Geschichte & Biografie

Zur Kunst des Friedens

Elvira Hauska

Zur Kunst des Friedens

Leben und Wirken österreichischer Friedensstifterinnen und Friedensstifter der Gegenwart

Leseprobe:

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Das Geheimnis des Friedens

1 Frieden und Wissen
Shirin Khadem-Missagh – Leiterin von Bahá’í Kinderklassen
Anselm Eder – Professor der Soziologie im Ruhestand

2 Frieden und Sicherheit
Oliver Jeschonek – Berufssoldat, Coach und Mediator

3 Frieden in Bildung und Erziehung
Christine Haberlehner – Wirtschaftspädagogin und Pionierin der Peer Mediation
Susanne Stahl – Tagesmutter und Krisenpflegemutter

4 Frieden im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Sozialem
Margit Burger – Expertin für Arbeitsintegration von psychisch erkrankten Menschen

5 Frieden und Gesundheit
Judith Jaindl – Erste Pflegemediatorin in Österreich
Imre Márton Reményi – Psycho- und Lehrtherapeut, Berater

6 Frieden und Medien
Nina Krämer-Pölkhofer – Medienexpertin und Mediatorin

7 Frieden und Gerechtigkeit
Reinhard Dittrich – Jurist und Mediator
Nicole Sveda – Büroadministration Österreichischer ?Bundesverband für Mediation

8 Die Kunst des Friedensstiftens
Weiterführende Informationen

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Einleitung
Das Geheimnis des Friedens

„Der größte Feind einer Geschichte des Vermittelns sind zweifellos die Quellen. Da die Vermittlung selbst weithin zu den informellen Verfahren der Konfliktbeilegung gehört und vielfach ihr eigentliches Arbeitsfeld in der Sphäre des Geheimen und Verborgenen liegt, hinterlässt sie kaum schriftliche Spuren. Das ist noch heute der Fall.“
Hermann Kamp, Friedensstifter und Vermittler im Mittelalter, S. 10.

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Der deutsche Historiker Kamp beschreibt das große Dilemma von Friedensstifterinnen und Friedensstiftern. Kämpfe und Kriege sind durch unterschiedliche Zeugnisse und Dokumente meist hinreichend gut belegt. Viele Friedensstifter der Vergangenheit haben sich durch Heldenmut und wehende Fahnen hervorgetan, während sie den Feind besiegten und damit zum Frieden beitrugen. Natürlich ist auch heute noch das Ende eines Krieges durch einen Friedensprozess gekennzeichnet, der von Menschen getragen wird. Dennoch wandelt sich das Bild des Friedens an sich und mit ihm auch jene, die sich für ihn einsetzen. Frieden und Krieg finden auf ganz unterschiedlichen Ebenen statt. Die Bandbreite reicht von der zwischenstaatlichen Völkerverständigung bis hin zur inneren Zufriedenheit im Alltag einzelner Menschen. Frieden zeigt sich durch Verständnis füreinander und Vertrauen zu Bekannten, aber auch Fremden. Vorgänge, die Frieden ermöglichen und fördern, sind oft schwer durchschaubar. Das Auffinden und die Nennung jener Menschen, die maßgeblich dazu beitragen, ist für sich allein eine Kunst und auch ein Wagnis. Eine Beschränkung auf jene, die sich nur der Völkerverständigung, der Reduktion stehender Heere oder der Abhaltung von Friedenskongressen widmen, greift heute zu kurz. Es sind auch nicht immer allein jene, die in der Öffentlichkeit dafür gefeiert werden. Das Stiften von Frieden war und ist auch ein Geheimnis. Trotzdem findet es tagtäglich erfolgreich statt: in den Familien, am Arbeitsplatz, zwischen Freunden oder Feinden. Eine systematische Suche und Darstellung lohnt sich genauso wie das anhaltende Bemühen, selbst Frieden zu schaffen.
Viele Faktoren weisen darauf hin, dass die Kunst des Friedens im Verborgenen abläuft. Zu dieser Erkenntnis kommt auch die Enzyklopädie des Friedens aus Oxford, die historische Zusammenhänge untersuchte. Aktivitäten von Friedensstiftern sind oftmals vertraulich und in diesem Fall von außen nicht erkennbar. Die am Konflikt oder Krieg beteiligten Parteien haben oft kein Interesse daran, die Öffentlichkeit an diesem Prozess teilhaben zu lassen. Auch eine erfolgreiche Friedensstiftung hat nicht immer direkt messbare Konsequenzen. Kann eine kriegerische Auseinandersetzung abgewendet werden, so kann das auch die Aufrechterhaltung des Status quo bedeuten. Dadurch werden für Außenstehende keine Änderungen sichtbar, die dokumentiert werden könnten. Die Bewertung, welche einzelne Handlung welchen Effekt erzielt, ist selten möglich. Oft verursachen unterschiedliche Menschen Wendungen. Eine besonders schwerwiegende Bedeutung haben die gegenteiligen Auffassungen von Theoretikern und Praktikern zur Friedensstiftung.
Trotz der oben genannten Schwierigkeiten betrifft das Thema uns alle. Jeder hat seine persönlichen Konflikte, aus denen Kriege oder Frieden entstehen können. Die Entscheidung, welche Richtung er einschlägt, trifft jeder allein für sich. Die Welt wird wahrscheinlich weiter bestehen, unabhängig davon, ob die Menschheit überlebt oder die Erde zerstört. Den Menschen sollte es allerdings ein Anliegen sein, ihr kulturelles Erbe zu erhalten. Dazu gehört auch und vor allem die Kunst des Friedens. Auch wenn diese Kunst vielfältig ist, so ist es notwendig, sie anhand von konkreten Alltagsbeispielen zu dokumentieren und zu üben. Heute ist noch vieles unbekannt, was morgen sein wird. Es ist nicht klar, welche Eigenschaften und Fähigkeiten Friedensstifter unmittelbar brauchen. Die Kunst des Friedens ist vergleichbar mit anderen Künsten: So, wie es unendlich viele Möglichkeiten gibt, ein Bild zu malen oder Musik zu komponieren, so sind auch hier zahllose Varianten möglich. Es ist letztlich Geschmackssache, woran und wie jemand das Stiften des Friedens üben will. Es ist auch Ansichtssache, welchen Beitrag unterschiedliche Vorgehensweisen zum Frieden leisten. Dennoch, wenn die Menschen das Wissen um die Kunst des Friedens weiter vererben wollen, dann müssen sie es auch angemessen dokumentieren.
Es liegt mir sehr am Herzen, über die Aktivitäten jener zu berichten, die ich persönlich als Friedensstifterinnen und Friedensstifter erlebt habe. Nachdem ich schon viele Jahre den Wunsch gehegt hatte, ein eigenes Buch zu schreiben, war mir bald klar, dass ich mir nun den Wunsch mit diesem Thema verwirklichen werde. Ich wollte über die Lebensgeschichten von mir bekannten Menschen schreiben. Dabei war die Auswahl nicht einfach. In meiner Zeit als langjährige Funktionärin in unterschiedlichen Mediationsvereinen gab es viele Kandidatinnen und Kandidaten, die dafür infrage kämen. Ergänzend dazu wollte ich auch jene darstellen, die Mediation nicht als Beruf ausüben und dennoch in ihrem Leben Frieden stiften. Im Verlauf der Suche überraschte es mich, dass manche Menschen, die ich auserwählt hätte, sich nicht als Friedensstifter darstellen wollten – vor allem dann, wenn sie dies aufgrund der Befürchtung ablehnten, diesem Anspruch nicht zu genügen. Ich freue mich sehr, Beispiele aus unterschiedlichsten Lebensbereichen geben zu können. Bei der Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten waren folgende Kriterien für mich wichtig:
Friedensstifterinnen und Friedensstifter erkennen, dass Konflikte naturgegeben sind und die Zeiten des Friedens stören. Sie bemühen sich trotzdem, mit ihnen so umzugehen, dass Frieden wieder möglich ist.
Friedensstifterinnen und Friedensstifter wissen, dass sie selbst und andere nur dann zufrieden und glücklich werden können, wenn es auch ihrem Umfeld – und somit der ganzen Welt – gut geht.
Friedensstifterinnen und Friedensstifter akzeptieren und nutzen die Vielfalt unterschiedlicher Wege zum Frieden.

Damit komme ich zu den Beitragsgebern dieses Buches. Durch ihre Offenheit zeigt sich die Vielfalt in eindrucksvoller Weise. Die Initiatorin der Bahá’í Kinderklassen in Baden bei Wien, Shirin Khadem-Missagh, weckt die Hoffnung auf die Verständigung zwischen den Religionen. Anselm Eder stellt seine langjährigen Erfahrungen als Professor der Soziologie der Universität Wien zur Verfügung. Seiner kritischen Durchsicht und seinen Impulsen verdanke ich auch die Qualität der ein- und überleitenden Texte sowie der Zusammenfassung. Dem Berufssoldaten und Mediator Oliver Jeschonek bin ich besonders für die Erkenntnis verbunden, dass das Österreichische Bundesheer der Zweiten Republik traditionell in seinem Grundverständnis eine friedensstiftende Einrichtung ist. Christine Haberlehner gibt als Wirtschaftspädagogin und Mediatorin Einblicke in Aufbau und Betrieb von Konfliktanlaufstellen in Österreichs Schulen. Susanne Stahl erzählt von ihren Erfahrungen als Tages- und Krisenpflegemutter. Margit Burger stellt die Arbeitsweise von Interwork als soziale Einrichtung zur Integration von psychisch erkrankten Menschen in das Arbeitsleben dar. Judith Jaindl zeigt Entstehung und Alltag ihrer beispiellosen Pionierarbeit als Pflegemediatorin. Imre Martón Reményi als Supervisor, Berater und Psychotherapeut verdient meine größte Hochachtung, weil er mir Klarheit über die drei Grundbedürfnisse des Lebens verschaffte, die er in diesem Buch auch selbst darstellt. Nina Krämer-Pölkhofer als Mediatorin und Medienexpertin zeigt Aspekte des Journalismus für den Frieden. Der Jurist und freiberufliche Mediator Reinhard Dittrich enthüllt hier ein paar seiner Geheimnisse erfolgreicher Mediationen, besonders im Wirtschafts- und Familienbereich. Nicole Sveda fasst ihre Erfahrungen in der mehrjährigen Arbeit als Büroadministratorin des größten österreichischen Verbands für Mediation zusammen. Auch wenn die hier dargestellten Menschen vorwiegend in Österreich wirken, so ist dies auch im Lichte der internationalen Entwicklung zu sehen. Ein- und Überleitungen zu den Biografien geben Blitzlichter in diese Rahmenbedingungen. Die Vielfalt ist ein Teil der Kunst des Friedens. Dies drückt sich auch in der Formulierung aus. Daher gehe ich bewusst von einer einheitlichen Sprache in Bezug auf unterschiedliche Geschlechter ab.
Abschließend zu dieser Einleitung möchte ich eine Entwicklung darstellen, die einen großen Beitrag zum Frieden leistete. Die Idee eines vereinten Europa gibt es schon sehr lange. Damit die Europäische Union in der heutigen Form entstehen konnte, brauchte es viele Menschen. Dennoch hat besonders die Pionierarbeit des Journalisten und Historikers Richard Coudenhove-Kalergi diesen Trend deutlich geformt. Er setzte mit seinem Buch „Pan-Europa“ im Jahr 1924 den Grundstein einer bedeutsamen Bewegung. Sie konnte zwar den Zweiten Weltkrieg nicht verhindern, dennoch bestand sie darüber hinaus. So schreibt Coudenhove-Kalergi:

„Die Europäische Frage lautet: ‚Kann Europa in seiner politischen und wirtschaftlichen Zersplitterung seinen Frieden und seine Selbständigkeit den wachsenden außereuropäischen Weltmächten gegenüber wahren – oder ist es gezwungen, sich zur Rettung seiner Existenz zu einem Staatenbunde zu organisieren?‘ Diese Frage stellen, heißt sie beantworten. … Ob ein Gedanke Utopie bleibt oder Realität wird, hängt gewöhnlich von der Zahl und der Tatkraft seiner Anhänger ab. Solange an Pan-Europa Tausende glauben – ist es Utopie; wenn erst Millionen daran glauben – ist es politisches Programm; sobald hundert Millionen daran glauben – ist es verwirklicht. Die Zukunft Pan-Europas hängt also davon ab, ob die ersten tausend Anhänger die Glaubens- und Werbekraft besitzen, um Millionen zu überzeugen und die Utopie von gestern in eine Wirklichkeit von morgen zu verwandeln.“
Wien, Richard Coudenhove-Kalergi, Pan-Europa, Pan-Europa-Verlag, 1924, S. IX

Dieses Zitat des Verfechters eines „Vereinten Europa“ aus der Zwischenkriegszeit macht klar, dass auch eine kleine Gruppe Massen bewegen kann, wenn sie glaubwürdig viele Menschen erreicht. Die Utopie von Richard Coudenhove-Kalergi wurde zumindest teilweise Realität. Dennoch bleiben noch mehrere Lektionen zu lernen. Weder der Krieg noch der Frieden ist von der Natur vorgegeben. Unterschiedliche und oft scheinbar widersprüchliche Bedürfnisse erzeugen Konflikte. Sie sind unausweichlich. Je nachdem, wie Menschen mit ihnen umgehen, erzeugen sie Frieden oder Krieg. Je mehr Menschen sich aktiv für den Frieden einsetzen, umso mehr Friedenszeiten entstehen. Daher geht es auch konkret darum, Menschen zu motivieren, dies zu tun. Nachdem der Frieden von Natur aus vergänglich ist, liegt es an jedem, sich immer wieder darum zu bemühen. Daher sollten auch Sie als Leser sich der folgenden Frage stellen:

„Was werde ich ab jetzt zum Frieden beitragen?“

Wie Richard Coudenhove-Kalergi ausführt, bedeutet das Stellen von Fragen auch die Beantwortung von Fragen. So ist nun jeder Leser dieses Buches selbst aufgefordert, sie in seinem Sinne zu beantworten. Nur dann, wenn konkrete Vorstellungen existieren, wozu jeder beitragen kann, ist Friedensstiftung in großem Stil möglich. Richard Coudenhove-Kalergi hat sehr schön verdeutlicht, dass auch wenige dazu beitragen können, Programme aufzustellen und zu verwirklichen. Ob der friedliche Umgang mit Konflikten Utopie oder Wirklichkeit wird, hängt von allen Beteiligten ab. Was ich damit ausdrücken will: Es liegt in der Entscheidung jedes einzelnen Menschen, ob er Friedensstifter sein will, kann oder wird. Diese Gestaltungsfreiheit kann keine Macht der Welt einschränken. Die Verantwortung dafür ist auch nicht übertragbar. Sie braucht ausschließlich die eigene Vorstellungskraft und den nötigen Handlungswillen. Natürlich wünsche ich mir als bekennende Friedensstifterin, dass möglichst viele diese Richtung einschlagen. Um die vorhandene Vielfalt zu nutzen, lade ich Sie ein, dabei auch von den Erfahrungen anderer zu lernen. In diesem Sinne hoffe ich, dass die in dem Buch dargestellten Wege auch für Sie nützlich sind. Denn dann haben Sie in Zukunft noch mehr Möglichkeiten, die Kunst des Friedens persönlich zu üben. Das hilft Ihnen, aber auch anderen, mehr vom Geheimnis des Friedens zu entdecken.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 282
ISBN: 978-3-99048-198-1
Erscheinungsdatum: 09.06.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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EUR 12,99

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