11 - 12 Jahre

Das Bubenstück

Bruno Keiser

Das Bubenstück

Vier Freunde gegen den Weltuntergang

Leseprobe:

1. KAPITEL

Ferien ohne Fahrschein


In diesem Jahr haben wir uns in den Sommerferien nicht von der Stelle gerührt. Als alle verreisten, blieben wir vier daheim in Schanzdorf. Um uns die Zeit zu vertreiben, unternahmen wir einen Ausflug bis ans Ende der Welt. Bekanntlich gelangt man dorthin nicht auf vier Rädern, zu Schiff oder mit dem Flugzeug. Als Verkehrsmittel dient der Kopf. Unterwegs sind wir keinen Zauberern, Feuer speienden Ungeheuern, jammernden Prinzessinnen und Rittern in klappernden Rüstungen begegnet. Dafür trafen wir viele alte Bekannte. Manche erschreckten uns, weil sie plötzlich ganz anders waren, als wir angenommen hatten. Schließlich schauten wir in den Abgrund, in dem angeblich eines Tages das ganze Universum samt Menschheit verschwinden würde.
Angefangen hat unser Abenteuer, als ich an einem Sonntagvormittag versuchte, aus Leisten, Brettchen, Ringen, Schnüren und Spangen das Modell eines Flugzeugs zu bauen. Meine Mutter kam in mein Zimmer.
„Was wird das?“, fragte sie. Ich betrachtete besorgt das Ergebnis meiner bisherigen Bastelei. Was laut Plan der Rumpf eines Flugzeugs hätte sein müssen, dem noch die Flügel fehlten, ähnelte einer Wurst auf Rädern. „Sieht eigentlich nicht danach aus, als ob das Ding fliegen könnte“, antwortete ich.
Meine Mutter setzte sich neben mich. Sie wies auf die Schachtel, in der die noch nicht verwendeten Teile lagen. „Die schwarze Röhre da halte ich für einen Schornstein. Haben Flugzeuge Schornsteine?“
„Selten!“, gab ich kleinlaut zu. Die Mutter lächelte und legte den Arm um meine Schultern. Mir dämmerte, dass ich zwei Schachteln durcheinandergebracht hatte. Auf dem Tisch lag der Plan für ein Flugzeug neben dem Material für eine Lokomotive.
„Du bist in Gedanken schon bei der Ferienreise, stimmt’s?“ Meine Mutter verkniff ein wenig den Mund und holte tief Luft. „Es wird in diesem Sommer keine Reise geben.“
„Wir fahren nicht fort?“
„Wir wollen schon, aber wir können nicht. Besser gesagt: Wir könnten vielleicht, aber wir sollten nicht.“ Sie sah bekümmert aus.
„Klingt kompliziert! Ist was passiert?“
„Du weißt ja“, erklärte meine Mutter, „dass Vater eine neue Hobelmaschine für die Schreinerei gekauft hat. Sie war sehr teuer, er musste einen Kredit aufnehmen und der ist noch nicht abbezahlt. Mit den Aufträgen hapert es zurzeit. Weil ich weiß, dass sich der Vater Sorgen macht, habe ich vorgeschlagen, in diesem Jahr nicht wegzufahren und daheim zu bleiben.“ Sie schaute mich aufmerksam an.
Ich zuckte mit der Schulter. „Macht nichts. Hier ist es doch auch schön.“
„Das Problem bist nicht du, sondern dein Vater. Er denkt, du seiest ganz versessen auf eine Reise. Und er will dich doch nicht enttäuschen! Könntest du ihm nicht irgendwie klarmachen, dass du die Ferien ganz gerne auch mal hier im Ort verbringen würdest?“
Beim Abendessen räusperte ich mich und begann zu maulen, ob wir in diesem Sommer unbedingt wieder verreisen müssten. Ich hätte keine Lust, mit dem Auto stundenlang im Stau zu stecken, auf Flugplätzen vor Schaltern in der Schlange zu stehen oder in der überfüllten Eisenbahn zu sitzen. Es wäre doch ganz spannend, einmal in unserer Gegend zu bleiben und hier mit dem Fahrrad herumzufahren. Der Vater sah zu meiner Mutter hinüber und fragte misstrauisch: „Ist das auch wahr?“
Es war wahr, aber nur eine Weile. Mir dämmerte nämlich bald, dass wir drei vermutlich die Einzigen im Ort sein würden, die in diesem Sommer nicht verreisten. Jeder konnte daraus schließen, wie knapp wir momentan bei Kasse waren. Ich empfand das nicht als Schande, aber es ging niemanden etwas an. Gegenüber meinen Freunden wollte ich jedenfalls über die Angelegenheit kein Wort verlieren. Sie sollten erst gar nicht anfangen, mich zu bedauern. Ich begann zu grübeln, was ich alles unternehmen könnte, um mir die freie Zeit zu vertreiben. Auf Fragen, wohin meine Eltern und ich in diesem Jahr reisen würden, gab ich ausweichende Antworten. Meine Freunde ließen sich nicht täuschen. Auf dem Heimweg von der Schule sahen sie mich manchmal von der Seite an, als machten sie sich Gedanken über mich. Eines Nachmittags hockten wir nebeneinander auf einem Bretterstapel hinter der Werkstatt meines Vaters. Drinnen kreischte die Säge. Fritzchen jonglierte mit drei Tennisbällen. Vor einem Jahr war er noch der Kleinste von uns gewesen und nun überragte er uns um mindestens eine Kopflänge. Trotzdem sagten wir weiter „Fritzchen“ zu ihm. Herbert kraulte in seinen rötlichen Ringellocken. Max, genannt der „Dicke“, weil er ziemlich rundlich war, schnitzte an einem Stock. Herbert knuffte mich in die Seite.
„Warum bist du so stumm?“, fragte er.
„Ich? Stumm?“ Ich tat, als fiele ich aus allen Wolken.
„Rück schon heraus mit deinem Problem!“
Es hatte keinen Zweck, ihnen etwas zu verheimlichen. Wir kannten uns ein ganzes Leben lang, also gezählte fünfzehn Jahre, und wir lebten in einem Städtchen, in dem jeder von jedem alles wusste. Ich erzählte von der Reise, die nicht stattfinden würde.
„Das ist ja ein Ding!“, staunte Max. Herbert brummte vor sich hin, so sei das nun mal mit Eltern, immer sorgten sie für Überraschungen.
„Womit willst du dir in diesem Nest einen Sommer lang die Zeit vertreiben?“, wunderte sich Fritzchen.
„Ich werde jeden Tag ins Schwimmbad gehen!“
„Urlaub an der Riviera von Schanzdorf!“, alberte Herbert. „Verbringen Sie Ihre Ferien in dem berühmten Kur- und Badeort im Land vor den Bergen. Erholen Sie sich zwischen Wäldern und Wiesen, murmelnden Bächen und erfrischenden Seen.“ Er spulte die Sprüche herunter, mit denen die Gemeinde den heimischen Fremdenverkehr anzukurbeln versuchte. Dass der Ort sich als Ferienparadies anpries, während doch seine Einwohner in den Ferien regelmäßig verreisten, kam mir auf einmal merkwürdig vor.
„Hör auf mit dem Unsinn, Herbert!“ Fritzchen dachte wohl, ich könnte beleidigt sein. „Einer von uns kann sicherlich die Eltern überreden, den Hans mitzunehmen. Ich versuch es auf jeden Fall bei meinem Vater.“
„Nein, danke!“, rief ich. Die Aussicht, mit der Familie von Fritz die Ferienwochen zu verbringen, ließ mich nicht gerade vor Freude hüpfen. Seine Eltern waren wohlhabend, lebten zurückgezogen am Rande unseres Viertels und hatten nicht viel Umgang mit den Nachbarn. Der Vater leitete in der Kreisstadt eine große Firma. Was die herstellte, weiß ich nicht, aber die Geschäfte gingen gut. Fritzchen erzog er streng. Sein Lieblingsspruch war: „Leistung ist angesagt!“ In seiner Gegenwart musste man sich immer zusammennehmen. Wenn einer etwas Falsches äußerte oder tat, bekam er sofort einen Rüffel, auch wenn er gar nicht zur Familie gehörte. Zu Hause konnte ich ja auch nicht machen, was ich wollte, aber insgesamt ging es bei uns gemütlich zu und es wurde nicht fortwährend an mir herumgenörgelt.
„Macht euch keine Sorgen um mich“, wehrte ich ab, „zerbrecht euch meinetwegen bloß nicht die Köpfe. Ich komme schon zurecht.“
„Du willst nicht, dass man dir hilft“, wandte Fritzchen ein, „na, gut! Aber Tatsache ist, dass du mir einen Gefallen tust, wenn du bei uns mitreist. Ich hätte viel mehr Spaß an den Ferien.“
Von der Seite hatte ich die Sache noch nicht betrachtet. Trotzdem war ich erleichtert, als mich Fritzchen am nächsten Morgen in der großen Pause auf die Seite zog und sagte, sein Vater hätte seine Bitte, mich mitzunehmen, glatt abgelehnt.
„Er hat nichts gegen dich“, erläuterte er. „Er findet nur, ein Fremder störe das Familienleben.“ Fritzchen zog eine Grimasse. „Der Zusammenhalt der Familie soll durch die gemeinsamen Erlebnisse auf der Reise gestärkt und gefestigt werden! Ich habe meinem Vater gesagt, die Familie ginge mir gewaltig auf die Nerven, wenn sie nur erlaubt, was ihr nützt. Mein Vater verbat sich meine Frechheiten. Ich gab zurück, es sei eine Frechheit, mich daran zu hindern, einem Freund zu helfen.“
„Auweh!“ Ich starrte ihn an.
„Mein Vater bekam seinen eiskalten Blick, er forderte mich auf, meine Bemerkung sofort zurückzunehmen. Darauf ich: Ich denke nicht daran. Darauf er: Mutter und ich werden allein in den Urlaub fahren. Du bleibst hier. Unsere Zugehfrau wird dich versorgen. In Latein sind deine Leistungen mäßig. Ich werde für dich einen längeren Text finden, den du zu übersetzen hast. Die Arbeit wird dich den Sommer über beschäftigen, darauf kannst du dich verlassen.“
Ich war betroffen und fühlte mich irgendwie schuldig. „Tut mir leid, dass ich dir die Ferien vermasselt habe.“ Das wollte er nicht gelten lassen, er schüttelte den Kopf und sah ganz und gar nicht vergrämt aus.
„Wir zwei werden uns hier in unserem guten alten Schanzdorf prächtig unterhalten, wenn alle fort sind“, versicherte er.
„Wir drei!“, brummte jemand hinter uns. Herbert presste ein Taschentuch gegen seine linke Backe. Sie sah geschwollen aus.
„Was ist passiert?“, wollten wir wissen.
„Alles wegen deiner Ferienreise“, murrte Herbert, „wegen deiner Ferien ohne Reise, muss man ja wohl sagen.“ Vorsichtig bewegte er die Kinnlade, verzog das Gesicht und stöhnte leicht.
„Hat dein Vater dir eine gelangt?“
„Mein Bruder! Ich habe ihm von den Schwierigkeiten deines Vaters und den Folgen für dich erzählt. Er hat gemeint, dein Alter sei doch selbst schuld, wenn er Schulden habe. Daraufhin habe ich ihm erklärt, was für ein blöder Hund er sei, und da ist ihm die Hand ausgerutscht. Ausgerechnet auf den Backenzahn hat er gehauen, der mir sowieso schon hin und wieder wehtut. Meine Mutter hat das mitgekriegt und mich sofort zum Zahnarzt in die Kreisstadt geschickt. Der hat eine Röntgenaufnahme machen lassen. Der Zahn ist total vereitert. Er muss raus oder jedenfalls sofort behandelt werden. In die Ferien will er mich damit nicht entlassen, hat er der Mutter am Telefon gesagt. Anschließend soll ich eine Spange in die Zähne bekommen. Die kann er mir aber erst Mitte August einsetzen.“
Herberts Zähne wuchsen wirklich wie Kraut und Rüben durcheinander, aber ihn hat das bisher nicht gestört und uns auch nicht. Mit Spangen laufen jetzt viele herum. Eine richtige Mode ist das geworden. Man geniert sich direkt, wenn man keine im Mund hat.
„Mein Vater“, fuhr Herbert fort, „hat die Buchung bei der Reiseagentur rückgängig gemacht. Wir bleiben hier.“
Nachmittags holten wir Max den Dicken in der Gärtnerei seines Vaters ab. Er schwitzte. Unter seinen Arm klemmte er einen Fußball. Gemeinsam bummelten wir zum Sportplatz.
„Weißt du schon das Neuste?“, rief ich und wollte ihm erzählen, was Fritzchen und Herbert passiert war, aber er ließ mich nicht zu Wort kommen.
„Weißt du schon das Neuste?“, fragte er und grinste. „Nein, das weißt du nicht.“ Er sah mich mit seinen braunen Kulleraugen an, die er von seiner Mutter hatte, atmete schwer und rollte die niedrige Stirn zusammen. Manchmal sah er aus wie ein Mops mit Verdauungsschwierigkeiten.
„Ich habe mich bei meinem Vater erkundigt“, erklärte er, „ob Hans bei uns mitreisen kann. Kein Problem, hat der Vater gesagt, das Auto ist groß genug. Und die Mutter lässt ausrichten, sie würde sich freuen, wenn du mir Gesellschaft leistest. Wir brechen also zusammen auf und werden uns bestimmt nicht langweilen.“
„Auweh!“, sagte ich.
„Was soll denn das heißen“, empörte sich Max. Er sah von einem zum anderen, alle hatten betretene Gesichter. Mir war die Situation peinlich, aber erklären musste ich sie ihm. War doch wirklich freundschaftlich von ihm, sich für mich bei seinen Eltern einzusetzen. Fritzchen kam mir zuvor.
„Hör mal“, begann er, „du musst die Abmachung mit deinen Eltern rückgängig machen. Herbert und ich werden nämlich auch im Ort bleiben.“
„Und zwar meinetwegen!“, warf ich ein. „Sie wollten mir helfen wie du, aber es ist in ihrem Fall nicht gut ausgegangen. Jetzt können wir beide doch nicht einfach abrauschen und die beiden bleiben zurück.“
Max war nicht auf den Kopf gefallen und begriff rasch, aber die neue Lage musste er erst mal verdauen. „Wie soll ich denn nun meinen Eltern ausreden“, lamentierte er, „was ich ihnen gerade erst eingeredet habe? Außerdem schnappen sie vielleicht ein und wollen von euch nichts mehr wissen. Dann habe ich ein Problem, euch wie bisher zu treffen. Damit nicht alles noch komplizierter wird, werde ich mit ihnen auf die Reise gehen müssen.“
„Musst du nicht!“, widersprach ihm Fritzchen. „Nicht, wenn du nicht willst.“ Er sah etwas hochnäsig auf den erheblich kleineren Max herab und tippte ihm mit einem Finger gegen die Nasenspitze.
„Wieso nicht?“, fauchte Max.
„Weil du noch heute Nachmittag, also sozusagen gleich, deinen Fußball in eins der Gewächshäuser eurer Gärtnerei pfeffern wirst.“
„Was werde ich?“ Max traten die Augen aus dem Kopf. Fritzchen rückte seine Brille zurecht und legte die Hände auf den Rücken.
„Wenn du von der Familienreise ausgeschlossen werden möchtest“, erläuterte er, „gibt es nur ein Mittel: Du musst ein paar Glasscheiben zerschmeißen.“
„Weißt du, was Glas kostet?“ Max stemmte die Fäuste in die Hüften.
„Ich weiß nur“, gab Fritzchen kühl zurück, „dass niemand viel Freude daran haben wird, wenn du als Einziger von uns verreist.“
Es war höchste Zeit, dass ich mich einmischte. Fritzchens Bemerkung hatte etwas von einer Drohung. Ich fand es nicht anständig, Max unter Druck zu setzen. Es gab keinen Grund, ihm die Reise nicht zu gönnen.
„Hör nicht auf den Irren!“, bat ich Max. „Und lass das mit dem Fußball! Sag deinen Eltern, dass ich mich über die Einladung sehr freue und dafür danke. Ich möchte aber mit meinen Eltern hierbleiben. In Schanzdorf.“
„Dann fahr ich auch nicht!“, rief Max. Er drehte sich auf dem Absatz um und stiefelte von uns weg, schwang seine kurzen, stämmigen Beine und fuhrwerkte mit den Armen. Seinen Fußball kickte er vor sich her und bog in den Weg ein, der zum Anwesen seines Vaters führte. Wir beobachteten ihn verdattert. Dann kapierte ich, was er vorhatte. Ich setzte mich in Trab, begann richtig zu laufen, aber es war schon zu spät. Es klirrte mächtig und das nicht weit von uns entfernt. Den ganzen Nachmittag lungerten wir in der Nähe der Gärtnerei herum, aber Max bekamen wir nicht zu Gesicht.
„Du bist schuld“, warf ich Fritzchen vor, „wenn Max jetzt Schwierigkeiten mit seinem Vater hat!“
„Wieso denn ich?“, wehrte er sich. „Wer hat denn als Erster Schwierigkeiten mit seinem Vater gehabt. Doch nicht ich!“
„Stopp!“, befahl Herbert. „Das hat uns gerade noch gefehlt, dass wir jetzt Streit miteinander bekommen.“ Als wir auseinandergingen, hatten wir uns wieder vertragen und waren mehr denn je entschlossen, zusammenzuhalten. Am nächsten Morgen lauerten wir am Eingang zur Klasse, bis Max die Treppe heraufkeuchte. Wir umringten ihn.
„Red schon!“, drängte ihn Fritz. „Was war los bei euch?“
Max biss in das dicke Butterbrot, das eigentlich für die große Pause bestimmt war, kaute und schluckte eifrig.
„Mein Vater schätzt den Schaden auf 900 Euro“, nuschelte er. „800 werden eingespart, weil ich nicht mit an die Adria fahre, 50 nehme ich von meinem Konto, das mir die Eltern eingerichtet haben, den Rest verdiene ich, indem ich den Sommer über frühmorgens Zeitungen austrage. Mit der Besitzerin des Kiosks habe ich schon gesprochen. ‚Dann kann ich endlich mal ausschlafen‘, hat sie gesagt.“
Herbert schlug ihm auf die Schulter. „Das Zeitungsaustragen machen wir abwechselnd.“
„Einverstanden!“, erklärte ich.
„Jeder eine Woche!“, schlug Fritzchen vor.
„Kommt nicht infrage!“, protestierte Max. „Ich habe mir die Suppe eingebrockt, ich löffle die auch selber aus.“
„Aber ich habe dich angestiftet, die Glasscheibe einzuschmeißen!“
Hinter uns stand plötzlich der Mathematiklehrer, er drängte zur Tür unserer Klasse.
„Wollen die Herren nicht Platz nehmen?“, erkundigte er sich. „Natürlich nur, wenn die Herren Lust auf ein bisschen Unterricht haben.“
Während wir uns zwischen die Tische zwängten, zischelte Fritzchen seinem Banknachbarn Max zu: „Dein Vater hat doch bestimmt eine Versicherung für solche Fälle.“
„Hat er“, flüsterte Max, „aber nur gegen Schäden durch Unwetter, nicht gegen Schäden durch Fußbälle.“
„Würden die Herren bitte ihre Privatunterhaltung einstellen?“ Der Mathematiklehrer stemmte die Arme auf seinen Tisch und beugte sich mit gerunzelter Stirn vor. Er ließ uns nicht aus den Augen. Die Klasse kicherte. Wir wollten ihn nicht weiter reizen und hielten die Klappe. Erst nach Schulschluss und auf dem Heimweg kamen wir wieder zusammen. Wir saßen im Bus, der uns aus der Kreisstadt, in der unser Gymnasium lag, zurück nach Schanzdorf brachte.
„Saudumme Situation, in die wir da geraten sind!“, stellte Herbert fest. „Ich muss zum Zahnklempner, Max muss Zeitungen austragen und Fritzchen einen lateinischen Text übersetzen. Wie heißt übrigens der Autor?“
„Weiß ich noch nicht!“, antwortete Fritzchen. „Erfahre ich, wenn der Vater aus dem Büro kommt.“
Am späten Nachmittag trafen wir uns wie üblich auf dem Platz hinter der Schreinerei, auf der einige Stapel Holz lagerten. Nebenan hängte die Mutter Wäsche auf.
„Herbert können wir leider bei dem Problem mit seinem Zahn nicht helfen“, begann ich eine Erörterung unserer Lage, „aber was das Austragen der Morgenzeitung angeht, sind wir uns einig: Machen wir zu viert.“
„Dann übersetzen wir aber auch zusammen den lateinischen Text, der Fritzchen aufgebrummt wird.“ Max sah uns an, wir nickten.
„Welchen Text hat sich dein Vater nun ausgedacht?“, wollte Herbert wissen. „Für die bekannten römischen Autoren gibt es doch längst Übersetzungen. Wir besorgen uns die richtige und schon haben wir deine Strafarbeit erledigt, von ein bisschen Schreiberei abgesehen.“
„Da kennst du meinen Vater schlecht“, griente Fritzchen. „Auf deinen schlauen Gedanken ist er natürlich auch gekommen. Er hat sich für mich eine besondere Freude einfallen lassen. Mein Ururgroßvater war Professor für römische Geschichte. Für den Doktortitel musste man zu seiner Zeit die Examensarbeit in Latein schreiben. Er hat 250 Seiten über einen Feldzug geschrieben, mit dem das Römische Reich begann. Sein Text ist garantiert nie ins Deutsche übertragen worden.“
„Irgendwie werden wir das gemeinsam schaffen“, versicherte ich.
„Einverstanden!“, sagte Fritzchen. Er zog einen Kalender aus der Tasche. „Trotz unserer Schwierigkeiten und Aufgaben bleibt uns eine Menge Freizeit. Überlegen wir mal, womit wir uns den Sommer über in Schanzdorf beschäftigen könnten. Wir müssen uns ein Ziel setzen.“
Jeder machte Vorschläge. Wir staunten, was man alles in einem Ort wie Schanzdorf mit seinen dreitausend Einwohnern anfangen konnte. Wir planten Radtouren in die Umgegend, wir wollten eine Brücke über den Bach bauen, der quer durch die Gärtnerei floss; ein altes Segelboot, das jemand nach einem Urlaub hiergelassen und später nie abgeholt hatte, sollte wieder flott und seetüchtig gemacht werden, um damit über den Waldsee zu schippern. Und so weiter und so fort, wie unser Deutschlehrer sagte, wenn er nicht recht wusste, was er sagen sollte. Aber irgendwie genügten uns die Pläne nicht, die wir besprachen. Etwas fehlte ihnen, nur konnten wir auf Anhieb nicht sagen, was.
„Alles ganz gut und schön“, moserte Fritzchen, „aber der Einfall, der jeden von uns vor Begeisterung von seinem Stühlchen reißt, ist uns noch nicht gekommen. Es muss etwas Besonderes sein, etwas, womit wir alle, die wegreisen, überraschen können, wenn sie wieder zurückkehren. Lasst euch etwas Originelles einfallen!“
„Mach du doch den Anfang!“, murrte Herbert. Die Stimmung zwischen uns wurde kurzfristig gereizt, aber wir gaben nicht auf. Wenn wir uns trafen, grübelten wir, bis uns die Köpfe wehtaten. Endlich hatten wir mal die Gelegenheit zu zeigen, dass wir auch unabhängig von den Eltern einen Plan entwickeln können. Blamieren durften wir uns nicht.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-95840-210-2
Erscheinungsdatum: 05.10.2016
EUR 15,90
EUR 9,99

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