Politik & Wirtschaft

Rot und Grau

Attila Dorkó

Rot und Grau

Leseprobe:

Heimat

August 1914. Es war ein heißer Sommer. Die Fenster des chemischen Instituts der Universität in Leipzig standen weit geöffnet, um für ein wenig Windzug zu sorgen. Hier arbeitete Antoine Delacroix an seiner Dissertation über die „Wirkung von Giftstoffen“, welche er noch in diesem Jahr zum Abschluss bringen wollte. Er saß an einem großen und geräumigen Labortisch, der vollgestellt war mit Mikroskopen, Reagenzgläsern aller Art und Größe, unter denen die Flammen der Brenner sich züngelten. Vor ihm lag eine kleine Uhrenschale mit einem fiebersenkenden Mittel, einem Präparat, mit Bestandteilen aus Chinin. Er nahm einen kleinen Spatel in seine rechte Hand und entnahm eine kleine Probe. Das Pulver hatte einen charaktervollen bitter-würzigen Geschmack. Aus den Monografien über die Inhaltsstoffe jener Substanz wusste er von der keimzerstörenden Wirkung und ihrem heilsamen Einfluss auf das Wärmezentrum. In der Medizin war es auch bekannt als Tonikum, denn es verminderte den Eiweißumsatz und war dem Ernährungszustand förderlich. Doch bei einer Überdosierung bestand die Gefahr eines Rausches. Vor weniger als dreihundert Jahren kam Europa mit dieser Pflanze in Berührung und es war noch keine einhundert Jahre her, als die Chemie das Alkaloid, das Chinin, entdeckte und bis zu einem gewissen Grade auch analysieren konnte. Die deutsche Pharmakologie wusste von dessen Konstitution, der Dynamik und den Wirkungen der Stoffe, doch war es ihr noch nicht möglich, es künstlich herzustellen. Und über das Schlangengift war nicht mehr bekannt, als dass diese tierischen Stoffe in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten. Und diese Welt der Stoffe begeisterte Delacroix. Alle waren sie für ihn Arzneimittel und Gifte, Heilmittel und Toxikologie: Es war alles für ihn dasselbe. Konzentriert und in Gedanken versunken sinnierte er über die Zusammensetzung der Stoffe und war dabei so vertieft, dass er den von den Straßen heraufschallenden Lärm und das Geschrei vor dem Institut nicht vernahm. In diesem Moment sprang die Tür auf und ein Student im zweiten Semester, bebrillt und mit Mittelscheitel, stand, mit einem Zettel in der rechten Hand winkend, in der Tür. „Herr Delacroix“, rief er hastig, den Zettel noch immer schwenkend und mit sich überschlagender Stimme, „Herr Delacroix! Der Kaiser hat die Mobilmachung ausgerufen!“ „Wie bitte?“, fragte er und sich dabei seinem Stuhl erhebend und auf ihn zugehend. Der Student, der seine mittelgroße und feindgliedrige Gestalt um fast zwei Köpfe überragte, sah ihn mit hochrotem Gesicht und nach Atem ringend an und übergab ihm mit den Worten: „Hier steht es!“ das Plakat. Er nahm es entgegen und las die großen, weithin lesbaren Buchstaben: „Seine Majestät der Kaiser und König hat die Mobilmachung von Heer und Flotte angeordnet. Erster Mobilmachungstag ist der 2. August. Gez. Wilhelm, I. R.“ „Nun denn, Studiosus. Es ist Krieg!“ Diese Worte sprach Delacroix sachlich, mit leicht schnarrender, ja fast schon nüchterner Stimme, und führte weiter aus, bei der sie nun in einen militärischen Ton, denn er war Leutnant der Reserve, umschlug: „Das Sie nun schon hier sind, mache ich Sie für meinen Labortisch verantwortlich. Bringen Sie die Monografien in die Bibliothek zurück und lassen Sie meinen Doktorvater wissen, dass ich mich auf dem Weg zur Garnison befinde.“ Er ging mit großen Schritten an den Tisch zurück, beließ seine Laborgegenstände an Ort und Stelle, mit Ausnahme seiner Aufzeichnungen, die er mit raschen Händen ordnete und in eine lederne Aktentasche verstaute. Er klemmte sie unter den rechten Arm und verließ das Institut in Richtung Bahnhof.
Überall in der Stadt, auf jedem Platz und an jeder Straßenecke wurden die noch druckfrischen Plakate angeschlagen. Als er den Bahnhof erreichte, herrschte dort bereits eine rege Betriebsamkeit. Es dröhnte und hallte, wie er es noch nie gehört hatte: von Marschschritten, Fahrgeräuschen, Geschrei und dem Rasseln einer Geschützverladung, Pferdewiehern und den Knallen der Pferdepeitsche auf der Verladerampe. Der Bahnhof war heillos mit militärischen Gestalten belebt und füllte sich immer mehr mit Militärpersonal. Dazwischen bewegten sich die heimkehrenden Urlauber und Reservisten, die noch einmal nach Hause wollten oder bereits auf dem Weg in ihre Kasernen waren. Delacroix nahm einen Zug, der ihn zunächst nach Dresden bringen sollte, und beobachtete dabei einen Hauptmann der Infanterie in seiner neuen feldgrauen Uniform, mit poliertem Lederzeug und Reitgamaschen, der von seiner Frau bis ins Abteil begleitet wurde. Sie standen eng umschlungen und schauten sich ins Gesicht, wortlos, bis das Signal zur Abfahrt ertönte, dann riss er sich los und lief hinaus. Seine Frau folgte ihm weinend durch die Menge, offenbar weinend. Mit einem Ruck, dass die Hänger wackelten, und einem Schnauben setzte sich die Lokomotive in Bewegung. Die Bahnbeamten, sonst ein gleichgültiger Menschenschlag, empfingen die Zugreisenden mit einer Herzlichkeit, als seien sie Verwandte, die sich nach langer Zeit wiedergesehen hatten. „Endlich kommt Schwung in unser Leben!“, sagte der eine, „morgen melde ich mich beim Regiment“, ein anderer. In diesen Gesprächen, die er vernahm, überall nur Worte des Stolzes, Lobeshymnen auf das Vaterland, in einer Stimmung wie auf einem Schützenfest oder einer Hochzeitsfeier. Er schaute die Gesichter seiner Mitreisenden an. Sie hatten alle lachende, manche sogar strahlende Gesichter. Er sah niemanden, der betrübt oder nachdenklich wirkte. „Wir haben den Krieg nicht gewollt. Er wurde uns aufgezwungen“, rief ein Reisender in die Reisegesellschaft. „Jawohl. Aufgezwungen wurde er uns!“, rief ein anderer aus der hintersten Ecke des Abteils zurück. „Nun heißt es: Heimatschutz!“, erscholl es im Chor. „Hoffentlich wird mein Regiment nach Osten geschickt. Die Russen sollen schon in Ostpreußen eingefallen sein.“ „Ist das wahr?“, fragte ein älterer Herr entsetzt, „wenn das so ist, dann haben die Russen nur die Weichsel und die Oder als natürliche Hindernisse, bevor sie in Berlin stehen!“ Kaum hatte er diese Feststellung getroffen, rief ein anderer Herr dazwischen: „Hört! Hört! – Wenn die Russen die Oder überqueren, dann ist es bis Berlin nicht mehr weit.“ Eine Gruppe von jungen Männern meldete sich zu Wort. „Wir sind Ulanen! Mit denen werden wir schon fertig. Wir werden sie verjagen, ja mehr noch, und zwar so, dass sie es nicht wagen, ihren Fuß auf deutschen Boden zu stellen!“ Zwischen den erhitzten Gesichtern zwängte sich ein Zeitungsjunge mit einem riesigen Stapel voller Extrablätter auf dem Arm, der so schwer war, dass er große Mühe hatte, einen Schritt vor den anderen zu machen. Wurde er von den Reisenden erblickt, stürzten sie sich auf die Blätter und rissen sie, ohne ihm vorher ein Geldstück in die Weste zu stecken, vom Arm. Ein junger Leutnant las im Stehen, dabei sich mit der linken Hand an einer Lehne festhaltend, um nicht zu stürzen, laut vor. „Hier steht es: ‚Der Zar hat den Befehl zur Mobilmachung seines Heeres gegeben und es ist schon auf dem Weg an die Ostgrenze.‘ Und hier steht es weiter: ‚Frankreich hat ohne Warnung mobilgemacht und bedroht die Westgrenze.‘ Den Russen und Franzosen ist nicht zu trauen.“ Mit jedem Kilometer, den der Zug in Richtung Dresden fuhr, verspürte er in seinen Händen so etwas wie einen prickelnden Strom. Diese Erregungen ließen seine Sinne schärfen und er war in diesem Moment hellwach, als ob er auf der Jagd wäre und ein Wild frisch gestellt hätte. Diese Lust an der Gefahr, an dem Unbekannten und Gefährlichen, nahm Besitz von ihm und ließ die Dissertation immer mehr in den Hintergrund rücken. Als er in Dresden-Neustadt ausstieg, um den Anschlusszug zu nehmen, herrschte auch dort dichtes Gedränge. Auch dieser Bahnhof erdröhnte unter den Marschtritten, Liedergesängen und Geschützverladungen. Aufgrund der Lage an den Grenzen des Reiches wurden alle zivilen Züge für diesen Tag gestrichen und Delacroix verbrachte die Nacht auf dem Bahnhof, der auch nicht zur Ruhe kam. Er füllte sich mehr und mehr mit Soldaten, und Zivilisten, die vereinzelt sich noch unter ihnen befanden, gingen in der Menge der grauen Uniformen unter. Morgens wurde ein Zug durch die Reichsbahn zur Verfügung gestellt, in welchen er auch stieg, der die Reisenden über Bautzen, Görlitz bis nach Breslau bringen sollte.
Als er seine Heimatstadt Bautzen erreichte, war alles um den Bahnhof, mit Ausnahme der Heimkehrenden, totenstill. Kein Mensch und kein Fuhrwerk waren auf der Straße zu sehen, die Häuser schienen wie ausgestorben. Als er von dort aus die in die Altstadt führende Bismarckstraße entlanglief, sah er, wie eine Abordnung seines Regiments einen Ehrenkranz unter das Denkmal aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 legte. An diesem stand er schon oft mit seinem Vater und bewunderte diesen fünf Meter hohen Obelisk aus poliertem Lausitzer Syenit, welcher auf einem dreistufigen Granitpostament ruhte. Es war geschmückt durch das Eiserne Kreuz und das Sächsische Wappen, an dessen Sockel sich die Namen der Gefallenen befanden. Hier hatte er immer als Kind, wenn die Familie einen Stadtspaziergang unternahm, die Namen vorlesen müssen und sein Vater, ein Lehrer am städtischen Gymnasium, prüfte ihn stets dabei. Er wiederholte dabei oft die Worte und sprach sie voller Stolz: „Antoine! Dieses Denkmal wurde anlässlich der Feierlichkeiten zum achthundertjährigen Bestehen des Hauses Wettin am 16. Juni 1889 für die Gefallenen des Regiments eingeweiht.“ Als er sich der Altstadt näherte, vernahm er zunächst undeutlich und verworrenen ein leises Brausen von vielen Stimmen, das teilweise zu einem Orkan anschwoll. Sein Weg führte ihn über den Hauptmarkt weiter am Rathaus entlang und durch die Menschen hindurch, die dem Markt zuströmten. In diesem Rufen, was teilweise in ein Schreien überging, war, so schien es ihm, eine kollektive Entschlossenheit zu vernehmen, wie er sie in seiner Heimat noch nie so vorgefunden hatte. Und er sah, wie mitten durch diese Menschen sich kleine Gruppen seines Regiments durchschlängelten, um an den Straßenecken die Mobilmachung zu verkünden. Er lief weiter zu seinem Elternhaus auf dem Taschenberg, nahe dem Schützenplatz, wo die Schweden während des Dreißigjährigen Krieges ihre Kanonen auf die Stadt abfeuerten. Als er am Haus angekommen war, erwartete ihn sein Vater in der Einfahrt schon ganz ungeduldig, und als er ihn sah, kam er seinem Sohn entgegengelaufen und streckte ihm feierlich die Hand zur Begrüßung aus. Sein Händedruck war fest, ja entschlossen und er blickte ihn voller Stolz an. „Guten Tag mein Sohn! Wie sehr haben wir dich schon erwartet. Wir dachten, du kommst schon gestern, aber ein Bahnbeamter hat mir eröffnet, dass die Züge von nun an für das Militär fahren.“ „Ja, Vater“, antwortete Delacroix, „auf jeden Bahnhof wird das Militär verladen. Ich hatte Glück, dass ich heute einen Zug erwischt habe.“ „Sei, wie es ist!“, entgegnete sein Vater, „jedenfalls ist es schön, dass du wieder zu Hause bist.“ Sie unterhielten sich, während sie zur Wohnung in der oberen Etage die Treppen emporstiegen, über die politischen Ereignisse der vergangenen Tage und die Folgen für das Deutsche Reich. Angekommen an der Wohnungstür erwartete ihn die Mutter, in Festtagskleidung gehüllt. Ohne ein Wort zu sprechen, umarmte sie ihn wie ein Mädchen, das ihren Liebsten sehnlich erwartete. Dann sprach sie mit zärtlicher Stimme: „Lass dich ansehen!“ Ihre Blicke ließ sie an seinem Körper entlangwandern und erfreute sich immer wieder, seinen in unzähligen Stunden des Turnunterrichts geformten Körper anschauen zu dürfen. „Sieh Antoine!“, sprach sie und zeigte auf den Tisch, „zur Feier des Tages gibt es dein Leibgericht.“ Delacroix beugte sich über den Tisch, den die Haushälterin mit geschickten Händen eben mit einer Vase voll Schwertlilien und einer Flasche Wein deckte, und sprach beim Anblick des Gerichts: „Mutter! Kaninchenbraten? Wirklich? – Das hätte doch nicht sein müssen.“ „Doch, doch!“, schnitt der Vater der Mutter das Wort ab und strahlte dabei. Seine Schwester Mathilda, die, neben ihren Vater stehend, noch immer staunend ihren ältesten Bruder anschaute, ging zu ihm hin und drückte ihn. Während dieser Umarmung sprach Antoine: „Na, du kleiner blonder Lockenwirbel?“ und streichelte ihr dabei liebevoll über den Kopf der Zehnjährigen. Es war seit jeher eine besondere Beziehung zwischen den beiden. Er, der große Bruder, hatte immer schon das Bedürfnis gehabt, seine Schwester zu beschützen, während sie es liebte, wenn er ihr abends Grimms Märchen oder aus Tausendundeiner Nacht vorlas und Geschichten erzählte. Er konnte sich nie den blauen Augen und dem hübschen Gesicht seiner Schwester entziehen, das bei den nächtlichen Vorlesungen zu strahlen begann. Das Verhältnis zu René, seinem jüngeren, gerade erst dreizehn Jahre gewordenen Bruder, war von Respekt und Bewunderung geprägt, denn er eiferte ihm in allen Dingen nach und wollte ebenfalls, natürlich mit Unterstützung des Vaters, die Militärlaufbahn einschlagen. Der Vater hatte oft seinen Söhnen erzählt, dass der Krieg stets eine männliche Bewährungsprobe sei.
Nach dem Mittagessen ging Delacroix noch auf sein Zimmer, das er seit seinem Studium nur wenige Male betreten hatte. Mit einer gewissen Melancholie, die ihn zuweilen befiel, betrachtete er das Inventar. Alles stand noch an seinem alten Platz. Nichts war verrückt. Aus dem Wohnzimmer erklang das einsetzende zarte Klavierspiel der Mutter und er verspürte den Drang, diese wunderbaren Klänge hinauszulassen, während seine Augen die majestätische Altstadt betrachteten, und es schien ihm, als ob das Zusammenspiel von Farbe und Melodie in diesem Moment vollkommen wäre. Und da standen sie, die schon seit Jahrhunderten und allen Kriegen und Unwettern trotzenden Türme: der Reichenturm mit seiner leichten Schräglage, der Wendische Turm, eingebaut in die Alte Semper-Kaserne, und der Schülerturm mit seinen dicken Mauern, durch dessen Tor die uralte Handelsstraße Via Regia führte. Doch weithin sichtbar der über alle Dächer und Türme der Stadt thronende Petri-Dom mit seiner mächtigen Apsis. Bei näherem Hinschauen glaubte er, das Kerngerüst dieses Bauwerks, dessen Pfeiler und Spindeln des Gehäuses, das Geistige an diesem Bau, zu erfassen. Diese Gedankengänge wurden jäh unterbrochen, als er die Stimme seines Vaters hörte, die nach ihm rief: „Antoine! – Es wird Zeit, dass wir aufbrechen. Seit heute Morgen ist die Stadt voller Menschen und stündlich werden es mehr. Von überall strömen die jungen Menschen in die Kasernen.“ „Und gestern“, fuhr er nach einer kurzen Pause weiter fort, „hatte sich meine gesamte Klasse freiwillig an die Front gemeldet.“ Schnell verstaute er seine wenigen Habseligkeiten wie Füllfederhalter, Schreibpapier, einige Notizbücher, denn er beabsichtigte ein Tagebuch zu führen, und ein paar Klassiker der deutschen Literatur in sein Marschgepäck. Die Eltern beschlossen, ihren Sohn bis zur Kaserne zu begleiten, jedoch sollte nicht der direkte Weg genommen werden, sondern führte sie vom Taschenberg vorbei an der 1843/1844 von Gottfried Semper erbauten Alten Kaserne, die seit dem 1. Januar 1914 den Namen „Kronprinzenkaserne“ trägt. Weiter führte ihr Weg die Steinstraße hinunter bis auf die Löbauer Straße in Sichtweite der im Jahr 1877 fertiggestellten Kaserne. Sosehr sie sich auch bemühten, sie gelangten nicht bis vor das Kasernentor, denn das war das erklärte Ziel aller Freiwilligen aus den umliegenden Dörfern und der Stadt, dass es fast unmöglich schien, ob der Kasernenplatz für die Aufnahme dieser Massen die richtige Größe hatte. Der Vater stand beim Anblick dieser von Enthusiasmus gepackten Jugend ganz nah an seinem Sohn, ihre Schultern berührten sich fast, und er begriff, dass sein Sohn als Offizier von nun an über Gedeih und Verderb dieser jungen Menschen, wenn er selbst das Tor passierte, verantwortlich war. Er sah ihn plötzlich mit besorgtem Gesichtsausdruck an: „Weißt du Antoine, was ich dir damit zu verstehen geben will?“ Delacroix nahm seinen Vater im Blickwinkel wahr, wenn auch nur schemenhaft, jedoch wusste er, was es mit diesem Blick auf sich hatte. Die Mutter stellte sich neben ihren Mann, ergriff dessen Hand und legte ihren Kopf auf dessen linke Schulter und die Tränen begannen über ihr Gesicht zu rollen. Nur eine Mutter konnte den Schmerz verspüren, wenn sie ihren Sohn in den Krieg ziehen lassen musste. Sie begann zu seufzen, denn ihr Herz schien fast zu zerspringen, dass er sie nun verlassen würde. Der Vater, den Tränen nahe, doch mit gefasster Haltung, umarmte den Sohn und die Mutter und sprach mit leiser Stimme: „Pass auf dich auf! Wir sind so stolz auf dich!“ Der Vater versuchte noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg zu geben, obwohl er wusste, dass sie für das, wohin der Weg den Sohn nun führte, nutzlos waren. Vielleicht tat er es nur deshalb, weil er den Abschied für ein paar Augenblicke hinauszuzögern wollte. „Auf Wiedersehen meine Lieben. Grüßt bitte René und Mathilda.“ Dann schulterte er sein Gepäck und nahm den Weg in die Kaserne, ohne sich noch einmal nach den noch immer dort stehenden Eltern umzudrehen, denn sie sollten nicht sehen, dass auch ihm die Tränen über das Gesicht rannen.
An der Wache herrschte dichtestes Gedränge. Hier trafen sich Schulkameraden oder Freunde aus der Nachbarschaft. Er sah, wie eine Gruppe mit Achtzehnjährigen auf den Eintritt wartete, ohne auch nur ein Wort zu wechseln. Dieser Ausdruck hatte etwas von Geschlossenheit, wie er nur am Ende eines von allen gefassten Entschlusses stehen konnte. Sie nickten sich nur zu, lächelten und alles war für sie von einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit. Hier gab es keine Fragen mehr, keine Zweifel, keinen Gewissenszwang. Alles geschah ohne jeglichen Druck. Ihren, aus freien Stücken gefassten, Willen für den Kriegsdienst brachte die Gruppe sogar so zum Ausdruck, dass sie, um sich nicht im Gedränge der Anstürmenden zu verlieren, ihre Arme ineinander hakten und er dabei große Mühe hatte, sich durch dieses Gewühl hindurch zu wälzen. Der Kasernenplatz war mit Menschen zum Bersten gefüllt und eilends wurden Maßnahmen ergriffen, um dem Ansturm der Kriegsfreiwilligen gerecht zu werden. Waffenmeister eilten über den Platz und verschwanden in der Kaserne, Pferdegespanne wurden mit Kriegsgerät beladen, Tische standen auf dem Platz, welche die Registrierung erleichtern sollten, und Ordonnanzen hasteten zum Regimentsstab. Hier nun sollten sie registriert werden, die Freiwilligen, die bis vor wenigen Tagen noch in staubigen Klassenzimmern hockten, die Lehrlinge, die noch gestern an einer Werkbank in einem der umliegenden Handwerksbetriebe ihrer Arbeit nachgingen, die Studenten, die ihre Fakultäten und Universitäten fluchtartig verlassen hatten, sogar die Familienväter, die Lebewohl von Frau und Kind nahmen, um sich dieser Kriegsbegeisterung, diesem kollektiven Rausch, hinzugeben, um in wenigen Wochen der Militärausbildung auch an die Front geschickt zu werden. Delacroix meldete sich an der für die Offiziere eingerichteten Sammelstelle und mit seiner Unterschrift hatte ihn das alte 4. Königlich-Sächsische Infanterieregiment Nr. 103 wieder, jenes Regiment, welches der sächsische König Friedrich August III. am 17. Oktober 1908 an dessen Namensträger „Großherzog Friedrich II. von Baden“ verlieh. Und auf selbigem Platz wurden in Anwesenheit des Königs Friedrich August III. von Sachsen, von Großherzog Friedrich II. von Baden, Kronprinz Georg sowie Prinz Friedrich Christian von Sachsen am 19. und 20. Juni 1909 und mit über sechstausend ehemaligen 103ern die Feierlichkeiten zu dessen zweihundertjährigem Bestehen durchgeführt. Plötzlich vernahm er die ihm vertrauten Stimmen aus dem Tumult, die ihm zuriefen: „Antoine, Antoine! Hier sind wir! Komm zu uns! Wir haben schon auf dich gewartet.“ Und da standen sie: Karl Döring, der Physiker, und Hugo Behrens, der Älteste unter ihnen und Vater von zwei Kindern und von Beruf Apotheker. Sie alle waren Leutnants der Reserve, befreundet seit vielen Jahren, geschlossen in unzähligen Reservistenübungen auf den umliegenden Truppenübungsplätzen. Die Wiedersehensfreude war groß, hatten sie sich doch seit Monaten nicht mehr gesehen, sei es, weil jeder seinem Beruf nachging oder sonstige Verpflichtungen familiärer Art einen Besuch nicht gestatteten.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 482
ISBN: 978-3-95840-228-7
Erscheinungsdatum: 10.04.2017
EUR 20,90
EUR 12,99

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