6 - 7 Jahre

Rudi und Lorli

Rudi und Lorli

Leseprobe:

<strong>Rudi, Lorli und Rolfi gehen Schlauchboot fahren</strong>

Liebe Kinder, heute erzähle ich euch eine Geschichte von Rudi und Lorli.
Rudi ist ein zehneinhalb Jahre alter Junge und ein sehr gescheiter Bub. Er geht schon in die vierte Klasse der Volksschule. Rudi ist ein guter Turner, vor allem schwimmt er sehr gerne. Am liebsten springt er auf dem Trampolin hoch in die Luft. Er kann sogar einen Salto machen. Rudi ist auch ein guter Schüler.
Seine Schwester Lorli geht in die zweite Klasse der Volksschule. Auch sie hat gute Noten. Beide sind im selben Schulgebäude untergebracht. Der Rudi sitzt zwar im vierten Stock und die Lorli im ersten, aber in der Pause können sie sich oft sehen. Lorli hat blonde Haare und diese lässt sie sich meistens von ihrer Mama zu einem schönen Zopf flechten. Auf diesen ist sie immer sehr stolz. Sie hat auch viele Klassenkameradinnen, mit denen sie sich sehr gut verträgt.

Rudi und Lorli wohnen in einem schönen Einfamilienhaus im Grünen, nahe der Stadt Wien. Im Garten steht eine kleine Hundehütte und dort drinnen ist der Schäferhund Rolfi. Der liegt zwar den ganzen Tag an der Kette, aber er freut sich immer sehr, wenn Rudi und Lorli nach Hause kommen. Die beiden gehen dann sehr oft mit ihm spazieren oder unternehmen einen Ausflug. Der Rolfi hat den Rudi und die Lorli sehr gerne und der Rudi hat die Lorli sehr gerne und die beiden haben den Rolfi sehr gerne.

Die beiden Geschwister lernen immer gemeinsam. Manchmal fragt die Lorli den Rudi, wenn sie etwas nicht versteht. Ihr Bruder erklärt ihr immer gerne etwas. Die beiden sind sehr beliebt in ihren Klassen. Allerdings geht in die Klasse von Rudi ein gewisser Richard. Dieser neidet dem Rudi sein Glück. Er denkt sich immer: „Dem Rudi geht’s so gut, der hat eine liebe Familie. Er und seine Schwester haben immer, was sie brauchen. Die beiden bekommen immer ein Essen zum Mittag und am Abend. Ihre Mutter macht ihnen auch ein Frühstück, bevor sie in die Schule gehen. Ich bekomme gar nichts.“ Der Richard hat nämlich keine Eltern. Er hat seinen Vater nie gesehen und erinnert sich an seine Mutter nur sehr schwer, weil sie schon früh verstorben ist. Onkel Karl nimmt sich seiner an, der auch außerhalb der Stadt wohnt. Von dem Karl bekommt der Richard aber nicht viel. Karl arbeitet nichts Gescheites, trinkt viel Bier und kümmert sich nicht um den Richard. Und so geht es diesem schlechter als dem Rudi, der sich vieles leisten kann. Der Richard sieht, dass der Rudi das schönste Gewand trägt, die tollste Schultasche und den besten Zirkel hat. Wenn er selbst zu Karl geht, der eigentlich ein Arbeitsloser ist und sich in dem verlassenen, alten Zollhaus einquartiert hat, und etwas will, so gibt ihm der Karl nichts. Und deswegen ist Richard auf Rudi und der Lorli immer so neidisch. Es ärgert ihn oft, dass es den beiden so gut geht und ihm eigentlich gar nicht.
Außerdem hat Richard auch nicht so gute Noten wie Rudi. Dieser hat fast nur Einser, während Richard sogar einen Vierer und manchmal sogar einen Fünfer schreibt. So hat Richard einen Fünfer auf die Englisch-Schularbeit bekommen, während Rudi, der sehr gut Englisch spricht, einen Einser geschrieben hat.

So kam es, dass eines Tages der Lehrer in Rudis Klasse, der 4a, Geografie unterrichtete. Er erzählte über Afrika und erklärte, wo die Wüste Sahara liegt und dass dort Kamele die Tragtiere sind. Er hatte eine schöne Landkarte mit und am Ende der Stunde sagte er zu den Schülern: „Diese Landkarte kann ich euch hier im Klassenzimmer aufhängen. Ihr braucht dazu ein Klebe­band oder sonst irgendetwas zum Aufhängen.“
Richard hatte meistens irgendwelche Utensilien wie Messer und Nägel oder Reißnägel bei sich. Solche Sachen lagen immer bei ihm zu Hause herum und er bekam sie dann von Karl. Am Ende der Geografiestunde sagte Richard stolz: „Bitteschön, ich habe hier verschiedene Reißnägel, mit denen können wir die Landkarte an die Korkwand stecken.“ Er nahm aus seiner Hosentasche eine Schachtel und darin waren ein paar Reißnägel mit roten Köpfen. Die anderen Kinder waren erstaunt darüber, was Richard immer so bei sich trug. Richard nahm ein paar Reißnägel aus der Schachtel und hängte damit die Afrika-Karte an die Korkwand. So konnten die Schüler gut sehen, wo die Wüste Sahara und wo die Elfenbeinküste liegt. Auch den größten Fluss, den Nil, und den Fluss Kongo konnten sie verfolgen. So studierten sie Afrika. Als es zur Pause geläutet hatte, kam Lorli wieder einmal hi­nauf zu ihrem Bruder ins Klassenzimmer und sagte zu ihm: „Du, Rudi, heute ist so ein schöner Tag, heute können wir doch endlich einmal baden gehen. Willst du nicht mit mir baden gehen?“ Es war gegen Ende Juni und ein besonders heißer Tag. Rudi antwortete: „Das können wir schon machen, ja, gehen wir zu unserem Badeplatz hinunter zum Fluss. Dort ist eh ein Steg, da können wir gut baden.“ Lorli war begeistert: „Ich bitte dich, Rudi, nimm doch auch unser Schlauchboot mit. Das ist ein so schönes Schlauchboot und ich mache das so gerne, am Ufer entlang zu fahren und die Trauerweiden sehen, die ins Wasser hängen. Da können wir zu unserem Badeplatz am See den Fluss hinunterfahren. Dort steigen wir dann aus und tragen das Boot zu zweit zurück. Das wird ein sehr schöner Nachmittag heute!“
Hinten, in der hintersten Reihe, saß Richard und hatte gehört, wie die Lorli mit dem Rudi sprach. Er dachte sich: „Na schau her. Schon wieder: Sie haben so ein schönes Schlauchboot. Und alle anderen Kinder schauen immer auf den Rudi und nicht auf mich. Warum? Weil er so ein schönes Schlauchboot hat – ich hab’ kein Schlauchboot. Aber ich werde heute den Karl fragen, ob er mir vielleicht eines besorgen kann.“

Nach der Schule ging er den Weg zu dem alten Zollhaus. Bei diesem war das Dach schon etwas eingestürzt. Das hatte der Karl zwar repariert, aber es waren nur ein paar Ziegel und ein Blech darauf gelegt worden. Richard fragte den Karl: „Du Karl, der Rudi, der mit mir in die Klasse geht, der hat ein wunderschönes, gelbes Schlauchboot mit Rudern. Kannst du mir nicht auch so eines besorgen?“ Er bekam zur Antwort: „Geh’, wo denkst denn du hin, Bua? Des geht doch net, vielleicht mach’ ich das, wenn i dann einmal Geld hab. Aber im Moment hab i kein Geld. Heute kommen meine Kumpeln. Da hab i keine Zeit für dich.“ Da war der Richard sehr gekränkt, aber er dachte insgeheim: „Na, pass auf, wenn ich schon kein Schlauchboot habe, dann sollen Rudi und Lorli auch Ärger mit ihrer Bootsfahrt kriegen.“ Richard kannte ja den Badeplatz am Fluss und ging dann, nachdem er etwas gegessen hatte, zum Badeplatz. Und dort waren schon Rudi und Lorli. Die beiden hatten sich bereits ihre Badehosen angezogen. Und tatsächlich: Rudi hatte das Schlauchboot mitgenommen und auch eine große Pumpe zum Aufblasen. Wer war natürlich auch dabei? Der Rolfi sprang herum und wedelte mit seinem Schweif. Der war so froh, dass er jetzt nicht mehr an der Kette hängen musste. Er sauste herum und setzte sich dann hin und sah zu, wie die Lorli ihre Schuhe auszog und im Fluss ins Wasser ging.
Der Fluss war an dieser Stelle schon ziemlich tief, so einen halben bis dreiviertel Meter. Wenn man drinnen stand, musste man sich sehr dagegenstemmen, da einen die Strömung sonst umgeworfen hätte. Deswegen passte der Rolfi auf die Lorli auf. Falls irgendetwas passierte, konnte er ihr dann schnell helfen. Am liebsten beschützte nämlich der Rolfi den Rudi und die Lorli. Der Richard schaute zu, und als er bemerkte, dass er unbeobachtet war, schlich er sich heran und sah, dass da die Turnschuhe von Lorli mit den Strümpfen standen. Er dachte sich: „Die Schuhe werde ich gleich einmal ins Wasser legen.“ Er nahm die beiden Turnschuhe samt den Strümpfen und legte sie aufs Wasser.

Die Lorli, die gerade ganz begeistert im Wasser schwamm, rief: „Das Wasser ist mein Element!“ Und wie sie so auf den Fluss schaute, sah sie auf einmal, wie ihre Turnschuhe auf der Wasseroberfläche bei ihr vorbeitrieben. Sie rief laut: „Wie kommen meine Turnschuhe dorthin?“ Der Rolfi sprang schnell hinein und holte die Schuhe mit dem Maul aus dem Wasser. „Danke, Rolfi“, sagte Lorli, „du bist wirklich brav.“ Rudi fragte Lorli: „Ja sag’ einmal Lorli, wo stellst denn du deine Schuhe hin? Kannst du sie nicht dorthin stellen, wo die Decke liegt? Ich kann ja nicht auf deine Schuhe aufpassen, ich muss ja das Boot aufpumpen.“ Lorli zuckte nur die Achseln, da sie sich nicht erinnern konnte, die Schuhe weit weg von der Decke gestellt zu haben. Dann pumpte Rudi wieder fleißig das Schlauchboot auf. Währenddessen saß Richard hinter dem Hollerstrauch und rieb sich die Hände: „Ich werde es euch schon zeigen, euch beiden … Das wird heute hoffentlich ein Denkzettel für sie. Weil sie immer so angeben mit ihren Sachen.“ Rudi war bald fertig mit dem Aufpumpen, schraubte die Pumpe vom Boot ab und legte sie auf die Seite. Das Schlauchboot hatte einen schönen Boden und einen großen, runden Wulst um den Boden herum. Auf diesen konnte man sich gut draufsetzen während des Fahrens. Das Boot lag schon bereit. Rudi und Lorli wollten aber noch vor dem Bootfahren ins Wasser gehen. Die beiden gingen ins Wasser und schwammen gegen den Strom. Rolfi nützte die Gelegenheit, weil es ein so heißer Tag war, wedelte mit dem Schweif und sprang gleich zu ihnen. Dabei konnte er aber nicht auf die Decke, die Schuhe und das Schlauchboot aufpassen.

Richard wusste, was er machen musste, damit bei dem Schlauchboot die Luft rausginge. Wenn er unten in den Boden einen Reißnagel hineinstecken würde, dann hätten Rudi und Lorli sicherlich nicht lange Spaß beim Bootfahren. Er schlich sich an und schaute immer, ob der Rolfi noch im Wasser war. Aber weil der Fluss in einem Flussbett drinnen war, konnten Rudi, Lorli und Rolfi nicht über dessen Rand hinüberschauen. So konnte Richard sich ganz unbemerkt anschleichen und einen Reißnagel ins Schlauchboot drücken. Man hörte gar nichts. Richard war zufrieden, schlich sich wieder davon und wartete ab, was passieren würde.

Rudi und Lorli planschten noch im Wasser und spritzten sich gegenseitig an. Rudi versuchte sogar zu kraulen, denn das hatten sie bereits im Turnunterricht gelernt. Rolfi war die ganze Zeit bei ihnen und schwamm immer ein bisschen stromaufwärts für den Fall, dass sich Lorli nicht mehr halten konnte und er sie zum Ufer drängen müsste. So badeten sie lustig, spielten auch ein wenig Wasserball und hatten viel Spaß.
Lorli sagte schließlich: „Jetzt fahren wir mit dem Schlauchboot zum See hinunter! Bitte nimm auch das Paddel mit, damit du das Boot gut dirigieren kannst und wir in der Mitte vom Fluss bleiben können. Ich freue mich schon so.“ Sie gingen aus dem Wasser zu ihrem Schlauchboot. Das Boot hatte am oberen Rand eine schöne weiße Schnur, an der man es gut ziehen konnte. Die beiden zogen das Schlauchboot ins Wasser. Lorli kletterte über den großen Wulst hi­nein. Vorne saß Rudi und als Letzter sprang der kleine Rolfi vom Ufer hinein. Rudi stieß das Boot mit dem Paddel vom Ufer ab und so fuhren sie in der Mitte des Flusses dahin. Es ging ziemlich schnell. Sie sausten am Ufer vorbei und kamen auch unter einer Straßenbrücke durch. Dann kam sogar noch eine Eisenbahnbrücke. Da fuhren sie auch unten durch. Bald sahen sie in der Ferne den See.

Siehe da, Lorli, die auf dem Wulst des Schlauchbootes saß, sank auf einmal immer tiefer ein. Sie sagte zu Rudi: „Aber Rudi, heute hast du das Boot nicht gut aufgepumpt. Ich sitze ja schon auf dem Boden statt auf dem Wulst.“ „Aber geh, geh. Ich glaube, du wirst auch immer schwerer“, sagte Rudi. „Geh, red doch nicht so. Ich werde doch nicht schwerer“, sagte Lorli, „aber da ist wirklich fast keine Luft mehr drinnen. Wie gibt’s denn das?“ Und als sie dies sagte und den Rolfi anschaute, kam sogar ein wenig Wasser ins Schlauchboot. Da wurde Rudi auch unsicher und schaute im Boot herum, um die Ursache für den Wassereintritt zu entdecken. Da kam bereits auf der anderen Seite vom Boot Wasser herein. Rudi rief Lorli zu, schnell vom Wulst herunterzukommen und sich auf den Boden zu setzen. Lorli setzte sich zwar hinunter, aber der Wulst wurde immer kleiner und auf einmal kam viel Wasser herein und das Boot war voll Wasser und begann zu sinken. Da begann Lorli zu schreien. Rolfi wäre schon längst weggesprungen, aber er dachte sich, dass er die beiden doch nicht alleine lassen könne. Rudi schaute noch einmal um sich und meinte dann: „Dies ist eine Notsituation. Wir müssen das Schlauchboot verlassen.“ Tatsächlich, während er dies sagte, kam immer mehr Wasser in das Schlauchboot und schließlich war dieses schon fast untergegangen. Rolfi schwamm mit heraushängender Zunge schnell ans Ufer. Lorli schrie: „So etwas ist mir noch nie passiert! Was ist da nur los?“ Rudi hatte das Paddel vor Verzweiflung weggeworfen.

Das Boot schwamm immer weiter weg in Richtung See und schaute gerade noch aus dem Wasser he­raus. Man konnte es gut sehen, da es so schön gelb war. Das Wasser war ganz grün und das Boot ganz gelb. Dann kamen sie endlich ans Ufer. Es war kein sehr breiter Fluss, vielleicht acht Meter breit. Aber vier Meter schwimmen, bei so einer Strömung, wo man sich nirgends anhalten kann, war schon ein sehr großes Abenteuer für Lorli und Rudi. Nur der Rolfi, der konnte das natürlich gut. Der sprang gleich ans Ufer und wartete keuchend bis Rudi und Lorli kamen. Endlich stiegen sie erschöpft aus dem Wasser heraus. Sie hätten auch das Boot geholt, aber dieses war fast nicht mehr zu sehen. Rudi fragte Lorli: „Ist dir was zugestoßen, Lorli?“ Sie antwortete: „Ich habe einen großen Schrecken. So etwas ist mir noch nie passiert. Was hast du da nur gemacht, Rudi?“ Rudi konnte sich den Vorfall selbst nicht erklären: „Ich weiß nicht. Gar nichts habe ich gemacht. Was hat denn nur das Boot gehabt?“ Und wie sie sich so erholten, bemerkte Rudi, dass das Boot in einiger Entfernung in die Nähe des Ufers getrieben wurde. Und siehe da, das Paddel wurde ebenfalls ans Ufer geschwemmt. Da nahm der Rudi das Paddel und ging zu der Stelle hin und schob das Paddel unter die weiße Schnur, mit der man das Boot ziehen konnte. Er konnte tatsächlich das Boot noch erreichen. Mit großer Gewalt zog er daran. Als Rolfi sah, dass der Rudi das Boot retten wollte, sprang er noch einmal ins Wasser und versuchte, das Boot mit seiner Schnauze zum Ufer zu stupsen. Nach einer Weile hatten sie tatsächlich das Boot ans Ufer gebracht. Lorli, die alles mit verfolgt hatte, musste fast weinen, weil sie so erschrocken war und weil das einst so stolze Boot jetzt lauter Falten hatte.

Richard, der nicht weit davon im Gras saß, freute sich und rieb sich die Hände. Er dachte sich: „Na, jetzt haben sie es endlich mit ihrem Boot! Jetzt sind sie genauso dran wie ich. Ich hab kein Boot und die sollen auch keines haben. Und noch dazu haben sie einen riesigen Schrecken bekommen. Den gönne ich ihnen auch, denn sonst können die beiden eh immer nur genießen. Und ich kann nie etwas genießen. Jetzt sind sie endlich in der gleichen Lage wie ich. Das ist etwas Feines.“ Er beobachtete noch, wie Rudi und Lorli aufstanden und das eingefallene Boot hinter sich herzogen. Rolfi trottete mit hängendem Kopf neben ihnen her. Sie kamen zum Badeplatz zurück und packten ihre Sachen zusammen. Lorli weinte: „Ich muss sofort zu Mama und ihr das alles erzählen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 176
ISBN: 978-3-99003-483-5
Erscheinungsdatum: 20.07.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre