertundfünfzig? Also gut! Wenn Sie meinen! Ich bringe es bar!“
„Wunderbar. Dann bis morgen um Punkt zehn Uhr“, gab Theo noch einmal mit Nachdruck zurück, um zu verhindern, dass etwas schiefging.
„Ja, auf Wiedersehen! Und halten Sie Bernie bereit“, fügte der Wärter noch hinzu.
„Wen? Ach so. Ja. Natürlich, Wiederhören!“, beendete Theo das Gespräch.
Er hatte es wirklich getan. Er hatte Bernie so gut wie verkauft. Das würde ihm Lukas niemals verzeihen. Das war jedoch nicht mehr die Sorge des kleinen Nilpferds. Am liebsten wollte es davonlaufen. Jedoch musste er dafür sorgen, dass Lukas erfuhr, was sein Vater soeben getan hatte. Deshalb entschied Bernie sich dazu, zu bleiben.

Inzwischen klopfte Max’ Herz schon bis zum Hals. Der Wärter war schon gekommen, um das Futter zu bringen. Langsam wurde es dunkel. Man konnte keinen einzigen Stern am Himmel sehen und über Blumfelde lag eine dicke Nebelschicht. Würde Max es schaffen? Würde er seinen Bruder wirklich wieder zurück in den Zoo bringen?
Und dann ging es los. Max holte Rudi an das Gitter und flüsterte ihm zu: „Gut! Es geht los! Ich werde jetzt vorsichtig versuchen, die Stäbe auseinanderzubiegen, und du drückst dich dann anschließend durch. Dann wirst du erst einmal zur Tür fliegen und mir die Tür aufmachen. Ich werde dir zeigen, wie das geht. Und dann machen wir das Tor leise auf! Aber nicht ganz, denn das knarrt immer so laut. Und dann schließen wir es wieder. Und während du mir die Käfigtür öffnest, werde ich schauen, dass dich keiner sieht, okay? Alles verstanden?“ Dann flüsterte Rudi zurück: „Ja.“ Max war von seiner Idee überzeugt. Er vermisste seinen Bruder schon ziemlich, aber Gott sei Dank musste er ja jetzt nicht mehr so lange warten, bis er sich auf die Suche machen konnte. Durch den Nebel war die Nacht noch gespenstischer geworden.
Und dann quietschte es kurz und es war ein großer Bauch in den Gitterstäben zwischen den beiden Gehegen! Doch anstatt zum Tor zu fliegen, steuerte Rudi direkt auf den Himmel, die Freiheit, zu.
„Hey! Das war so nicht abgemacht! Komm gefälligst zurück, Rudi“, rief Max ihm voller Entsetzen hinterher. Und in Sekunden war Rudi nur noch ein kleiner Punkt im Abendhimmel. ‚Das war wirklich gemein von Rudi’, dachte das große Nilpferd aufgebracht. Max hatte also tatsächlich recht gehabt. Es war ein Haken an der Geschichte mit Rudi und seiner Gutmütigkeit. Er hatte ihn angelogen. Wie konnte er das nur wagen? Doch … sollte es das jetzt gewesen sein? Max hatte keine Chance, die Tür zu öffnen. Dafür war er viel zu dick. Die Türe war verschlossen. Traurig setzte er sich auf das dunkle, kühle Gras.
„Kann ich dir helfen?“, vernahm Max plötzlich hinter sich eine helle Stimme. Es war eine kleine Amsel, die die beiden gehört hatte.
„Wie? Du? Aber du bist doch eine Amsel!“, fuhr das Nilpferd verwundert herum und starrte den kleinen Vogel an, der da im Gras neben ihm aufgetaucht war.
„Ja, aber ich bin erstens kleiner und zweitens auch dunkelbraun, mich sieht keiner. Besonders nicht in der Dunkelheit! Also, ich bin Karla. Und du?“, quiekte sie fröhlich.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-95840-405-2
Erscheinungsdatum: 10.07.2017
EUR 22,90

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