Politik & Wirtschaft

Deutschland – Deine Gesundheit!

Ben Casey

Deutschland – Deine Gesundheit!

Eine Bestandsaufnahme mit Fallbeispielen

Leseprobe:

Einleitung


Der Grund für die Notwendigkeit, dieses Buch zu schreiben, ist die allgegenwärtige Unzufriedenheit mit dem Gesundheitssystem in der Bundesrepublik Deutschland.
Erstaunlich ist, dass alle Beteiligten: Ärzte, Patienten, die Krankenkassen, Industrie und sogar die Politiker von der Unzufriedenheit und dem dazugehörigen Jammern befallen sind.
Die häufigste Klage niedergelassener Ärzte in Deutschland, seien es Spezialisten oder Fachärzte für Allgemeinmedizin, betrifft Geldmangel im Gesundheitssystem.
Es werden bei Weitem nicht alle ärztlichen Leistungen bezahlt. „Der Punktwert ist zu niedrig.“ „Das Budget ist erschöpft.“ So lauten die Äußerungen der Ärzte, wenn sie über die Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten sprechen.
Dem Patienten wird vom behandelnden Arzt nicht selten mitgeteilt, dass er dieses oder jenes Medikament nicht mehr verschreiben dürfe, weil es von der Krankenkasse entweder nicht bezahlt oder von seiner Vergütung abgezogen würde. Dies betrifft nicht nur notwendige Medikamente, sondern auch physiotherapeutische Behandlungen wie z.B. Massagen, Bewegungstherapie für infolge ihrer Krankheit behinderte Menschen und Krankenpflegeartikel. Auch in Kliniken angestellte Ärzte proklamieren, sie verdienten zu wenig, vor allem für die anstrengenden Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienste. Seit Sommer 2007 gibt es deshalb immer wieder Streiks unter Führung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Im Augenblick gehen die an Universitätsklinken angestellten Ärzte auf die Straße, weil sie weniger verdienen als ihre Kollegen an kommunalen und teilweise auch kirchlichen Krankenhäusern.
Die Krankenkassen klagen über steigende Kosten für medizinische und pflegerische Leistungen, erhöhen ständig die Beiträge oder drohen damit.
Die Patienten - in meinen Augen die bedeutendsten, weil abhängigen Beteiligten - zahlen mit wenigen Ausnahmen hohe Krankenkassenbeiträge und sind trotzdem medizinisch schlecht versorgt und suboptimal behandelt. Man denke hier nur an die langen Wartezeiten für Kassenpatienten in den Arztpraxen oder die nicht flächendeckende ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten durch Ärztemangel.
Die Arzneimittelindustrie verzeichnet eine zunehmende Einschränkung der für die Forschung einsetzbaren finanziellen Mittel, bedingt durch Rabattverträge mit den Krankenkassen, wobei sie zu hohen Preisabschlägen gezwungen werden.
Die Politik ist unzufrieden, weil trotz einer Vielzahl an hektischen Gesundheitsstrukturreformen und Kostendämpfungsgesetzen die Kostenspirale nicht in den Griff zu bekommen ist. Natürlich spielt hier auch die beginnende Umkehrung der Alterspyramide eine Rolle. Damit sind wir wieder beim schwächsten Glied der Kette, dem Patienten, vor allem dem schwer kranken Patienten angelangt, der nicht nur mit hohen Krankenkassenbeiträgen belastet wird, sondern dem auch noch Zuzahlungen für Medikamente, Krankengymnastik und Hilfsmittel, tägliche Zahlungen für Krankenhausaufenthalte sowie die 10-Euro-Pauschale für jedes Quartal und zusätzlich noch bei Notfallbehandlungen abverlangt werden.1
In der Privatwirtschaft und bei Geschäften zwischen Privatpersonen würde ein solches „Geschäftsgebaren“ juristisch durchaus als Verstoß gegen die guten Sitten gewertet werden. Die „Geschäftsabschlüsse“ wären somit null und nichtig!





Kapitel I
Komplexität und Vereinfachung


Die Mehrzahl der Deutschen ist in einer gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtversicherung zwangsläufig bei den gesetzlichen Krankenkassen (AOK, IKK, TK und anderen) krankenversichert. Die Übrigen sind privat versichert (z.B. Continentale, Signal Krankenversicherung, ERGO, Württembergische und viele andere). Nur ca. 30 bis 50.000 Individuen sind in Deutschland nicht krankenversichert. Um dieses angeblich gut funktionierende Gesundheitssystem in Deutschland werden wir weltweit beneidet.
Möchte ein gesetzlich Krankenversicherter, der sich krank fühlt, zum Arzt gehen, muss er sich zuerst einen Termin holen. Als durchschnittliches Fallbeispiel sei hier eine Patientin I. W., 62 Jahre, herausgegriffen: Patientin klagt über Tremor (Zittern) im rechten Arm. Termin beim Hausarzt 14 Tage nach dem Telefonanruf. Der Hausarzt konnte die Diagnose nicht stellen und überweist zum Neurologen. Terminvereinbarung Anfang Januar 2017, Termin als Kassenpatient Anfang Mai 2017 - also 4 Monate Wartezeit. Der Nervenarzt stellt die Diagnose „essenzieller Tremor“ und verordnet Medikamente. Derselbe Arzt hat jedoch eine zweite Sprechstunde an einem anderen Ort, wo er nur Privatpatienten behandelt. Man kann nun raten, ob diese Patienten auch 4 Monate auf einen Arzttermin warten müssen? Und ist diese 2. Sprechstunde, die mindestens 2 Wochentage der Arbeitszeit des Arztes in Anspruch nimmt, der Grund dafür, dass Kassenpatienten noch länger auf einen Termin warten müssen?
Diese langen Wartezeiten auf Termine bei den niedergelassenen Kassenarztpraxen haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass Patienten auch mit nicht so dringlichen Beschwerden, wie z.B. Kopfschmerzen, Rückenbeschwerden etc., die Notaufnahmeeinrichtungen der Krankenhäuser und die ambulanten Notdienste der Kassenärztlichen Vereinigungen in Anspruch nehmen, wodurch wiederum Überlastungen und Chaos in den genannten Einrichtungen entstehen.
Aufgrund der niedrigen pauschalierten Einzelfallvergütung sind die Notfalldienste personell unterbesetzt mit zum Teil nicht ausreichend qualifiziertem Personal (z.B. Assistenzärzten ohne Facharztstandard, Pflegepersonal in Ausbildung), da selbst Krankenhäuser mit extremen Personaleinsparungen im Bereitschafts- und Notdienstbereich unterfinanziert sind und erhebliche Verluste beklagen. Aus den vielen Beispielen für die nicht seltene Insuffizienz der Notdienste im Krankenhaus möchte ich den Fall einer 60-jährigen Patientin beschreiben, die sich wegen unerträglichen Schulterschmerzen rechts in der Orthopädischen Universitätsklinik Frankfurt im Mai 2015 vorstellte. Die Schulter wurde lediglich geröntgt und der diensthabende Assistenzarzt empfahl die Einnahme von Ibuprofen (R)-Tabletten. Die richtigerweise noch hinzugezogene Oberärztin konnte der Patientin auch nicht weiterhelfen. Die Patientin begab sich nach Hause und legte sich weinend ins Bett und rief mich in ihrer Verzweiflung heulend an. Ich konnte ihre Bitte, ihr zu helfen und sie von ihren Schmerzen zu befreien, nicht abschlagen, obwohl ich 176 km von der Patientin entfernt war. Ich setzte mich also ins Auto, kaufte in einer Notdienstapotheke ein Corticoid zur Injektion und eine Schmerzspritze und fuhr die 176 km nach Frankfurt. Bei meiner Ankunft stellte ich eine sog. „frozen shoulder“ rechts (extrem schmerzhafte Unbeweglichkeit des Schultergelenkes) fest und führte eine Injektion der o.g. Spritzen in das betroffene Gelenk durch. Die Schmerzen ließen nach und die Patientin war nach 2 Stunden (bis heute) schmerzfrei!
Was habe ich abgerechnet? Nichts, weil ich als nicht kassenärztlich tätiger Orthopäde und Unfallchirurg keine Kassenpatienten behandeln darf.
In diesem Zusammenhang ist es nur verständlich, dass die von mir erbrachten ärztlichen Notfallleistungen äußerst selten sein dürften!
Somit wird verständlich, dass sich viele der so von unserem Gesundheitssystem allein gelassenen Patienten in ihrer Verzweiflung von der Schulmedizin und der evidenzbasierten Medizin abwenden und sich den Vertretern der sog. Alternativen Therapieverfahren wie z.B. Heilpraktiker, Ayurveda, Homöopathie u.a. anvertrauen, deren Leistungen jedoch außerhalb des Rahmens der gesetzlichen Krankenversicherung selbst bezahlt werden müssen.
Obwohl die gesetzlich Krankenversicherten scheinbar gut versichert sind, müssen sie sogar für verschreibungspflichtige Medikamente hohe Zuzahlungen leisten, nicht verschreibungspflichtige Medikationen müssen komplett selbst bezahlt werden (Stichwort: Grünes Rezept).
Die hohen Zuzahlungen auch bei notwendigen zahnmedizinischen Behandlungen (Prothetik) sind bekannt, sodass finanziell schwache Patienten diese gar nicht durchführen lassen können. So kann man nicht selten den Vermögensstatus einer Person erahnen, wenn diese den Mund aufmacht.
Auch die Abzocke mit sog. IGEL-Leistungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, führt nicht zu einer Vereinfachung der Krankenversorgung in unserem Land!
Die Komplexität unseres Gesundheitssystems wird immer wieder erhöht durch Gesetze, die vom Gesundheitsministerium initiiert werden, um den ständig steigenden Kosten der Krankenkassen Herr zu werden. So wurde versucht, durch Einführung einer Kostenbeteiligung von EUR 10,- für jedes Quartal und Arzt die Kosten zu senken. Dies führte selbstverständlich dazu, dass auch Schwerkranke nicht zum Arzt oder zu spät zum Arzt gingen. Inzwischen wurde diese Extrabelastung der gesetzlich Versicherten auf politischen Druck hin wieder aufgehoben. Ein weiteres Beispiel für den Kostendämpfungswahn der Bundesregierung ist die Einführung der DRG-Systems (Diagnose bezogene Gruppen, die pauschaliert abgerechnet werden) nach dem australischen Vorbild. Auch in Australien war die Intention die, Kosten einzusparen und die Krankenhäuser von angeblich unnötig langen Krankenhausaufenthalten abzuhalten. Dies geht in Australien so weit, dass die konservative Behandlung eines Gallensteinleidens bei über 75-Jährigen in einer internistischen Abteilung höher vergütet wird als die chirurgische Therapie mittels Cholezystektomie. Dies führte dazu, dass in diesem Alter nur noch Komplikationen operativ behandelt werden mit einer entsprechend hohen Letalität.
Die Einführung der Fallpauschalen und Sonderentgelte in Deutschland hat nicht zu der erwarteten Kostensenkung, sondern zu einer erneuten Kostensteigerung geführt, weil sie vor allem im operativen Sektor zum Anreiz der Erhöhung der Fallzahlen (Beispiel Hüftgelenksendoprothesen) aufgrund günstiger Kosten/Nutzen-Relationen bei höheren Fallzahlen geführt hat.
Ein weiteres Beispiel für einen pekuniären Anreiz zur Umsatzsteigerung und schnellen Indikationsstellung bietet die Fallpauschale für eine Zehenamputation.
Die Operationszeit beträgt - mit Ausnahme der Großzehe, die wohl kein Chirurg leichtfertig amputieren würde, da sie für das Abrollen des Fußes notwendig ist - 5 Minuten. Das Krankenhaus erhält dafür zwischen EUR 3410 und EUR 4597 je nach Vorhandensein von Begleiterkrankungen wie z.B. Diabetes, arterielle Verschlusskrankheit oder Lungenerkrankungen.
Zusammenfassend kann man feststellen bzw. vorausberechnen, dass ein System immer dann teurer wird, wenn man es komplizierter macht. Das drückt sich im deutschen Gesundheitssystem zurzeit darin aus, dass einerseits die Krankenhäuser durch Neueinstellungen von sog. Controllern, meist auf Kosten von Arztstellen, versuchen, die Abrechnung der Fallpauschalen und Sonderentgelte durch „Upgrading“ (= Höherbewertung) zu optimieren. Auch die Krankenkassen erhöhen ihre Kosten durch vermehrte Inanspruchnahme des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen), der die Krankenhausabrechnungen durch exzessives Kontrollieren infrage stellt. Dabei werden dem Gesundheitssystem sowohl auf der Seite der Krankenkassen als auch aufseiten der Leistungserbringer (Krankenhäuser) finanzielle Ressourcen entzogen, die zu einer Unterfinanzierung der Kliniken auf der einen Seite und zu einer unnötigen Erhöhung der Krankenkassenbeiträge auf der anderen Seite führt, wobei Letztere aufgrund des kontinuierlichen medizinischen Fortschritts sich bereits am oberen tragbaren Limit befinden bzw. für Geringverdiener dieses bereits deutlich überschritten haben. So hat auch die staatliche Regulierung zu einer erheblichen Verteuerung des Gesundheitssystems in Deutschland geführt. Jetzt wird erst verständlich, dass in Nordamerika zzt. heftig um die Abschaffung oder den Erhalt einer staatlichen Zwangsversicherung gestritten wird. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die meisten Menschen über die Lebenszeit verteilt weit mehr an Versicherungsbeiträgen aufwenden müssen, als die erhaltenen Versicherungsleistungen wert sind, und nur eine Minderheit von der Existenz einer Krankenversicherung profitiert. Das bedeutet, dass man das Kostenproblem der Armen bei schweren Erkrankungen auch anders, z.B. durch staatliche Unterstützung ohne Versicherungspflicht, lösen könnte. Dann bräuchte der Staat auch keine Ausgleichszahlungen für die Verluste der Krankenkassen zu leisten, die u.a. durch ausufernde Personalbesetzung bedingt sind.
Dies ist ein Lösungsvorschlag, der viele Probleme beseitigen würde und unser Gesundheitssystem einfacher machen würde. Eine Vereinfachung ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht gewollt und wohl politisch in Deutschland nicht durchsetzbar. Aber das jetzige Prinzip der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, die immer höhere Beiträge verlangen und trotzdem nicht alles Notwendige bezahlen, wird in 30 bis spätestens 50 Jahren zusammenbrechen, genauso wie die Rentenkassen, die jetzt schon keine auskömmliche Rente mehr bezahlen können. Die Lösung des letzteren Problems wird in Kapitel III angesprochen.





Kapitel II
Über die Pflicht zur ärztlichen Hilfeleistung


Entsprechend dem Eid des Hippokrates ist jeder Arzt verpflichtet, einem Kranken nach bestem Wissen und Gewissen zu helfen und diesen entsprechend zu behandeln.
Leider ist es heute nicht mehr üblich, dass Ärzte diesen Schwur nach Abgang von der Universität und vor Beginn ihrer eigenverantwortlichen ärztlichen Tätigkeit ablegen. Eine Pflicht zur Hilfeleistung resultiert lediglich aus der gesetzlich verankerten Pflicht zur „Ersten Hilfe“, die auch für Nichtärzte gilt.
Nun ist es in Deutschland aber so, dass gesetzlich Krankenversicherte wie z.B. AOK-, BEK-, IKK-Patienten nur von Ärzten behandelt werden dürfen, die eine KV(Kassenärztliche Vereinigung)-Ermächtigung besitzen. Das sind in erster Linie niedergelassene Hausärzte. Diese bekommen ihre Behandlung über eine quartalsmäßige Abrechnung dann auch bezahlt. Ein nicht ermächtigter Arzt wird somit einem Kranken höchstens in der allergrößten Not die gesetzlich vorgeschriebene „Erste Hilfe“ leisten, für die er allerdings kein Geld erhält. Bei unentgeltlich erbrachten Leistungen kann der Patient aus juristischen Gründen keine Behandlungsmängel, falls diese vorhanden sein sollten, einklagen.
Selbst ein von der KV ermächtigter Krankenhausarzt darf nur für die ihm zugestandenen Abrechnungsziffern, die in der Regel nur technische Spezialuntersuchungen wie z.B. Ultraschall der Organe oder der Gefäße beinhalten, behandeln und abrechnen. Verschreibt er dem Patienten notwendige Schmerzmittel, Antibiotika oder ein Mittel gegen zu hohen Blutdruck, riskiert er, dass er die dem Patienten verordneten Medikamente selbst bezahlen muss!
Dieses System der Vergütung ärztlicher Leistungen bei Kassenpatienten im Gegensatz zu Privatpatienten (privat Versicherte) ist durch die Organisation der Kassenärztlichen Vereinigungen so ausgeklügelt und aufgrund ihrer Sparwut so kompliziert gestaltet, dass selbst den für die zur Kassenärztlichen Behandlung zugelassenen Ärzten nur ein kleiner Handlungsspielraum bleibt, der keine ordentliche und wirksame Therapie erlaubt - es sei denn, der Kassenarzt erbringt zusätzlich unentgeltliche Leistungen und verschreibt die besten Medikamente, die er dann später aus eigener Tasche bezahlen muss.
Insofern wird die Bereitschaft zur ärztlichen Hilfe durch massive Regulierungen vonseiten der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigungen unterminiert, denn selbst ein sehr karitativ eingestellter Arzt kann auf Dauer und in großem Umfang mit seinem teuren Personal nur die Leistungen erbringen, die er kostendeckend bezahlt bekommt.
Um Kosten zu begrenzen, haben die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen ein unübersichtliches Konglomerat von Vorschriften entwickelt, die den für die kassenärztliche Tätigkeit zugelassenen Allgemein- und Fachärzten nur ganz bestimmte und genau definierte ärztliche Tätigkeiten erlauben, die sie selbst erbringen müssen. Dies gilt natürlich auch ganz besonders für die ermächtigten Krankenhausärzte, da hier aufgrund des Vorhandenseins von zahlreichen Assistenzärzten, die ausgebildet werden müssen, die Gefahr besteht, dass diese teilweise in die Leistungserbringung miteinbezogen werden. Wie aber sollen die angehenden Fachärzte ausgebildet werden, wenn sie nichts machen dürfen und der ermächtigte Arzt alles selbst machen soll? - Ein Unsinn, den es nur in Deutschland und sonst in keinem anderen Land gibt.
Ja, es ist sogar so, dass die Abrechnung von Leistungen, die unter Zuhilfenahme von Assistenz- oder anderen Ärzten erbracht wurden, unter dem Stichwort „Abrechnungsbetrug“ unter Strafe gestellt wird. So wurden von 1990 bis 2000 ca. 40.000 Ärzte wegen Abrechnungsbetrugs verfolgt und angeklagt.1 Da wundert es nicht, wenn Ärzte streiken, Praxen vorübergehend schließen oder auch nur lustlos ihre Arbeit verrichten. Denn wer viel und engagiert arbeitet, läuft eher Gefahr, in die Zwickmühlen der KVen zu geraten, die im Rahmen von sogenannten Plausibilitätsverfahren gegen ihre eigenen Mitglieder ermitteln und ihrer Ansicht nach zu viel erbrachte Leistungen bestrafen, sei es durch Honorarrückforderungen oder durch Einleitung von Verfahren und Ermittlungen wegen Betruges!
Als Folge dieser gravierenden Missstände im deutschen Gesundheitssystem kann es durchaus vermehrt zum Nachlassen der ärztlichen Hilfsbereitschaft kommen, wie nachfolgende Beispielschilderung zeigt:
Eines Abends wurde ich um 20 Uhr vom Sohn der 86-jährigen Patientin Frau M.2 angerufen, die zuvor mehrfach in meiner Abteilung in stationärer Behandlung war. Er entschuldigte sich für die Störung und war verzweifelt, weil seine Mutter nichts mehr essen konnte, Schmerzen hatte und zunehmend verfiel. Körpergewicht: 36 kg! Er habe den Hausarzt angerufen. Der habe versprochen, einen Hausbesuch zu machen, sei aber dann doch nicht gekommen. Ich zögerte keine Sekunde, sagte dem sich sorgenden Sohn meine sofortige Hilfe zu und fuhr zu der 30 km entfernten Wohnung der Patientin, die ich dort in einem erbärmlichen Zustand völlig abgemagert und unfähig zu sprechen vorfand. Das rechte Bein war bereits oberschenkelamputiert und der linke Fuß war infolge einer schweren Durchblutungsstörung schwarz gefärbt.
Im ersten Moment überlegte ich, ob ich überhaupt etwas unternehmen und die arme Frau nicht einfach sterben lassen sollte. Ich wusste, dass der Sohn seine Mutter liebte. Er hatte seine berufliche Tätigkeit aufgegeben, um seine Mutter zu pflegen. Er erzählte auch, dass seine kranke Mutter ihn manchmal anlächle.
Sofort legte ich einen venösen Zugang und verabreichte eine Infusion. Dies wiederholte ich mehrmals pro Woche, erneuerte den infizierten Urinkatheter und begann, die schwere Anämie mit Erythropoietin zu behandeln.
Die Patientin erholte sich zusehends und ich sah auch gelegentlich bei meinen Besuchen ein Lächeln über ihr Gesicht huschen.
Sicher ist es so, dass auch bei einem Kranken, der keine Aussicht mehr auf Heilung hat, wie z.B. bei Vorliegen einer bösartigen Erkrankung mit ausgedehnter Metastasierung, das Gebot der Ersten Hilfe gilt. Der Arzt muss im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfe leisten, sogar beim Sterbenden z.B. lindern von Schmerzen. Überlegungen, ob die Hilfeleistung vergütet wird oder nicht, dürfen keine Rolle spielen!


1 I. Deris: Abrechnung. Der Fall Dr. med. B., S. XII, Deutscher Ärzteverlag Köln, 2009
2 Name geändert

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 56
ISBN: 978-3-95840-632-2
Erscheinungsdatum: 06.03.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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