Geschichte & Biografie

Vom Sturmwind verweht - Band 1

Katharina Zerbes-Margineau

Vom Sturmwind verweht - Band 1

Das Kind der Berge

Leseprobe:

Prolog
Anpassung an einen Kiwi – mit viel Selbstironie

Stress und Hektik, Probleme und Sorgen, Ernüchterungen und Enttäuschungen – das alles hatte sie über Bord geworfen, wohl als sie im Flieger dem anderen, besseren Ende der Welt entgegen gedüst war. Allenthalben geforderte Disziplin, pünktlich dies und pünktlich das, arbeiten bis zum Umfallen, schwere Bürden von Verantwortung mit sich schleppen, niemals irgendeine Unterstützung finden; das hatte sie auf der nördlichen Hälfte unseres geplagten Planeten einfach so liegen lassen. Aufatmend saß sie nun im Schatten der langen, weißen Wolke mit ihrem John am späten Frühstückstisch und schlürfte genüsslich eine Tasse Kaffee. Die neuseeländische Sonne schien freundlich durch das riesige Fenster, auf Johns Teller häufte sich ein graubraunes Müsli und die Kaffeemaschine brummte behaglich. Während der Brei löffelweise in Johns lächelndem Mund verschwand, ließ Elena noch unentschlossen ihren Blick über den Tisch schweifen. Oh, wie sie es liebte, jeden Morgen neue Frühstückskombinationen zu kreieren! Für einen Augenblick schloss sie die Augen und wünschte sich zwei Wiener Würstchen auf ihren Teller … Im Geiste roch sie ihren zarten Duft … Hm! Wie sie diese knackigen Dinger liebte! Tja, jene Würstchen waren nun 20.000 km weit entfernt – dafür hatte sie jetzt ihren John. Wollte sie denn alles haben?
Was es unter der langen, weißen Wolke so an Würstchen gab, waren bloß grausam schmeckende Versuche aus Schaffleisch. Und so wandte sich Elena auch an diesem hellen Morgen ergeben ihrem Müsliteller zu und löffelte ebenfalls freundlich lächelnd den ach so gesunden Brei.

Für diesen Mann und für Neuseeland hatte sie alle Brücken hinter sich abgebrochen. Mit 52 Jahren hatte sie sich in den Kopf gesetzt, sich ihren alten Traum zu erfüllen: Neuseeland! Zwanzig Jahre rasender Hektik in Deutschland reichten ihr. Als Opernsängerin und alleinerziehende, überforderte Mutter zweier Kinder war sie all die Jahre zweimal täglich zwischen Heim und Theater hin und her gerast. Nun, nachdem Christina und Eleonora, ihre beiden Töchter, flügge geworden waren, hatten sie ihre Mutter allein in Würzburg zurücklassen; Christina lebte in Hamburg und Eleonora in Salzburg, beide studierten. Alleinstehende Frau in Würzburg! Nur das hektische Theater-Hin-und-Her, sonst nichts! Sie war es müde! Erst sprach sie nur mit gequältem Augenaufschlag von einer „einsamen Insel“, doch nach und nach gingen ihre Gefühle vom Schwärmerischen zum Aggressiven über. Wenn sie auf den Bühnen zu ihrem Gesang auch noch hüpfen und tanzen musste, oft lachen, weinen oder sich stundenlang in endlosen Wagneropern die Beine in den Bauch stehen musste, um das Brüllen schweißtriefender Tenöre aus nächster Nähe über sich ergehen zu lassen, wenn ihr das Scheinwerferlicht allabendlich senkrecht in die Augen fiel und die Luft auf der Bühne stickig wurde, blickte sie zuweilen verstohlen in den Zuschauerraum auf die Gestalten der ersten fünf Reihen. Starren Gesichts, Gold behangen und wohlgenährt zwängten diese ihre überdimensionalen Hinterteile in die teuersten Plätze und verstanden möglicherweise nur wenig davon, was sich auf der Bühne tat. Nach hinten gewendet fauchte Elena dann boshaft: „Haben die zu Hause nichts Besseres zu tun?“ Und wenn das Orchester besonders laut tobte, zischte sie ihrem Partner zwischen lächelnden Zähnen zu:
„Hinaus! In den Busch! In den Dschungel zu den Tieren! Affen! Löwen! Tiger! Meinetwegen Schlangen! Bloß keine langweiligen, gold- und edelsteinumrahmten Gesichter mehr sehen müssen!“
Tja, das war Theaterleben aus der Sicht einer total überforderten Mutter. Da war keiner gewesen, der ihr auch nur den geringsten Teil an Arbeit und Verantwortung abgenommen hätte! Burn-out! Ausgebrannt!
Eines Tages war es so weit: Sie gab eine Anzeige in der Wellingtoner „Evening Post“ auf, kaufte sich die Langenscheidtschen Wörterbücher und schrieb des Nachts in Schwerstarbeit dem noch unbekannten John seitenlange, in grausamem Englisch erschwitzte Briefe. Keiner begutachtete diese zweifelhaften literarischen Kunstwerke, keiner korrigierte sie, und dennoch, siehe da, sie wurden ein Bombenerfolg. Im April 1984, nach fünfmonatigem Briefwechsel, flog sie nach Neuseeland, sprach mit John Englisch, oder das, was sie im Alleingang in der kurzen Zeit daraus gemacht hatte, und beide beschlossen, hochbeschwingt im Rausche der Liebe auf den ersten Blick, aus der zweiten Hälfte ihres Lebens etwas Besonderes zu machen, und zwar gemeinsam. Einige Male flog sie noch über die Ozeane hin und her, bis sich ihr Pendel zum Stillstand entschloss; wohl nicht auf einer einsamen Insel, vielmehr auf einer Insel der Einsamen. Nun atmete sie keine stickige Bühnenluft mehr ein, blickte auf keine wohlgenährten, goldbehangenen Damenbusen mehr herab, ergötzte sich dafür an den liebenswerten, naturverbundenen Maoris.
Oh, wie sie diese kartoffelnasige Spezies liebte! Mit Sicherheit die einzigen Erdenbürger, die vor ihrer hochverehrten Queen Elisabeth II. zur Begrüßung (fast) nackt herumhüpften, sie furchterregend anbrüllten und schauerlich angrunzten, indem sie dem königlichen Antlitz ihre wulstigen Zungen meterlang entgegenstreckten …

So saß Elena nun an besagtem Müsli-Morgen mit ihrem ewig lächelnden Gentleman - wohl verändert und gänzlich angepasst an Hafer und Kleie - am Frühstückstisch. Ja, sie war eine andere geworden … wenn auch ihre Gedanken verstohlen um knackige, duftende Würstchen mit Senf und Meerrettich kreisten. Gemäß einer deutschen Volksweise waren ja die Gedanken, Gott sei Dank, frei …
Wie war es ihr nur gelungen, sich so schnell anzupassen? Bei aller Liebe, schnell, jedoch nicht leicht … Im Überschwang ihrer Begeisterung für alles, was neuseeländisch war - den dunklen, mit blitzenden Sternen überladenen Nachthimmel und das klare, blaue Wasser des Ozeans -,war sie bereit gewesen, alles zu akzeptieren, was diese lieben Menschen so an sich hatten; trotzdem fiel das Anpassen mitunter verdammt schwer! Wohl gemerkt: nicht das Anpassen an die naturverbundenen Maoris, nein, das Anpassen an einen durch und durch wohlerzogenen Briten war die Herausforderung. John Garner war das gelungene Ergebnis einer britischen „public school education“, die den Gefühlen – soweit solche überhaupt vorhanden – keine Daseinsberechtigung zugestand. Gefühle haben war eben unfein …
In solch einsamen Stunden nahm sie Papier zur Hand und klagte sich ihr Leid. Es bereitete ihr die größten Schwierigkeiten, Johns High Class Mentality zu verstehen, sprich: unbequeme Dinge unter den Teppich zu kehren und mit einem Lächeln weiterzumachen. Das lag ihr einfach nicht. Von seiner Mutter, einer geborenen Spencer, die um einige Ecken mit Winston Churchill verwandt war, hatte John blaues Blut in die Adern mitbekommen. Keiner in Neuseeland wusste das und er selbst scherte sich auch nicht darum. Trotzdem saß die britische „public school education“ tief in seinen Knochen. Er war geradezu ein Meister der Teppichkehrmethode. Immer nur lächeln! Sich kontrollieren! Alles nur schön unter den Teppich befördern! Manchmal stieg in Elena die Wut hoch!

Am 8. August 1986, nach zwei Jahren Anpassungsarbeit, hatte sie sich verdrossen in ihr Zimmer eingesperrt und geklagt: Ich beginne zu schreiben. Der Grund, warum ich es tue, ist einfach. Ich will endlich alles loswerden. Zu viel hat sich in mir angestaut. Komm, geduldiges Papier, hilf mir! Alleine werde ich damit nicht fertig. Meine intellektuelle Kapazität, alles richtig einzuordnen und meine psychische Kraft, mit allem, was mich umgibt, fertigzuwerden, sind aufgebraucht. Ich befinde mich in einem geschlossenen Kreis von eisernen Schienen, die hoffnungslos miteinander verschweißt sind. Das Durchbrechen dieser Schienen würde eine enorme Kraft erfordern. Besitzen würde ich diese, meine Urkraft, allenfalls. Doch genau diese gesunde Energie muss ich täglich verleugnen! Was ich befürchte, ist, dass diese unterdrückte Energie eines Tages explosionsartig aus mir ausbrechen wird, mit verheerenden Folgen …
John Garner: Alles wird zu einer Ebene, einer Mittelmäßigkeit, abgeflacht. Was sich stark und positiv erheben will, wird, wenn auch freundlich, hinuntergedrückt. Was negativ und schwächlich unter diese Ebene absackt, wird komischerweise emporgehoben. Bä! Alles wird abgeflacht. Nur kein Hoch! Bloß kein Tief! Schwung? Begeisterung? Wozu? Und bitte keine Probleme! Oder so etwas wie Schmerz? Und schon gar keine Verzweiflung! So etwas hat man nicht!
Über und leider auch unter der Gürtellinie ist längst alles erstorben … Oh, diese Briten! Linienhafte Linealmenschen! Immer nur lächeln, das ist die Lösung und die Losung. Stinklangweilig! Diese alles abtötende Kontrolllinie! Wie ich sie hasse! Wenn das die very British education sein soll, entbehrt sie meiner Akzeptanz … Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Es sind die feigsten Feiglinge! Psychische Krüppel! Und diesen ach so wohlerzogenen, lächelnden Gestalten scheint es natürlich viel zu kompliziert, den Teppich zu lüften und die Dinge ans Licht zu befördern. Dazu benötigt man nämlich Mut. Die unbequeme Wahrheit auszusprechen oder gar als Hauptfaktor gelten zu lassen? Macht man nicht. Ist unfein. Wie war das doch bloß in Schillers Gedicht „Das verschleierte Bild zu Sais“? Fiel nicht beim Anblick der „Wahrheit“ der junge Mann tot um? Musste wohl ein wohlerzogener Brite von der Zartheit Johns gewesen sein, dem beim Anblick der griechischen Wahrheit so übel geworden war …

Na ja, so gesehen will ich geneigt sein, es zu akzeptieren. Wer will schon mit solchen Härten konfrontiert werden? Doch nicht ein blaublütiger Engländer! Besser also, Schleier und Teppich ruhen zu lassen. Gibt es doch noch einige Dinge, die sich außerhalb des Teppichs befinden, über die man hervorragend diskutieren kann, z. B. das Wetter. Wenn man den Nachbarn jenseits des Gartenzauns darauf aufmerksam macht, wie schön die Sonne gerade scheint, danach ihn daran erinnert, dass es gestern leider geregnet hat, und schließlich zu prognostizieren versucht, was morgen wohl zur Abwechslung vom Himmel fallen wird, braucht man sich doch um die unter dem Teppich brodelnden Dinge, bei Gott, keine Gedanken zu machen. Hauptsache, man hält den Teppich so luftdicht verschlossen, dass ja nichts ans Tageslicht kommt! Wie schön! Oh, ich vergaß - da ist noch ein zweites Thema, worüber zu sprechen es sich besonders lohnt: Geld! Money, money! Aber, aber, doch nicht etwa im Sinne von Geld verdienen! Nein. Das wäre viel zu anstrengend. Zu riskant. Was, wenn irgendwo am Horizont ein Risikofaktor auftauchte? Oh Schreck, ein Risiko! Nur kein Risiko! Also lieber die Augen schließen und die beschissenen Zinsen zählen. Alles ruht. Das Geld ruht. Selber ruht man. Und die anderen um einen herum mögen doch, bitte, so freundlich sein und auch ruhen. Wer mag schon worries und troubles?

Jeden Morgen das gleiche breakfast …
Beiße ich mal zur Morgenstunde in eine vom Vortag übrig gebliebene, nach Pfeffer und Knoblauch duftende Frikadelle, erschrickt mein John: „Frikadelle zum breakfast?!“ Oh, diese Eintönigkeit! Eine seit 57 Jahren eingefrorene Gleichförmigkeit! Und dann diese Teetrinkerei! Ein halbes Dutzend Mal am Tag wird die scheußliche, dunkelbraune Brühe mit wonnigem Augenaufschlag genuckelt. Brrr! Als beliebtester englischer Lebensgenuss. Macht die Gemüter schön brav und die Zähne schön gelb. Und dann erst dieser mit Wasser verdünnte Whisky! Wieso trinkt er den überhaupt? Bloß um sich zu beweisen, dass er ein Mann ist? Tja, diese eingefleischten Regelmäßigkeiten sind wohl die Säulen, an denen er sich festhält, die Lebenssäulen, die ihm Kraft und Persönlichkeit verleihen, a very british personality.
Ha! Man bringe ihm eines Morgens ein anderes breakfast: zuerst einen ungewässerten Whisky, dann eine Pfanne mit zwei brutzelnden, in Speck gebratenen Spiegeleiern, so groß wie zwei schielende Mondscheiben oder aber ein Paar heiße Knoblauchknacker, so herrlich nach Rauch und dem Teufelskraut duftend, mit extrascharfem Meerrettich! Anschließend ein ofenwarmes Bauernbrot, dick mit Butter und hausgemachter Himbeerkonfitüre bestrichen, dazu einen Kaffee mit Sahne und Zucker. Ha! Die ganze Persönlichkeit läge flach am Boden. John würde erschrocken dastehen, wie ein Kind vor einem Krokodil. Verzweifelt würde er nach seiner vertrauten Müsli-Säule suchen: „Wo ist mein ungesüßter Tee mit fettarmer Milch? Meine Zitrusfrüchtemarmelade? Wo ist meine 57 Jahre alte Brei-Säule?“

Johns Persönlichkeit wird doch nur von den Säulen alter Traditionen getragen und nur so vor dem Einsturz bewahrt. Genau wie London die vorsintflutlichen, schwarzen Taxi-Monster benötigt, um als London identifiziert zu werden, so braucht John Tee, gewässerten Whisky und ganz besonders seine stützende Kleie-Säule. Ist das der Mann, um dessentwillen ich nach Neuseeland kam? Das ist er!

Gesittet sitzt er jeden Morgen vor seinem grauen Frühstück und löffelt sicher und zufrieden an der breiigen Masse. „Bitte keinen Zimt, der ist zu scharf!“ Zimt zu scharf? Ich verbeiße mir eine Grimasse. Und dieses Mal ertappe ich mich dabei, dass ich auch etwas unter den Teppich kehre: meinen Sarkasmus. So beißend scharf ist er dort besser aufgehoben. Oh, diese Zeitlupen-Bewegungen! Dieses Nacktschnecken-Tempo! Wie mich das nervt! Andächtig streicht man sich dann very British ganz wenig Butter auf den dünnen, langweiligen Toast und gibt einen halben Teelöffel Zitrusfrüchtemarmelade drauf, schneidet die eh schon winzigen, dünnen Scheiben in vier gleichmäßige Stückchen und schiebt sie in den lächelnden Mund, schlürft ungesüßten, schwarzen Tee mit fettarmer Milch dazu.
Oder bin ich es etwa, die hier nichts anderes als boshaft ist? Ironisch, sarkastisch bis zum Gehtnichtmehr, frech und böse? Ich kenne mich selbst nicht mehr aus … Wie könnte ich auch? Aufgewachsen im wilden Transsylvanien, anschließend 20 Jahre an ein strenges, diszipliniertes und hektisches Deutschland angepasst und jetzt gar very British.
Ich weiß gar nichts mehr …

Oder weiß ich’s doch? Kommen da vielleicht unterdrückte Gefühle aus der nicht allzu entfernten Vergangenheit hoch? Leicht möglich! Tja, so gut wie jetzt ging es mir ja noch vor drei Jahren gar nicht! Damals, als ich, die frisch eingeflogene German-Lady, meine Bewährungsprobe bestehen musste: nämlich wie eine Tagelöhnerin acht Stunden täglich im Gartenzentrum und auf der Farm schuftete, als Johns ganze Sippschaft herumrätselte, wer ich eigentlich sei. Als sie mich sogar als Spionin verdächtigten, nahm ich alles lächelnd in Kauf. Wieso? Ich hatte keine Wahl. Dem guten, alten Deutschland hatte ich ja den Rücken zugewandt, Brücken abgebrochen. Nun fegte ich mein Unverständnis und meine Zweifel mit eisernem Besen unter meinen eigenen Teppich, den ich mir in der Eile gewebt hatte, und hielt durch. Ich hatte ja partout nach Neuseeland gewollt. Nun war ich da. Tja, nach drei Jahren stellte sich jetzt heraus, dass mein Teppich zu undicht, zu löcherig gewebt worden war, um die darunter brodelnden Dinge für immer festzuhalten. Guckten da heute nicht hämisch grinsend die unterdrückten Überbleibsel von damals durch die Löcher hindurch? Um in mir boshafte Rachegefühle hochkommen zu lassen? Aha! Genau das ist es: Ich verlege heute instinktiv die alten, strangulierten Gefühle von unter dem Teppich auf das Papier! Und dort dürfen sie sich austoben! Na ja, wenn’s hilft …

9. September 1986
Und doch liebe ich ihn. Wenn ich ihm das sage, beteuert er, nein, ich könne ihn nie so sehr lieben, wie er mich liebe.
Warum bin ich dann nur so boshaft? Das bin ich bloß in Zeiten, die er seine „formellen“ Tage nennt („formellen Tage!“). Das Problem ist nur: Wie kriegt man heraus, wo die Ursache seiner zeitweiligen „Eiszeiten“ lauert? Liegt sie im physischen Bereich? Männer haben doch keine Zyklen! Oder doch? Ich glaube schon … Steif, formell, cool, uninteressiert und gänzlich umgewandelt stakst er dann mit seinen 45er Quadratlatschen durchs Haus. Oder wenn sonst unsere schönsten Stunden des Tages die Morgenstunden sind, behauptet er plötzlich an einem sonnigen, vielversprechenden Morgen: „I don’t like staying in bed in the morning.“ Dabei kehrt er mir den Rücken und nuckelt an seinem fürchterlichen Gebräu, dem Morgentee, den ein echter Brite im Bett, vor dem Aufstehen, zu sich zu nehmen pflegt …

Hie und da streift mich die Versuchung, es als eine Form des Sadismus zu sehen. Er muss doch wissen, wie sehr er mich damit trifft! Oh, ich Ärmste fühle mich total überflüssig! Am liebsten möchte ich schon morgen abfliegen. Es fragt sich bloß, wohin? Seine Augen sind stumpf. Er scheint ständig nachzugrübeln, wie er mich loswerden kann, und zu denken, dass er seinen größten Fehler beging, als er mich nach Neuseeland holte. So sieht er jedenfalls aus. Ich stürze aus einer Heulerei in die andere. Nachdem ich dann in der Küche ein ganzes Geschirrtuch voll geschnäuzt habe, übergebe ich es mit spitzen Fingern dem Mülleimer: „So. Das waren meine letzten Tränen!“
Dann werfe ich den Kopf in den Nacken, der beinahe in Gefahr gewesen war, gebeugt zu werden, gebe mir einen Tritt und beginne Rachepläne zu schmieden. Wieder gestärkt und kühn schreie ich mir selbst zu: „Ich lasse mich nicht kaputtmachen!“ Nach ein paar sehr originellen Racheplänen bin ich wieder ich selbst, berste vor Unternehmungsdrang und wiedergefundener Persönlichkeit. Dann sage ich John ganz direkt, dass das alles keinen Sinn hat. Er bräuchte mir bloß über die Runden zu helfen, bis ich hier richtig Fuß gefasst hätte, dann würde ich von ihm fortgehen. Ich könnte nämlich dieses und jenes und ganz besonders das Außergewöhnliche und Individuelle tun, wenn ich nur allein, ohne ihn, wäre.
So, das saß!
Auch der Taubste hört heraus, wie es zwischen den Zeilen tönt: „Aber derjenige, der noch Rotz und Wasser weinen wird, bist natürlich du!“ Er hört es ja auch, das Tönen, verbirgt jedoch sein Wissen geübt hinter seinem smiling und sagt weder: „Ach, bleibe doch!“, noch jubelt er: „Oh! Da winkt mir doch tatsächlich bald die Freiheit!“ Gar nichts sagt er, schaut mich nur aus großen Augen an und flüstert liebevoll bekümmert: „Du bist ja unglücklich …?“
Ich verstehe nichts mehr! Oder im besten Falle verstehe ich alles miss … Wieder rinnen in der Küche meine heißen Tränen (die oben erwähnten waren also doch nicht die letzten gewesen) auf die frisch gewaschenen Teller. Tropf, tropf, tropf. Mein feuchtes Tuch läuft in geschlossenem Kreise immer und immer wieder um den betropften Tellerrand. Oh, ich tue mir ja so leid! Wie war doch nur Eduard Mörikes herzergreifendes Gedicht?

Früh, wann die Hähne krähn,
Eh die Sternlein schwinden,
Muß ich am Herde stehn,
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flamme Schein,
Es springen die Funken.
Ich schaue so darein,
in Leid versunken.

Plötzlich, da kommt es mir,
Treuloser Knabe,
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder;
So kommt der Tag heran –
O ging er wieder!

Ein tröstlicher Unterschied zwischen der traurigen Maid und mir besteht immerhin: Jene erwartete sicher ein Kind von dem Saukerl. Währenddessen sitzt mein S…üßer, lächelnder Mann im Wohnzimmer vor der Glotze, sieht sich wieder irgendeinen Mist an und hilft mir heute gar nicht beim Abwasch. Dort hockt er, der blaublütige Dauergrinser, immer lächelnd, bloß heute so kühl. Wenn das kein Grund zum Weinen ist! Deshalb wurde ich ironisch und boshaft. Tut das gut! Es erfrischt richtig!

Nachdem ich diese boshaften Seiten geschrieben habe, siehe da: Die Türe geht kaum merklich auf und Johns Kopf zwängt sich durch den Spalt. Blauäugig, lieb lächelnd guckt er mich an.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 282
ISBN: 978-3-95840-017-7
Erscheinungsdatum: 12.05.2016
EUR 22,90
EUR 13,99

Herbstlektüre