Geschichte & Biografie

Und wir sind vergessen worden

Rudolf-Gottfried Elias

Und wir sind vergessen worden

Eine wahre Geschichte von 1940 bis 2017

Leseprobe:

Die Flucht

Bevor meine Schwester Renate mir unsere Horrorflucht aus Immenheim – ehemals Westpreußen – erzählen wird, möchte ich den Lesern dieses gelebten Buches folgende nackte Zahlen von 2016 und 1944/45 kurz auflisten, bzw. in Erinnerung rufen, damit jeder die damalige Dimension mit dem Geschrei von 2016 besser einordnen kann.
Im Internet kursieren teilweise unterschiedliche Zahlen, wie viele Deutsche aus sämtlichen Ostgebieten auf der Flucht waren. Ich zitiere nur „Die Welt“, die folgende Zahlen angibt: Demnach waren zwischen zwölf und 14 Millionen Kinder unter einem Jahr, Kinder über einem Jahr und Erwachsene auf der Flucht. Eine weitere Angabe ist mehr als schockierend, nämlich dass von zehn Kindern unter einem Jahr neun Kinder starben! Andere Angaben sprechen von rund 17 Millionen Flüchtlingen und ca. zwei Millionen Toten.
Damals wie heute stimmt jedoch eines: Die Leidtragenden waren und sind immer die Kinder! Im Februar 1945 war ich viereinhalb Jahre alt, weswegen ich mich nicht mehr genau erinnern kann, wie die Flucht meiner Familie war, deshalb soll meine Schwester Renate uns das Erlebte berichten.
Die russische Armee hatte zwischenzeitlich Bromberg (polnisch: Bydgoszcz) eingenommen, drang weiter Richtung Westen vor und näherte sich unserer Kleinstadt Immenheim. Die Bewohner hörten von schrecklichen Gräueltaten an der deutschen Bevölkerung und unsere Mutter, nebst ihrer Schwester und der Schwester meines Vaters, wollte nicht mehr zuwarten. Eilig wurde für die Flucht nur das Notwendigste zusammengerafft und so machten sich diese drei Frauen mit 13 Kindern und dem Opa unseres Vaters zu Fuß auf den Weg Richtung Westen.
Überall lauerten Partisanen und die russischen Soldaten kamen auch immer näher, wir drei- und vierjährigen Kinder mussten so lange laufen, bis wir nicht mehr laufen konnten, dann wurden wir von den großen Geschwistern so lange getragen, bis ihnen auch die Kraft ausging und dann mussten wir wiederum so lange alleine laufen, bis unsere Mutter und die anderen zwei Mütter auch der Meinung waren, dass sie ein einigermaßen sicheres Versteck gefunden hatten, damit wir etwas schlafen oder ausruhen konnten. Die älteren Kinder ab zehn Jahren mussten zu zweit Wache schieben und wurden nach zwei Stunden abgelöst, damit sie sich auch etwas erholen konnten. Weinen oder gar klagen wurde uns Kleinen verboten und vor lauter Angst, dass man uns dadurch aufspüren könnte, unterließen wir das sofort.
Nach sieben, acht Tagen ging uns langsam, aber sicher unser Proviant aus, die kleinen Kinder mussten entweder an einem blanken Ast kauen oder am Daumen lutschen und jede Stunde gab es einen Schluck Wasser zu trinken. Der Opa unseres Vaters hatte seit vier Tagen nichts mehr gegessen und gab am fünften Tag seiner Tochter Margarete seinen Rucksack, setzte sich auf den Waldboden hin und befahl den drei Frauen mit ihren 13 Kindern, dass sie sich weiter auf den Weg zwischen der Dramburg und Stargard begeben sollen und sagte ihnen, dass in seinem Rucksack für zwei Tage trockenes Brot und Hartwurst nebst einem Fünf-Liter-Kanister mit abgekochtem Wasser drin seien. Alles Bitten und Flehen der drei Frauen nützte nichts und sie mussten sich auf den Weg machen, um nicht doch noch erwischt zu werden. Nachdem wir ungefähr einen Kilometer Richtung Westen gelaufen waren, hörten wir in der Ferne einen Schuss; die Frauen wussten, was das zu bedeuten hatte und weinten leise vor sich hin. Da Gott sei Dank die ländliche polnische Bevölkerung von dem Vorrücken der russischen Soldaten noch nichts mitbekommen hatte, war sie der Meinung, dass die deutschen Frauen auf Befehl des deutschen Militärs Polen vorläufig verlassen mussten, sodass wir ziemlich unbehelligt vorankamen.
Vor allen Dingen hatten sie auch davor Angst, dass, wenn sie den Kindern und den drei Frauen etwas antun würden, plötzlich deutsche Soldaten auftauchen würden und sie mit Repressalien rechnen mussten. Von unschätzbarem Vorteil war auch, dass alle drei Frauen die polnische Sprache beherrschten und bei kleinen Bauernhöfen das eine oder andere Brot, Kartoffeln, Fruggen, Getreide und Zuckerrüben gegen ein Schmuckstück tauschen konnten. Unterhalb der Dramburg entschieden die drei Frauen, dass es sicherer wäre, wenn sie Richtung Norden nach Swinemünde laufen würden, um über die Insel Usedom nach Anklang zu gelangen. Das Ziel war ein Bauernhof in Jarmen bei Demmin, dorthin hatte es eine Schwester unserer Mutter verschlagen. Der andere Weg war ihrer Meinung nach deutlich gefährlicher, weil dieser etwas südlicher, ins Landesinnere und in Richtung der Hauptstadt Berlin, ging und sie wussten nicht, ob wir nicht vielleicht der russischen Armee in die Arme liefen.
Nach fast neun Wochen erreichten die 16 Personen völlig verdreckt und abgemagert Jarmen, dazu war jeder gesundheitlich ziemlich angeschlagen. Gründliches Waschen war angesagt, danach gab es für jeden eine Tasse heiße Kraftbrühe mit etwas Brot eingebrockt und dann war für jeden Schlafen angesagt. So vergingen in dieser Gegend noch vermeintlich zehn friedliche Tage, dabei fanden nur unbedeutend weit südlich von hier ein grausames Abschlachten von Soldaten und bestialische Vergewaltigungen an jungen Mädchen und Frauen statt; in der Regel wurden diese danach ermordet.
Doch dann kam der Tag und russische Soldaten begleitet von Panzern rollten auf Jarmen zu. Wir kleine Kinder standen am Straßenrand und begrüßten klatschend die Soldaten, und so verrückt, wie es klingen mag, es kam zu keinerlei Angriffen oder Ausschreitungen, Jarmen wurde regelrecht verschont!
Was wir Kleinen natürlich nicht wissen konnten war Folgendes: Auch diese fremden Menschen bzw. Soldaten suchten natürlich irgendwo eine Unterkunft, wo sie essen und schlafen konnten, das war natürlich in größeren Städten oder gar Kasernen für sie wesentlich einfacher zu realisieren, als in so einem kleinen Ort, was Gott sei Dank „Jarmen“ in diesem Fall war.
Die älteren Geschwister von Rudolf, Werner und mir suchten in „Groß Toitin“ eine Schule, und da hier keine zu finden war, gingen sie nach „Jarmen“ und fanden dort auch eine Schule, das Gebäude war sogar noch vollständig erhalten. Nach Fragen in der Nachbarschaft erhielten Friedrich, Harald und die anderen Kinder die Auskunft, dass sie am nächsten Montag um 8:00 Uhr in der Schule sein sollten, weil dann auch ein Lehrer da sein würde.
Am nächsten Montag gingen sieben Schulkinder und im Schlepptau waren wir, die noch nicht schulberechtigten Kleinen, auch dabei und betraten andächtig einen Raum, in dem hinter einem Pult ein ca. 50 Jahre alter Mann saß.
Er forderte jeden auf, dass er sagen soll, woher er kommt, wie alt er ist, in welche Klasse er bis jetzt gegangen ist und welche Noten er in den Fächern hatte. Wir Kleinen saßen still auf unserer Bank und hörten andächtig den „Großen“ zu, wir hatten das Gefühl, dass wir auch dazugehörten, so hatten uns die vergangenen Monate zusammengeschweißt!
So verging eine schöne Woche, und als wir am Montag wieder die Schule betraten, warteten wir vergeblich auf den Lehrer, der nicht erschien. Die Älteren gingen von Haus zu Haus und befragten die Bewohner nach dem Verbleib des Lehrers. Im ersten Moment wollte niemand den Kindern sagen, wo dieser war, aber dann fasste sich eine ältere Frau ein Herz und sagte den Kindern, dass dieser wohl nicht mehr hier erscheinen würde und dass sie am nächsten Montag wiederkommen sollten.
So vergingen in der Regel alle Wochen bzw. 14 Monate und Schule fand davon nicht mehr als in insgesamt drei Monaten statt, denn jeder Lehrer wurde spätestens nach ein bis drei Wochen abgeholt. Heute würde man dazu sagen, dass eine geistige Umerziehung vorgenommen wurde.
Für die Kinder von 3 bis 6 Jahren kamen einige jüngere Frauen auf die Idee, uns Volks- und Wanderlieder beizubringen und mit uns von Jarmen nach Tutow, Kruckow, Alt Tellin, Völschow, Netzow, Gützkow und Bentzin zu wandern. Sie legten die Wanderroute damals immer so, dass wir an einem, zwei, drei oder mehr Bauernhöfen vorbeiwanderten und dann sangen wir alle mit Hingabe zwei, drei und manchmal sogar als Zugabe ein weiteres Wanderlied. Hier ein kleiner Auszug von den Liedern, die die damals drei- bis sechsjährigen Mädchen und Jungen singend erlernten:
1. Alle meine Entchen
2. Alle Vögel sind schon da
3. ABC, die Katze liegt im Schnee
4. Winter ade!
5. Wem Gott will rechte Gunst erweisen
6. Ein Vogel wollte Hochzeit machen
7. Der Mai ist gekommen
8. Hänsel und Gretel
9. Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus …
10. Im Märzen der Bauer
Egal, wie arm die Bauern damals waren, jedes Kind bekam immer etwas zu trinken oder zu essen.
Manchmal bekam jeder einige rohe Kartoffeln oder eine essbare Feldfrucht für seine Geschwister und seine Mutter mit auf den Nachhauseweg. Die Wirkung war so phänomenal, dass wir Kinder am liebsten jeden Tag zu irgendeinem Ort und unbedingt vor den Bauernhöfen singen wollten. So verrückt es klingen mag, die Kleinen erlebten eine schöne Zeit und es fehlte ihnen „fast an nichts“, auch meinen Brüdern Werner und Rudolf nicht.
Doch langsam, aber sicher holte uns die brutale Wirklichkeit ein – die Frauen mit ihren Kindern wurden an verschiedene Orten aufgeteilt, um dort auf irgendeinem Hof, Gut oder Schloss auf den Feldern oder sonst wo für die russische Besatzungsmacht zu arbeiten.
Es hieß Abschied nehmen, alles Bitten, Betteln und Heulen von uns allen, uns doch zusammen zu lassen, half nichts, unsere zwei Tanten wurden mit ihren Kindern in eine uns nicht genannte Ortschaft gefahren. Wir wussten nicht, ob wir sie jemals wieder sehen würden. Und unsere Mutter mit uns, ihren fünf Kindern, wurde in einem Militärtransporter nach Zahren gefahren.
Bis hierher konnten sie das Erlebte von meiner Schwester Renate lesen, alles Weitere, was mit meiner Familie geschah und was ich bis 2016 erlebte, können „Sie“ nun von mir selber verfasst lesen.


Zahren am See

Wenn ich jetzt meine Augen schließe, so sehe ich uns heute noch auf einer baumbestandenen Allee auf ein großes Gebäude zufahren, vor dem ein Grasrondell war, um das eine niedrige Hecke gepflanzt war. Dieses Rondell konnte man umfahren, jedoch hielt der Militärtransporter direkt vor einer großen Freitreppe an und wir wurden in barschem Ton dazu aufgefordert, auszusteigen und vor der Treppe zu warten. Oben auf der Treppe erschien ein russischer Soldat, der, wie sich später herausstellte, der Kommandant einer Kompanie war, mit einer schrecklichen Mütze auf dem Kopf und Reiterhosen, die seitlich extrem über beide Stiefel ragten, in der rechten Hand hatte er eine kurze Lederpeitsche, mit der er sich abwechselnd auf seine linke Hand schlug oder seinen rechten Stiefel von außen damit traktierte. Wir bzw. ich bekam es mit der Angst zu tun, besonders ich musste es bald schmerzlich erfahren.
Ein Dolmetscher teilte meiner Mutter mit, wo wir in Zukunft schlafen würden, hier hatten wir etwas Glück, denn wir durften im Erdgeschoss dieses Gebäudes den letzten Raum auf der rechten Seite beziehen. Im Raum standen ein Herd, den man mit Holz befeuern konnte, ein Eimer mit Wasser, ein kleiner Tisch mit fünf Stühlen und sechs Matratzen mit ebenso vielen Decken lagen auf dem Boden, etwas Geschirr und Besteck war auch noch vorhanden.
Wir sahen unsere Mutter nur noch mit angstvollen Augen an, keiner von uns hatte Hunger oder Durst, unsere Mutter setzte sich auf einen Stuhl und nahm mich auf ihren Schoß, unser ältester Bruder Friedrich war fast 16 Jahre alt und schnappte sich Werner und tat es unserer Mutter gleich, Renate und Harald setzten sich auf die letzten zwei leeren Stühle und unsere Mutter betete laut, ebenso Friedrich, Harald und Renate; Werner, der ein Jahr jünger als ich war, und ich falteten unsere Hände und hörten zu. Und wie es sich in den nächsten 45 Jahren herausstellen sollte, ließ Gott uns nicht im Stich und nicht allein!
Damit vom Fußboden nicht so schnell die Kälte in unsere Körper eindringen konnte, legten wir zwei Matratzen nebeneinander quer auf den Boden und die dritte seitlich daneben und darüber wurden seitlich versetzt die anderen drei Matratzen gelegt, hier schliefen wir eng umschlungen ein. Der Tag war noch nicht richtig erwacht, als uns ein greller Pfiff aus dem Schlaf riss und da wir ja nur die Klamotten, die wir anhatten, besaßen, rannten wir alle sofort vor lauter Angst nach draußen, ohne uns anziehen zu müssen.
Und da stand wieder das menschliche Ungeheuer von gestern mit seiner Lederpeitsche in der Hand und erteilte lautstark Befehle, die der Übersetzer auf Deutsch wiederholte. Unsere Mutter wollte uns vier nicht im Ungewissen und ohne etwas zu essen allein lassen und streckte ihre rechte Hand nach oben, sodass der Kommandant dies bemerkte und sie auf Russisch ansprach. Ich hatte das Gefühl, dass er ziemlich überrascht war, als meine Mutter ihn auf seiner Sprache anredete und ihm ihr Anliegen vorbrachte. Er hörte ihr dabei zu und mit bellender Stimme rief er einem Soldaten etwas zu. Was das war, konnten wir nach knapp zwei Minuten selber feststellen, denn unsere Mutter erhielt ein Kastenbrot, etwas Wurst und eine Dose mit Marmelade, unsere Mutter bedankte sich auf Russisch und neigte dabei tief ihren Kopf. Sie befahl uns, dass wir sofort mit ihr in unser Zimmer gehen sollten, denn Friedrich und sie müssten in 15 Minuten bei dem Soldaten sein, von dem sie gerade die Verpflegung bekommen hatte.
Unsere Mutter und wir aßen schnell etwas und sie bläute uns ein, dass wir vier unbedingt zusammenbleiben müssen und mit keiner Person irgendwohin allein mitgehen sollen.
Wir gingen mit Friedrich und unserer Mutter mit und sahen, wo der Soldat mit ihnen hinging. Einige Pflüge und auch andere Feldgeräte hatten vor der Waffenindustrie versteckt und gerettet werden können und wurden jetzt für die Feldarbeit eingesetzt. Gott sei Dank hatten auch einige Pferde und Ochsen den Krieg überlebt und wurden für die Feldarbeit eingesetzt. Da aber einige Feldgeräte nicht mehr vorhanden waren, mussten viele Arbeiten mit den Händen getätigt werden und dafür wurden die deutschen Soldatenfrauen eingesetzt und überall standen russische Soldaten mit der Waffe in der Hand, damit ja kein Mann über 50 Jahre und keine der Frauen fliehen konnten. Mein Bruder war zu Renovierungsarbeiten von teilzerstörten Häusern eingeteilt worden, was ihm sichtlich Spaß machte. Wir vier hatten in der Zwischenzeit mit dem Eimer Wasser aus dem naheliegenden See geholt und damit den Boden in dem uns zugeteilten Raum gereinigt, ebenso den gesamten Flur bis hin zu der Freitreppe nach draußen. Ein russischer Offizier nahm es lächelnd zur Kenntnis, Harald sagte zu uns, dass dies nicht zu unserem Nachteil sein wird.
Unsere Mutter kam sichtlich erschöpft von der Feldarbeit und freute sich, als sie sah, dass wir den Raum und den Flur mit Wasser aufgewischt hatten und dass wir den Tisch gedeckt hatten. Wir dankten Gott dafür, dass wir alle noch am Leben und zusammen waren, und aßen die Reste vom gestrigen Abend auf. Wir vier hatten im Dorf und in den Ruinen trockenes Holz gesammelt, mit dem Harald im Ofen Feuer gemacht hatte, um damit das Wasser aus dem Dorfbrunnen abzukochen, damit ja keiner von uns irgendwelche Durchfallkrankheiten bekommt. Es dauerte nicht lange und wir suchten unser Schlaflager auf und schliefen selig ein. Wir wussten, dass wir am anderen Tag wieder laut geweckt werden würden und dass Friedrich und unsere Mutter wieder irgendeine Arbeit verrichten mussten.
So verging Woche für Woche und ich hatte das Gefühl, dass unsere russischen Soldaten von uns vieren nichts wollten und ich wurde merklich zutraulicher zu ihnen. Da der Ort zu der damaligen Zeit sehr klein war, besuchten wir unsere Mutter mehrmals bei ihrer Arbeit und gingen dabei immer lächelnd an den wachhabenden Soldaten vorbei. Ich war in der Zwischenzeit so keck geworden, dass ich mich vor ihnen hinstellte und salutierte; es blieb nicht aus, dass mir der eine oder andere Soldat irgendwas zum Essen zusteckte.
Unser Bruder Friedrich war dabei, neue Wände und Mauern zu erstellen, dazu wurden vorhandene Bretter als Schalung verwendet und zwischen den Zwischenraum, der bei der Außenwand ungefähr 30?cm betrug, wurde Lehm reingeschüttet. Da wir sahen, dass Stroh oder Schilf senkrecht und quer dazukamen, holten wir vier ebenso Wasser von dem naheliegenden See, gelbe Riedhalme in Massen und freuten uns, wenn wir barfuß in den Lehmmatsch treten durften.
Da unsere Mutter auch der Meinung war, dass wir vor den Soldaten nichts zu befürchten hatten, durften wir uns im Ort und Richtung See auch alleine bewegen, aber sie verbot uns strikt, alleine in ein Haus reinzugehen und der Wald war nach wie vor ein Tabu, aber da uns der Wald regelrecht anlockte – was sie bemerkte – erzählte sie uns folgende wahre Geschichte. In Hannover wurde am 25.10.1879 ein Junge mit dem Namen „Fritz Haarmann“ geboren. Dieser hat ungefähr von 1915 bis 1924 mindestens 24 Jungen in einem Alter von zehn bis ungefähr 20 Jahren sexuell missbraucht und diese danach wie ein Vampir zu Tode gebissen und ihre Körper in unzählige Stücke zerhackt und in einen Fluss namens „Leine“ geworfen. Durch Zufall hat ein Angler ein Körperteil im Schilf gefunden und dies der Kriminalpolizei sofort gemeldet, und da dieser Mann in der Vergangenheit schon wiederholte Male vor Gericht stand, fiel der Verdacht sofort auf ihn, und wie sich herausstellte, war es grausame Wirklichkeit gewesen. Am 15.04.1925 wurde dieser Mann durch das Fallbeil getötet und im Laufe der Zeit hat sogar irgendein verrückter ein Lied über diese Person geschrieben, was ich euch nun vorsingen werde, und unsere Mutter sang: Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Hackemann zu dir, mit seinem Hackebeil und macht Hackefleisch aus dir …!
Ich konnte damals schon ziemlich bildlich denken und sah im Wald hinter jedem Baum so einen Mann, auch in den wenigen Häusern, die dieses Dorf hatte. Da aber unsere Mutter wusste, dass Werner und ich noch sehr klein, kindlich und zudem sehr neugierig waren, übte sie mit Friedrich, Harald und Renate dieses Lied so lange, bis sie den Text selber singen konnten, und jedes Mal, wenn einer von ihnen das Gefühl hatte, dass Werner oder ich ein Haus betreten wollten oder uns dem Wald näherten, hörten wir sofort das Lied: Warte, warte nur ein Weilchen …! Und wir kehrten sofort voller Grausen um.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 446
ISBN: 978-3-95840-417-5
Erscheinungsdatum: 22.06.2017
EUR 25,90
EUR 15,99

Herbstlektüre