Geschichte & Biografie

Zeit der Betroffenheit – Band I

Dieter Wahl

Zeit der Betroffenheit – Band I

Jonchen und die Endlichkeit des Daseins – Weit mehr als ein Krankenhaus-Report

Leseprobe:

INHALT



Bitte auf ein (Vor-)Wort! 9
Zwischen Himmel und Hölle 19
Eroberung einer Bronzefigur 32
Von williger Heirat und erzwungener Scheidung 50
Wohlfühlzeit mit Ruthchen und Heini 57
Die Hiobsbotschaft 68
Flucht vor schreiender Hilflosigkeit 70
Wir taumeln in den Kampf unseres Lebens 83
Umzug mit der Straßenbahn 93
Sparsamkeit mit einer strengen Finanzchefin 97
Kurzes Nachdenken über Pressefreiheit 106
Fiebrige Zeiten 109
Hurra, eine Neubauwohnung! 124
Reisen als Wellness-Kur 130
Abstecher ins Gewesene: 30 Jahre „rund“ 138
Nicht anecken mit „rund“! 147
Die Weltfestspiele als „PR-Veranstaltung“ 159
Am Rande zum Jenseits: Stammzellen-Transplantation 168
Vergiftetes Bier im Morphium-Rausch 178
Niederschlag und Auferstehung 184
Treff mit radioaktiven Jubilaren 196
Frank Schöbel als „Rabenvater“ 202
Nicht mal dschungeltauglich! 214
Urlaub von der Quälerei 225
Eigentherapie in heimatlichen Gefilden 234
Neue Medizin - neue Hoffnung 244
Abrutschen in die Verzweiflung 254
Das Wunder eines Wiegenfestes 259
Totaler Absturz und das Unbegreifliche
von Raum und Zeit 265
Sie darf nach Hause 278
KarneWahl als beste Medizin 291
Das Undenkbare: Andrea verlässt uns 299
Himmelslaternen 311
Blackout und ein doppelter Hochzeitstag 316
Beginnt nun die Zeit im Rollstuhl? 326
Ein Teufelskreis 336
Au revoir, Brüssel 349
Ein letztes „Slaapmutsje“ 367
„Nein, keinen Dank!“ 374
Neustart in Berlin: „Dringender Handlungsbedarf!“ 382
Schmerzhafter Zwischen-Fall 388
Ein Angebot zum Sterben 398
Gruppenporträt von vier Vierbeinern 405
Ein hundsgemeines Einreiseverbot 424
Ein Präservativ für Maschka 428
Monsieur Felix 437
Tod eines Freundes: Gunter geht 441
Vom Glück einer Augen-OP
und Unglück einer blutigen Ungewissheit 451
Jean Marais: die Klinge gekreuzt
mit einem Degenhelden 460
Geburtstag nun doch im Krankenhaus 475
„Vergiss mich nicht!“ 486
Entführung auf offener Straße 490
Die Stasi dankt 502
Extrem-Eingriff überstanden! 507
Doppelter Kniefall 523
Und wieder unters Messer! 535
Blessuren ohne Ende 541
„Ich will weiterkämpfen!“ 550
Ausgekämpft!! 555
Der schlimmste Tag meines Lebens 561
Abschied für immer 572
Nicht weinen, weil vorüber - lächeln, dass gewesen 586






Zwischen Himmel und Hölle



Ich lese es wieder und wieder, versuche, das Unbegreifliche zu begreifen:
„Wir können nicht endlos Blutkonserven in Ihren Körper pumpen ohne zielführendes Ergebnis. Das wäre Materialvergeudung. Wenn wir Sie andererseits davon abkoppeln, sterben Sie, schlafen Sie ein.“
Hat er das wirklich zu meiner Frau gesagt? Ich will es nicht, muss es aber glauben, denn ich habe mir diese verheerenden Sätze vom stellvertretenden Oberarzt Dr. Ratei trotz innerer Schwindelgefühle Wort für Wort eingeprägt und sofort aufs Papier buchstabiert. Hinzugefügt zu den Notizen der vergangenen fast zehn krebsgezeichneten Leidensjahre in Belgien und Deutschland.
Irrtum ausgeschlossen, hat doch sein Kollege, Oberarzt Dr. Schöndube, kurz darauf fast wörtlich dasselbe geäußert und der Nachtarzt hat es gleich zwei Mal wiederholt: Man könne nicht endlos Blut geben. „Sie werden sterben.“
Und Frau Dr. Schüßler hatte uns das Fürchterliche - mit einer Mappe von Befunden am Krankenbett stehend - schon vorher in betont kühl-sachlichem Ton offeriert: Wenn Marions Darmblutungen nicht gestoppt werden könnten, werde sie sterben.
Und schon ein knappes Vierteljahr vorher hatte der sie behandelnde - durchaus sympathische - junge Oberarzt Dr. Teutsch die „Zytostatische Chemotherapie“ als letzte Chance prophezeit. Und wenn auch die nicht helfe, dann „werden Sie bald sterben“.
Ich sitze wie von Fieberanfällen gebeutelt bewegungsunfähig am Krankenbett meiner Frau in der Hämatologie/Onkologie des HYBERIA-Klinikums Berlin (Name geändert). Kaskaden angestauter Frustbäche stürzen in meine Seele, überschwemmen mit der Wucht von Niagara-Fällen Inseln der Hoffnung. Ich ertrage diese wie vom Fließband kommenden notorischen, monotonen Todes-Sätze nicht mehr. Sie foltern mein Hirn, lassen alle Nerven vibrieren. Ohnmachtsgefühle entladen sich explosionsartig und ich verkrampfe mich in Selbstbeherrschung, um nicht loszuschreien.
Warum habe ich in anderen Abteilungen, die leichte Fälle behandeln, einen behutsamen, fürsorglichen Umgang mit Patienten erlebt und hier im Todestrakt nicht? Gerade hier, wo Krebskranke verzweifelt ums Überleben kämpfen, wären Behutsamkeit und Einfühlungsvermögen der Ärzte am dringlichsten. Stattdessen erlebe ich das Gegenteil.
Meine mit ihrer unheilbaren Blessur schon übergenug gestrafte Marion wird mit der psychologischen Folter eines immer wieder angekündigten Exitus zusätzlich traktiert. Und ich mit ihr. Klar: Onkologen sind keine Seelsorger und können natürlich nicht mit jedem Betroffenen mitleiden und mitsterben. Das ist den liebenden Nächsten überlassen. Zum Beispiel mir. Zur Linderung körperlicher Schmerzen braucht es Medizin und Morphium, zur Linderung von Seelen-Pein nur etwas ärztlich-menschliche Zuwendung. Ist das wirklich zu viel Luxus für eine Schwerstkranke?
Ich weiß im Rückblick noch genau, wie mir zumute war. Ich hätte gern alles herausgeschrien vor Wut und Ohnmacht. Marion hat es schon einige Male getan. Vor physischem und seelischem Schmerz. Ihre einst strahlend blitzeblauen Augen sind durch Chemogifte nur noch matte, milchige Sehschlitze, die mir vertrauten ebenmäßigen Gesichtszüge durch Kortison rötlich verquollen, die früher glänzende, lange Blondhaarmähne auf hauchdünne, vergilbte Fäden von Streichholzlänge geschrumpft. Sie formt die rechte Hand zu einem vors Auge gehaltenen Trichter, um die Pupille auf das Notwendigste zu konzentrieren. Denn sie sieht nur noch schemenhaft Verschwommenes. Und das bei einem Menschen, der Bücher über die Maßen liebt und sie früher bündelweise verschlang.
Stillstumme Verzweiflung. Wir kämpfen - nach den Worten der Ärzte in der Endrunde - den Kampf unseres Lebens. Früher hätte ich solch pathetische Worte abgelehnt. Wie brutal wahr sie sind!
Marion versucht ein weiteres Mal, den Schleier vor ihren Augen mit der Hand zu lüften. Vergebens, denn Medikamente haben ihn in die Hornhaut eingebrannt. Dann wendet sie den Blick zu mir: „Magst du mich noch - so, wie ich aussehe?“ Wieder so ein Satz, der mich innerlich lang hinschlagen lässt. „Jonchen, Liebes, du bist in all meinen zwei Herzkammern drin!“ Meine Stimme klingt nicht so fest, wie sie sein sollte. Ich vernehme eine belegte Stimme - belegt mit Kummer.
Marion, die zwei Jahre Medizin studiert und auch als Krankenschwester gedient hat, weiß leider nur zu genau, wie es um sie steht. Sie spendet uns vor der alles entscheidenden Operation den Trost der Verzweiflung: „Tote auf dem OP-Tisch mögen sie nicht so sehr.“ Das haut mich erst recht um. „Marion, Jonchen - bitte versprich mir, dass du stark bleibst“. Ein gehauchtes „Ja“. In der Tat habe ich die Todesprophezeiungen im HYBERIA-Klinikum nur von Ärzten, nie von Chirurgen gehört - mitunter sogar mit dem Hinweis, dass die durch diese Krebsart wesentlich verkürzte Lebenserwartung von Marion mit der nun schon unglaublich langen Überlebenszeit von fast zehn Jahren längst übertroffen sei.
Ich bin paralysiert, verfalle in nervöses Grübeln. Warum um Gottes Willen fühlt sich denn jeder Mediziner in unserer Nähe bemüßigt, uns Todesurteile in vielfacher Ausfertigung immer wieder und wieder zu verkünden? Demonstration ärztlicher, über den Dingen stehender Macht über Leben und Tod? Warum diese ständigen verbalen Sterbe-Überfälle, die Seelen- und Herzensleid ins Unerträgliche steigern? Ist das eine dem hippokratischen Eid der Ärzteschaft verpflichtete Verantwortung zur unsensiblen Wahrheitsvermittlung in Serie? Oder glauben einige - mit allem Respekt - renommierte Fachleute, dass der täglich gewohnheitsmäßige Umgang mit unsäglichem menschlichem Leid ihnen die Lizenz verleiht, dem Delinquenten ihr Todesurteil mit erbarmungsloser Rücksichtslosigkeit immer wieder zu überbringen?
Ich erinnere mich gut - und meine Aufzeichnungen weisen es exakt aus: Schwester Sabine, Schwerstarbeiterin auf der sogenannten Aufwachstation IMC für Frischoperierte und Schwerverletzte, beeindruckte mich mit ihrer Ansicht: „Ich kann nicht mit jedem Patienten mitweinen, aber ein Stück Mitgefühl und Menschlichkeit sollte man sich schon bewahren. Das wird aber von anderen auch anders gesehen.“
Wie wahr! Schließen sich Fachkönnen und Herzensbildung aus? Oder bin ich etwa ein Weichei?
Ich fühle mich ohnmächtig, kann und will mich jetzt erst recht nicht fügen. Austherapiert? Ausgekämpft? Oder sind noch Reserven da? Das kann und darf es jetzt - im September 2011 - nach so langem erfolgreichem Ringen mit dem Sensenmann noch nicht gewesen sein!
Ich sitze in der Berliner HYBERIA-Klinik und befehle mir: Dieter, hör auf zu meditieren! Zwecklos!
Ich denke mich immer mehr in Rage: Natürlich, schlimme Realitäten sind nicht zu ignorieren oder schönzureden. Aber sollte ein Arzt nicht zuerst vertrauensvoll mit mir, dem nächsten Angehörigen, darüber reden, anstatt meiner ohnehin von Operations- und Therapie-Qualen schwer gezeichneten Frau die Information vom Ende ihrer irdischen Existenz ständig gnadenlos vor den Kopf zu knallen? Begreift denn hier keiner: Es ist ja wohl eine Binsenweisheit, dass es nicht nur darauf ankommt, die Wahrheit zu sagen, sondern wie und wann und zu wem sie gesagt werden kann oder muss - oder auch im zu frühen oder unrechten Moment nicht muss.
Ich habe in unserem Krankheits-Jahrzehnt Patienten kennengelernt, die waren dankbar über die Ankündigung ihres nahen Endes, weil sie ihre letzten Dinge ordnen konnten - und andere, die der Hiobsbotschaft zum Trotz wieder auferstanden sind - und wieder andere, die durch die Exitus-Ansage schon vorher tot waren. Dazu gehörten meine Mutter Maria mit Blutkrebs, Schwiegermutter Ruth mit Darmkrebs und ihr Mann Heiner, der sich trotz Marions Warnung noch mit 88 in Erfurt am Prostatakrebs operieren ließ. Eine neue Laserkanone, die sich offensichtlich rentieren sollte, entfernte ihm tatsächlich den Tumor, zerschoss ihm dabei aber den Unterleib, sodass er verblutete. Wir hatten ihn - als der „Kollateralschaden“ eintrat - zu uns nach Brüssel geholt, wo er schließlich auf der Palliativstation im nahegelegenen Leuven starb. Mit seinem Arzt konnten wir uns auf den Kompromiss verständigen, ihn nur über seinen bevorstehenden Tod zu informieren, wenn er selbst nach den Aussichten seiner Genesung fragte. Da dies nicht passierte, konnte unser stets lebenshungriger Heini ruhig und ohne vorherige hysterische Aufgeregtheiten Hand in Hand mit uns würdig von dieser Erde abtreten.

Der Tropf wird gewechselt. Eine neue Packung Blutkonserven wird angehängt. Nachdem die Schwester weg ist, bittet mich Marion, auf dem Beutel nachzuschauen, ob es auch wirklich ihre Blutgruppe ist. Irren ist menschlich, könnte aber hier tödlich sein.
Noch heute bin ich nicht weg von der Vermutung, dass meine krebskranke Mutter Maria bei der Transfusion des Lebenssaftes auf elende Weise zugrunde gegangen ist wegen einer verwechselten Blutgruppe. Sie sei grün und blau vor Schmerzen gewesen, als sie starb, sagte mir eine Mitpatientin, die sie unmittelbar nach ihrem Ableben gesehen hatte. Wir haben nachgeforscht, zumal der Tod unerklärlich überraschend und viel zu plötzlich eingetreten war, konnten aber nichts beweisen. Da Marion diese unterschätzte Gefahr aus ihrer Zeit als Krankenschwester und Medizinstudentin in praktischer wie theoretischer Hinsicht kannte, wurde sie dafür nach dem schnellen Dahinscheiden meiner Mutter noch sensibler.
Die DDR ist weg, das Problem ist geblieben. Das bestätigte der „Medizinische Dienst der Krankenkassen“, der für 2015 genau 4064 ärztliche Behandlungsfehler per Gutachten nachweisen konnte. Darunter befinden sich unglaubliche Nachlässigkeiten und Irrtümer, wie sie von der „Berliner Zeitung“ am 13. Mai 2016 wiedergegeben wurden: „14 Mal wurde ein falsches Körperteil operiert, ebenso oft verwechselten Mediziner beim Eingriff den Patienten. 35 Mal vergaßen Operateure ein Utensil im Körper des Patienten, vier Mal wurden falsche Implantate eingesetzt. Rund 1180 Patienten trugen dauerhafte Schäden davon, 325 von ihnen schwere. 205 Menschen starben infolge der Behandlungsfehler.“ Das seien, hieß es, bedrückende Zahlen, die zudem gegenüber dem Vorjahr 2014 angestiegen seien. Da konnten 3796 Fehler belegt werden. Und hinter jeder Zahl ein Mensch und ein Schicksal!
Wo liegen die Ursachen für diesen beängstigenden Trend? Ich vermute durch Eigenbeobachtung: größere Hektik, mehr Stress durch steigenden Leistungsdruck bei wachsenden Zwängen zu mehr ökonomischer Rentabilität - und das in einem zunehmend kommerzialisierten Krankenwesen.
Meine Diagnose: eine Ellenbogen-Krankheit, die ungesund ist für Arzt und Patient.
Nun halte ich - auf einem blütenweißen Bettlaken sitzend - Marions Hand und kriege die Schleusentore für die sich Bahn brechenden Ströme von Frust, Wut, Ohnmacht und Traurigkeit nicht mehr zu: Ist es in unserer heutigen ohnehin kalten Angstgesellschaft von den Göttern in Weiß wirklich zu viel verlangt, dass sie abwägen, wie sie mit existenziellen Mitteilungen für die ihnen Anvertrauten umgehen? Oder schweben sie selbstgerecht, allwissend, fehlerresistent und unnahbar weißwolkenhaft über den Dingen, fern jedes Zweifels an eigenen Entscheidungen?
Zuversicht kann - selbst in manch auswegloser Situation - eine gesundheitliche Produktivkraft sein. Und kann man denn eine Entscheidung über Leben und Tod mit Ökonomie und Rentabilität von Medikamenten aufwiegen, wenn es noch Strohhalme der Hoffnung gibt? Ist das hippokratische Gelöbnis außer medizinischem Können nicht gleichermaßen ärztlicher Ethik verpflichtet?
Die ärztliche Pflicht zur Wahrheit gebietet es, dem Delinquenten das Todesurteil mitzuteilen. In brutaler Direktheit - und möglichst oft, damit Schock und Verzweiflung nicht enden. Und weil ein Arzt bei allem respektablen Können trotzdem nicht Jesus ist, sind es letzten Endes Ankündigungen über ein mögliches, eventuelles, voraussichtliches Vielleicht-Ende. Ich habe Patienten kennengelernt, die nach ärztlicher Prognose tot sein müssten und immer noch recht passabel leben. Was ist das für eine zweifelhafte Wahrheit, die zerstört, statt aufzubauen?
Ich erwarte keine barmherzigen Samariter, aber unbarmherzige Mediziner erwarte ich auch nicht.
Ich habe mich mit der gebührenden Achtung vor der schweren Arbeit der Ärzte, Chirurgen, Schwestern und Pfleger, aber auch mit der nötigen Konsequenz und Hartnäckigkeit eines Anwaltes meiner Marion von Anfang an behutsam und mitunter auch rigoros eingemischt - nicht als Störenfried, sondern als unbequemer Wissbegieriger und Fragensteller.
Jetzt nehme ich mir vor, Chefarzt Prof.?Dr.?Wolf-Dieter Ludwig einige wutbepackte Fragen zu stellen: Warum haben wir im Universitäts-Krankenhaus von Leuven bei Brüssel - wo übrigens auch er Medizin studierte - von unserem Onkologen Prof. Dr. Michel Delforge in neun Schmerzens-Jahren nicht ein einziges pessimistisches „Sterbenswörtchen“ gehört - dafür aber Mut-Zuspruch und helfende Bereitwilligkeit, obwohl Chemo-Qualen, Lähmungen, Zusammenbrüche und eine Stammzellen-Transplantation Marion mehrfach an den Rand zum Jenseits gedrückt haben? Vielleicht, weil es ein katholisches Klinikum ist? Und warum erleben wir bei aller anzuerkennender hoher ärztlicher Fachlichkeit, fabelhafter Medizintechnik und pflegerischer Fürsorge hier in meinem Berlin in nur knapp acht Monaten immer wieder Sterbeprophezeiungen und Therapie-Stopp-Versuche, sodass man in Panik schon fast den Grabstein bestellen möchte? Liegt es nur am unterschiedlichen Persönlichkeitsprofil des belgischen und deutschen Medizin-Mannes? Oder vielleicht daran, dass die HYBERIA-Klinik als Privatkonzern genauso wirtschaftlich rentabel sein muss wie ein Kleiderbügel-Hersteller? Menschen sind aber keine Kleiderbügel!
Ich drücke mir die Handknöchel weiß. Dann wieder die Ernüchterung und Eigenzüchtigung: Halt, ich vergesse mich! Aber ich darf gerade in dieser Phase dumpfer, tauber Besinnungslosigkeit nichts und niemanden vergessen - auch nicht mich selbst und erst recht nicht sie!
Morpheus, der Gott des Traumes, hat das erschöpfte Mädchen in seine Arme genommen.
Schlaf - Bruder des Lebens.
Was hat dieses Mädel alles durchlitten, alles nach außen hin zu Freunden weggesteckt, weggeschminkt! Noch vor Kurzem hat nie jemand gemerkt, was los war. Selbst meine Cousine Annemarie nicht, die als Leiterin einer Sonderschule mit einem schulmeisterlichen Röntgenblick, dem kaum etwas entgeht, auch auf kleinste Details achtet. Unser letzter Besuch in ihrem Romantik-Häuschen an einem Berghang meiner Südharz-Heimat ist erst einige Wochen her. Da war Jonchen schon sehr angeschlagen, aber das konnte sie noch einmal weglächeln und mit ihrem wieder einmal gewachsenen Blondhaar kaschieren.

Wie in Trance überfliege ich die letzten dicht beschriebenen Seiten einer seit nunmehr neun Jahren und neun Monaten akribisch geführten Chronologie über Verlauf und Behandlung von Marions exotisch seltenem Multiplem Myelom „Morbus Kahler“. Blutkrebs. Ich habe mich gezwungen, jede noch so schreckliche Situation möglichst zeitgleich und exakt zu dokumentieren. So erzählen die mitunter von Augennass gewellten Blätter eine, ihre, meine, unsere authentische Geschichte, die für mich Ewigkeitswert hat.
Es sollte aber von Anfang an viel mehr als ein Medizin-Tagebuch sein.
Festhalten wollte ich die Hauptstationen der allerschwersten Zeit in unserer bis zum Beginn der Krankheit gut 32-jährigen Ehe, während der wir in Berlin, Moskau, Paris und Brüssel in persönlicher wie beruflicher Hinsicht aufs Engste verbunden durch dick und dünn gegangen sind. Anfangs als Auslands-Korrespondenten des DDR-Fernsehens, später als Journalisten der schreibenden Zunft.
Als die Schockstarre nach der ärztlichen Hiobsbotschaft sich legte und wieder einige klare Gedanken zuließ, recherchierten wir die Ausmaße der Krankheit und ahnten dann, was da auf uns zukommt. Unsere bange Frage: Ist unsere Beziehung stark genug, diese alles entscheidende Prüfung zu bestehen? Unter fremden Sternen in Belgien mit dem existenziellen Risiko, als freiberufliche Journalisten - voll auf uns allein gestellt - den Spagat zu bewältigen zwischen Broterwerb in den EU-Gremien von Brüssel, Straßburg und Luxemburg und Marions immer heftiger werdender Quälerei? Mir war klar, dass im Laufe der Zeit das Krankenhaus immer mehr meine verlängerte Werkbank sein würde. Gibt es ab jetzt für uns noch ein Leben vor dem Tod?
Ich kappe abrupt den Faden dieses Gedankenknäuels und boome mich in die Wirklichkeit zurück. Und die heißt Warten. Qualvolles Warten auf das Ende der vierten und bisher schwersten und langwierigsten Operation am 8. September 2011.
Über drei nervenaufreibende Stunden sind vergangen, seit Jonchen aus ihrem Einzelzimmer 3017 auf einer Bettliege über den im Neonlicht glänzenden hellroten Linoleumgang gerollt wurde. Ich hatte das Gefühl, das gesamte medizinische Personal der dritten Etage - wissend um die lebensbedrohliche Schwere der Operation - steht Spalier und wünscht ihr alles Gute. Ich durfte Marion Hand in Hand ins Parterre begleiten. Bis zu der mir schon bekannten stabilen Doppel-Schwingtür mit den Milchglasfenstern und dem Schriftzug „OP-Säle 11-18, Schleuse 2“ im roten Bereich. Dann haste ich wieder nach oben, um an der Informationsquelle zu sein - und in der Nähe zur „Intermediate Care Station“ (IMC), Schmerzzentrum und OP-Nachfolgestation.
Schwester Karin sieht mich in einer Besuchernische sitzen und schreiben: „Haben Sie denn schon was gegessen? Sie müssen essen!“ „Danke, ich hole mir dann einen Tee.“ Die Frau am fahrenden Getränkebüfett hat es gehört, bringt mir einen Früchtetee. Die meisten sind nett zu mir, verstehen und akzeptieren meinen ständigen „Begleitschutz“ für meine Frau, honorieren meine Sorge und Fürsorge, helfen mir und damit uns. Ich bemühe mich bei allem energischen Engagement um die gebührende Zurückhaltung, vermeide Aufdringlichkeit, die als voyeuristische Neugier ausgelegt werden könnte. Heute aber muss ich mich mehr als bisher zu drakonischer Selbstdisziplin zwingen. Geht es jetzt schon ums Ganze?
Nun sitze ich, vom Warten und Bangen entrückt jeglicher Vorstellung über die nächsten Stunden und Tage hier - nach einer zerfaserten Unruhe-Nacht, bei der ich wieder mit dem Handy unter dem Kopfkissen geschlafen habe.
Hätte ich mir von Anfang an nicht totalen Schreibzwang befohlen, wäre ich jetzt mit ziemlicher Sicherheit in einem Resignationstief mit nervenschlappem Durchhänger versackt. Das kann ich mir aber nicht leisten!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 598
ISBN: 978-3-95840-513-4
Erscheinungsdatum: 24.08.2017
EUR 24,90
EUR 14,99

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