Geschichte & Biografie

Was war denn Weihnachten 1943?

Lorenz F. Paas

Was war denn Weihnachten 1943?

Woher - Wohin

Leseprobe:

Der Krieg tobt in Europa. Häuser brennen, Straßen sind aufgesprengt, Städte und Dörfer werden unbewohnbar, Landschaften verlieren ihre Kultur. Mitten in diesem unvorstellbaren, aber doch menschgesteuerten Zerstörungswahn sterben Tausende Menschen, irren suchende Opfer ziel- und planlos teils mit schwersten Verletzungen nach Hilfe, Andacht oder Bleibe umher. Blut und Tränen ersticken die Schreie, Hunger und Durst lassen die Suchenden apathisch in Trümmern verharren, um hernach dringendsten, rettenden Erfordernissen nachzukommen.
Flugzeuge werfen Bomben ab, Kanonen und Granatwerfer lassen Sprengkörper explodieren, Soldaten vernichten Leben mit ihren Gewehren, Pistolen und Handgranaten. Alles mit einer Pflicht erfüllenden Selbstverständlichkeit, als gelte es, sich im Sandkasten Raum für eine Burg zu schaffen oder ein Zuhause zu gründen. Für Schuldgefühle gegenüber angerichtetem Leid und Schaden ist kein Raum, geben doch militärische Führer nur Lob für Zerstörung ab. Gräueltaten, menschliche Fehleinschätzungen, Irrglaube und Exzesse verschlimmern das unsägliche Leid allenthalben und schaffen Hass- und Rachegefühle, die sich täglich in ihren Unbarmherzigkeiten steigern. Verbittert wird ein Kampf geführt, der alle menschlichen Züge verloren hat und in dem Völker sich mit heimtückischen, hinterlistigen Grausamkeiten zu überbieten versuchen. Man sorgt nur noch für gegenseitiges Leid und Elend ohne Mitleid und Mitgefühl.

Im Norden Frankreichs, in der Gegend um Arras, war Frühsommer im Jahre 1941, als sich zwei Menschen trafen, die fortan gemeinsam menschliche Größe leben sollten. Beide hatten sich zuvor nie gesehen, nie ein Wort miteinander gewechselt, geschweige denn irgendwelche Gefühle untereinander ausgetauscht. Sie stammte aus dem Raume Dithmarschens in Holstein, Kaufmannstochter aus sogenanntem gutem Hause, wohlbehütet aufgewachsen, gebildet und examinierte Krankenschwester, die als Rot-Kreuz-Schwester im Kriegslazarett Opfer versorgte und Ärzten bei den Operationen zur Seite stand. Ihr erziehungsbedingter, tiefer Glaube und die Seriosität ihres Auftretens gaben ihrer Aura den Ausdruck einer Hilfsbereitschaft, die man mit gebotener Höflichkeit sofort gewillt war auf die Probe zu stellen. Eine solche Probe sollte die vermutete Freundlichkeit, Herzlichkeit und Menschlichkeit zutage fördern, wovon der Bittsteller unverzüglich partizipieren könnte, indem er seine Anlehnungsbedürftigkeit offerierte. Bertha-Luise, genannt Betty, reagierte unmanipulierbar höflich, mit gesetztem Charme und präzise in der Antwort. Liebenswürdigkeit trug eine Entgegnung dann, wenn die Herausforderung einer gleich gesinnten Ausstrahlung entsprach. Nur dann war Platz für einen Dialog geschaffen, welcher Schön- und Feingeistigkeit, Zeit und Wohlwollen einräumte. Damit gab sie auch ihrer Seele Nahrung, denn die verletzten Kriegsopfer verlangten alle Kraft von Körper, Geist und Seele in diesen Tagen.
Friedrich, genannt Fritz, war genau der Mann mit einer humanen Vorgabe als Bedingung von Betty gesetzt oder umgekehrt, von Fritz so erträumt. Beide sollten von nun an alle Wege gemeinsam gehen, nur kriegsbedingt duldeten sie gehorsam Trennungen zeitlicher und räumlicher Art.
Der Sanitätsgefreite Fritz war Rheinländer aus Krefeld. Sein Elternhaus, der Vater war Studiendirektor, glänzte mit Kinderreichtum und pädagogischer Strenge. Diplomatie, Gehorsam, Rücksicht und Nächstenliebe zeichneten Fritz schon im jugendlichen Alter aus. Er war Zwilling, und sein Zwillingsbruder ließ wenige Tage vor dem ersten Zusammentreffen mit Betty sein Leben für Volk und Vaterland.

Vom Vater zum Pazifisten erzogen, gingen die Zwillinge ins Kloster. Die Diktatur des Dritten Reiches und zuvor die Weltwirtschaftskrise bot jungen, kreativen Feingeistern keine Chance einer adäquaten Berufsausbildung. Zudem die Zugabe, das Blut frommer Hugenotten aus dem Kreise der Altvorderen genetisch zu spüren, mag den Wunsch des Klosterlebens forciert haben. Noch vor dem Gelübde verließen beide das Kloster und begannen ihr jeweiliges Berufsleben. Fritz wurde Masseur und verschwor sich, Kranken und Gebrechlichen zu helfen. Die Unbilden des Krieges, das ständige Drängen der Familie und Brüder, die schon in der Wehrmacht ihr Heil suchten oder nur Volkspflicht nachkamen, brachten nun auch Friedrich zum Militär. Seiner menschlichen Haltung und beruflichen Vorbedingung geschuldet, bildete man ihn zum Sanitäter aus, und der Pazifist in ihm konnte recht oder schlecht damit leben.
Wochen, Monate und Jahre vergingen mit ständig wechselnden Lebenssituationen und Gefühlsebenen. Betty und Fritz ehelichten unter Kriegsbedingungen und schufen sich unter gleichen Vorgaben und Umständen eine Zukunftsperspektive mit der Gründung eines Zentrums und Instituts für medizinische Bäder und analoge Therapien. Im Spätherbst 1942 wurde Betty nach einem Genesungsurlaub von Fritz schwanger und gebar im Sommer darauf ein gesundes, quicklebendiges Mädchen Anna-Luise. Fritz, kriegsgebunden an einer kämpfenden Front, sah seine Tochter erst Monate später und sprach fortan von seinem Sonnenscheinchen.

Gegen Weihnachten 1943 durfte er wiederum einen Urlaub nach Verwundung im Kreise seiner nun kleinen Familie verbringen. Die Liebe der jungen Eltern blühte auf, Zärtlichkeit, Hingabe und tiefes, inneres Vertrauen schufen die glücklichsten Tage ihres Lebens. Der Krieg rückte in weite Ferne, und vordergründig erschien die sich nähernde Zukunft ihres Glücks. Hinein in diese Euphorie, neben all dem Leid in der Welt, dennoch glücklichste Tage verleben zu dürfen, widerfuhr Betty eine erneute Schwangerschaft, und diese lieferte bedeutsame Gründe, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Fritz erhielt einen weiteren Stellungsbescheid und musste an die grausame, armselige, erbarmungslose Ostfront. Welch ein Wandel der Emotionen innerhalb von Stunden für beide Eheleute, jetzt Liebende – gleich Leidende.
Gerade dieses erlebte und gelebte Seelenleid zweier Menschen, mit just jener genetischen Konstellation, schien die Seele gesucht zu haben, um einer Inkarnation nachzukommen.
Es beginnt eine Menschwerdung, deren Historie mit Grundlage sein wird, nachfolgende Aufzeichnungen zu verwerten und Erlebnisse mit Erkenntnissen zu erzählen. Hier scheint eine Vorbestimmung ihren Weg begonnen zu haben, um dem Leben ein Beispiel für den Sinn desselben zu sein. Entwicklungsstufen des nun wachsenden Lebewesens laufen aus der Norm, und die werdende Mutter erduldet Erschütterungen existenzieller Form. Schier inhumane Unerträglichkeiten pflastern den schmalen Pfad der Mutter, und der Fötus fordert täglich sein Recht. Grenzenlose Mutterliebe, absolutes Bekennen zur Familie und bedingungslose Treue zum Partner in der Fremde halten die Schwangere in ihrem Gleichgewicht. Gerade ihr Equilibrio zu erhalten war das Ergebnis der frommen Lebensausrichtung christlichen Glaubens und wesentliche Stütze ganzheitlichen Denkens und Handelns. Zudem wohnte Betty eine Schön- und Feingeistigkeit inne, die motivierend im eigenen Tun erkennbar wurde, aber auch im Kreise ihres Umfeldes Mut zum Weiterleben verbreitete. Allein der Freitod ihrer Mutter, diese litt unter schwersten Depressionen, durch das Unheil des Krieges zur Unerträglichkeit für sie erwachsen, wäre für manchen Grund genug gewesen, am Leben zu verzagen. Nicht so für Betty.
Die Kriegsmaschinerie schickte seitens der Alliierten Nacht für Nacht Bomber über das verhasste Deutschland und zerstörte erbarmungslos und mit ungnädiger Gewalt Städte und Dörfer. Bei einem solchen Angriff zerbombten die englischen Streitkräfte ebenso das mühselig eingerichtete Haus samt medizinischer Badepraxis von genanntem Ehepaar. Zu keiner Minute in dem Haus gewohnt, niemals darin beruflich gearbeitet, jede entbehrungsreich erworbene Mark und Pfennig in Geschirr, Wäsche und Möbel umgesetzt und als Einrichtung zukunftsgebunden und hoffend im Hause untergebracht, waren durch einen Angriff dahin. Die Bomberpiloten hatten ihr Ziel erreicht, den Opfern blieb als Lohn der Hohn.
Betty, als junge und werdende Mutter, verstand ihr Destino und flüchtete mit Kind und einem Bündel Wäsche in ihr Elternhaus, wo der Vater inzwischen verwitwet in einem großen Gebäude allein wohnte und Trost vermisste. Nun hatte die über Nacht obdachlos gewordene Frau zu widerstreiten mit einem Kleinkind, erneuter, eigener Schwangerschaft und der Versorgung des Vaters. Einen solchen neuen Lebenskampf konnte man nicht planen, und er war mehr als gegensätzlich zu dem, wovon sie zuvor geträumt und was sie sich gewünscht hatte. Geduldig, behutsam und umsichtig in der neuerlichen Situation handelnd, meisterte Betty die ersten Tage der erzwungenen Umgestaltung ihres Lebens und wurde unfreiwillig und unbewusst Stütze und Halt in dem frischen sozialen Umfeld. Die Menschen waren ihr aus der Kindheit sehr wohl bekannt, jedoch fehlte die eigene Generation. Selbige kämpfte teils direkt, teils indirekt an der Front und fehlte als soziales Äquivalent in Ansprache und Durchführung dringendster Erforderlichkeiten. Provisorien aller Bereiche sollten ersonnen und erarbeitet werden, um notwendigste Nöte und Versorgungen zu gewährleisten. Fehlende Arbeitskräfte in der Versorgung der Bürger gedachte man seitens des totalitären Staatsgefüges mit Zwangsarbeitern zu ergänzen oder zu ersetzen. Welch eine unausgegorene Selbstüberschätzung jener Staatsmacht, welch eine ungemeine und erschreckende Dummheit und Fehleinschätzung der Befehlenden. Unwillig unter Zwang und angedrohter Gewalt befolgten die Gefangenen die ihnen fremde und manchmal unwürdige Verrichtung von Tätigkeiten in verhasster Umgebung.

Die kriegserfahrene Krankenschwester schaffte jedoch trotz unzähliger, ureigenster Nöte auch hier den Spagat und führte die Menschen zueinander in friedlichem Miteinander, mitten in der Umgestaltung und Wiederfindung des gegensätzlichen Lebens, immer die Leibesfrucht der Liebe aus den Tagen um Weihnachten 1943 behütend. Sie entwickelte sich im Spektrum einer polaren Gefühlswelt beachtlich, und es hatte den Anschein, als beeindrucke sie das Geschehen wenig und sie vertraue gänzlich auf die stets reifende Lebenskunst der werdenden Matriarchin, mit der Seele einer Löwin und der Sanftmut nebst Demut der Maria. Ebenso ihr Gehorsam, neben bedingungsloser Loyalität gegenüber rationaler Pragmatik im Gleichklang mit christlicher Religiosität, ließ sie marienhaft auftreten und erscheinen bei der Durchsetzung von Konfliktlösungen. Mag die gottesfürchtige Lebenskämpferin ihre Kraft und Energie aus der Liebe zu ihrem Manne gesogen haben, dies würde letztlich nur sie beantworten können. Gleichwohl gab sie der landläufigen Meinung Bedeutung, Liebe versetze Berge. Hinzu gesellte sich ein tiefes Bekenntnis zur Treue und unabdingliches Zurückweisen von diesbezüglichen, potenziellen Kompromissen aus dem Glauben und Vertrauen heraus. Genau jene bewiesenen Tugenden hielten in ihrem Seelenleben das Gleichgewicht hoch und gaben der Hoffnung ein ehernes Fundament. Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Mit genau den Worten wird man die Eheschließung der beiden Liebenden haben verfolgen können. Im Leben gab Betty den Worten Sinn und Wahrhaftigkeit, und Fritz bekannte aus der Ferne in seiner Feldpost jene Tugenden, die seine Gefährtin in den Alltag stellte. Die Kongruenz in der Lebens- und Geisteshaltung der beiden war beispielhaft und lässt die Zeugen jener Tage, Wochen und Monate heute noch erschauern, sind sie doch stolz, ein solches Paar gekannt und Freundschaft oder Bekanntschaft gepflegt zu haben.
Nachdem sich die Geflüchtete in ihrem Elternhaus arrangiert hatte und der Alltag in gedeihliche Abläufe gebracht werden konnte, war ihre Schwangerschaft so weit fortgeschritten, dass die Geburt ihres zweiten Kindes anstand. Ihr Vater war in den Tagen keine große Hilfe, und der Not gehorchend folgte die werdende Mutter wieder ihrer inneren Stimme und brachte sich bei ihrer Tante in Schleswig unter, die sie mit dem Nötigsten versorgte. Gern war man in Schleswig bereit der Notleidenden zu helfen, hatte man doch zuvor von der unbeugsamen und deswegen so hilfreichen Loyalität der Nichte gehört. Beistand zur Geburt und anschließende Hilfestellung in notwendigen Vorkehrungen in medizinischem und geistlichem Rückhalt war deswegen nicht nur das Gebot der Verwandtschaft, nein, die vorher bewiesene selbstlose, humane Einstellung der Nichte ließ bei den Helfenden ähnliche Gefühle der Barmherzigkeit aufkommen, die uns Menschen zur Selbstlosigkeit und Mitgefühl anhalten.
Inzwischen war es Spätsommer 1944 geworden, als der kleine Fritz in Friedrichsberg zu Schleswig unkompliziert und konventionell geboren wurde. Das Wissen und Können der Großtante verhalf dem Säugling Friedrich in Friedrichsberg zum ersten Atemzug und verbarg ihn liebevoll in wärmende Tücher. Die überglückliche Mutter erholte sich schnell von den Strapazen und eilte mit dem Knaben schon nach wenigen Tagen in den Schleswiger Dom zur Taufe. Sie folgte damit Bitte und Gebot des Vaters ihres Jungen, der nach schneller Aufnahme seiner Kinder in die Christengemeinschaft sann, sollte doch der Segen Gottes Not und Leid von dem kleinen Erdenbürger fernhalten und sein Leben schützen. Seit der Zeit wirkte der Schleswiger Dom wie ein Magnet auf den damals Neugeborenen, noch bis heute. Backsteingotik mit klar ausgerichteter Architektur und der filigrane, künstlerisch wertvolle Brüggemann-Altar vermitteln ihm ein Gefühl der heimeligen Sicher- und Geborgenheit.
Der Vater sah seinen Sohn nur einen Tag, an dem Tag, als der Neugeborene gerade einen Tag alt war. Fritz sollte seinen kleinen Fritz nur einmal in seinem Leben zu Augen bekommen und dann nie wieder. Durch die Kriegswirren – die Wehrmacht zog sich im Osten nach bitteren Niederlagen immer weiter zurück gen Westen – war auch die Einheit von Fritz im Rückzug begriffen, und so ergab sich die Chance, einen Kurzurlaub zwecks Familienzusammenführung zu erbitten. Die Mutter, geschwächt durch die Geburt und die unheilvolle Zeit davor, und der Vater, abgekämpft und abgemagert nach Mangelernährung an der Ostfront, umarmten sich inniglich, und das gegenseitige Festhalten wollte nicht enden, verbargen sich darin doch die ganze Sehnsucht, Angst, Liebe und der abgrundtiefe Wunsch, sich nicht mehr trennen zu müssen. Es blieb keine Zeit für die Kultur sehnsuchtsvoller Tränen und das freudige Lachen stolzer Eltern auf zwei gesunde Kinder der Kriegstage, nur ein Schwur. Der Ehemann versprach seiner Frau und Mutter seiner Kinder ewige Treue und wollte sich fortan nur noch hoffnungsvoll Fritzemann nennen. Spätere Feldpost von der Ostfront endete stets mit Grüßen an seine beiden Sonnenscheinchen und dem Schwur „In Treue, Euer Fritzemann“.
Jener Tag nach der Geburt und das Geschehen dieses Tages, dem Vater keine Gelegenheit mehr zu eröffnen, seinen Sohn in die Arme zu schließen, mag die philosophische Anschauung rechtfertigen, einem Determinismus dürfe man geduldig zustimmen. Die These gewinnt an Sinn, betrachtet ein Kritiker den Verlauf aus der Sicht des kleinen Fritz, dessen Menschwerdung auf Erden hier erst beginnt, Zeugung und pränatale Bedingungen hinweggedacht. Natürlich darf die pränatale Phase der Entwicklung eines Menschen nicht hinweggedacht werden, und darüber wurde ja eingangs schon einiges gesagt, dennoch sind genetische und Umweltanlagen dazu getrennt analysierbar, getrennt bezüglich der Bedingungen vor und nach der Geburt. Einer grundsätzlichen Hinwendung zum absoluten Determinismus tut eine Phaseneinteilung von Entwicklungsstufen eines Menschen keinen Abbruch, geht es im Eigentlichen doch um philosophisch holistische Ausrichtung humanen Lebens.
Der Soldat und Vater zollte dem staatsbürgerlichen Gehorsam Respekt und schloss sich seiner unsäglich belasteten Kampfeinheit im Osten wieder an. Seiner Feldpost, in der er so neutral wie nur denkbar Schilderungen abgab, bloß, um ein Durchkommen bei der Zensur zu gewährleisten, waren die seelischen Nöte, Bedenken und Überlebenszwänge zu entnehmen, die dem zum Lesen Bestimmten hochgradiges Mitgefühl und Trauer abverlangten. Bei der zweifachen Mutter lösten diese Briefe und Karten darüber hinaus Sorge, Angst und Sehnsucht aus. Ihre fromme Haltung bestärkte sich mit jeder unheilvollen Nachricht, und in ihr wuchs der sehnliche Wunsch, samaritergleich in Frontnähe tätig zu sein, weil man hier ihre Hilfsfähigkeit und Unterstützung dringend benötigen würde. Über solche krankenschwesterlichen Leistungen hinaus fühlte sie stets die seelische Nähe zu ihrem Manne und gewann in der Zeit die christliche Freiheit in ihrer Gedankenwelt, über alle Not hinweg Schmerz und Leid lindern zu dürfen. Händeringend gern nahm die Ärzteschaft des Krankenhauses in Coburg/Bayern, längst zu einem Lazarett für Kriegsverwundete und -opfer umfunktioniert, die wertvolle und hilfsbereite Fachfrau in ihren Kreisen auf und sorgte für Unterbringung nebst Aufsicht und Betreuung der Kleinkinder. Entfernte Verwandtschaft aus der Nähe half den Kindern ein mütterliches Äquivalent zu sein in den Stunden der Abwesenheit. Schnell avancierte Betty zur unentbehrlichen Operationsschwester, womit sie die dringend notwendigen Stunden des Tages für sich und ihre Kinder scheinbar verlor. Versuche, fehlbare Zeit durch Schlaflosigkeit zu ersetzen, um weiter barmherzig bis zur Selbstaufgabe helfen zu können, rächten sich mit körperlicher Erschöpfung. Ihr unbedingter Wille, durchzuhalten, zu kämpfen wie die mehr als stündlich eingelieferten tapferen, schwer verwundeten Soldaten, hielt sie wach im Operationssaal. Müdigkeit und Kraftlosigkeit kompensierte sie mit der Freude an ihren Kindern, der hoffnungsvollen Liebe zu ihrem Gatten und Gebeten, die zu unterschiedlichsten Zeiten und Orten in freien Minuten meditationsgleich von ihr zur Aufrechthaltung ihres inneren Gleichgewichts abgehalten wurden. Betty, als Ausbund der Kraft und Energie mit animalischem Lebensmut, nein, sie handelte aus Selbstlosigkeit, Idealismus, Loyalität zu Kirche und Staat, Mitleid gegenüber der Hilfsbedürftigkeit, Mitgefühl für Angehörige der Kriegsopfer und der tief empfundenen Sehnsucht und Hoffnung, vielleicht den aufopfernd kämpfenden Vater ihrer Kinder zum nahenden Ende, für das inzwischen überall gebetet wurde, in die Arme schließen zu dürfen, worin sich auch ihr Einsatzwunsch spiegelte, im Osten tätig zu sein, um nur keine Minute des Wiedersehens zu versäumen.
Wochen und Monate vergingen mit ständig wachsenden Anforderungen an Ärzteschaft und Pflegepersonal in den Krankenhäusern und Lazaretten. Am Horizont keine Aussicht auf Besserung der Zustände. Ganz das Gegenteil trat ein, die Anzahl der Patienten stieg unaufhörlich, die Verwundungen waren immer gravierender, die helfenden Geister immer weniger und die notwendige, spezifische Logistik immer kläglicher. Berichten der schwerstverwundeten Vaterlandsbeschützer zufolge, rückte die Front der Heimat ständig und bedrohlich näher, der Waffeneinsatz des Feindes stets mächtiger und gewaltsamer und die eigenen, unverzagt gehorsamen Reihen immer dünner. Der Kampf schien verloren, die so entsetzlich aufopferungsvoll geleisteten, lebensrettenden Hilfsmaßnahmen scheinbar vergebens, als die Lazarettleitung medizinischer und militärischer Couleur sich den Kollaps eingestehen musste.

Jetzt war endlich auch bei Betty die Einsicht gereift, die Stätte ihrer ganzen, bedingungslosen Zuwendung zu verlassen. Sie erkannte die Fruchtlosigkeit ihrer Opferbereitschaft in selbstloser Hilfe, gestärkt durch das Ausbleiben der Feldpost ihres geliebten Sanitätsobergefreiten, woraus sie übermächtige Kampfhandlungen oder Verwundung schließen durfte, denn Zweifel an der Liebe und Treue waren böser, hinterlistiger Verrat am Ehemann. Erneut machte sie sich auf den Weg zum eigenen Vater nach Dithmarschen in den Norden. Bepackt mit zwei Kleinkindern und dem gehörigen Bündel Wäsche bezog sie Quartier im Hause der Eltern. Ihr Vater hatte in Briefen mehrfach um die Rückkehr der Tochter gebeten, aber sie vertröstete den Wartenden mit dem Bemerken, auf den Gatten und das Kriegsende in Bayern ausharren zu wollen, womit sie Verständnis erreichte. In der Öffentlichkeit zeigte sich der Witwer jahrelang als pazifistischer und loyaler Bürger, dem das Überleben und die Versorgung der Mitmenschen in seiner Wohngemeinde am Herzen lagen. Als gelernter Kaufmann und Händler kamen ihm seine Erfahrungen und Kenntnisse der Materie zugute. Nachbarn und Gemeinde vertrauten ihm und seinem Können und offerierten ihre Dankbarkeit allenthalben.
Erleichtert und dankbar schloss der einsame Mann seine Tochter in die Arme und versprach, ihren Kindern Ernährer und behutsamer Erzieher sein zu wollen. Nach wenigen Tagen und Wochen steuerte sich der Alltag in alte, gewohnte Bahnen und arrangierte ein gedeihliches Mit- und Füreinander.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-99038-952-2
Erscheinungsdatum: 10.06.2015
EUR 16,90
EUR 10,99

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