3 - 5 Jahre

Mora und die Angst

Kerstin Schwanzer

Mora und die Angst

Leseprobe:

I. Mora aus dem Ei

Als Mora, die kleine Eule, schlüpft,
aus ihrer harten Schale hüpft,
ist das Erste, was sie sehen kann,
die Sonne und ihr fröhliches Gesicht.
Warme Strahlen trocknen
Moras Gefieder,
ihre Augen gewöhnen sich
langsam ans Licht.

Blätter, die sich über ihr
im Wind bewegen
in saftig grünem Kleid,
vollführen einen Freudentanz,
der Wind erblasst vor Neid
und pfeift noch lauter sein Liedchen,
damit Mora ihn auch hören kann,
und unter lautem Gesäusel
kommen noch ein paar puderweiße Wattewölkchen an,
die sich im stahlblauen
Himmel verlieren.
Und jeder hat es nun gecheckt:
Moras erster Blick auf die Welt
ist PERFEKT.

Also kann sie es erst recht
nicht begreifen,
wie man bei diesem Anblick
schlafen kann.
Mora schaut so in die Runde,
einer fängt direkt zu schnarchen an.

Doch Mora kann das so nicht lassen
und ruft: „Das dürft ihr
nicht verpassen!“
– Keiner rührt sich –
– alle schlafen selig –

bis Mora es ein wenig lauter versucht.
Da hört sie, wie eine
der großen Eulen flucht:
„Hee, Kleine, mach nicht so ’n Krach,
vor Sonnenuntergang kriegste hier eh keinen wach!“

Und schon schnarcht sie munter weiter.
Mora kann es einfach nicht glauben,
wo sie auch hinschaut,
nur geschlossene Augen.

Mora schüttelt kurz ihr Gefieder
und dreht sich wieder um.
Also, wenn keiner es sehen will,
so sei es drum.

Und sie kann sich kaum sattsehen.
Mora schaut ganz verdattert,
als ein quietschgelber Schmetterling
lustig an ihr vorüberflattert.

Ganz klein muss Mora
ihre Augen machen,
damit sie alles sehen kann.
Sie blinzelt und dann,
irgendwann,
als die Sonne blutrot untergeht,
fängt sie selbst zu schnarchen an.



II. Mora und die Nacht

Als Mora erwacht,
ist es tiefschwarze Nacht,
und fast hätte sie gedacht,
sie hat die Augen gar nicht
aufgemacht.

Doch zu ihrem Entsetzen sind
diese weit offen
und es bleibt nur zu hoffen,
dass diese kühle schwarze Decke
Mora nicht ganz verschlingt,
dass diese fröstelnde Kälte
nicht ganz in sie eindringt.

Dort hört sie ein Rascheln,
Schatten treiben ihr Spiel,
unheimliche Geräusche,
Mora wird es zu viel.

Und wo sind die anderen eigentlich?
Mora tastet in allen Ecken,
doch nirgendwo
kann sie eine Eule entdecken.

Und als sie so im Dunkeln tappt,
macht sie einen falschen Schritt.
Mora kreischt
und der allerletzte Tritt
geht ins Leere.
Mora fällt tief in die Nacht,
die ihr ganz allmählich
ein kleines bisschen Bammel macht.

Unsanft landet sie am Boden,
schaut sich um, doch das nicht lang.
Nebelschwaden hüllen sie ein,
Mora wird es angst und bang.

Überall nur Finsternis,
komische Geräusche, wilde Schatten,
und Moras dünne Beinchen
fangen an zu klappern.

Und da Mora noch nicht fliegen kann,
klettert sie mühsam wieder hinauf,
versteckt sich unter ihrer Eierschale
und lässt der Nacht ihren Lauf.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 42
ISBN: 978-3-95840-315-4
Erscheinungsdatum: 20.03.2017
EUR 13,90
EUR 8,99

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