Politik & Wirtschaft

Freigestellt

Ralle Tik

Freigestellt

Leseprobe:

Freigestellt

Freigestellt. Von jetzt auf gleich freigestellt. Was ist das nur für eine Welt? Bis vor ein paar Minuten warst du noch ein äußerst engagierter, selbstbewusster Vertriebsleiter. Du kennst den Markt wie kaum ein anderer und hast ein ebenso erfahrenes Team stärkend im Rücken. Doch ab sofort heißt es: „Sie sind freigestellt.“ Ich kannte ein solches Gefühl bis dato nicht.
Es ist der erste Tag, an dem ich zu Hause bin. Ich stehe morgens mit meiner Frau auf und wir frühstücken gemeinsam. Der Tisch ist wie immer gut gedeckt. Eigentlich ist es eine Arbeitsplatte, kein Tisch. Wir haben die Arbeitsinsel inmitten der Küche einfach nach vorn und zur Seite verlängert, sodass wir sie auch als Tisch benutzen können. Unsere kleinen Kaffeetassen stehen auf den passenden Untertassen, alles ist dezent in Weiß gehalten. Aufgeschnittenes Steinofenbrot liegt im Brotkörbchen, das aus Weidenholz geflochten ist. Neben der Butter steht eine Auswahl an selbstgemachter Johannisbeer- und Erdbeerkonfitüre, auch Nutella darf natürlich nicht fehlen, dazu gibt es etwas Milch, Frischkäse und einen Kaffee aus dem neuen Jura-Kaffeevollautomaten.
Nach dem Frühstück verabschiede ich meine Frau an der Tür mit einem Kuss und einem „Bis nachher“ – sie darf zur Arbeit gehen. Durch das Küchenfenster schaue ich einmal unsere Sackgasse entlang und freue mich, dass die einjährige Rose im Vorgarten schon so prächtig in dunkelroter Blüte steht. Anschließend lese ich die Tageszeitung, meine gute alte Hersfelder Zeitung, die ich schon als Kind ausgetragen habe. Neben dem Wirtschafts- und Politikteil lese ich nun auch die lokalen Nachrichten intensiver. Da hat doch wirklich wieder ein Bürger für seine 50. Blutspende einen Präsentkorb bekommen, das ist ja interessant. So etwas habe ich bis dato eher zufällig gelesen. Ja, und ich suche schon einmal das Kreuzworträtsel. Es ist schön, dass es so etwas in der Zeitung gibt.
Ab Mittag kommt vor lauter Langeweile schon einmal ein längerer, leerer Blick aus dem Küchenfenster vor. Der Fußboden ist gesaugt, die Betten sind gemacht, aber wo bleibt denn nur die Post? Glauben Sie mir, selbst wenn die Post dann mal mit ihrem gelben Dieselauto da war und man sicher sein kann, dass die nette Postbotin nicht bei einem war, schaut man zur Sicherheit nochmal im Briefkasten nach. Das Büro wird genauestens auf Unterlagen oder Kataloge überprüft. Es ist wichtig, dass keine unnötigen Dinge mehr aufgehoben werden. Jedoch stelle ich dann schnell fest, dass die beiden Aufräumaktionen vor ein paar Wochen schon gründlich genug waren, eine dritte ist weder hier noch in der Garage nötig!
Wie kam es nur zu dieser unangenehmen Situation? Diese Geschichte möchte ich Ihnen gerne erzählen, aber wo fange ich an? Am besten von ganz vorn. Haben Sie etwas Zeit?


Der Zeitungsjunge

Mit sechseinhalb Jahren wurde ich von meinem zweitältesten Bruder zum Austragen der Sonntagszeitung mitgenommen. Diese Zeitung sollte ich später übernehmen, da er sonntags durch seinen anstehenden Konfirmandenunterricht die Kirche besuchen musste. Er hatte jede Woche 14 bis 16 Zeitungen im Dorf auszutragen und verdiente sich so ein, für damalige Zeit, stattliches Taschengeld von ungefähr sechs bis acht Mark die Woche. Damit konnte man schon etwas anfangen. Aus seiner Sicht waren seine jüngeren Brüder nicht zuverlässig und für ein dauerhaftes Austragen der Zeitungen ungeeignet, deshalb fragte er mich. Er führte mich in die Besonderheiten der Kundschaft ein. Ein Kunde zum Beispiel legte sein Geld immer unter die Matte des Fußabtreters, ein anderer hängte grundsätzlich einen Beutel mit meist kleinen Leckereien und dem passenden Geldbetrag an die Tür. Das war der sogenannte „Beutelschmidt“, erfuhr ich von meinem Bruder. Beim nächsten Kunden wurde ganz normal geklingelt, abgeliefert und nach der Bezahlung verlangt. Der eine schenkte gern 20 bis 30 Pfennige als Trinkgeld, beim Nächsten musste man wieder auf den Pfennig genau herausgeben. Sofort hatte ich verstanden, dass das für mich nicht nur eine Aufgabe war, die ich übertragen bekommen sollte, sondern dass es auch eine erste Möglichkeit zum Geldverdienen war und, ganz klar, der erste Weg in die Unabhängigkeit. Meine Entscheidung war schnell getroffen – das machte ich sehr, sehr gerne. Und ein Jahr später war es so weit, ich übernahm hauptverantwortlich die Aufgabe des Zeitungsausträgers.
Die Kunden wurden am Sonntag in der Früh ordentlich und pünktlich mit ihrer Zeitung bedient, neue Kunden wurden intuitiv mit den neuesten und schönsten Fußballberichten angesprochen, andere mit dem Hinweis auf das übersichtliche Programm im Inneren der Zeitung oder mit den schönen, großen Rätseln in der Mitte des Heftes. Kurzum, die direkte und individuelle Ansprache funktionierte, ich hatte ein Gespür für die Vorlieben der Leser. Die Auflage wurde von Woche zu Woche immer etwas höher, sodass ich nach einem Jahr einen festen Stamm von 32 Lesern hatte. Meist bestellte ich noch zwei bis drei Zeitungen mehr und verkaufte diese auch irgendwie an Gelegenheitskunden. Kennen Sie Gelegenheitskunden? Das sind die Kunden, die sich nicht gern festlegen möchten, aber eigentlich doch wollen. Auch diese Leser haben bis auf wenige Ausnahmen doch fast jede Woche meine Zeitung abgekauft. So hatte ich mittlerweile ein Taschengeld von meist über 15 Mark die Woche. Ich war reich, inmitten einer sehr armen Familie. So war ich in der Lage, meine kleine Schwester öfter mal zu einer Cola einzuladen. Wir gönnten uns ab und zu ein Eis, ein Eiswagen fand im Sommer zweimal die Woche den Weg ins Dorf.
Zu Weihnachten wurden meine Geschwister und die Eltern mit kleinen Geschenken von mir bedacht. Bei der Lebensmittelmarktbetreiberin hatte ich eine so hohe Glaubwürdigkeit, dass ich für meinen Vater auch eine Schachtel Zigaretten seiner Lieblingsmarke HB kaufen durfte. Ich bin mir sicher, sie wusste genau, dass ich diese nicht selbst rauchen würde.
Als ich ungefähr neun Jahre alt war, nahm meine Mutter zusätzlich die Tageszeitung an. Diese kam jeden Tag gegen die Mittagszeit mit einem Kurier und danach in die Zeitungsboxen der Abonnenten. Der Kurier war ein älterer, sehr netter, grauhaariger Mann mit Brille. Sein Auto hing hinten weit runter, so schwer waren die Zeitungen. Das zusätzliche Austragen der Tageszeitungen war für meine Mutter zum Aufbessern der Kaufkraft und damit zum Auffüllen des Kühlschrankes sehr wichtig. Diese Arbeit brachte in unserem Dorf um die 220 Mark im Monat zusätzliches Haushaltsgeld. Die Zeitungen wurden nach Verteilungsgebieten im Dorf unter uns Kindern aufgeteilt, ich bekam ebenfalls ein Gebiet ab. Wir waren zu dieser Zeit noch vier, die unserer Mutter halfen, der Rest ging mittlerweile einer Arbeit nach. So erhöhte sich mein Taschengeld nochmals um 35 bis 45 Mark im Monat. Schulsachen kaufen oder später mal ein Fahrrad mit Fünf-Gang-Schaltung anschaffen, das war ab diesem Zeitpunkt wie selbstverständlich mein Thema, die Eltern benötigte ich dazu nicht mehr.
Zu dieser Zeit, gegen Ende der 70er-Jahre, hatte ich meine erste Freundin. Also, es war so, ich durfte ihr mal ein paar Tage die Tasche tragen, das hatte schon etwas mit knapp zehn Jahren. Aber die wenigen Tage, an denen ich mit Aufregung in die Schule ging und neugierig wartete, was man heute in der Pause besprechen würde, waren auch schnell wieder zu Ende.


Messerscharf

Zu Hause hatten wir damals sehr regelmäßig Besuch. Nicht nur zu den vielen Geburtstagen oder anderen Anlässen. Die Zeugen Jehovas kamen fast jede Woche und unterhielten sich mit meiner Mutter. Sie war viel zu höflich, um diese Leute vor der Tür stehen zu lassen. Sie hörte einfach eine Stunde lang zu und bereitete dabei das Essen zu.
In den kalten und nassen Monaten waren viele Bewohner zu Hause, da schlechtes Wetter herrschte. So spielten mein Vater und Bekannte manchmal den halben Tag Karten.
Ende der 70er-Jahre war es ebenfalls üblich, dass Vertreter mit Handelswaren regelmäßig den Weg in Privathaushalte suchten. Aber um etwas Erfolg zu haben, benötigten diese Handelsvertreter Multiplikatoren. Aus diesem Grund gingen sie meist zu den Menschen auf den Dörfern, die entweder bekannt waren oder, wie wir, jeden Tag mit der Zeitung das ganze Dorf bereisten. Sie verkauften Handelsware, die es nicht generell auf den Dörfern und in den Lebensmittelläden gab, beispielsweise Scheren, Messer und viele andere Utensilien, hauptsächlich für den Haushalt. Einen dieser Vertreter hatten wir wieder mal bei uns zu Hause zum Abrechnen seiner Waren in der Küche sitzen. Er war ein seriös gekleideter und sauberer, aus meiner damaligen Sicht älterer Mann. Heute weiß ich, dass diese „älteren“ Menschen in etwa um die 40 bis maximal 50 Jahre alt waren. Wahrscheinlich würde ich heute über den gleichen Mann sagen, dass er ein jungaussehender Mann von maximal 50 Jahren war. Er hatte eine Anzugsjacke mit Hemd ohne Krawatte und eine Hose an, dazu trug er schwarze Schuhe und eine Brille. Ich sage ja, ein seriöser Mann. Als Handelsware hatte er Haushaltsmesser im Gepäck. Welche von der kleinen Sorte zum Schneiden und Schälen von Kartoffeln oder Bohnen waren ebenso im Sortiment wie normale Größen, Butter- und Brotmesser. Es gab teilweise auch andere Varianten für Fleisch, Geflügel usw., welche das Sortiment abrundeten. Die Messer gab es mit Keramikenden am Griff, die Schneide gezackt oder glatt, für alle haushaltstypischen Anwendungsmöglichkeiten. Wichtig war, wie immer im Vertrieb, dass etwas verkauft wurde, sonst heißt es: „Außer Spesen nichts gewesen!“
Er fragte bei seinem damaligen Besuch meine Mutter: „Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?“ Er hatte eine ruhige, sonore Stimme. „Ja“, kam in etwas Dialekt und leicht verwundert von meiner Mutter zurück „Hm, ja, wie soll ich es fragen? Was machen Sie eigentlich, wenn Sie die Messer anbieten, und vor allem, wie machen Sie das genau?“ „Wieso?“ fragte meine Mutter, nun schon etwas auf Abwehrhaltung eingestellt. „Liebe Frau, nicht dass Sie mich falsch verstehen“, hakte er schnell ein. Er wollte nicht, dass das Gespräch unbeabsichtigt in die falsche Richtung ging. „Aber ehrlich, ich wollte nur wissen, wie Sie in Ihrem Dorf beim Verkauf der Messer vorgehen?“ „Ich verstehe nicht, warum? Was machen wir denn falsch?“, fragte meine Mutter. Sie müssen wissen, meine Mutter dachte oft, wir würden etwas falsch machen oder die Leute würden das denken. Eine arme Familie mit acht Kindern, das war nicht normal, nicht üblich, und nicht jeder wollte freiwillig viel mit uns zu tun haben. Sie war eher immer auf Rechtfertigung aus, ob zu Recht oder auch nicht. Ich glaube, daher kam die Unsicherheit in ihrer Frage. Jetzt kamen Tempo und Neugierde in den Handelsvertreter: „Nein, nein, Sie machen ja nichts falsch. Ich wollte das nur mal wissen. Sehen Sie, in jedem Ort, wo ich meine Waren über Leute wie Sie anbiete, kommen pro Einwohner zirka fünf Prozent Bestellungen zurück. Das macht bei einem Dorf mit 200 Einwohnern im Schnitt zehn Bestellungen aus. Also zehn Haushalte behalten ein Messer oder bestellen noch zur Vervollständigung des Satzes fünf Teile nach. Bei Ihnen im Ort sind es stets nahezu um die 50 Prozent!?“ „Ach so“, sagte meine Mutter, „dann ist ja gut. Aber wie sollen wir das schon machen? Genau weiß ich das auch nicht, das Meiste davon macht mein Sohn.“ „Ah, Ihr Sohn. Ja, wo ist der denn? Darf ich ihn denn einmal sprechen?“, kam zurück. Ich saß direkt neben meiner Mutter, wollte ich doch genau auf das Abrechnungsverfahren aufpassen. Erstens weil mich das sehr interessierte, aber zweitens auch, um zu sehen, ob alles stimmte und was wir verdient hatten. Mich, mit elf Jahren, hatte er nicht auf dem Schirm, den Kleinen. „Ja, aber hier sitzt er doch“, sagte meine Mutter und zeigte auf mich. „Er verkauft die Messer!“ Oder auf Platt klang das eher so: „Hä verkööft die Mässer!“ Etwas verdutzt schaute er mich an. Er schien zu überlegen. Seine Augenbrauen wackelten leicht nach oben und wieder nach unten. Er überlegte genau, was er mich, einen kleinen Schuljungen, fragen sollte. Ist das einer, der ihm etwas über Vertrieb erzählen konnte? Doch er hatte sich gefasst und wollte sich vielleicht auch keine Blöße geben: „Ja, wie machst du das denn genau? Möchtest du mir mal erzählen, wie das so abläuft bei dir?“ „Gern“, antwortete ich und holte tief Luft. Erzählen konnte ich schon immer gut. „Zuerst klingele ich, grundsätzlich. Denn du musst darauf achten, dass du die Messer mit dem Zettel nicht einfach in den Briefkasten wirfst. Liegt es als Muster im Kasten, holst Du es auch fast immer nach zwei Wochen genauso wieder ab. Nicht mal das Gummiband vom Musterpack entfernen die Leute und angeschaut haben sie sich die Messer auch nicht. Du musst immer klingeln, das ist die halbe Miete! Anschließend überreiche ich den Leuten die Messer und erkläre dabei, wie scharf diese wirklich sind. – Wenn Ihr wollt, probiert es gleich mal bei der Wurst aus, ihr werdet staunen. – Dass ein benutztes Messer natürlich schon wie verkauft ist, ist ja klar.“ Ich habe heute noch seine großen, staunenden Augen im Gedächtnis. Er hörte nicht nur aus Höflichkeit zu, das war zu spüren. Ein anerkennendes Nicken spiegelte das wieder. „Falls ein Kunde ein benutztes Messer wirklich zurückgeben möchte, weise ich lediglich auf die Gebrauchsspuren hin und erkläre mit einem Lächeln, dass man ein scharfes Messer ja immer gebrauchen kann. Wenn du dies machst, Herr Vertreter, ist ein Messer immer schon weg! Nach einer Woche frage ich wieder nach und kläre die Stückzahlen freundlich ab. Die Ware hierbei etwas knapp halten, da doch schon viele Bestellungen eingegangen sind, das hilft der Kundschaft beim Überlegen und Entscheiden. Gut, in einem kleinen Nebensatz erwähne ich gern noch, dass es im nächsten halben Jahr keine dieser Messer mehr gibt – es sind ja noch viele andere Dörfer zu bereisen –, dann hast du schon einen guten Grundumsatz!“ Verblüfft sah mich der Handelsvertreter an und kratzte sich hinten am Kopf. Auf die Frage, was ich mal werden will, antwortete ich nur: „Das weiß ich noch nicht.“ Aber ich weiß heute, das war mein erstes Vertriebsgespräch. Die Zeitungen und die Messer waren meine ersten Verkaufsaktivitäten, das machte mir riesig Spaß, das war ich.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 404
ISBN: 978-3-95840-801-2
Erscheinungsdatum: 11.03.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 18,90
EUR 11,99

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