Politik & Wirtschaft

Haifischbecken Baubranche

Haifischbecken Baubranche

Leseprobe:

Dieses Buch widme ich allen Jungunternehmern der Baubranche oder denjenigen, die es noch werden wollen, und denjenigen, die heute im Ruhestand sind und wissen, wovon ich schreibe.
Unternehmer, die glauben, reich zu werden, und die immer noch auf gute Zeiten in der Baubranche hoffen, die irren gewaltig. Je mehr Aufträge vergeben werden, desto mehr läuft das Geschäft der Auftraggeber, die Aufträge unter gewissen Umständen vergeben.
Meine Zeit als Selbstständiger und meine Erfahrungen in dieser Branche sollen in diesem Buch aufzeigen, wer am Schluss der oder die wirklichen Gewinner sind. Nicht viele von unserer Branche steigen am Schluss als Gewinner aus.
Auftraggeber, die glauben, Götter zu sein, Leute, die durch ihr Auftreten und künstliches Gehabe andere Menschen täuschen, um noch ein bisschen mehr aus ihnen rauszuholen. Die Schulterklopfer, die sagen: „Aber Sie machen das schon, Sie werden schon sehen!“
Dieses Buch soll natürlich niemanden hindern, sich selbstständig zu machen, aber doch zeigen, wie falsch es ist, nur einem Menschen in der Geschäftswelt absolut zu vertrauen.
Auch über meine Jugend möchte ich ein wenig berichten (sozusagen als zweites Vorwort). Das war die „schöne Zeit“, in der ich noch an die Menschen geglaubt habe.
Ich wurde 1956 in Wien als unschuldiger Junge geboren und wuchs in einem Bezirk auf, wo nicht gerade die feinsten Leute wohnen, aber Menschen, die in ihrer Art und Weise immer noch auf geraden und ehrlichen Wegen ihr Geld verdienen. Jeder auf seine Art und Weise. So wie mein Vater, der als Baupolier tätig war und fast keine Zeit für seine Familie hatte, meine Mutter, die den Haushalt führte und glaubte, wenn Vater viel Geld bringt, sind die Kinder glücklich und zufrieden.

[...]

In manchen Situationen bemerkte ich schon als Kind, dass das viele Geld, das jeder glaubt, verdienen zu müssen, der Zwang, mit anderen Leuten mitzuhalten, sicherlich der falsche Weg ist. So verbrachte ich meine Kindheit wie so viele im Park, da wir ja gewusst haben, dass unsere Eltern keine oder sagen wir mal fast keine Zeit für uns hatten. Wir spielten Fußball nach der Schule, wir ließen uns bei Wacker Wien einschreiben, um wenigstens irgendwo einen Ansprechpartner zu haben, so wie meinen damaligen Trainer, Herrn Haas, den Namen werde ich nie vergessen. Dieser Mann wollte damals, dass ich beim Verein bleibe, da ich damals, ohne angeben zu wollen, doch ein gewisses Gefühl für den Ball hatte. Aber meine Mutter war damals dagegen, und mein Vater machte prinzipiell alles, was meine Mutter sagte. Sie hatte die Zügel in der Hand. So wie das morgendliche Aufstehritual: Schwesterchen durfte immer länger schlafen, weil der Bruder das Wasser wärmen musste, damit sich Schwesterchen waschen konnte. Wir hatten eine Wohnung: Zimmer, Küche Kabinett, Wasser und WC am Gang.

[...]


Nun kam die große Berufsfrage auch auf mich zu.
„Mein Sohn geht zum Bau.“ Das war für meinen Vater sowieso klar, und Mutter sagte: „Da kannst du viel privat machen.“ Viel gefragt wurde ich damals nicht. Jede Widerrede – a Watschen.
Nun, ich wollte aber nicht zum Bau. Ich wollte Polizist werden, ganz einfacher Streifenpolizist. Oder Koch im Restaurant, aber ja nicht zum Bau.
Für die Polizei war ich einfach zu unterernährt und Koch durfte ich einfach nicht lernen. Was blieb mir anderes übrig, als wieder mal Mutters und Vaters guten Rat anzunehmen? Ich wurde Maler und Anstreicher, wie schön!

[...]

Meine Lehrjahre waren eine Katastrophe. Ich landete am Bau, musste weiße Arbeitskleidung tragen, war einem Gesellen ausgesetzt, der drei Mal in der Woche ziemlich lustig unterwegs war, ich meine im Alkoholrausch, und die rest­lichen Tage ließ er Gase von sich, dass der Polier erst gar nicht zu uns kam, um etwas zu fragen.
Und das ging 3 Jahre lang. Teilweise war ich einem anderen Gesellen zugeteilt, das war wie Urlaub für mich. Bei meinem Lehrgesellen musste ich mindestens drei Mal am Tag Wein holen. Ich musste mir Geschichten anhören über seine Zeit im Krieg und wie gut er nicht war als Flieger. Schon damals dachte ich mir: „Oh Gott!“
Die Langhaarigen waren ihm immer ein Dorn im Auge, und auch ich hatte schulterlanges Haar, immer gepflegt, bis die Berufswelt mich erfasst hat. Mit 17 dann ab die Haare, auf Wunsch meines Lehrchefs.
Es waren drei lange, furchtbare Jahre absoluter Qual. Das einzig Positive war, dass mein Schwesterchen inzwischen ausgezogen war und ich ihr Kabinett jetzt für meine Zwecke verwenden konnte. Sie hatte damals einen Hausmeisterposten angenommen und das Kabinett gehörte mir ganz alleine. War ich damals glücklich! Posters von den Stones, Hendrix und The Who hingen an der Wand. Woodstock, das war damals meine Welt – aber nicht nur meine, unsere Welt. Die Musiker schrieben Songs gegen Krieg, Elend, Hunger, Atomenergie etc. Ich war damals voller Überzeugung, dass sich alles ändern würde, Vietnam etc.

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So machte ich 1986/87 im WIFI St. Pölten die Meisterschule und bestand die Prüfung. Die Welt war für mich in Ordnung. Alles geschah so in meinem Leben, wie ich es mir vorgestellt hatte. Was hielt mich noch, auf selbstständiger Basis zu arbeiten?
So meldete ich mein Gewerbe am 22.?06.?87, zu meinem Geburtstag, an. Schon damals waren viele meiner Freunde neidisch auf meinen Erfolg, aber ich lernte fast Tag und Nacht für die Meisterprüfung und es war auch nicht einfach für uns. Ich musste mich arbeitslos melden, meine Abfertigung ging flöten, das Ersparte war weg und meine Frau musste sehr viel arbeiten, auch zu Hause für ihre damalige Firma, damit sie mehr verdiente und ich eben meine Meisterprüfung machen konnte.
Am Arbeitsamt in der Herbststraße war ich damals beim Chef der Abteilung für Bau-, Holz- und Nebengewerbe. Dieser Mann, ich bin heute davon überzeugt, dass er ein „Erzroter“ war, sagte mir: Wenn ich die Prüfung beim ersten Mal bestand, würde mir das Arbeitsamt die Einschreibgebühr bezahlen. Das waren damals 35?000,– Schilling, und das Arbeitslosengeld bekam ich gleich vom ersten Tag an.
Damals waren die Zeiten noch anders. Das Versprechen wurde eingehalten, und dies half meiner Familie und mir sehr. So begann ich auf selbstständiger Basis zu arbeiten. Wir schickten Werbebriefe an Architekten, Hausverwalter usw. Zudem hatte ich Privatkunden aus meiner Gesellenzeit.
Mein erster großer Auftrag war die SPÖ-Zentrale in der Löwelstraße. Ich malte fast den gesamten Bürobereich aus, strich Türen und Fenster, ich hatte damals absolut keine Probleme, ich bekam mein Geld wie vereinbart.
Nun, die Welt war für mich in Ordnung – noch.

[...]

Ich schreibe das nicht nur aus Langeweile oder Selbstmitleid, sondern ich möchte und muss den zukünftigen Unternehmern erzählen, wie ich aus Fängen dieser Firma wieder heil herausgekommen bin. Ohne Hilfe von Banken oder sonstigen Instituten – ich war damals ganz auf mich allein gestellt.
Das Gespräch drehte sich um meine Angebote, darum, wann ich anfangen könnte mit dieser oder jener Arbeit, wie lange ich brauche etc., etc. Ich glaube, die wichtigste Frage für den Hausverwalter Senior war, wer denn meine Buchhaltung mache, ob die Firma ein Einzelbetrieb bleiben würde oder ob ich vorhatte, in späterer Zeit eine GmbH zu gründen. In dem Fall müsste sich die Hausverwaltung wieder von mir trennen bzw. hätte ich dann keine Aufträge mehr zu erwarten, weder von ihm noch seiner Tante, die eine eigene Hausverwaltung in den gleichen Räumlichkeiten hatte. Die Dame ist bereits verstorben. Leider konnte ich ihr nicht mehr sagen, wie ich mich fühlte. Diese alte Dame – ich glaube, sie verstand mich – konnte nichts für mein Unheil. Das ging alles über den Kopf von Senior und später Junior, so ca. im Jahre 1996.
Die entscheidende Frage des Seniors war, was er eigentlich davon hätte, wenn er mir sehr viele Aufträge zuschanzte und was ich mir vorstellte.

[...]

Senior sagte, das sei alles machbar, und legte mir alle Offerten, die ich in der Zwischenzeit gemacht hatte, schon unterfertigt und mit Auftragsbestätigung auf den Tisch. Das waren damals ca. 220?000,– Schilling. Welcher Jungunternehmer sagte da Nein, wo er noch vor 6 Monaten um 12?500,– Schilling als Geselle für eine andere Firma gearbeitet hat? Ich glaube, da gibt es nicht viele. So begann die Zeit der Abhängigkeit.
Ich begann eine Arbeit im 8. Wiener Gemeindebezirk, ein Haus, das Senior und Tante gehörte. Da strich ich Schwingtüren am Gang. Senior kam täglich und schaute, wie ich arbeitete. Er war sehr zufrieden mit meiner Ausführung.
Als die Arbeit nach einer Woche beendet war, sagte Senior: „Hr. Malermeister, Sie kommen immer zu mir ins Büro Inkasso machen.“
Jede Arbeit wurde somit immer und in späterer Folge auch von Junior abgerechnet. Wasserschäden wurden an die Bank überwiesen. Das gleiche System galt bei der Tante. Ich kam ins Büro des Seniors Inkasso machen und rechnete mir die Summe schon zu Hause in meinem Büro aus, um wieder schnell aus dem Büro rauszukommen. Ich fühlte mich bei der ganzen Sache nicht wohl und mein Gefühl sagte mir damals schon nichts Gutes, aber damals war ich noch jünger und, wie schon erwähnt, sehr unerfahren.
Im Büro musste ich im Vorzimmer Platz nehmen. Meine Hände waren sehr verschwitzt, ich hatte Angstgefühle und mein ganzer Körper begann leicht zu zittern. Ich schwitzte und ich fühlte mich einfach nicht wohl.

[...]

Ich musste jetzt sofort reagieren. Die Mitarbeiter im 2. Bezirk konnte ich nicht von der Baustelle abziehen, daher waren neue Mitarbeiter gefragt. Ich rief am Arbeitsamt an, und der zuständige Herr versprach mir, sofort jemanden zu schicken.
Es kamen so um die 10 Arbeiter. Es war nicht leicht; ein paar wollten nur den Stempel, damit sie weiter Arbeitslosengeld erhalten konnten, und die anderen rochen ziemlich nach Alkohol. Wieder nichts. Die Ausländer, die arbeiten wollten, durften nicht, weil sie keine Arbeitserlaubnis erhielten.
Schließlich gelang es mir doch noch, halbwegs gute Arbeiter zu finden, und siehe da – auf einmal hatte ich binnen 3 Jahren 15 Mitarbeiter und 4 Lehrlinge.
Es war schon das dritte Jahr, das ich für die Hausverwaltung arbeitete. Ich hatte Glück und in der Zwischenzeit meldete sich eine neue Hausverwaltung bei mir und spielte mir ohne fixe Vereinbarung Aufträge zu, wie zum Beispiel 10 Stiegenhäuser in einer Siedlung neu zu malen, ein Flachdach zu beschichten, alle Stiegenhausgeländer zu streichen – ein schöner Auftrag und prompte Bezahlung. Das war oder ist noch immer eine korrekte und ehrliche Hausverwaltung, und davon gibt es wenige, das könnt ihr mir glauben.
Wir hatten Naturfenster in bewohnten Anlagen zu streichen, also sehr viel Arbeit. Senior, Junior und Tante bemerkten, dass ich in letzter Zeit nicht mehr auf den Baustellen mitarbeitete und sehr im Stress war. Sie fragten, was denn los sei. Ich erzählte ganz stolz und mit gutem Gewissen, dass ich als zweites Standbein eine weitere Hausverwaltung an Land gezogen hatte. Darauf meinte Senior wütend: „Nun, da brauchen Sie uns eh nicht mehr, da können wir uns nach einem neuen Malermeister umsehen. Ich hoffe, Sie bewältigen zuerst meine Arbeiten.“

[...]

Nun, den Kostenvoranschlag schickte ich an Juniors Adresse. Nach 2 Tagen rief er mich zwecks Preisverhandlungen ins Büro. Es ginge um seinen Anwalt und das wäre sehr heikel, so Juniors Worte. Ich schlug 5?% Nachlass und 3?% Skonto vor. Er legte seine Hand auf die Stirn, zappelte mit den Füßen hin und her und sagte: „Herr Malermeister, das ist mein Anwalt, ich bitte Sie, überlegen Sie mal, MEIN ANWALT, und der ist gut! 10?% Nachlass und die 3?% Skonto sind o.?k. Ja, aber nicht vergessen, das Ausgemachte ist eh klar. Alles klar, Herr Malermeister?“
Ich bejahte und ging schaudernd aus der Kanzlei, wie immer, wenn ich bei Senior oder Junior war.
Ich bekam den Auftrag und fing 2 Wochen später an. 2 Gesellen und 1 Lehrling begannen mit der Arbeit. Erst wurden die Außenfenster in Angriff genommen. Wir hängten alle Außenfenster aus und brachten sie mit unserem Lieferauto in die Werkstatt. Im Zuge der Arbeiten sahen wir, dass 6 Gläser kaputt waren. Ich sagte es sofort der blonden Sekretärin des Anwalts, die sehr sexy war und immer absichtlich den Rock in die Höhe hob, wenn ich zu ihr ins Büro kam. Sie sagte mit hoher Stimme: „Ich schreibe es für den Herrn Doktor auf, Herr Malermeister“, und grinste mich verschämt an.
Nach einer Stunde telefonierte der Anwalt mit seiner Sek­retärin und bat mich dann ans Telefon, um mich zu bitten, die kaputten Fenster doch zum Glaser zu bringen und einstweilen die Auftragsbestätigung zu unterzeichnen, und die Rechnung mit meiner Rechnung der Anstreicherarbeiten ihm zu geben. Das hätte er aber seiner blonden Sekretärin auch sagen können, aber sie grinste nur. Warum, wusste ich dann später; damals glaubte ich, sie hätte überhaupt nichts verstanden. Ich täuschte mich gewaltig.

[...]

Wofür, fragte ich mich, wofür nur der Stress? Ich sagte nichts mehr, wir hatten ja jetzt keine andere Arbeit, auf die wir ausweichen könnten, weil die Baufirma auf den Baustellen, die wir von Junior und Senior hatten, keinerlei Arbeiten durchführte.
Wir nahmen unsere Sachen und räumten die Baustelle zusammen. In der Zwischenzeit rief ich meine Frau an. Sie sagte nur: „Bitte bleib ruhig, es wird schon, keine Sorge.“
Sie ist bis heute noch der Meilenstein meines Lebens.
Dann gingen wir Darts spielen in unsere Kneipe. Ich glaube, es war 04.00 Uhr früh, als ich nach Hause kam und etliche Bierchen in mir hatte.
Dienstag früh mit Katerstimmung aufgestanden, verärgert vom Vortag, kam ein Anruf von der Post: Wir könnten den Teppich holen. Ich ging nach meiner Morgentoilette in die Werkstatt zu meinen Mitarbeitern und wir fuhren zum Südbahnhof, den Teppich holen, dann gleich auf die Baustelle. Wir verlegten ihn noch am selben Tag, es wurde 21.00 Uhr. Obwohl wir uns um einen Tag verspätet hatten, waren weder der Baumeister noch Bauherr zu sehen, obwohl für Dienstag eine Übergabe ausgemacht war und ich mich schon auf eine Ausrede vorbereitet hatte. Keiner kam.
Ich und meine Frau versuchten eine Woche lang vergeblich, den Baumeister zu erreichen. Ich dachte mir, das gibt’s ja nicht, der arbeitet genauso für Senior und Junior wie ich, und der ist nicht erreichbar! Was wäre, wenn Junior am Telefon wäre? Was machen? Nun, ich ging zum Anwalt und ließ mich beraten. Die Stunde kostete 1000,– Schilling. Der Anwalt schrieb dem Baumeister einen Brief und nach ein paar Tagen rief dieser mich dann endlich an. Er schrie ins Telefon und fragte, warum ich zu einem Anwalt ginge. Er wusste noch nicht, dass ich Junior auch angerufen und ihn gefragt hatte, ob er wisse, was mit dem Baumeister los sei.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 92
ISBN: 978-3-99003-093-6
Erscheinungsdatum: 03.02.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 14,90
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Herbstlektüre