6 - 7 Jahre

Steine, die die Welt verändern

Ulrike Geisendörfer

Steine, die die Welt verändern

Leseprobe:

Der Auftrag

Liebe Kinder, ich bin ein Stein, der euch eine wunderschöne Geschichte erzählen möchte. Mein Name ist Maron. Lange Zeit war ich eigentlich ein ganz unauffälliger Stein, der in einer Dorfstraße wohnte. Aber eines Tages änderte sich alles.
Einmal im Jahr fand in unserem Dorf der Fasnachtsumzug statt. Und so holperten die vielen geschmückten Umzugswagen, beladen mit Menschen und Bierfässern, über uns hin-weg. In einem Jahr verlor einer dieser Wagen ein Rad und kippte um. Mit voller Wucht schlug ein Bierfass auf der Straße auf, genau da, wo ich wohnte. Da war es um mich geschehen. Ein Teil von mir brach durch den Aufprall ab. Au, das tat verdammt weh. Als wenn das nicht schon gereicht hätte, ergoss sich auch noch das ganze Bier über meinen Steinkollegen und mir. Boh ey, ich sag’s euch, das hat gestunken und klebrig war es zudem. Am nächsten Tag wurden wir zu unserer großen Erleichterung von einer Putzkolonne mit Bürsten und Wasser kräftig gereinigt. Aber eines konnten die fleißigen Putzleute nicht, mich wieder flicken. Und so fehlte mir von dem Tag an ein Teil meines kostbaren Steins. Eine dicke unebene Kante hatte ich nun auf einer Seite. Das gefiel mir gar nicht und traurig machte es mich auch. Nächtelang weinte ich. Und auch meine Steinkollegen konnten mich mit nichts aufmuntern. Jedes Mal, wenn sie mich zum Lachen bringen wollten, fing ich erneut an zu weinen. Ich wollte doch auch wieder so sein wie früher und wie all die anderen Steine.
Eines Nachts, ich war wieder einmal fürchterlich am Weinen, hörte ich eine liebevolle zarte Stimme, die zu mir sprach: „Maron, lieber Maron, höre auf zu weinen und lausche meinen Worten.“ Ich hörte tatsächlich auf zu weinen. Ganz irritiert suchte ich nach der Stimme, die diese Worte sprach. Wo kam sie her? Ich konnte einfach nichts erkennen. Da war die Stimme wieder: „Maron, ich weiß, dass du traurig bist, weil dir ein Stück deines Steins fehlt. Jede Nacht sehe und höre ich, wie du dich in den Schlaf hinein weinst. Ich, der Mond, möchte dich wissen lassen, dass du unter all den vielen Steinen in der Straße einer der schönsten bist.“
Das verwirrte mich ziemlich. Der Mond hatte zu mir gesprochen? War das möglich? Ich schaute mich erneut um, um mich zu vergewissern, dass auch wirklich niemand anderes in der Nähe war, der zu mir hätte sprechen können. Aber weder Tier noch Mensch waren zu sehen. Und auch meine Steinkollegen schliefen tief und fest. Ihr Schnarchen war nicht zu überhören. Tatsächlich musste es der Mond sein, der zu mir sprach.
„Ja, ich bin wirklich der Mond. Nicht oft spreche ich zu euch Steinen. Aber bei dir ist das etwas anderes. Du leidest so sehr unter deinem Verlust, dass ich dir gern eine Aufgabe geben möchte, mit der du dein Leid vielleicht eines Tages vergessen kannst.“ Ich war nun doch neugierig geworden. Was könnte das wohl für eine Aufgabe sein, die der Mond mir stellen würde? „Lieber Stein, schaue morgen den Tag über, was du alles erlebst. Wie reagieren die Menschen auf dich, die Tiere und die Steinkollegen. Und wenn du magst, darfst du mir morgen Abend von deinen Erlebnissen berichten. Nun aber wünsche ich dir eine gute Nacht und ich freue mich, morgen von dir zu hören.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Mond. Mmh! So plötzlich, wie der Mond da war, so plötzlich war er auch wieder verschwunden. Vielleicht musste er jetzt mit jemand anderem sprechen, der seine Hilfe braucht? Was das mit dem Auftrag wohl auf sich hatte? Und schön findet der Mond mich auch? Herrje, da gehen mir aber viele Fragen durch den Kopf. Das machte mich ganz müde. Ich glaube, ich lege mich jetzt besser schlafen.
Kaum hatte er dies ausgesprochen, schlief er auch schon ein. Am nächsten Morgen weckte die Sonne ihn mit seinen wärmenden Sonnenstrahlen. Und während er sich reckte und streckte, fiel ihm plötzlich das Gespräch mit dem Mond ein und die Aufgabe, die er Maron gestellt hatte. Und so kam es, dass Maron kurzerhand beschloss, sich der Aufgabe zu stellen. Was ihn an diesem Tage wohl erwarten würde!?
Wie an jedem Morgen eilte auch heute die Bäckersfrau in Begleitung ihres Mannes zum Bäckerladen. Nicht das erste Mal stolperte sie mit ihren spitzen Stöckelschuhen über meine Steinkante. Sie fiel nach vorne und verlor dabei ihren Schuh. Genervt stand sie wieder auf, zog diesen unbeholfen an und sprach zu mir: „Ach Maron, wenn wir dich nicht hätten. Immer wenn ich über deine Kante stolpere, denke ich: „Doris, lass dir ein wenig mehr Zeit auf dem Weg zur Arbeit. Und außerdem Maron erinnerst du mich daran, dass ich mir schon immer andere Schuhe kaufen wollte, aus denen ich nicht so schnell herausfalle. Aber heute werde ich mir im Anschluss an den Arbeitstag ganz bestimmt neue und vor allem bequeme Schuhe ohne Absätze kaufen. Danke, lieber Maron!“
Mit diesen Worten wandte sie sich von mir ab und machte sich mit ihrem Mann wieder auf den Weg. Und wie ihr euch sicher denken könnt, lief sie diesmal jetzt etwas langsamer. Auch meine Steinkollegen hatten der Bäckersfrau aufmerksam gelauscht. So war auch ihnen nicht entgangen, dass sie sich neue Schuhe kaufen würde. Einer von ihnen sagte zu mir: „Du bist ein Schatz, Maron. Dank dir wird Doris in Zukunft häufiger mit flachen Schuhen über uns herlaufen. Die sind wesentlich leiser. Außer-dem haben die Absätze ihrer Stöckelschuhe uns immer weh getan. Aber auch das wird jetzt ein Ende haben. Juchuh! Danke Maron!“
Mehr und mehr zeigte sich die Sonne. Dies veranlasste viele kleine Tierchen aus ihren Behausungen zwischen den Steinen hervorzukriechen. Unter ihnen waren auch die Ameisen, die es kaum erwarten konnten, mich in Beschlag zu nehmen. Sie liebten es, auf dem warmen Steinrücken hinaufzuklettern und anschließend die steile Steinkante wieder hinunterzurutschen. Auch heute taten sie dies unentwegt. Sie juchzten und lachten und konnten mit dem Rutschen nicht mehr aufhören. Ich ließ das Treiben mit Begeisterung zu. Die vielen kleinen Beinchen, die immerzu über meinen Rücken liefen, kitzelten mich. Irgendwie gefiel es mir.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 70
ISBN: 978-3-99038-738-2
Erscheinungsdatum: 09.04.2015
EUR 19,90
EUR 11,99

Schulschluss-Tipps