11 - 12 Jahre

Kenetibe und das Geheimnis des Regenbogens

Marc Christian

Kenetibe und das Geheimnis des Regenbogens

Leseprobe:

1. Kapitel
Sabino findet Kenetibe

Eine enge und steile Treppe führte hinauf zur Holzplattform, auf welcher, zu einem Viereck angeordnet, die vielen Messingzahnräder des Uhrwerks des Kirchturms der Barockkirche von Bever gehören. Und diese Zahnräder lösten in dem Moment eine Bewegung des großen Uhrzeigers aus, welcher nun exakt auf der Drei stehen blieb. Dies erzeugte ein Surren, welches durch Drehen eines kleinen Propellers ausgelöst wurde. Dies bewirkte ein Stromzucken in zwei Kabeln. Am Ende des einen Kabels brachte das Zucken einen Hammer in Bewegung, der auf einer kleineren Glocke ein Bimm erzeugte, und auf einer größeren Glocke ein anderer Hammer ein Bamm schlug. Die große Turmuhr schlug also ihr Bimm Bamm, ein Viertel nach sechzehn Uhr hinaus ins Tal, als Sabino der zwölfjährige Junge sich von seinen Schulkameraden verabschiedete, um einen kleinen Umweg über ein Feld seines Vaters, auf dem dieses Jahr nur Grünes und Blumen angepflanzt wurden, zu spazieren. Sein Vater sagte: „Dieser Acker sollte wieder mal zur Ruhe kommen und sich erholen können, damit er im Jahr darauf bessere, schönere Frucht tragen kann. Deshalb wollen wir ihn in diesem Jahr grün belassen!“ Das Feld lag ja gerade in der Ebene zwischen Samedan und La Punt, am Fuß des Crasta Mora: der schwarze Kamm im Oberengadin. Es war ein prachtvolles Fleckchen Erde, siebzehnhundert Meter über Meereshöhe, voller saftiger Voralpenwiesen mit vielen Kräutern zwischen dem Gras und vielen Alpenblumen, welche nur hier oben in der guten Luft und dem herben Klima gut gedeihen.
Mitte Juni war es, und schon bald begannen auch hier die Schulsommerferien, auf welche sich Sabino mächtig freute. Das Wetter war wieder freundlich, gab es doch bis vor drei Tagen genügend Niederschlag. Einmal hatte es sogar gewittert und das war am 21. Mai, der Donnerschlag ins frische Gehölz hatte Sabino einen Moment lang sehr erschreckt, und seinen Vater, den Bauern Marcello Ingino, auch, hatte dieser doch die berechtigte Angst, dass die jungen Setzlinge seiner frisch angesäten Frucht vom Hagel kaputt geschlagen würden. Da es aber nicht hagelte, brauchte Vater Marcello auch keine Angst zu haben, der Regen machte zwar alles sehr nass, beschädigte jedoch nichts. Zwischenzeitlich trocknete es und Sabino spazierte über das schöne, grüne Feld, hielt wie gewöhnlich ein wenig Ausschau, denn immer wenn er über dieses Feld spazierte, schaute er, ob er wieder eventuell das Glück hatte, eine Versteinerung zu finden. Schon drei Mal hatte er Glück und fand verschiedene Versteinerungen, das letzte Mal war es ein Stück Ammonit. Als er ihn nach Hause brachte, wusch er ihn gründlich, fegte ihn mit einer Bürste, um die Erde abzumachen, und hatte ein ca. sechs Zentimeter kleines, ganz leicht gebogenes, einem Schraubgewinde ähnliches Steingebilde in den Händen, welches jetzt bei seinen CDs und Büchern liegt. Als seltenes Schmuckstück sozusagen. Seinen Blick Richtung Boden gerichtet, schlenderte Sabino nun übers Feld und seine Augen hingen plötzlich an etwas kleinem Weißen, welches zwischen dem Gras dalag. Sabino fiel die Farbe Weiß auf und die leicht gekrümmte Form des Gegenstandes. Er kauerte nieder, betrachtete es näher, und wenn er sich nicht täuschte, handelte es sich um keinen Stein, sondern eher um ein kleines Insekt, wenigstens aus der Nähe betrachtet. Sabino kniete jetzt und nahm das Ding in seine Hände. Ja, es schien ihm, dass er recht hatte, es ähnelte eher einem Insekt, als einem Stein, es hatte eine etwas härtere, weiße Schale und zog sich ganz zusammen, wie ein kleines Igelchen. Es bildete fast eine Rolle, stellte Sabino für sich fest. Was mag das wohl sein, fragte er sich, behielt es ein wenig in seinen Händen, um es genauer zu betrachten, und legte es wieder auf den Boden zurück nach einem Weilchen. Um es weiter studieren zu können, legte sich Sabino auf den Bauch, sodass er noch besser beobachten konnte, ob das zurückgelegte Insekt sich wieder zu entrollen begann, um sich eventuell zu bewegen. Es tat nichts, es bewegte sich nicht, und just in dem Moment, als Sabino dachte, das Insekt sei tot, war ganz plötzlich – wie hingezaubert aus dem Nichts – ein ca. elfjähriger Knabe neben Sabino.
Mit angewinkelten Beinen, die Hände über die Knie gekreuzt, saß plötzlich dieser fremde Knabe hier, und nackt war er, der Fremde, lachte und begrüßte Sabino, welcher ziemlich erschrak, da er sich nicht erklären konnte, woher denn dieser Junge so unbemerkt kam – wie hingeworfen. Der Fremde legte sich nieder auf seinen Rücken und rollte sich erst mal so richtig auf dem Boden herum, mit angewinkelten Ellbogen kugelte er sich mit Schwung hin und her, ging dann über zum Purzelbaumschlagen, was er eine Zeit lang genoss. Er schrie vergnügt, jodelte, sang, und man spürte, dass er sich pudelwohl fühlte, sagte dies auch: „Ich genieße es, mich in einem Körper zu befinden“, schlug weitere Purzelbäume und hielt dann still. Er stand auf, betrachtete sich von oben bis unten und genoss im Stillen, jetzt ein Mensch geworden zu sein mit allem Drum und Dran. Da, wo er herkomme, seien alle fast immer nur geistige Wesen, sprach er zu Sabino und stellte sich nun vor. „Mein Name ist Kenetibe und ich komme von einem anderen …“, jetzt hielt er plötzlich inne, kam ihm doch sofort in den Sinn, besser noch nichts zu sagen von einem anderen Planeten. Also behielt er dies noch für sich, vorübergehend zumindest. Sabino war recht verwirrt und noch immer leicht erschrocken, dazu noch ein wenig geniert, wegen der Nacktheit dieses Knaben. Er machte ihn nun auf seine Nacktheit aufmerksam, und fragte ihn, ob er denn keine Kleider besäße oder ob er sie irgendwo deponiert hätte. „Du wirst es sehen, in Kürze werde ich welche haben, dazu sollte ich aber noch von dir wissen, tragt ihr Menschen unter diesen sichtbaren Kleidern auch eventuell noch unsichtbare?“ Sabino bejahte gerne diese Frage, und zeigte dem Fremden unter seinen Jeans-Farmerhosen, den Rand seiner Unterhose, auf der die Schrift „Jockey“ stand. Auch hob er ein wenig sein T-Shirt an, um ihm sein Leibchen zu zeigen. Zufrieden lächelte der Fremde, legte sich wieder auf den Boden, diesmal in die Seitenlage, schloss seine Augen, und es ging nicht lange, wurde Sabino Zeuge von etwas, was er zuvor weder in seinem Leben gesehen hatte, noch je davon gehört, dass es so etwas überhaupt gab. Er konnte ganz deutlich sehen, wie auf dem Körper von Kenetibe etwa vier Schichten weißer Baumwollstoff, in der Form zweier Hälften von Unterleibchen zum Liegen kamen, welche sich auf beiden Seiten seiner Brust wie selbst nähten. Bei den Armausschnitten wurden sie gezwirnt. Das alles ging ganz rasch. Jetzt bekam Kenetibe auch noch vier Schichten Stoff in Form von Unterhosen auf seinen Po und seinen Unterleib, welche auch seitwärts wie genäht wurden und an den Beinausschnitten wie gezwirnt. Das Elastan-Gummiband für den Bund war schon eingearbeitet. Als nächstes entstand auf Kenetibes Körper ein langärmeliges Sweatshirt in den Farben Dunkelblau- und Weiß gestreift und dann ein paar schöne blaue Jeans-Latzhosen mit Brusttasche, mit einem Markenzeichen „Silverstar“ auf der Gesäßtasche. Jetzt fehlten ihm nur noch Socken und Schuhe, aber ebenso schnell wie alles vorherige, bekam er auch diese an die Füße. Seine Socken waren beige und hatten lustige Seitenstickereien mit je einem Donald Duck auf jeder Seite. Seine Schuhe sahen aus wie sehr sportliche Turnschuhe, nach dem neuesten Trend. So versehen stand nun Kenetibe wieder auf, zog drei von seinen Leibchen aus, und ebenso drei von seinen Unterhosen, sodass er jetzt nur noch jeweils eines von allem anhatte. Er klopfte sich mit beiden Händen auf den Bauch und auf die Gesäßtaschen und fühlte sich pudelwohl.
Sabino, der seinen Augen nicht traute, hatte diese noch immer weit aufgerissen und fragte jetzt Kenetibe: „Wie machst du das mit deinen Kleidern?“ Kenetibe erklärte ihm: „Es ist ganz einfach, ich muss mich nur ganz fest gedanklich an den Herstellungsort der Wäschestücke konzentrieren, dann klappt dies von alleine und wie du gesehen hast, werden sie gleich an mir hergestellt.“ Aber so einfach war dies für Sabino nicht, und er meldete Kenetibe, dass er das nicht ganz begreife. Noch nie hatte er gehört, dass sich ein Mensch so derart fest konzentrieren konnte. „Doch, doch, ich kann’s, wie du gesehen hast. Mehr darüber kann ich dir im Augenblick nicht erklären.“ „Wollen wir zusammen spielen?“, fragte Kenetibe. „Was?“, fragte Sabino zurück. „Zum Beispiel Fangen?“ „OK, machen wir“, und schon rannte Kenetibe los. Sabino war ein guter Renner, in seiner Schulklasse gehörte er zu den Besten, aber es gelang ihm nicht annähernd, in die Nähe von Kenetibe zu kommen. Und so chancenlos machte ihm dieses Spiel nicht lange Spaß. „Bist du auch bereit etwas anderes zu spielen?“, fragte jetzt Sabino. „Ja, was denn?“ fragte Kenetibe. „Doch mir fällt was ein“, sagte Kenetibe zu Sabino. „Wir spielen: Steine suchen im Acker“ „Ja! – Woher weißt du denn, dass ich Versteinerungen gerne sammle und suche?“ „Ich weiß es einfach“, sagte Kenetibe und fing schon an zu suchen, indem er langsam über den Acker lief, mit dem Blick Richtung Boden.
Kenetibe musste nicht lange gehen bis er fündig wurde, und was er fand, war ein Prachtexemplar von Ammonit, der innere Teil eines solchen, quasi die Schnecke. Jetzt schrie Kenetibe in Richtung Sabino: „Ich habe ein Prachtexemplar gefunden, ich bringe es dir.“ Er rannte zu Sabino, der nicht allzu weit von ihm stand und übergab ihm sein Fundstück. Sabino fielen fast die Augen aus dem Kopf beim Anblick dieses inneren Teils eines Ammoniten. Er nahm es in seine Hände, drehte es auf alle Seiten, und bedankte sich aufs Herzlichste bei Kenetibe, welcher nur schlaksig seine Schultern schüttelte und meinte: „Schon recht, du brauchst dich nicht zu bedanken, ist gerne geschehen.“ „Soll ich dir noch etwas finden?“ „Ja gerne“, sagte Sabino, und schon suchte Kenetibe weiter. Diesmal war es Kenetibe, der durch den Ausruf von Sabino unterbrochen wurde: „Ich habe auch etwas gefunden!“ Er meinte damit das weiße kleine Tierchen, welches sich gerne als Kügelchen zusammenrollt, wenn man es anfasst. Wenn er sich nicht täuschte, sah es vorher so aus, als wäre Kenetibe eben aus diesem Tierchen geschlüpft. „Kann das sein?“, fragte er sich. „Das gibt es doch nicht!“ – Er musste sich täuschen.
Kenetibe war jetzt wieder bei Sabino und dieser stellte die Frage direkt: „Hat dich dieses kleine Insekt vorher ausgespuckt? Ich hatte fast den Eindruck.“ „Nein“, gab ihm Kenetibe die Antwort. „Ausgespuckt hat es mich nicht, aber es half mir auf seine Weise, ein Mensch, ein elfjähriger Knabe zu werden. Mehr kann ich dir auch nicht erklären. Oder höchstens vielleicht das noch: das kleine Insekt kannten schon die alten Ägypter vor über fünftausend Jahren, sie gaben ihm den Namen Chepri, was in eurer Sprache soviel bedeutet wie: Das aus sich selbst entstand. Und weil sie dies so wertvoll fanden, balsamierten und mumifizierten sie auch dieses kleine Insekt ein.“ Sabino gestand Kenetibe, sowas hatte er noch nie gehört, noch nicht einmal in der Schule. „Darf ich Chepri mit in die Schule nehmen?“, war jetzt sein Wunsch an Kenetibe, aber dieser sagte: „Sicher wirst du verstehen, wenn ich dir versichere, dass diese kleinen Chepri eine Seltenheit sind und normalerweise eher in südlichen Ländern vorkommen, als hier bei euch. Und zum Glück weiß ich, dass das Wetter bei euch in den nächsten Tagen noch etwas wärmer wird, als es schon ist, deshalb wird Chepri hier draußen im Acker überleben. Aber versprich mir bitte, niemandem etwas darüber zu sagen. Versprochen?“ „Ja, versprochen“, sagte Sabino. „Also, wir legen Chepri jetzt gut versteckt hier irgendwo ab, in der Nähe von Steinen, im Grünen, wo es auch genügend Sonne gibt, um es aufzuwärmen.“ Sie taten es und alsbald wusste keiner der Knaben mehr, wo sie genau Chepri deponiert hatten.
Bei dieser Gelegenheit schaute Sabino zufällig auf seine Armbanduhr, eine lustige Swatch, die er zu seinem achten Geburtstag von seinem Götti bekommen hatte, sie sah aus wie eine mächtige Taucheruhr, eine, die schon nur ob ihrem Aussehen, ganz tief tauchen wollte, obwohl sie nur für bis zu hundert Meter Tiefe kreiert wurde. Aber immerhin, sie war immer noch sein Stolz. Aber jetzt erschrak Sabino doch, seit über einer Stunde war er zu Hause überfällig. Jetzt gab es nur noch eines, er musste unbedingt nach Hause. Was sollte er jetzt mit Kenetibe machen?, fragte er sich. Seine Eltern waren lieb, sicher, aber es gab doch auch Grenzen und bis jetzt waren sie es nicht gewohnt, dass Sabino einen Gast nach Hause brachte, der auch noch längere Zeit dableiben sollte.
Schon ein paar Mal konnte er einen Gast oder mehrere mit nach Hause nehmen zum Essen, aber doch nicht zum Wohnen. Sabino teilte seine Sorgen Kenetibe mit und wollte mit ihm zusammen herausfinden, ob sie möglicherweise eine Lösung finden konnten. Kenetibe sagte spontan: „Geh du nach Hause, ich bleibe hier und schleiche mich in eine Hütte, wie sie dort steht, und wohnen tut ja ohnehin niemand darin, da sie ja mehr für Geräte und Maschinen sind, oder nicht?“ Dies war immerhin eine Lösung, aber immer noch nicht die richtige für Sabino. „Du hast doch sicher zwischenzeitlich auch Hunger und Durst? Du musst doch auch etwas Essen und Trinken.“ „Mach dir um mich keine Sorgen“, meinte Kenetibe. „Du hast ja gesehen, wie ich zu meinen Kleidern gekommen bin, ebenso könnte ich mir auch Nahrung und Getränke besorgen.“

Kenetibe sagte dies ganz selbstverständlich, aber Sabino wurde es doch ein wenig mulmig, wenn er an das Gesehene dachte, es war ihm immer noch ein Rätsel, wie Kenetibe dies bewerkstelligte. Fest entschlossen sagte er deshalb:„Kenetibe, du kommst mit mir nach Hause und dann werden wir weitersehen, notfalls kannst du dann immer noch in einem Geräteschuppen wohnen, wenn es zuhause Schwierigkeiten geben sollte.“ „Komm, lass uns gehen, du kannst mir deine Reserve-Unterwäsche geben, ich nehme sie in meine Mappe zu den Schulsachen und gebe sie dir wieder zuhause. Und sie gingen gemeinsam nebeneinander her, zu Sabino nach Hause.
Als sie das Dorf betraten, zeigte Sabino Kenetibe noch einige Häuser mit so komischen Namen wie „Chesa Crusch Alva“, in dem es schöne und seltene Deckenmalereien gebe, aus dem 17. Jahrhundert, oder das Hotel „Chesa Salis“ und das „Chesa Alpetta“, auch die „Chesa Erika“, alles prachtvolle Bündnerhäuser mit den dicken Mauern und schöner Graffiti Bemalung. Als sie beim Schulhaus vorbeikamen, stellte Kenetibe fest, dass dies ein relativ neuer Bau war, so ca. zwanzig-jährig, schätzte er. Sabino staunte über sein Wissen und fragte Kenetibe, woher er solche Sachen weiß? Kenetibe antwortete ihm: „Weißt du, ich werde dir diese Dinge später schon erklären, aber dazu braucht es Zeit und Ruhe, einverstanden?“ Sabino war natürlich einverstanden und jetzt kamen sie in die Sichtnähe von Sabinos Elternhaus, auch ein älteres Bündnerhaus mit angrenzendem Stall und Scheunen-Gebäude. Noch etwa vierzig Schritte und jetzt war Sabino bei sich zu Hause auf dem Hof. Kurz zuvor hatten beide ein Mädchen vom Stallgebäude ins Haus gehen sehen, da sagte Sabino: „Das Mädchen da vorne mit der Ponyfrisur ist meine Schwester Bettina, wir werden sie gleich sehen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 336
ISBN: 978-3-903155-58-9
Erscheinungsdatum: 21.09.2017
EUR 25,90
EUR 15,99

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