Geschichte & Biografie

Vom Sturmwind verweht - Band 2

Katharina Zerbes-Margineau

Vom Sturmwind verweht - Band 2

Von Herz und Schmerz

Leseprobe:

5. Kapitel - Überfälle auf das Vorban-Haus

Elena wollte Johns Wunsch erfüllen, über die furchtbaren Jahre der Nachkriegszeit und des Kommunismus unter Diktator Ceausescu in Rumänien zu schreiben. Diesen Bericht wollte er ins Englische übersetzen; John versprach sich davon einigen Erfolg, war doch im englischsprachigen Raum das Interesse an diesem Thema sicher vorhanden.
Mit den schrecklichen Nachrichten der Rundfunksendungen über die letzten Tage des „Dritten Reiches“, denen sie allabendlich lauschten, hatte sie mit ihrer Erzählung aufgehört. Hier wollte sie fortsetzen, als Ende April im Radio eine Männerstimme mit heroischem Ton meldete: „Der Führer ist gefallen! Umringt von seinen engsten Gefährten starb er den Heldentod für Deutschland!“ Das Ende des furchtbaren Krieges stand unmittelbar bevor. Mit diesem Mann und seinem angeblichen „Heldentod“ wollte sie ihre Erzählung fortführen.

***

Seinen 56. Geburtstag hatte er sich wohl anders vorgestellt …
Als er am 20. April 1939 in Berlin die größte Militärparade, die diese Stadt je gesehen hatte, abnahm, wähnte er sich bereits mit einem Bein im Tausendjährigen Reich, mit Krone und Zepter, der Herr Schicklgruber! Tja, seine Vorsehung hatte es jedoch anders gewollt. Offensichtlich hatte sie mit ihm etwas anderes vor als er. Fünf Jahre später lag das schöne Deutschland in Schutt und Asche. Und er?
Er begab sich gerade auf die Hochzeitsreise. Ja, zehn Tage nach seinem 56. Geburtstag, den er unter Ausschluss des Sonnenlichts in den Tiefen des Erdreichs gefeiert hatte, begab er sich mit seiner frisch Angetrauten auf die Hochzeitsreise ins Jenseits, wohl in die heißesten, abgrundtiefsten Gefilde der Hölle. Auf 60-millionenfachen Mord und anschließenden Selbstmord steht doch „Hölle“! Er war ja Katholik gewesen! Oder versuchten jetzt die Kardinäle und Bischöfe ihm den Weg in den Himmel zu bahnen? Sicher taten sie auch post mortem alles für ihn. Aber sicher.
Diese Würdenträger hatten treu und loyal ein Dutzend Jahre auf seiner Seite gestanden, hatten für das Gelingen des mörderischsten aller Kriege gebetet, hatten Waffen gesegnet, um damit ihre Glaubensbrüder an der gegenüberliegenden Front zu ermorden. Wie hieß es in einem Soldatengebet:

Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten,
er schaltet und haltet ein strenges Gericht,
er lässt von den Schlechten die Guten nicht knechten.
Sein Name sei gelobt! Er vergisst unser nicht.

Im Streite zur Seite hat Gott uns gestanden,
Er wollte, es sollte das Recht siegreich sein, usw.

Mal waren es hehre Sprüche, mal rührseliges Gesäusel, mit denen die ehrwürdigen Würdenträger den hirngewaschenen jungen Männern vorgaukelten, ihre Sache sei gerecht. Nun, wenn Gott gewollt hatte, dass „das Recht siegreich sei“, war ja alles in Ordnung … Dann war ja der Ausgang gerade richtig gewesen … Wie makaber! Sah denn so das siegreiche Recht aus?
Die Söhne ihres eigenen Volkes hatten die Kardinäle und Bischöfe betend in den Tod geschickt, während sie - samt ihrem allerhochwürdigsten Oberhaupt - dem Morden von sechs Millionen Juden stillschweigend zugeschaut hatten, ohne auch nur mit ihren hochwürdigen Wimpern zu zucken. Tja, gewiss waren die ehrwürdigen Würdenträger zu sehr damit beschäftigt gewesen, ehrwürdig an ihrer Würde zu tragen, hatten es als unter ihrer Würde erachtet, das zu würdigen, was um sie herum geschah … Oder waren die Scheuklappen an ihren Würde tragenden Häuptern aus zu dickem Leder gewesen, um etwas mitzubekommen? Aber sicher war das der Grund dafür gewesen, dass sie von dem Treiben ihres braunen Schützlings „nichts gewusst“ hatten! Keiner hatte ja etwas gewusst … Somit sind sie in ihren Augen allesamt unschuldig … Und ihr oberster Chef in Rom ist nicht nur entschuldbar, sondern unfehlbar … Genauso unfehlbar waren ja auch alle seine ehrwürdigen Würde tragenden Vorgänger der letzten 19 Jahrhunderte gewesen …

Wer war denn dieser Herr Schicklgruber?
Ja, eigentlich hätte er Adolf Schicklgruber heißen müssen und nicht Adolf Hitler. Wieso? Sein Vater, Alois Schicklgruber, war der uneheliche Sohn der Maria, geborene Schicklgruber. Erst nachdem Maria, Adolfs Großmutter, einen Mann namens Hitler geheiratet hatte, nahm Alois den Nachnamen seines Stiefvaters, an.

Geradezu unerträglich makaber erscheint das Vorfeld des teuflisch bizarren, bis zur Skurrilität reichenden Mannes - der eigentlich Schicklgruber hätte heißen sollen -, wenn man bedenkt, dass in seinen eigenen Adern jüdisches Blut floss. Überrascht? Und das gleich aus zwei Richtungen … Nun, seine Großmutter Maria, zu der Hitler ein sehr enges Verhältnis hatte, war seinerzeit die verschmähte Geliebte eines reichen Juden gewesen. In ihren jungen Jahren hatte sie nämlich bei Familie Frankenstein in Wien als Hausmädchen gearbeitet und wurde vom Sohn der Familie geschwängert. Ergebnis: ein Junge. Hitlers Vater Alois, geborener Schicklgruber. Adolfs Vater Halbjude?! Die Bankunterlagen, laut denen der reiche Frankenstein seiner Ex-Geliebten, Maria Schicklgruber, 14 Jahre lang Alimente überweisen ließ, sprechen eine unwiderlegbare Sprache. Die zweite Quelle jüdischen Ursprungs: In der Ahnenreihe der Hitlers befindet sich ein Herr Salomon, ebenfalls Jude. Großartig!

Da Adolf Hitlers Vater früh verstarb und seine Mutter Klara arbeiten musste, um für sich und ihren Sohn das Überleben zu gewährleisten, wurde die Großmutter die Bezugsperson des Jungen. Als auch seine Mutter im Alter von 47 Jahren an Krebs starb, blieb seine Großmutter seine einzige Anverwandte und Vertraute. Maria Schicklgruber übertrug ihren eigenen Judenhass auf ihren Enkelsohn Adolf. Die Frage stellt sich: Wo sind die Wurzeln dieses abgrundtiefen, allumfassenden Judenhasses zu finden? Nun, sicher konnte das junge Hausmädchen Maria anfangs nicht wissen, dass es in der Großstadt Wien in der „feinen Gesellschaft“ gang und gäbe war, die im Haus angestellten jüngeren Frauen für die jungen Söhne des Hauses als erstes Sexobjekt zu verpflichten. Als sie das am eigenen Leibe erfuhr, empfand sie Entsetzen und abgrundtiefe Abscheu. Maria Schicklgruber hielt das für eine Gepflogenheit der reichen Juden. Die Frankensteins hatten sie zutiefst verletzt und maßlos enttäuscht; wie eine Ware, derer man sich nach Gebrauch entäußert, fühlte sie sich behandelt. Ihr abgrundtiefer Hass gegenüber den Frankensteins ist erklärlich.
Doch genauso wenig konnte Maria Schicklgruber wissen, dass diese „saubere“ Gepflogenheit nicht nur in Wien, sondern genauso in London, in Paris, in Berlin sowie in den meisten Städten, in den Kreisen der „Upper Class“, üblich war; unter allen Reichen war das „normal“, egal ob Juden, Briten, Franzosen oder Deutsche. Aufgrund dieser Unwissenheit beging sie einen riesengroßen Fehler: Ihr Hass richtete sich nicht etwa gegen die reichen Ausbeuter im Allgemeinen, sondern gezielt gegen die Juden, die in ihren Augen alle Frankensteins waren. Wie konnte das Mädchen denn ahnen, dass als Folge dieser Informationslücke und der daraus resultierenden Fehleinschätzung einmal sechs Millionen Menschen sterben sollten?
Offensichtlich übertrug später die Großmutter, Maria Schicklgruber, diesen Judenhass auf ihren Enkelsohn Adolf. Aus diesem Hass erwuchs wie eine Lawine in Eigendynamik der Judenhass des späteren größenwahnsinnigen Nazidiktators und seiner schizophrenen Gefolgschaft.
Und dafür mussten sechs Millionen Juden sterben … Unerträglich makaber!
Angenommen, Adolfs Vater Alois Schicklgruber hätte den Nachnamen seines Stiefvaters, Hitler, nicht angenommen – hätten sich in diesem Fall die Millionen Deutschen des Dritten Reiches mit dem Gruß „Heil Schicklgruber“ gegrüßt?
Unerträglich skurril!

***

Drei Wochen waren vergangen seit Schicklgruber alias Hitler und seine Eva das Jenseits aufgesucht hatten. Eine ganze Welt atmete auf. Als unmittelbare Folge dessen kam der schlimmste aller Kriege, die unser Planet Erde je erlebte, endlich zu seinem Ende: Das Dritte und letzte Reich kapitulierte.

Weit weg von diesem Schauplatz, im fernen Rumänien, scharten sich die aufgeregten Bewohner des Vorban-Hauses allabendlich um das Radio, um zwischen den Quietschtönen des alten Geräts die letzten Nachrichten zu erhaschen: Hitler tot! Deutschland ein Schutthaufen! Endlich Frieden! Man brauchte schon einige Zeit, um das zu kapieren. Unser Schützling, Arthur, hatte es kapiert. Mit einem Lächeln auf den Lippen schritt er durch die Gegend, bewegte sich so locker in Haus und Hof, als gäbe es nichts zu befürchten; wir alle hatten auf Vater Staat vergessen. In uns hatte sich der Gedanke breitgemacht, wir seien für den Rest der Welt uninteressant. Ein grober Fehler!

Ohne Vorwarnung holte uns in jenem vergessenen Winkel der Karpaten der Rest der Welt ein, und zwar ganz plötzlich. Die Gendarmen waren einfach da, allgegenwärtig, überall zugleich: Um das Vorban-Haus herum, um die Ställe herum und leider auch vor dem Backofen - allenthalben wimmelte es von ihnen. Wie grüne Riesenwürmer krochen sie auf ihren Bäuchen an allen Ecken und Enden aus der Erde hervor; fetten Käfern gleich bewegten sie ihre vorgehaltenen Gewehre wie riesige Rüssel schnüffelnd und riechend hin und her …
Tja, uns war während der „Winterfestspiele“ der Sinn für die Realität abhandengekommen. Schlagartig wurde uns klar, dass es außer den blauen Bändern, die der Frühling durch die Lüfte flattern ließ, eine raue, kaki-grüne Wirklichkeit gab.

Leichtsinnig hatte sich Arthur längst daran gewöhnt, sich frei im Hof zu bewegen. An diesem Vormittag befand er sich vor dem Backofen, wo er Holz spaltete. Seelenruhig hob und senkte er das Beil, dem Hof den Rücken zukehrend. Zufällig sah ich gerade in dem Augenblick aus dem Küchenfenster, als zwei der Uniformierten mit ihren Flinten auf ihn zielten und „Hände hoch!“ brüllten. Arthur ließ Axt und Holz sofort zu Boden fallen, wandte sich um und hob die Hände. Bleich und mit vor Schrecken geweiteten Augen stand er da und blickte die beiden an wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt werden soll. Aus meiner Entfernung von zehn Metern spürte ich seine Ruhe und Ergebenheit. Unheimlich lange Augenblicke verrannen, in denen gar nichts geschah. Kreidebleich, unbeweglich, mit erhobenen Händen verharrte Arthur in derselben Stellung, während die beiden Soldaten nichts weiter taten, als mit den Gewehren auf ihn zu zielen. Keiner rührte sich. Endlose Sekunden schauten die drei Männer unbeholfen einander an. Aus den kindlichen Augen der beiden blutjungen Kerle sprach plötzlich so etwas wie Respekt. War es Ehrfurcht vor dem viel Älteren, dessen Söhne sie hätten sein können? Sein ruhiger Blick, seine gutmütige Ausstrahlung, seine Ergebenheit ließen sie wohl erahnen, dass sie einen Unschuldigen vor der Flinte hatten. Oder war dies vielleicht ihr erster Einsatz? War das Menschliche in ihnen noch vorhanden? War es noch nicht abgetötet worden? Oh, die Rumänen! Diese friedlichen Wesen! Diese gutmütigen Menschen! Wie lange brauchten sie denn, um brutalisiert zu werden? Gefühl und Menschlichkeit schienen bis zum Schluss das letzte Wort in den Herzen dieser latinischen Gefühlsmenschen behalten zu wollen.

Noch immer stand die Gruppe stumm und bewegungslos da. Irgendwie hatte es den Anschein, als wollten sie mit einem Lächeln Gewehre und Arme sinken lassen, als würden sie sich gleich Zigaretten anbieten und ein Schwätzchen halten, um nachher mit einem „Doamne ajuta!“ (Behüt dich Gott!) als Freunde auseinanderzugehen. Ich glaube heute noch daran, dass dies sogar geschehen wäre, wäre nicht der Offizier auf die Gruppe aufmerksam geworden und brüllend hinzugestürzt. Alles nahm nun eine ganz andere Wendung. Als hätte der Leutnant begriffen, was da in der Luft lag, schrie er die beiden friedlichen Soldaten an, schimpfte und fuchtelte wütend mit seinem Gewehr vor Arthurs Nase herum. Ich war zu sehr auf diese Gruppe konzentriert, um mitzubekommen, was sich rechts davon, in zwanzig Metern Entfernung, abspielte.
Mit erhobenen Händen traten meine Eltern aus den Stallungen, gefolgt von einem Gendarmen, der ihnen sein Gewehr in den Rücken zu bohren schien. Langsam bewegten sich beide Gruppen auf das Haus zu.
Ich rannte ins Schlafzimmer, hielt mir mit beiden Händen die Ohren zu und vergrub mein Gesicht in die Kissen. Vielleicht war ja alles nur ein böser Traum! Konnte die Zeit nicht auch rückwärts laufen? Konnte sie nicht Geschehenes ungeschehen werden lassen? Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen habe; irgendwann schlich ich in die Küche. Verschreckt verbarg ich mich hinter den Mänteln der Kleiderablage. Keiner bemerkte mich.

Wie Verbrecher wurden meine Eltern und Arthur von einem Gendarmen mit schussbereitem Gewehr bewacht, während die andern draußen jede Handbreit durchsuchten, in der Hoffnung, noch einige „Nemti“ (Deutsche) zu finden. Alles ging still, beinahe wortlos vonstatten. Anschließend trat der Offizier ins Haus und stellte die ersten Fragen. Arthur verstand kein Wort; todtraurig saß er auf der Eckbank und blickte stumm zu Boden. Meine Eltern beantworteten die Fragen für ihn. In einem günstigen Augenblick hörte ich ihn Mutter zuflüstern: „Die Luke in meinem Zimmer ist offen.“
Mutter wurde noch bleicher, konnte natürlich nichts unternehmen. Bei dem strengen Waffenverbot waren Großvaters Jagdflinte und die Pistolen, die dort verborgen lagen, ein klarer Grund für Gefängnisstrafen.
Nach dem endlosen Verhör, in dem meine Eltern die perfekt einstudierte Version mit dem „polnischen Gepäckträger“, Arthur, schilderten, befahl der Leutnant meinen Eltern, ihn bei der Durchsuchung des Hauses zu begleiten. Mutter schritt sofort voran, öffnete Türen, gab Erklärungen, beantwortete Fragen und wartete geduldig, bis die Kerle jeweils auch das letzte Spinngewebe berochen hatten.
Mutter, das kluge Mädchen, hatte bei der ersten Hausdurchsuchung mit offen gebliebenem Schlupfloch Furore gemacht: Als Erstes musste also der Schlüssel von Zimmer Nr. 14 umgedreht werden und in der Schürzentasche verschwinden, alles andere überließ sie unserem tüchtigen Schutzengel. Dieser huschte dann auch beflissen durch die Gänge und Zimmer, um alles nach Plan ablaufen zu lassen; wie sonst hätte einer der Gendarmen ausgerechnet in dem Augenblick an die verdächtige Tür Nr. 14 getrommelt, als sich der Offizier gerade Zimmer Nr. 7 näherte? Mutter trat aufgeregt auf den Leutnant zu und machte großen Spektakel wegen der verschlossenen Tür und des verlegten Schlüssels … Alles klappte! Die Männer traten die Türe ein, fanden das leerste, langweiligste Zimmer der Welt und vergaßen wegen der Blamage das Zimmer Nr. 7, Arthurs Reich, wo unter seinem Bett die offene Luke klaffte. So weit, so gut. Das Hauptproblem stand jedoch noch an: Vaters und Arthurs Verhaftung zu verhindern!

Mutter täuschte Kopfschmerzen vor, klagte, ihr sei hundeübel und sie müsse ein Aspirin einnehmen. Im Schlafzimmer, hinter zugezogener Tür, raffte sie das ganze Geld, das wir im Hause hatten, zusammen, faltete die Scheine, steckte sie in einen Briefumschlag und ließ sie in der Schürzentasche verschwinden. Jammernd und sich den Kopf mit beiden Händen haltend, ging sie wieder nach oben, wo der Leutnant eben den Dachboden durchstöberte. Im Halbdunkel zeigte sie ihm den Briefumschlag.
„Herr Leutnant, ich hätte hier eine kleine Aufmerksamkeit für Sie persönlich …“
„Aber nein! Wo denken Sie hin? Das kommt gar nicht infrage! Das darf ich nicht tun.“
Mutter sagte nichts mehr, doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit hielt sie ihm den Briefumschlag verführerisch unter die Nase, bis der gestresste Mann den Verlockungen nicht mehr standhielt und weich wie Butter wurde. Als auch der kleinste Winkel des Hauses gründlich durchschnüffelt worden war, sagte er plötzlich:
„Ich muss den Dachboden noch einmal durchsuchen, kommen Sie mit mir!“
‚Aha!‘, dachte Mutter, umklammerte den Briefumschlag in ihrer Tasche noch fester und stieg brav hinter dem Leutnant die Holztreppe hoch. Schweigend, ganz sachlich, als wäre es die selbstverständlichste Angelegenheit der Welt, glitt das Kuvert aus der Schürzentasche in die kaki-grüne Hosentasche. 11.000 Lei! Eine Menge Geld, mit der Mutter das Happy End dieses Tages doch noch erzwungen hatte. Das war der zweite Streich. Der dritte folgte dann in der Form eines großen Mittagessens für die ganze Mannschaft. Mit vollen Bäuchen zogen sie endlich ab. Wir sahen ihnen nicht nach, standen bloß alle in der Küche und starrten uns gegenseitig an. Es war nicht zu fassen! Arthur fand als Erster die Sprache wieder: „Wie kann ich Ihnen das jemals nur vergelten?“
Mutter lächelte nur und machte eine abwehrende Handbewegung. Was hätte sie auch antworten sollen? Wenn sie auch nur im Traum an Vergeltung gedacht hätte, wäre sie vor sechs Monaten gar nicht auf den Gedanken gekommen, Arthur, einen Fremden, ins Haus zu holen und ihm Heim und Schutz zu bieten. Tja, wer A sagt, muss auch B sagen. Etwas anderes als Nägel mit Köpfen kam bei Mutter sowieso nicht infrage. Ruhig antwortete sie: „Darüber habe ich noch nie nachgedacht, ob oder wann uns irgendetwas vergolten werden würde. Und außerdem gehören Sie doch zu uns. Sie haben sich ja von Anbeginn nahtlos in unsere Familie gefügt, waren immer gütig, freundlich und hilfsbereit. Ich bewundere Sie geradezu! Manchmal frage ich mich, wo Sie nur diese innere Ruhe hernehmen.“

Mutter hatte recht. Arthur war immer fröhlich und guter Dinge, jeder mochte ihn. Es schien, als verfügte er über eine verborgene, innere Kraftquelle, die nur ihm zugänglich war. Dabei war sein Privatleben alles andere als rosig gewesen. 1941, gleich nach seiner Heirat, war er an die Ostfront gezogen. Seinen inzwischen zweijährigen Sohn hatte er noch nicht gesehen, auch wusste er nicht, wo sich Frau und Kind zurzeit aufhielten. Da er aus dem Gebiet Posen, aus Lods, stammte, war seine Familie geflüchtet; noch hatte er keine Ahnung, wohin sie der Rückzug vertrieben hatte. Trotz alledem war er der ruhende Pol unserer Familie. Erst Monate später, als er im Keller des Untersuchungsgefängnisses saß, wohin dann auch Mutter gebracht wurde, erriet sie seine große Kraftquelle.

Ich glaube, es war Ende Mai, als Nenea Ion unerwartet in der Küche stand. Die Petroleumlampe spendete ihr spärliches Licht und es herrschte eine behagliche Atmosphäre im Raum. Wir hatten gerade unser Abendbrot, also die ewigen Bratkartoffeln, verzehrt und saßen noch schwatzend um den großen Tisch. Esther teilte uns eben mit, dass sie endlich Nachricht von ihrem Onkel hatte, und zwar aus Deutschland. Er war dabei, Schwester und Schwager zu suchen, was in dem heillosen Durcheinander, das damals herrschte, eine Riesenaufgabe war. Er hoffte jedoch, dass sich Esthers Eltern, falls sie wie angenommen 1943 in ein deutsches Konzentrationslager gebracht worden waren und noch lebten, irgendwann einmal bei ihren gemeinsamen deutschen Freunden in Ulm, Familie Riemann, melden würden. Er genieße seit Wochen die Gastfreundschaft der Riemanns, schrieb er, die selber sehr besorgt um das Ehepaar Morgenroth seien. Esther strahlte und war voller Hoffnung.

Keiner hatte den kleinen Mann kommen hören, die Tür hatte offen gestanden und so war der Alte lautlos eingetreten. Verlegen lächelnd verharrte er im Türrahmen, drehte mit beiden Händen die uralte Pelzmütze vor seinem Bauch hin und her, blickte uns halb glücklich, halb fragend an und sagte kein Wort. Erst nach einer Weile entdeckte ihn Mutter und sprach ihn überrascht an: „Hei, Nenea Ion! De unde ai picat asa deodata?“ (Hallo, Onkel Ion! Wo bist du so plötzlich hergekommen?)
Endlich fand auch er die Sprache wieder: „Buna seara! Nun, ich habe mir gedacht, ich muss euch mal besuchen.“
„Komm herein, Alter! Komm, setz dich! Bist du den ganzen Weg zu Fuß heraufmarschiert?“ Vater war nicht wenig überrascht.
„Das bin ich. Heute früh habe ich mich auf den Weg gemacht und mir ganz viel Zeit genommen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 420
ISBN: 978-3-99038-949-2
Erscheinungsdatum: 12.05.2016
EUR 25,90
EUR 15,99

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