11 - 12 Jahre

Prinzessin Lili gewinnt ihr Lächeln zurück

Maria Graf

Prinzessin Lili gewinnt ihr Lächeln zurück

Leseprobe:

Lilli fühlt sich ganz allein

Tränen steigen auf. Lili will nicht weinen. Noch nicht. Mit einem verheulten Gesicht möchte die Prinzessin auf keinen Fall vor ihre Eltern treten. „Das hilft vielleicht“, kommt ihr eine Strategie in den Sinn, wie sie die Tränen unterdrücken kann. Bis zum O schafft sie es, das Alphabet rückwärts aufzusagen. Es hat funktioniert.
Ach, wenn doch nur alles so einfach ginge. Tief in Gedanken versunken tritt Lili ans Fenster und starrt in die Ferne. Wie schon so oft, wenn sie traurig war, bleiben ihre Augen an dem kleinen Ort hängen, der kaum eine halbe Stunde Fußmarsch vom Schloss entfernt lieg. Im Licht der frühen Morgensonne schimmern die grauen Schieferdächer beinahe rosa. Das seltene Naturschauspiel weckt ihre Sehnsucht nach der bekannten und doch so fremden Welt. Nur weil ich eine Prinzessin bin, muss ich immer alleine in der riesigen Schulstube sitzen. Privatunterricht ist doof. Ich will mit den Kindern im Dorf zur Schule gehen. Enttäuschung und sogar ein wenig Wut gesellen sich zur Traurigkeit.
„Die Dorfbewohner haben ihr Leben und wir das unsere“, schwirrt Lili sogleich die Belehrung ihrer Mutter durch den Kopf. „Wir sind Adelsleute. Die bleiben unter sich.“
Lili rümpft die Nase. Ich will keinen Unterschied zwischen den Menschen machen, begehrt eine trotzige Stimme in ihr auf. Ich will Freundschaften schließen, auch mit den einfachen Leuten. Die sind mir allemal lieber als die Adligen. Die bilden sich bloß ein, sie wären etwas Besseres.
Noch hat die Königin keine Ahnung von den Zukunftsplänen der Tochter. Lili hat auch allen Grund, der Mutter nichts zu verraten. Die Königin glaubt nämlich fest daran, Lilis Schicksal sei ebenso vorbestimmt wie einst das ihre. Und das bedeutet, dass die Prinzessin einen großen Abstand zum einfachen Volk halten muss.
Zum Glück ist Vater anders. Lili atmet erleichtert auf und klammert sich an den Rat, den er ihr einmal gab: „Die Leute verneigen sich vor mir, weil ich der König bin“, sagte er. „Doch wer reich und mächtig ist, gar eine Krone trägt, ist deswegen noch kein besserer Mensch. Da gehört mehr dazu.“ Sie hatte ihn verwirrt gefragt, wie man denn ein guter Mensch wird. Daraufhin legte der Vater die Hand auf seine Brust. „Da drin findest du die Antwort“, erwiderte er. „Höre einfach auf dein Herz.“
Augenblicke zuvor kämpfte die Prinzessin noch mit den Tränen, nun spürt sie sogar ein wohltuendes Kribbeln im Bauch. Irgendwo da wohnt Bella. In ihre Augen kommt Bewegung. Obwohl sie nur ahnen kann, wo die Nichte der Köchin zu Hause ist, schlägt ihr Herz vor Freude schneller. Sie mag das freche Bauernmädchen sehr. Wenn Bella an ihrem schulfreien Tag ihrer Tante Roberta in der Küche hilft, ist immer etwas los.
Die ebenso gutmütige wie energische Roberta will herausfinden, wozu ihre Nichte taugt. Dem zwölfjährigen Mädchen den Haushalt und das Kochen beizubringen, ist eine Sache. Ihr die schlechten Manieren abzugewöhnen, eine völlig andere. Bella ist frech und eigenwillig. Überall steckt sie ihre vorwitzige Nase hinein und spielt den Dienstboten lustige Streiche.
Am meisten regt sich die Königin über das flegelhafte Verhalten der Küchenhilfe auf. „Das ist unerhört“, tadelte sie mehrmals die Köchin. „Ihre Nichte bringt noch die ganze Ordnung im Schloss durcheinander.“ Roberta verzweifelte fast. Alles Schimpfen und Bestrafen nützte wenig. Bella ließ sich den Spaß nicht verderben. Der Groll der Königin auf Bella wuchs als sie merkte, dass Lili sich zu dem frechen Mädchen hingezogen fühlte. Um die zarten Bande der beginnenden Freundschaft zu zerstören, befahl sie der Köchin, die ungezogene Nichte von ihrer Tochter fernzuhalten. „Ich lasse nicht zu, dass diese vorlaute Göre die Prinzessin verdirbt.“ Ihre Anweisung schockierte Roberta zutiefst.
In Lilis Gesicht zeigt sich Entschlossenheit. Mit einer kampfesfreudigen Bewegung wirft sie die offen Haare in den Nacken und setzt sich auf den Fenstersims. Sobald Mutter zurück ist, werde ich ihr sagen, dass ich Bella sehr mag. Ich will ihre Freundin sein. Überrascht über ihren eigenen Mut senkt sie die Lider. Dahinter sieht sie den Frechdachs mit den kurzen roten Haaren genau vor sich. Der Abschied von den Eltern rückt in weite Ferne.

„Du solltest längst unten sein!“
Die besorgte Stimme der Zofe rauscht einfach an ihren Ohren vorbei.
„Und was ist mit dem Zopf, den du dir selbst flechten wolltest?“ Kopfschüttelnd betrachtet Johanna das Haar der Prinzessin, das ihr bis über den Po reicht. „Um dich ordentlich zu frisieren, fehlt die Zeit“, murmelt sie vor sich hin und holt aus der obersten Schublade einer Kommode ein rotes Seidentuch. „Das Tuch muss genügen. Wenigstens passt die Farbe zum Kleid.“ Geschwind bindet sie die blonde Lockenpracht zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Und nun beeile dich!“
Keine Reaktion.
„Hast du gehört?“
Johannas Tonfall ist etwas energischer geworden. Dennoch bewegt sich die Prinzessin keinen Zentimeter vom Fenster weg. In Gedanken ist sie immer noch bei Bella.
„Nun lass doch deine Eltern nicht so lange warten!“ Sachte zieht die Zofe sie vom Fenstersims herunter.
Im Nu zerplatzen die abenteuerlichen Bilder in Lilis Kopf wie bunt schillernde Seifenblasen. Sie ist wieder das wohlbehütete Königskind, stets umgeben von Erwachsenen, die über ihr Leben wachen. Obschon ihr alle viel Aufmerksamkeit schenken, fühlt sich Lili oft einsam.
„Ich weiß“, sagt sie betrübt und schaut auf den Boden. „Sie gehen mal wieder auf so eine blöde Regierungstour.“
Behutsam hebt Johanna mit den Fingern ihr Kinn an. „Ach Kindchen“, seufzt sie. „Regieren ist halt kein Zuckerschlecken.“ Während sie nach Worten sucht, mit denen sie Lili aufmuntern kann, schaut sie sich im Zimmer um. Zwei Regale sind vollgestopft mit allerlei Spielsachen und Büchern: überwiegend Abenteuergeschichten und Erzählungen von fremden Kulturen. In einem weiteren Gestell befindet sich ein riesiger Kasten mit Ölfarben, Pinseln, unzähligen Farbstiften, Papierbögen in verschiedenen Größen und davor steht eine Staffelei. Auf dem Bett sitzen Kuscheltiere und Puppen, aufgereiht auf Spitzenkissen. Und in einer Ecke steht eine Nachbildung von Schloss Sommerwind, die Lili aus Holz und kleinen Steinen selbst gebaut hat. Keine leichte Aufgabe, einem Kind eine Freude zu machen, das schon alles hat. Johanna ist ratlos. Armes, reiches Mädchen, grübelt sie still. Spielzeug hast du weiß Gott genug. Doch all diese toten Gegenstände können dir lebendige Spielkameraden nicht ersetzen. Im Moment kommt ihr nichts Gescheites in den Sinn, womit sie ihr eine Freude machen kann. Da Lili immer noch keine Anstalten macht, sich zu bewegen, umklammert die Zofe ihre Hand und zieht sie aus dem Zimmer.
Auf dem Flur bleibt Lili abrupt stehen. „Johanna, darf ich einmal rutschen?“
Die Zofe schüttelt entrüstet den Kopf. Ihr Blick springt zwischen Lilis flehenden Augen und der Treppe hin und her. „Das ist keine gute Idee.“
So einfach lässt sich Lili nicht von ihrem Vorhaben abbringen. „Bitte, nur einmal“, bettelt sie.
„Vielleicht später“, gibt Johanna nach. „Dann, wenn die Herrschaften aus dem Haus sind.“
Die blaue Farbe in Lilis Pupillen wird noch eine Spur heller. „Geisterbahn fahren ist toll“ quiekt sie und springt davon.
„Ich sagte später und nicht jetzt.“ Johanna schaut ihr entsetzt nach. „Meine Güte, wenn dich jemand sieht.“
Die Prinzessin hat das Treppengeländer bereits erklommen. „Ist doch keiner da“, sagt sie kichernd und blickt auf das erste Bild, das an der gegenüberliegenden Wand hängt. Darunter hängen noch zehn weitere Gemälde, eingefasst in riesige Rahmen aus Gold. Es sind die Gesichter ihrer Vorfahren, die sie zum Leben erwecken will. „Geisterbahn“, jubelt sie und rutscht in einem Zug auf dem Bauch über das glatte Holz nach unten. Bei der Fahrt sausen die gemalten Köpfe an ihr vorbei.
„Das war richtig schön gruselig“, ruft sie Johanna zu. „Ich habe es genau gesehen. Ihre Augen haben sich bewegt. Die haben mir nachgeschaut.“
Eilig wackelt die Zofe mit ihren kurzen, stämmigen Beinen die lange Treppe hinunter. „Nun ist aber genug!“ Völlig außer Atem hält sie an und dreht sich um. Lili ist wieder auf dem Weg nach oben. Gerade so erwischt Johanna noch ihre Hand. „Mit Toten treibt man keine Scherze.“ Ihre kleinen runden Augen starren auf die Bilder der Ahnen. „Bleibt ihr mal schön da, wo ihr hingehört“, flüstert sie, bekreuzigt sich und verspricht, der Heiligen Jungfrau Maria beim nächsten Kirchgang eine Kerze anzuzünden.
„Schade“, erwidert Lili und macht kehrt.
„Du solltest dich mal sehen.“ Mit schnellen, geschickten Griffen ordnet Johanna Lilis zerzauste Haare und zupft das Kleid mit den kunstvollen Stickereien wieder in Form.
„Guten Morgen.“
Die Zofe dreht sich erschrocken um. Ihre Wangen laufen beim Anblick der Königin rot an. „Ähm … auch Ihnen … einen guten Morgen“, stammelt sie und macht einen tiefen Knicks. Hoffentlich hat sie nichts von Lilis Rutschpartie mitbekommen. Bald hat sie Gewissheit.
„Was habt ihr nur so lange gemacht?“
Johanna atmet erleichtert auf und entschuldigt sich für die Verspätung.
„Ja, ja, schon gut“, erwidert die Königin gereizt.
Noch einmal deutet Johanna einen Knicks an und eilt davon.
„Liselotte Sofia Marie! Ich wüsste gerne den Grund, warum du deinen Vater und mich hast warten lassen?“
Lili merkt sofort, dass ihre Mutter sauer ist. Wenn die Königin sie bei ihren drei Taufnamen ruft, bedeutet das meist nichts Gutes. Schweigend senkt sie den Kopf. Zudem sind die Gedanken an den nahen Abschied zurückgekehrt und schnüren ihr die Kehle zu.
„Ach Kind“, seufzt die Königin. „Komm! Vater wartet.“
Stumm trottet Lili hinter ihrer Mutter her, die auf direktem Weg ins Regierungszimmer geht. Oh, das muss wichtig sein. Es ist ihr nur selten gestattet, das Allerheiligste zu betreten, wie ihre Mutter das Zimmer bezeichnet, in dem der König mit seinen Staatsdienern und ranghohen Offizieren über das Wohl des Landes spricht.

„Da bist du ja, mein Schatz.“
Die herzliche Begrüßung entlockt Lili ein kleines Lächeln.
„Bestimmt willst du wissen, wohin wir verreisen. Und warum wir dich leider wieder alleine lassen müssen.“
Da es mehr eine Feststellung als eine Frage ist, nickt Lili nur.
„Dann pass mal gut auf“, fährt der König fort und stellt sich vor eine Landkarte aus dickem Pergamentpapier. Er hält einen Holzstab in der Hand, den er über eine lange, rote Linie zieht. „Schau! Das hier ist die Grenze von Sommerwind“, erklärt er ihr. „Herrscher über dieses große Reich zu sein, ist keine leichte Aufgabe.“ Liebevoll blickt er zur Königin. „Darum bin ich froh, dass deine Mutter mir beim Regieren hilft.“
Als Nächstes wandert der Stab in der Hand des Königs in den Westen. Er tippt auf eine Stadt und zieht dann einen Kreis um kleinere Ortschaften, die um die Stadt herum liegen. „In dieser Region erkundigen wir uns, ob es den Menschen, die dort leben, gut geht.“ Zuletzt führt er den Zeigestock in den Norden und erzählt ein wenig von der Schule, die dort gebaut werden soll. Anders als andere Könige findet er es sehr wichtig, dass die Kinder der Untertanen etwas lernen können.
„So, nun kennst du die Reiseroute. Mutter und ich werden dir von unterwegs schreiben. Und wir freuen uns schon jetzt auf deine Briefe, die uns der Kurier bringen wird.“
Die ganze Zeit über hat Lili ihrem Vater aufmerksam zugehört. Dieses Mal bleibt ihr sehr lange fort, stellt Lili traurig fest. In wenigen Monaten feiert sie ihren zwölften Geburtstag und begreift allmählich, warum ihre Eltern so oft umherziehen müssen. „Regieren ist halt kein Zuckerschlecken“, erinnert sie sich an Johannas Worte.
Kaum ist der Satz über ihre Lippen gehuscht, eilt ihr Vater auf sie zu. „Wahrlich, du bist eine Königstochter“, sagt er voller Bewunderung und schließt die Prinzessin fest in seine Arme.
Mit Tränen in den Augen tritt die Königin hinzu. „Versprich mir, gut auf dich aufzupassen.“
Lili schluckt und versucht, den dicken Kloß im Hals zu vertreiben. Nicht weinen. Noch nicht. Sie will ihren Eltern und sich selbst den Abschied nicht noch schwerer machen, als er ohnehin schon ist. „Ach Mutter.“ Ihre Lippen zittern. „Was soll mir schon passieren.“

Bald darauf steht Lili mit ihren Eltern im Vorhof des Schlosses. „Du darfst natürlich mit“, beneidet sie den Jagdhund. Der Foxterrier springt an ihr hoch.
„Pfui, Hannibal“, ermahnt die Königin den Hund. „Du machst Lilis Kleid ja dreckig.“
Folgsam lässt Hannibal von Lili ab.
„Nun sei doch nicht immer so streng“, ereifert sich der König und drückt Lili noch einmal fest an sich. Wenige Minuten später rattert die königliche Karosse durch das offene Eisentor davon.
Die aufgestauten Tränen finden nun endlich den Weg nach draußen.
„Immerzu lasst ihr mich allein“, hört Johanna Lili schluchzen. So schnell sie kann, eilt sie herbei.
„Ach Kindchen“, grummelt Johanna, „du bist doch nicht allein.“ Mit dem Zipfel ihrer Schürze wischt sie sanft über das nasse Gesicht der Prinzessin. „Ganz viele Menschen haben dich lieb.“
Stumm greift Lili nach dem Taschentuch, das Johanna ihr hinhält, und schnäuzt sich ordentlich die Nase.
„So ist’s recht“, lobt die Zofe und nimmt sie bei der Hand. „Wir gehen jetzt in die Küche.“
Der Duft von Gebackenem hängt in der Luft.
„Hallo Roberta“, begrüßt Johanna die Köchin. „Lili hat gleich Schule. Vorher sollte sie aber noch frühstücken.“
Roberta schmunzelt. „Ja, mit leerem Bauch lässt sich schlecht denken.“ Mit einer einladenden Handbewegung zeigt sie auf die Bank aus Eichenholz. Auf dem Tisch davor stehen Brot, Käse, Butter und Marmelade.
„Hab keinen Hunger.“ Lili ist der Appetit vergangen.
„Und wie wäre es mit einem süßen Trostpflästerchen?“, fragt Roberta und holt aus dem Backofen Lilis Lieblingskuchen. „Die Schokolade ist innen noch warm. So magst du ihn doch am liebsten.“
Da Lili selten Schokoladenkuchen zum Frühstück bekommt, nimmt sie gerne ein Stück davon.

Das Hofpersonal kümmert sich rührend um die kleine Herrin und versucht, sie zu trösten. Sogar die Lehrerin, die selten eine Unterrichtsstunde ausfallen lässt, verzichtet an diesem Morgen auf Rechnen und Staatskunde. Stattdessen sagt sie: „Ich habe eine Überraschung für dich.“
Lili schaut in ihr strenges Gesicht, das plötzlich ganz weich wird. Hoffentlich keine blöde Morgengymnastik im Freien. Die Prinzessin ist erleichtert, als sie in den Salon gehen, wo bereits die Musiker des Hausorchesters auf sie warten. Ihr meint es ja alle nur gut. Wohlerzogen lauscht sie den heiteren Melodien, obschon ihr eher nach einem Trauermarsch zumute ist. Auch der Hofnarr, der ihr die neusten Witze erzählt und dazu drollige Grimassen schneidet, hat nur eines im Sinn: das Königskind zum Lachen zu bringen.

Nach dem Mittagessen hat sich die Aufregung im Schloss gelegt. Es kehrt Ruhe ein und alle Angestellten verrichten wie gewohnt ihre Arbeit. Auch die Lehrerin setzt wieder ihr strenges Gesicht auf und unterrichtet eifrig ihre einzige Schülerin. Ohne ihre Eltern fühlt sich die Prinzessin noch einsamer als zuvor.
Bald gleicht wieder ein Tag dem anderen: von früh bis spät Lektionen, Sprachen, Aufsatz, Staatskunde, Rechnen und vieles mehr. Zwischendurch Klavier-, Tanz-, Musik- und Benimmunterricht. Nicht zu vergessen die verhassten Reitstunden. Drei Privatlehrer kommen von außerhalb. Die wichtigste Lehrperson lebt im Schloss. Im Angestelltentrakt bewohnt die Erzieherin das größte und komfortabelste Zimmer von allen.

In der großen Schulstube kommt sich Lili etwas verloren vor. Einzig die Gedanken an Bella trösten sie. „Bin ich froh, dass ich da weg bin“, hatte ihre Lehrerin einmal in der Küche von ihrer früheren Arbeit in der Dorfschule erzählt. Lili erinnert sich. Sie stand vor der Tür und hörte sie schimpfen: „Die Kinder haben nur Unfug im Kopf.“ Die Köchin wusste genau, wovon sie sprach. „Du Arme“, seufzte sie. „Mit meiner Nichte hattest du es besonders schwer. Bella hat ein ziemlich vorlautes Mundwerk und benimmt sich oft unmöglich. Das Mädchen hat überhaupt keine Manieren. Neulich hat es alle Schokoladenplätzchen aufgegessen, die ich zum Nachmittagskaffee für die Königin gebacken habe.“
Im Geist sieht Lili die freche Bella vor sich, wie sie gierig die Schokoladenplätzchen in ihren Mund stopft. Ohne es zu merken, verziehen sich ihre Lippen zu einem breiten Grinsen.
„Und was bitte schön ist an der Frage so komisch?“ Ungeduldig tritt die Lehrerin vor ihr Pult. Lili senkt den Kopf. „Das größte Säugetier im Meer … ähm“, murmelt sie verlegen. Das Grinsen ist ihr gehörig vergangen. „Ich glaube … ähm … das ist der Blauwal.“ Froh über das zufriedene Nicken der Lehrerin atmet sie auf.
In der nächsten Stunde sind die Weltmeere dran. Erdkunde findet Lili noch blöder als Naturkunde. Morgen ist Mittwoch, ihr schwirrt wieder Bella durch den Kopf. Von dem Test, den die Lehrerin für den nächsten Tag ankündigt, lässt sie sich die Vorfreude nicht verderben.

Zuversichtlich geht sie nach dem Unterricht in die Küche. „Am Nachmittag habe ich doch keine Schule. Bitte, Roberta!“
Der Köchin ist längst aufgefallen, dass Lili ihre Nichte sehr mag. „Und der Reitunterricht?“
An die langweiligen Runden auf dem Rücken ihres lahmen Ponys möchte Lili lieber nicht erinnert werden. „Ja, schon“, erwidert sie und schneidet eine Grimasse. „Die Reitstunde ist doch erst um drei.“
Roberta spürt eine gewisse Unruhe. „Ihr macht aber keine Dummheiten?“
Lili schüttelt den Kopf. „Dummheiten … nein!“ Sie legt eine Hand auf den Rücken und kreuzt Mittel- und Zeigefinger. „Wir werden ganz brav sein. Versprochen!“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 132
ISBN: 978-3-903155-12-1
Erscheinungsdatum: 24.10.2016
EUR 16,90
EUR 10,99

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