6 - 7 Jahre

Waldwaugl

Michaela Rihacek

Waldwaugl

Leseprobe:

Die Geburt
eines Waldwaugls

Es ist ganz schön eng, aber ich fühle mich trotzdem sehr wohl in dieser eigenartigen Hülle, meinem Heim. Ruhiges Geschaukel die ganze Zeit. Stimmen dringen leise an mein Ohr. Na gut, wenn ich ehrlich bin, ist es fast schon zu eng. Was passiert jetzt? Es ist ein komisches Gefühl. So ein eigenartiger Druck. Ein Pflop!
Ich rolle und mir wird flau im Magen.
Endlich komme ich zur Ruhe, stehe aber auf dem Kopf. Ich muss mich erst einmal drehen und irgendwie ist das Licht jetzt anders und kühler ist es auch. Irgendetwas trippelt auf meinem Heim herum. Oh Gott, ist’s hier ungemütlich geworden!
Ich will mich dir vorstellen: Ich bin Waldwaugl, das Nashorn.
Das Hörnchen auf meiner Nase bringt mich zum Schielen. Das macht mich ganz verrückt, ich schließe besser die Augen, immer fixiere ich das Ding auf meiner Nase. Jetzt hänge ich auch noch an der Wand fest. Ein Ritz! Gibt es ein Draußen? Es macht Spaß, mit meinem Hörnchen an die Wand zu klopfen. Ich klopfe und von außen höre ich zarte Stimmen antworten. Wenn das nicht so lustig wäre, würde ich damit aufhören. Denn dieses Spiel macht mich ganz schön müde.
Die Stimmen werden aufgeregter. Grelles Licht strahlt mir entgegen. Ich kneife die Augen zu. Vorsichtig wage ich zu blinzeln. Ein Spalt! Und während ich versuche mich an das Licht zu gewöhnen, schaut ein kleines Tierchen zu mir herein. Was ist denn dem passiert? Der hat ja nur zwei Beinchen. Da sind wir Nashörner schon imposantere Tiere. Jetzt bin ich aber neugierig. Ich nehme noch einmal all meine Kraft zusammen und mit einem Riesenknacks öffnet sich mein Heim.
Der Kleine, der gerade noch durch den Spalt geschaut hat, fliegt hoch. Fliegt? Ach so, das ist wahrscheinlich ein Vogel. Mühsam stelle ich mich auf meine Beine. Ich bin so schwach, dass ich immer wieder umkippe. Endlich geschafft! Ein Stück meines ehemaligen Heimes trage ich als Hut auf meinem stolzen Nashornkopf. Ich schau mich um. Der Kleine sitzt mir gegenüber, hält seinen Kopf schief und begrüßt mich.
„Guten Tag!“, sag ich und setze mein freundlichstes Lächeln auf. „Ich bin Waldwaugl, das Nashorn.“
Der kleine Vogel schaut verdutzt, braucht einige Sekunden und bricht in lautes Lachen aus. „Ein Nashorn? Du?“
Das Lachen des Vogels lockt andere herbei. Wie ein Lauffeuer geht mein Gesagtes durch die Runde. Alle werfen sie ihr Köpfchen in den Nacken und ein schallendes Gelächter ertönt. Ich ärgere mich. Was soll das? Sie werden sich noch glücklich schätzen, wenn sie auf meinem Rücken sitzen und mitreiten dürfen.
Endlich nimmt sich ein älterer, etwas dicklicher Vogel ein Herz und fragt, wie ich darauf komme, ein Nashorn zu sein. Beleidigt gebe ich ihm eine patzige Antwort. Mein Horn und überhaupt.
„Schau dich doch einmal an! Ein Nashorn hat vier Beine, richtig? Und du hast zwei und zwei Flügel. Schau doch einmal!“
Ich will das gar nicht wissen. So eine Gemeinheit, so etwas zu behaupten! Nur weil sie neidisch sind. Die Vögel rund um mich hören einer nach dem anderen zu lachen auf und schauen mich mitleidig an. Sichtlich betreten fliegt einer weg. Und die anderen, bis auf den, der als Erster durch den Spalt geschaut hat, folgen ihm.
„Ich dreh mich um und dann kannst du dich anschauen. Deine Mama hat dein Ei in mein Nest gelegt, als ich auf Körnersuche war, und ist wieder weggeflogen. Also schau doch und spür dich!“
Der kleine Vogel flattert hoch, dreht sich um und schaut von mir weg.
Was wollte er mir sagen? Ich ein Vogel? So ein Blödsinn! Aber Ruhe lässt es mir keine. Ich werde ihm schon das Gegenteil beweisen.
Ich schaue an mir herunter. Zwei orangefarbene Beine. Na gut, etwas dünn, das gebe ich zu. Zwei? Wo haben sich die anderen beiden versteckt? Erschrocken drehe ich mich herum. Ich kann machen, was ich will. Es sind nur die zwei. Und mein Gesicht? Ich taste es ab. Jetzt erst bemerke ich, dass ich mein Gesicht mit einem flügelähnlichen Ding abtaste. Da! Ein langes Etwas steht mitten aus meinem Gesicht heraus. Panik überkommt mich. Das kann doch nicht sein. Wo ist das Nashorn hin verschwunden? Ich hätte doch so ein stattliches Tier werden sollen, und jetzt? Ein lächerlicher Vogel!
Ich werde still. Der kleine Vogel mir gegenüber dreht sich vorsichtig um. Eine Träne kullert mir über meine Wange. Ich senke meinen Kopf. Der Kleine fliegt zu mir herüber, setzt sich ganz dicht zu mir und streichelt mit seinem Schnabel zärtlich mein Gesicht. „Schau mal, es ist viel schöner, ein Vogel zu sein. Du wirst fliegen lernen. Kann ein Nashorn fliegen? Du bist viel besser. Du bist besonders. Du wirst laufen und fliegen können. Was kann schon so ein dämliches Nashorn? Kann es fliegen?“ Mein Schluchzen wird leiser.
Fliegen! Ich werde fliegen?
„So nackt werde ich fliegen? Schau dich an, wie hübsch du bist!“ Und wieder kullern die Tränen der Verzweiflung ins Nest des kleinen Vogels, das ich jetzt schon fast ausfülle.
Der Kleine trippelt von einem Fuß auf den anderen. Er sagt mir irgendetwas von Geduld und prächtigem Federkleid. Doch das will ich jetzt alles gar nicht hören. Zu groß ist meine Trauer. Ich wollte so gern ein Nashorn sein und ich wäre auch ein ganz stolzes geworden.
Meine Beine geben nach. Ich kauere mich hin und verberge meinen Schnabel, na gut, ich scheine wirklich einen Schnabel zu haben, unter dem Flügel. Müdigkeit überkommt mich, die Augenlider werden schwer und ich vergesse die bittere Wahrheit und die Welt rund um mich.



Waldwaugls erste Tage
Tage kommen und gehen. Ich kuschle mich in das immer enger werdende Nest meines kleinen Freundes. Ästchen piksen meine zarte Haut. Der Ansatz schwarzer Federchen ist zu erkennen, wie ein Dreitagebart eines Heranwachsenden.
Es ist ein lauer Frühlingsmorgen. Über mir die Baumkrone unserer Buche ist übersät von frischen, zartgrünen Blättern. Bienen und Hummeln brummen emsig in den Zweigen des Nachbarbaumes, einer blühenden Kirsche. Ein Schmetterling tanzt über mir, um weiter in Richtung Wiese zu flattern. Auf dem Himmel sind nur ganz vereinzelt Wolken zu sehen. Die immer kräftiger werdenden Sonnenstrahlen kitzeln mich wach. Mit einem halb geöffneten Auge blinzle ich ins Licht. Mein dottergelber Schnabel kräuselt sich, öffnet sich leicht und ich werfe meinen Kopf mit einem Ruck in den Nacken. Es folgt ein nicht aufzuhaltendes ekstatisches Niesen. Mein Köpfchen schnellt vor und mein Schnabel bleibt tief in der Wand des Nestes stecken. Ich versuche mich – wacklig zwar, aber mit meiner ganzen Energie – auf meine Beinchen zu wuchten. Ich bin verzweifelt. Meine kleinen, fast kahlen Flügelchen schlagen wild um sich. Ich ziehe und zerre, um meinen Schnabel aus der verzwickten Lage zu befreien.
Gerade in diesem Augenblick kommt mein Freund mit einem für ihn viel zu langen und zu schweren zappelnden Regenwurm herangeflogen. Er sieht mich in dieser misslichen Lage und lässt seine Beute augenblicklich fallen. Er landet am Rand seines Nestes, das er so mühevoll für seine eigene Familie gebaut hat, stolziert weiter bis zu meinem Schnabel, zieht da und dort ein Ästchen weg und … ich bin befreit!
Ganz erschöpft durch diese Aufregung plumpse ich wieder zurück auf mein Bäuchlein. Mein Herz klopft wild und ich kann mich kaum beruhigen.
„Wie um alles in der Welt ist denn das passiert?“ Ich erzähle ihm von meinem Missgeschick bis ins kleinste Detail. Na gut, ein wenig übertrieben zwar, aber das steht mir doch zu?!
„Warte, beruhig dich erst einmal! Ich muss den Wurm, den ich in der Aufregung fallen ließ, heraufholen. So eine Strapaze! Du wirst immer größer und gefräßiger!“
Diesen Seitenhieb überhöre ich ganz einfach. Ich blicke ihm nach, wie er sich vom Nestrand abstößt, seine kleinen Flügel weit von sich streckt, um vom Baum wegzufliegen und flatternd auf dem Waldboden neben unserem Baum zu landen. Sein anfängliches Gezwitscher schlägt um in heftiges Schimpfen. Ich stemme mich hoch, lege meinen Kopf schief und be­obachte ihn.
Er hat den Wurm wiedergefunden und versucht ihn zu heben. Ein anderer Vogel sieht diesen Kampf und landet neben ihm. Der wird ihm doch nicht mein Frühstück stehlen wollen! Ängstlich und hilflos bin ich in der Zuschauerrolle gefangen. Was ist das? Mein Freund hebt den Riesenwurm auf einer Seite hoch und der andere Vogel auf der anderen. Mit heftigen Flügelschlägen bringen sie gemeinsam das leckere Würmchen in meine Richtung.
Voller Freude reiße ich meinen Schnabel auf. Ganz weit. Mit meinen Flügelchen versuche ich die Balance zu halten.
Die beiden schleppen schwitzend den sich noch immer windenden Wurm. Über mir lässt der helfende Vogel den Wurm los.
Da er völlig unvorbereitet ist, wird die Last dem kleinen Vogel zu viel. Über meinem weit geöffneten Schnabel beginnt er zu taumeln. Anstatt den Wurm loszulassen und wegzufliegen, versucht er wieder in einen geraden Flug hineinzufinden. Aber vergebens.
Ich bin schon so hungrig, mein Schnabel zittert vor Verlangen, als ich auf einmal nicht nur den Wurm verspüre, sondern auch einen großen Brocken.
Was ist das? Wildes Gezwitscher, panisches Flügelschlagen. Mein kleiner Freund kämpft gegen meinen Hunger. Mit meiner Zunge schleudere ich ihn aus meinem Schnabel. Im Hochfliegen dreht er sich mehrmals. Kleine Daunenfederchen fliegen davon. Eine Drehung noch und er landet neben mir auf dem Rand seines Nestes. Völlig erschöpft bleibt er liegen. Ich stupse ihn mit meinem Schnabel an.
„Du“, flüstere ich sorgenvoll, „du, was ist? Bitte sag doch etwas!“ Endlich! Er bewegt sich, schüttelt sein kleines Köpfchen und sieht ärgerlich zu mir herüber. Er zischt aus seinem zusammengekniffenen Schnabel hervor: „Deine Gefräßigkeit wird mich noch Kopf und Kragen kosten!“
Er stellt sich auf seine zarten Beinchen und plustert sein geschundenes Gefieder auf.
„Ich Narr dachte immer, ich müsse mich vor Katzen in Acht nehmen. Nein, da kommt irgend so eine dahergeflogene arrogante Vogeldame, legt ihr Ei in mein Nest, fliegt davon und macht sich ein schönes Leben.
Und was wird aus mir? In meinem Nest wächst ein unförmiges Irgendwas heran. Ich hab keinen Platz mehr. In meinem eigenen Nest habe ich keinen Platz mehr! Aber damit nicht genug, komme ich mit dem Füttern nicht nach, und jetzt das auch noch! Um ein Haar hättest du mich geschluckt. Bist du wahnsinnig?“ Hochrot wurde sein Köpfchen bei dieser Rede.
Ich schäme mich so sehr. Ich weiß auch gar nicht, was ich jetzt sagen soll. „Tut mir leid“, stammle ich und verstecke mein Gesicht unter dem rechten Flügel. Ich wage es nicht mehr aufzuschauen.
Eine Ewigkeit vergeht. Kein Laut ist zu vernehmen, bis auf die üblichen Geräusche des Waldes. Vorsichtig blinzle ich hinter meinem Flügel hervor. „Bist du noch da?“ Keine Antwort. Mein Freund hat mir demonstrativ den Rücken zugekehrt.
„Bist du mir noch böse?“ Vorsichtig streichle ich seinen Flügel.
„Lass das!“ Bei diesen Worten dreht er sich mir zu.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 73
ISBN: 978-3-99003-122-3
Erscheinungsdatum: 21.07.2010
EUR 13,90
EUR 8,99

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