Politik & Wirtschaft

Wilderer im Finanzsystem

Walter Beckmann

Wilderer im Finanzsystem

Leseprobe:

Vorwort

Mit dieser Broschüre soll in knapper und verständlicher Weise gezeigt werden, dass die finanzielle Spekulation mit derivativen Finanzprodukten jeden wirtschaftlich gerechtfertigten Nutzen vermissen lässt. Im Prinzip wird mit den hochriskanten Finanzgeschäften, die in keinem direkten Zusammenhang zur Realwirtschaft stehen, auf unredliche Art Geld erworben. Hinzu kommt die hohe Gefährdung für das gesamte Finanz- und Wirtschaftssystem. Angesichts der nachweislich katastrophalen Auswirkungen ist ihre möglichst weitgehende Verhinderung zwingend und darf nicht weiter hinausgezögert werden. Zumal das weltweite Finanzsystem sich immer noch in weiten Teilen in einem fragilen Zustand befindet.

Walter Beckmann



Verantwortung der Finanzwirtschaft

Die Finanzwirtschaft ist verantwortlich für den Bereich des wirtschaftlichen Tauschmittels, des Geldes in all seinen Funktionen. Zu ihren elementaren Aufgaben gehören die Geldschöpfung, der Zahlungsverkehr (Übertragung von Kaufkraft) und die Kapitalvermittlung (Vermittlung von Kaufkraft für Investitionen). Sie betreut quasi den Lebensnerv der Marktwirtschaft, eines Wirtschaftssystems, bei dem Angebot und Nachfrage von Gütern und Dienstleistungen auf Erwartungen beruhen. Hinzu kommt, dass das Geld heute keinen stofflichen Eigenwert mehr besitzt, sondern praktisch nur noch durch die Kreditgewährung der Banken entsteht und sein Wert lediglich im Vertrauen auf seine allgemeine Akzeptanz im Finanzverkehr beruht. Die Banken müssen deshalb darauf achten, dass bei der Kreditgewährung ein Zusammenhang mit realwirtschaftlichen Leistungen besteht. Das gilt auch für Investitionen anderer Finanzdienstleister. Schließlich wird der Wert des Geldes, die Kaufkraft, am Preis realwirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen gemessen. Die verantwortlichen Akteure im Finanzsystem tragen demzufolge nicht nur Verantwortung für ihr eigenes Unternehmen, sondern auch für die gesamte Wirtschaft.



Grenzen der Spekulation

In einem Wirtschaftssystem, in dem die grundlegenden Aktivitäten auf Erwartungen beruhen, ist natürlich jede unternehmerische Tätigkeit mit dem Risiko der Nichterfüllung der ihr zugrundeliegenden Annahmen verbunden und somit spekulativ. Bedingung ist jedoch, dass sie, wie erwähnt, realwirtschaftlich begründet ist.

Probleme stellen sich in dieser Hinsicht in erster Linie in der Finanzwirtschaft. Die Handelbarkeit von wirtschaftlichen Rechten durch ihre Verbriefung, wie beispielsweise der Eigentumsrechte bei der Aktiengesellschaft unter Ausschluss der persönlichen Haftung, ermöglicht es, von Wertschwankungen zu profitieren, ohne dass ein realwirtschaftlicher Nutzen entsteht. Im Gegenteil, sogar erheblicher Schaden für die Wirtschaft kann die Folge sein. Durch den Kauf und Verkauf von Aktien an der Börse zur Gewinnerzielung aus Kursschwankungen fließt der Wirtschaft kein Kapital zu. Es erfolgt lediglich eine Umverteilung von Vermögenswerten vom Verluste erleidenden zum sich erfolgreich schlagenden Spekulanten. Die rein finanzielle Spekulation kann sich nur in sehr beschränktem Rahmen wirtschaftlich positiv auswirken, indem sie Kapitalaufnahmen an der Börse bei steigenden Kursen erleichtert. Diese müssen dann aber auch angemessen ertragreich in der Realwirtschaft Verwendung finden können, um ökonomisch von Nutzen zu sein.

Schädlich kann die Spekulation im Finanzbereich für die Wirtschaft werden, weil sie die Kurs- und Preisbildung an den Märkten verfälscht. Durch die spekulative Veränderung von Angebot und Nachfrage entsprechen diese nicht mehr den realwirtschaftlichen Bedürfnissen nach Gütern und Dienstleistungen, auch nicht unbedingt zu erwartenden Veränderungen derselben. Diese geben zwar Anlass zur Spekulation, in concreto der Möglichkeit, Kaufkraft in Form des Geldes zu erwerben, ohne eine realwirtschaftliche Leistung erbringen zu müssen. Je mehr davon Gebrauch gemacht wird, umso größer der Einfluss auf die Preis- und Kursentwicklung und die Möglichkeit, daraus Kapital zu schlagen, desto größer wird auch der Anreiz, sich daran zu beteiligen. Die Spekulation wirkt sich somit selbstverstärkend aus. Mit andern Worten „La hausse amène la hausse“. Im Extremfall kommt es so weit, bis auch der letzte an rein finanziellem Erfolg interessierte Kapitalanleger befürchtet, eine Chance zu vergeben. Die Spekulation führt generell und tendenziell steigend zur Verfälschung der Märkte durch die Übersteigerung der Wertschwankungen realwirtschaftlicher Leistungen – je größer die Beteiligung, desto mehr. Das Schadenspotential der Spekulation hängt demnach von ihrem Ausmaß und ihrer Intensität ab. Als Folge eines übersteigerten Gewinnstrebens hat sie in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr gewerbsmäßige Formen angenommen und sich zu einem Erwerbszweig entwickelt, an dem nicht nur in erster Linie Banken, sondern vielfach auch andere Finanzdienstleister beteiligt sind.



Verfehlte Liberalisierung

Einen Quantensprung nahm die Entwicklung der Spekulation seit Mitte der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit der Deregulierung des Finanzsystems im Sinne der möglichst uneingeschränkten Liberalisierung der Wirtschaft und der Erhebung der Aktionärsinteressen zum unternehmerischen Leitmotiv: propagiert unter dem Begriff „Shareholder value“. Zur Gewinnsteigerung und Erhöhung der Rendite (Gewinn im Verhältnis zum Eigenkapital) auf ein mit seriösen Finanzgeschäften nie zu erreichendes Niveau, wurden die seinerzeit als Folge des Börsenkrachs von 1929 zur Sicherung des Finanzsystems ergriffenen Maßnahmen weitgehend abgebaut oder gelockert. Die vorgeschriebenen Eigenmittel wurden generell so stark reduziert, dass sie ihre Bedeutung als Sicherheitsfaktor praktisch verloren. Zudem wurde es den Banken überlassen, das Ausmaß der Absicherung hochriskanter Finanzgeschäfte selbst zu bestimmen. Ferner wurde in Amerika den Kreditinstituten mit der Aufhebung des Glass-Steagall-Acts, die seit der „Great Depression“ verboten gewesene Spekulation wieder erlaubt. Aus Renditegründen wurden auch Reserven durch den Rückkauf eigener Aktien aufgelöst. Zudem wurde in der Bewertung der Bilanzpositionen der Banken auf die labilen Börsenkurse abgestellt und so die Ausschüttung nicht realisierter Gewinne ermöglicht.

Der Abbau wirksamer Schranken hat der ungehemmten Spekulation Tür und Tor geöffnet. Er ermöglichte den uneingeschränkten Gebrauch von neuen oder bisher verbotener oder aus Sicherheitsgründen weitgehend gemiedener Finanzinstrumente, wie Derivate, strukturierte Produkte und Hedgefonds.



Mit der Liberalisierung in der Finanzwirtschaft und dem Aufkommen der Derivate hat sich die Spekulation zum dominierenden Wirtschaftsbereich entwickelt. Walter Beckmann zeigt auf, dass es sich dabei um die unfruchtbarste wirtschaftliche Betätigung handelt und weitgehend um Raub von Kaufkraft geht. Wie die Finanzkrise zeigt, führt dieser zu schwerstem wirtschaftlichem Schaden. Den hochriskanten Finanzgeschäften mit Derivaten, denen jede ökonomische Legitimität abgeht, muss deshalb dringend Einhalt geboten werden, wenn die Wirtschaft nicht weiter eine höchst verderbliche Entwicklung nehmen soll.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 40
ISBN: 978-3-903067-29-5
Erscheinungsdatum: 16.07.2015
EUR 17,90
EUR 10,99

Herbstlektüre