3 - 5 Jahre

Liebe Oma, erzähl doch mal

Carmen Heinrich

Liebe Oma, erzähl doch mal

Leseprobe:

Das ist Großmutter Lieschen

Ihre Enkelchen nennen sie Leckeroma, weil sie so leckere Kuchen und Plätzchen backen und den besten Milchreis kochen kann.
Großmutter Lieschen erzählt gern Geschichten. Besonders dann, wenn draußen der Herbst Einzug hält und seine Stürme durch die Gassen jagen und der Regen an die Fensterscheiben peitscht.
Dann löscht Großmutter Lieschen das Licht in der Küche, setzt sich auf die Kohlenkiste neben dem Herd, nimmt die Enkelchen auf den Schoß und öffnet die Tür vom Ofen. Das Feuer wirft zuckende Schatten auf Boden und Decke.
In der Röhre brutzeln leise die roten Äpfel, die alle gemeinsam im Garten gepflückt haben. So beginnt Oma Lieschen zu erzählen:
„Also, als ich klein war, hat meine Großmutter mir viele, viele Geschichten erzählt.
Eine davon war die Geschichte …“

„Liebe Omi, erzähl doch mal!“
„Also, als ich noch klein war, hat meine Großmutter mir viele, viele Geschichten erzählt. Eine davon war die, warum die Hasen lange Ohren und kleine Schwänze haben.“

***

Die frechen Hasen

Vor vielen, vielen Hundert Jahren war’s, da hatten die Hasen noch kleine Ohren so wie die meisten Tiere und lange Schwänze wie die Katzen oder Affen oder Hunde.
Vielleicht waren die Schwänze der Hasen sogar etwas länger.
Vor allem waren sie kuschlig und schneeweiß.
Es waren ganz sicher die schönsten Schwänze von allen Tieren im Wald.
Die Hasen waren sehr stolz darauf und pflegten und striegelten sie täglich.

Meist trugen sie die glänzenden Schweife hoch erhoben, ohne die Spitze zu biegen.
Kerzengerade und dick aufgeplustert.

Die Hasen waren aber nicht nur stolz auf die Farbe und das dichte Fell ihrer Schwänze, sondern auch darauf, was sie mit ihnen alles tun konnten.

Katzen begrüßen mit hoch erhobenem Schwanz die Artgenossen oder Freunde und zucken mit der Schwanzspitze, wenn sie jagen wollen.
Hunde wedeln aus Freude über ein Spiel oder eine Aufgabe mit dem hinteren Teil. Oder sie klemmen ihren Schwanz zwischen ihre Hinterbeine, wenn sie Angst haben.
Affen hangeln sich mithilfe des Schwanzes von Baum zu Baum, von Ast zu Ast.

Die Füchse tragen ihn nur als Schmuck und zum Imponieren, was ihnen die Jagdlust der Menschen auf den Hals hetzt. Er ist den Füchsen also nicht zum Nutzen. Im Gegenteil!
Die Hasen aber konnten alles mit ihren Schwänzen tun! Begrüßen, sich hangeln, Signal geben, sich festhalten, sich fangen, imponieren, ihn wie einen Schal um den Hals tragen, ihn einrollen und als Kissen unter dem Hinterteil postieren. Sie konnten damit peitschen und Feinde vertreiben.
Ihr Schwanz hing also nicht nur als Körperteil an ihnen herum, sondern war wichtig und unentbehrlich für jede Lebenslage.
Den meisten Spaß aber machte es, mit den langen, geschickten Schwänzen an den Wettbewerben teilzunehmen. Die Hasen waren die schnellsten Tiere im Wald und konnten das Dickicht am gewandtesten überspringen oder sich hindurchhangeln. Sie konnten ihren Schwanz benutzen wie einen Stab, um über Hindernisse zu federn, und wie einen Fangarm, damit sie über die dicken Äste Bockspringen konnten.
Jedes andere noch so geschickte und schnelle Tier hatte keine Chance. Sie waren deshalb ein wenig neidisch auf die Hasen. Und die gaben mächtig an, weil sie als unbesiegbar galten.
Die Zeit verging und die Hasenfamilien wurden ziemlich eitel und hoffärtig. Sie verspotteten die schwächeren Tiere und forderten die großen und starken Waldbewohner zum Kampf heraus, weil sie sicher waren, auch gegen sie gewinnen zu können.
Onkel Petz war der Lehrer aller Waldtierkinder und tadelte die Hasen. Er hatte auch schon lange keinen mehr von ihnen in der Schule gesehen. Dabei täte ihnen Erziehung not!
Doch zur Schule zu gehen, dazu hatten die Hasen keine Lust. Dieses ewige langweilige Herumsitzen! Die Wichtigtuer und Streber in der Klasse! Und das Auswendiglernen! Igitt! Die Hasen lachten über die Emsigkeit der anderen. Sollten die sich ruhig von Onkel Petz erklären lassen, wie man sich vor Wilderern und Räubern schützt, wie man sich sein Winterfutter besorgt, sein Nest baut und für den Nachwuchs sorgt. Sie wussten das alles von allein! Und das war ja wohl auch nicht die Hauptsache im Leben eines Hasen!

Das Leben sollte nur Spaß machen! Und Spaß hatten sie, wenn sich die Waldbewohner ärgerten über die Streiche der Hasen oder wenn die kleinen Tiere sogar Angst vor ihnen hatten.
So liefen sie morgens los in Richtung Schule. Aber an der Weggabelung zum Schulbaum bogen sie ab und sprinteten im Zickzack zum Waldrand.
An der großen Eiche trafen sie sich, um zu beratschlagen, wer an diesem Tag an der Reihe war, sich etwas auszudenken, was richtig, richtig böse war.
Dabei rauchten sie Zigaretten und spuckten unflätig aus bei den Gedanken an die emsige, strebsame Welt, in der sie leben mussten, und dachten sich ihre Schurkenstreiche aus.
Hatte einer einen Vorschlag, der allen gefiel, dann erschallte ihr Schlachtruf:
„Ein Hase beginnt! Alle Hasen machen mit!“
Gegen Mittag schauten sie sich an und grinsten.
Sie hatten Hunger. Und damit war es Zeit für ihr Lieblingsspiel:
„Möhrenrausziehundhochwerfauffangschnell-ess-spiel“.
Dazu diente den Hasen ihr Schwanz auf besondere Weise. Er wurde um die Möhren gewickelt und schwupp wurden die mit Schwung aus der Erde gezogen und hochgeschleudert.
Ohne die Pfoten zu benutzen, mussten sie mit dem Mund aufgefangen und „weggeschnurpst“ werden! Wunderbar!
Wer die meisten Möhren gegessen hatte und wer sie am höchsten schleudern konnte, war Sieger.
„Auf Kommando!“, rief der Älteste unter ihnen. „Ein Hase beginnt!“
Alle anderen antworteten: „Und alle Hasen machen mit!
Schwanz rum!
Hopp!
Und hoch!
Und schwupp!“
Dann stürmten sie los.
So verwüsteten die Hasen alljährlich die Gärten der Umgebung.
Die Leute wussten sich keinen Rat. Die Hunde verbellten die frechen Hasen zwar an einem Tag, aber am anderen waren sie wieder da und vollendeten ihr Tun.
Kein Zaun war hoch genug, die Hasen fernzuhalten. Keine noch so gruselige Vogelscheuche half gegen die Diebe. Die Tiere des Waldes versuchten mit sanften Worten, mit Verachtung, mit Verlockungen oder durch Strafen die Hasen zur Vernunft zu bringen, aber die lachten nur lauthals, und der Wald erschallte von ihrem Schlachtruf:
„Ein Hase beginnt! Alle Hasen machen mit! Schwanz rum! Hopp!
Und hoch! Und schwupp!“

Die Menschen aber überlegten sich eine List.
Gärtner Immergrün machte seinen Freunden, den Gärtnern Kleinbusch und Blumstein, einen Vorschlag:
„Wir bauen einfach keine Möhren mehr an! Was meint ihr?“
„Aber Freunde! Wenn wir keine Möhren mehr anbauen, haben wir nicht genügend Futter für unsere anderen Tiere. Und denk an die Kinder!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-99026-348-8
Erscheinungsdatum: 14.09.2015
EUR 20,90
EUR 12,99

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