Geschichte & Biografie

Und der Löwenzahn blüht immer noch

Detlef Hellmuth

Und der Löwenzahn blüht immer noch

Die Wasserzelle

Leseprobe:

Einleitung


Die kleine Steffanie Wagendorn wird 1956 in einem kleinen Ort in Mecklenburg geboren. Behütet und von allen Bewohnern in Breitenburghain geliebt, wächst sie bis zu ihrem Schulbeginn in einer völlig unbeschwerten kleinen, für sie heilen Welt auf. Jeder im Ort kennt die Familie Wagendorn von Geburt an. Weil der Ort so klein ist, ist die Bindung der Menschen dort untereinander besonders intensiv. Mit jedem Jahr, das Steffanie dort zur Schule geht, wird ihr der massive Einfluss der Staatsideologie der DDR bewusster. Ihre Schulzeit begann etwa ein Jahr nach der Errichtung der Grenze der DDR. Enorme wirtschaftliche Engpässe, gepaart mit dem verbissenen Ziel, der westlichen Welt die Vorzüge ihrer sozialistischen Staatsform zu beweisen, zerstören immer mehr die eigentliche Bindung zu ihrer Heimat. Auf ihrem Weg zur eigenständigen Tierärztin erlebt sie die volle Härte, Verlogenheit und Brutalität der Machthaber in ihrer Heimat. Eine rein zufällige Bekanntschaft mit einem sowjetischen Besatzungssoldaten entwickelt sich zu einer unschätzbaren Hilfe und großartigen Freundschaft. Selbst ein hochrangiger Offizier der Staatssicherheit zweifelt am Handeln seiner Vorgesetzten und versucht, im kleinen Maß Menschlichkeit und Einsicht umzusetzen. Diese Geschichte zeigt, wie Menschen durch Freundschaft und Verständnis zu einem festen und untrennbaren Band zusammenfinden. Dass die Liebe, die Hoffnung und der Glaube an das Gute und Richtige in der Lage ist, menschliche Tragödien zu überstehen und trotz gegensätzlicher Weltanschauung im würdevollen Umgang miteinander gemeinsame Ziele erreichen lässt. Dies Buch ist auch eine tiefe Verbeugung vor all den Frauen, die während der DDR-Diktatur in Hoheneck so unglaublich viel Schmerz erleiden und größtes Unrecht erfahren mussten. Wir sollten diesen Frauen mehr Gehör schenken, wenn sie uns ihre Schmerzen, Nöte und noch bestehende Ängste schildern. In meinem Buch geht es um so viele Tausende misshandelter Menschen der ehemaligen DDR. Mein Hauptanliegen soll aber die Erinnerung und unsere Aufmerksamkeit an die unzähligen gefolterten Frauen aus dem Gefängnis Hoheneck sein.





Und der Löwenzahn blüht immer noch …


Dieser laue Wind, der mich beim Liegen unter Uropa Wilhelms Linde sanft umspült, ist eine zärtliche, wie durch Seide berührt, liebevolle Berührung. Oft war ich mit meiner Oma Elfriede und auch mit meinem unvergessenen, immer gutmütigen Opa Herbert hier. Oma Elfriede war die Mutter meiner Mutter. Opa Herbert der Vater meiner Mutter. Selten saßen wir hier zu dritt. Es ist wunderschön in Breitenburghain, in Mecklenburg-Vorpommern.
Als würden die beiden sich immer geheim absprechen, wer denn jetzt mit Steffi mit darf. Eigentlich ist mein richtiger Name Steffanie. Beide sagen jedoch immer „meine kleine Steffi“ zu mir. So wie alle aus unserer Familie, ja, auch fast alle Nachbarn es heute noch tun. Eigentlich ist es ja auch völlig in Ordnung. Vor einigen Wochen bin ich ja gerade mal sieben Jahre alt geworden. Fast schon ein wenig erwachsen, meint Opa Herbert. Wir schreiben das Jahr 1963. Juli haben wir jetzt.
Aber an einem so schönen Sommertag wie heute gehe ich nach der Schule gern hierher. Ich besuche die erste Klasse unserer kleinen Dorfschule. Fast fühle ich mich jetzt, nachdem ich ja schon bald die zweite Klasse besuchen werde, etwas erwachsen. Opa Herbert sagt immer: „Weist du, Steffi, mit dem Erwachsenwerden lass dir mal noch etwas Zeit. Das kriegen selbst wir Großen nach so langer Zeit oft nicht richtig hin.“
Dann macht er immer irgendwelche lustigen Sachen und zeigt mir, dass er ja eigentlich auch noch ein Kind ist. Bloß sieht er etwas älter aus als ich, meint er. Ich denke, morgen gehen wir zusammen zur Schule. „Du und ich auf einer Schulbank, was meinst du“, sagt er oft zu mir.
„Weist du, Steffi, ich wünsche dir, das du noch lange Kind bist und dir etwas davon bis ins hohe Alter aufheben kannst.“
„Warum, Opa Herbert?“
Dann erzählt er mir, wie es war, als er Kind war und seine liebe Elfriede hier, ja genau hier, unter dem Baum vom alten Horst mit ihr schon als Kind gesessen hat und wie sie gemeinsam geträumt haben.
Sein Vater und der Vater von Elfriede haben diesen Baum gemeinsam als Kinder gepflanzt.
Elfriede hat immer selbst gebackenen Kranzkuchen mitgebracht. Mit viel klein gehackten Nüssen und Rosinen. So wie ihre Mutter ihn gebacken hat, macht Elfriede den Kuchen heute noch.
„Ach, deswegen kann Mutti den so gut backen.“
„Ja, Steffi, manche Sachen vergehen zum Glück nie.“
Ach, heute ist der liebe Opa Herbert dran, denke ich, als ich ihn von Weitem über die Wiese gehen sehe. Aber da ist ja noch jemand zu sehen, Oma Elfriede ist zum großen Glück auch mit dabei. Opa trägt einen größeren Weidenkorb mit sich, abgedeckt von einem bunt karierten Tuch. Oma hat auch einen Korb dabei, jedoch viel kleiner.
Ich tu so, als würde ich schon eine Ewigkeit schlafen. Da kratzt es an meiner Wange, Opas Bartstoppeln. Oma umarmt mich wie immer.
„Herbert, du brichst dem Kind ja noch die Rippen.“
Dann geht wie schon so oft das Gegacker und Gelache los.
„Nachdem du uns ja gesagt hast, dass du nun erwachsen bist, weil du ja bald in die zweite Klasse kommst, haben wir dir ein kleines Geschenk mitgebracht. Hier, fass mal in den Korb rein, aber nur mit einer Hand, Steffi.“
Opa hält mir den Korb vorsichtig hin, und Oma hebt das Tuch ein wenig am Korbrand an. Es raschelt im Korb, aber ich kann nicht sehen, was sich da so vorsichtig bewegt.
„Ach, das ist ja ganz warm und weich, Opa Herbert.“
Oma Elfriede nimmt das Tuch jetzt ganz vom Korb, und zwei kleine, dunkele, runde Augen schauen mich lustig an.
Oma setzt mir ein kleines, schwarz-weißes Kaninchen auf meinem Schoß.
„Es gehört ab heute dir, Steffi. Mama und Papa meinen, dass du für diese große Verantwortung alt und umsichtig genug bist. Der Stall und das erste Futter stehen schon hinter eurem Haus bereit.“
Dieses kleine, liebe Tier kuschelt sich sofort auf meinen Schoß. Als wüsste es ganz genau, wo ab heute sein neues Zuhause ist.
„Danke, danke, liebe Oma und lieber Opa, ich freue mich ja so.“
„Ist schon gut Steffi“, murmelt er und dreht sich immer, weil er so gerührt ist. Keiner soll dann sein Gesicht sehen.
„Indianer weinen nie, das weißt du ja, Steffi.“
„Jetzt aber genug geheult, Herbert, der Kuchen wird sonst alt“, sagt Oma und zaubert aus ihrem Korb den feinen Kranzkuchen. Die frische Milch von unserer „Dorfkuh“ Frieda ist wie immer auch dabei.
Oma und Opa wissen genau, was ich gerne mag.
Morgen haben wir eine größere Feier in der Schule. Junge Pioniere werden wir sein. Jeder trägt dann an jedem Schultag sein blaues Halstuch. Eine große Ehre ist das, sagte unsere Klassenlehrerin Frau Heisee. Hilfsbereit, ehrlich und immer freundlich sollen wir sein.
„Du, Opa, du sagst doch, dass ich das immer schon bin, wozu brauche ich dafür ein blaues Tuch?“
„Weißt du, Steffi, ich hatte in meiner Jugend auch ein Tuch um. Kein blaues. Mein Tuch hat mir und uns allen kein Glück gebracht. Ich hoffe, dass es bei deinem blauen anders sein wird.“
Mehr hat Opa dazu nie gesagt. Fast hatte ich das Gefühl, dass sein Gesicht sofort ernster wurde, wenn ich stolz mit meinem blauen Pionierhalstuch zu ihm kam.
„Ach Kind, das sind die Pollen, die reizen meine Augen, jedes Jahr das Gleiche zur Blütezeit.“
Im Winter Pollen? Opa hat sich bestimmt geirrt. Aber Oma schaut dann auch so nachdenklich, wer weiß warum? Vielleicht sind sie traurig, dass sie nicht so eine schöne Zeit hatten und nicht so stolz ihr Pioniertuch tragen konnten.
Zurzeit besuche ich die vierte Klasse unserer kleinen Dorfschule, die den Namen „Robert Koch“ trägt. Vor zwei Jahren sind Oma Elfriede und Opa Herbert gestorben. Im gleichen Monat. Als hätten sie es gemeinsam abgesprochen. Wie fast alles in ihrem Leben. Ich gehe zu unserer alten Wiese.
Jetzt sitze ich, wie so oft alleine hier. Der einzige Begleiter, der zu diesem Ort mit mir mit darf, ist das wunderbare Geschenk von Oma und Opa. Mein liebes Kaninchen Purzel. Ich vermisse die liebenswerten kleinen Späße und Streiche von Opa Herbert. Die Zärtlichkeiten und Wärme von Oma Elfriede spüre ich heute noch. Oft denke ich, dass ich den Geruch und den Geschmack von Omas Kranzkuchen immer noch riechen und schmecken kann. Mutti backt den auch ganz fein. Aber so wie der von Oma Elfriede hat der nie wieder geschmeckt. Mit diesen beiden wunderbaren Menschen ist schon jetzt in meiner Kindheit so viel gestorben.
Morgen, am dreizehnten August 1966, ist ein sehr feierlicher Tag für uns. So sagte es uns unser Schuldirektor, der Herr Zettel. Die Lehrer sagen zu ihm Genosse Zettel.
Es ist ein feierlicher, sehr schöner und würdiger Tag für unseren Arbeiter- und Bauernstaat. Ja, besonders für unsere jungen Thälmannpioniere sagte er heute beim Schulappell: „Liebe Genossen und Genossinnen, liebe Eltern und liebe Pioniere. Ab heute trägt diese Schule den Namen Maxim Gorki. Es ist der ausdrückliche Wunsch vom Politbüro des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik unter Führung vom Genossen Walter Ulbricht, dass ich euch und sie alle dazu herzlich beglückwünsche. Eine neue Tür in eine neue Zeit wurde wieder einmal von unserer geliebten Partei mit Kraft und Nachdruck aufgestoßen.“
„Was ist eine Einheitspartei, Papa?“
„Es ist etwas, liebe Steffi, wo Mama und Papa nie Mitglied sein werden. Aber sag denen in eurer Schule das bitte nicht, das bringt nur Ärger für dich und uns.“
Oft und sehr gerne bin ich bei unseren Nachbarn. Opa Wilhelm und Oma Erna Hufnagel. Sie sagt immer Willi zu ihm und er sagt immer Ernchen zu ihr.
Die Leute im Haus gegenüber, Familie Knuth und deren zwei große Söhne, sagen immer zu mir, ich soll nicht zu ihnen hingehen. Es sind böse Leute, frühere Kapitalisten, die uns allen nichts gönnen.
„Mit solch unkooperativem Pack werden unsere Genossen leicht fertig, glaube es uns, Kind!“
Am Abend frage ich meinen Vater, warum diese lieben Leute, Opa Wilhelm und Oma Erna, unkooperatives Pack sind, die immer alles haben und uns nur Schaden zufügen wollen.
Totenstille herrscht jetzt im Zimmer.
„Opa Wilhelm und Oma Erna haben vor dem Krieg den Bauernhof ihrer Großeltern übernommen. Keine Maschinen wie heute. Harte körperliche Arbeit, 365 Tage im Jahr. Dann kam der Krieg und zerstörte alles. Nach 1945 teilten die russische Armee und deren Politoffiziere das Land neu ein. Etwa ein Viertel von ihrem Eigentum blieb den beiden noch. Alles andere Land wurde unter neu angesiedelten Dorfbewohnern verteilt. Einfach so, basta. Ohne Entschädigung der Besitzer.
Das Haus ihrer Eltern und Großeltern wurde beschlagnahmt. Schau mal da rüber, Steffi. Unser Rathaus und Sitz der Partei. Das war das Haus von Wilhelm und Erna. Trotz allem Unrecht arbeiteten beide Tag und Nacht. Einige Schweine, Kühe und etwas Getreide machten den neuen, kleinen Hof aus. Erna baute noch ein paar Kartoffeln und etwas Gemüse an. Es ging ihnen einigermaßen gut. Sie hatten nie freie Zeit für sich, nur Arbeit, wenigstens aber genug zu essen.
Dann kamen die gleichen Leute der ehemaligen Bodenreform wieder und zwangen sie unter Androhung von Gewalt in die Mitgliedschaft der LPG. Genossenschaft hieß das damals. Von der Partei geführt. Opa Wilhelm saß ein Jahr im Gefängnis, weil er sich weigerte und dies als Nazimethoden bezeichnete. Alles wurde ihnen dann genommen. Sie wohnen seitdem im alten, halb verfallenen Haus neben uns. Ein Wohnzimmer und eine Küche sind noch bewohnbar. Wasser und Toilette auf dem Hof. Aber das weißt du ja. Du bist ja öfter bei ihnen. Ich war es als Kind auch sehr gerne, da hatten sie noch den Hof. Geh zu ihnen, wann und sooft du willst, Steffi. Das ist niemals falsch. Höre nicht auf das, was dir die anderen Leute sagen. Vielleicht kommt mal der Tag, an dem sich für alle Welt zeigen wird, wer hier das Unrecht begeht. Ob ich das je erleben werde?“
Der nächste Tag in der Schule brachte einige Neuigkeiten. Da wir schon zehn Jahre alt sind und die vierte Schulklasse besuchen, wird es Zeit, sich in Vorbereitung der ehrenvollen Mitgliedschaft in die Partei der Jugend FDJ, in vier Jahren, klar und deutlich zum sozialistischen Staat zu bekennen. Mitschüler, die heimlich und in ihrer Freizeit Feinde unseres Staates besuchen, sollten jetzt und genau in diesem Moment nachdenken wo sie staatspolitisch stehen. Und er meinte mich damit.
Unser Schuldirektor Herr Zettel kam zu meiner Schulbank, stellte sich deutlich sichtbar vor mir und sah mich starr und zornig an.
„Merke dir ab sofort, Steffanie Wagendorn, die du als Oma Erna und Opa Wilhelm bezeichnest, sind deine und unsere Feinde. Staatsfeinde, nicht deine Familie! Das gilt für immer und ewig! Wenn ich dich richtig verstanden habe, Steffanie Wagendorn, möchtest du gerne ab morgen die Kasse der Solidarität mit dem vietnamesischen Brudervolk führen. Dazu gehört natürlich auch die Sammlung der Gelder, die durch den Verkauf der Solidaritätsmarken für unsere vietnamesischen Kampfgenossen und Genossinnen anfallen. Dass du durch die tägliche Mitgestaltung der Wandzeitung klare politische Haltung erkennen lässt, durfte wohl ein Grundanliegen von dir und deinen uneinsichtigen Eltern sein. Der Gruppenrat der Klasse und der Zeitungs- und Politagitator haben dem Wunsch von dir einstimmig zugestimmt. Also, Steffanie Wagendorn, antworte, wir alle hören dir jetzt genau zu.“
Mein sehnlichster Wunsch war es zu dieser Zeit, später einmal Tierärztin zu werden. Zurzeit habe ich in meinem Schulzeugnis einen Gesamtnotendurchschnitt von 1,2.
Die Grundlage, um mit Beendigung der achten Schulklasse die EOS (Erweiterte Oberschule) zu besuchen, ist also vorhanden. In vier Jahren könnte ich als ausgesuchte Schülerin diese Schule zur Vorstufe für ein anschließendes Studium besuchen. Sofern ich delegiert werde. Das entscheidet die Partei, der Schulleiter und natürlich die liebe FDJ. Die Schulnoten sind dabei nur untergeordnet.
„Ja, das mache ich sehr gerne, Herr Zettel. Aber warum darf ich jetzt nicht mehr Opa Wilhelm und Oma Erna besuchen? Warum sind sie Staatsfeinde?“
„Was“?, schreit Herr Zettel völlig entrüstet und außer sich.
„Du weißt nicht, warum dieses Lumpenpack unsere Feinde sind? Der Klassengruppenrat sowie der Agitator in zehn Minuten bei mir. Sonderbesprechung. Eure Klassenlehrerin Frau Riedele kommt mit. Offensichtlich ist sie trotz des ihr von der Partei entgegengebrachte Vertrauens nicht in der Lage, euch einen klaren und sauberen Standpunkt in unserem Staat zu vermitteln. Strobel, hier, nehmen Sie meinen Wagen und holen unverzüglich Steffanies Eltern von der Arbeit her. Ich werde den Genossen Werkleiter und die Parteikreisleitung über diesen Vorfall sofort informieren.“
Fast habe ich das Gefühl, die Balken der Zimmerdecke stürzen auf mich ein. So müssen sich die kleinen jüdischen Kinder im sogenannten Dritten Reich gefühlt haben. Zumindest wurde uns das immer so erklärt und gelehrt. Wir sollen doch immer ehrlich sein und alles darf gefragt werden!
Zwanzig Minuten später werde ich in das Direktorenzimmer gerufen. Alles was hier gesprochen wird, wird durch die Sekretärin von Herrn Zettel notiert. Der Klassenrat plus Politagitator, der schulische FDJ-Sekretär, unsere Klassenlehrerin Frau Riedele und meine Eltern saßen dort.
Zorngerötet steht Herr Zettel da und spricht mit gestelltem Entsetzen über die Situation.
„Sehr verehrte Genossen und Anwesende. Dass wir der Klassenleiterin Frau Riedele die Leitung der Klasse 4b entzogen haben, verbunden mit einem strengen Verweis, darf und muss nicht verschwiegen werden. Ihr habt ja schon erfahren, was diese Maßnahme notwendig machte.
Die parteilosen Eltern von Steffanie, Herr Uwe Wagendorn, Bereichsleiter im VEB Agrartechnik und Frau Ines Wagendorn, Sekretärin beim VEB Plattenbau 7. Oktober, sind trotz fehlendem Bekenntnis zu unserem Arbeiter- und Bauernstaat sehr überrascht über die politische Sachlage und dem kriminellen Verhalten der Bürger Wilhelm und Erna Hufnagel. Hufnagels sind eindeutig durch ihr über längere Zeit gezeigtes Fehlverhalten gegenüber unserem Staat Staatsfeinde. Es ist die sofortige Aufgabe der Eheleute Wagendorn, dies eindeutig ihrer Tochter Steffanie nachhaltig zu vermitteln. Ansonsten werden wir, die Partei der Arbeiterklasse, dies sofort übernehmen. Es wäre schade, wenn unsere Partei der Arbeiterklasse solche guten Schulleistungen der Kinder bei der Aufnahme in die FDJ und der EOS unberücksichtigt lassen müsste. Ein großer Verlust für uns alle. Denn wir, ja genau wir, haben uns intensiv um Steffanies Bildung bemüht. Darum darf unser Staat auch eine klare Grundhaltung erwarten. Wie soll ein junger Bürger von uns wichtige Aufgaben anvertraut bekommen, wenn er und seine Familie mit sich und uns allen nicht im Reinen sind? Wenn die Eltern hartnäckig eine eindeutige Zugehörigkeit zu uns verweigern. Erfreulicherweise haben sich die Eheleute sofort bereit erklärt, dieses Missverständnis ihrer Tochter mit ihr unverzüglich zu bereinigen. Steffanie, du hast für den Rest vom Schultag frei. Wäre es nicht jetzt an der Zeit, Familie Wagendorn, durch ein eindeutiges Bekenntnis zur Sozialistischen Einheitspartei unseres Staates eine klare, überfällige Haltung zu zeigen? Gut. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Notieren Sie es, Frau Fillau. Auf Wiedersehen, Familie Wagendorn, wir sprechen uns noch, verlassen Sie sich darauf! Genossen, ihr bleibt bitte noch da.“
Zu Hause angekommen, bat mich mein Vater, ab sofort nicht mehr am Tag, wo mich jeder in unserem kleinen 500-Seelendorf sehen kann, zu Oma Erna und Opa Wilhelm zu gehen. Außerdem werden sie ab jetzt jeden Sonntag zu uns zum Essen kommen.
„Dann ist eben abends Mittag“, sagte meine Mutter.
„Genauso ist es. Sonntagmittag ist bei uns jetzt Sonntagabend“, sagte ebenfalls mein Vater.
„Weißt du, Steffi, wir müssen hier vorsichtig sein. Wir alle wollen, dass du einmal Tierärztin wirst. Die sogenannten Kommunisten drehen hier derart durch, dass du jetzt einfach etwas mitschwimmen musst. Leider. Das bedeutet nicht, sich selbst zu verraten, aber zu überleben und seine Ziele doch zu erreichen. Mutti und ich verstehen dich, glaub uns.“
Wochenlang ging das ganz gut, dass Sonntagmittag bei uns der Abend mit Oma und Opa Hufnagel war. Meine Leistungen sackten in ihrer Bewertung für einige Zeit ab. Später – ich kassierte jetzt die „Solimarken“ für Vietnam und betätigte mich bei der täglichen Aktualisierung der Wandzeitung – war alles wieder normal. So empfand ich das zumindest. Welch trauriger Irrtum.
Etwa sechs Monate später, wir hatten einen bitterkalten Februartag, kam ich von der Schule nach Hause. Staatsbürgerkunde gehörte jetzt als neues Unterrichtsfach zu unserem Lehrplan. Wer, wenn nicht unser Direktor Herr Zettel lehrte uns jetzt die Vorzüge und Errungenschaften vom sozialistischen Staat. Die unverrückbare Freundschaft zum Bruderstaat UdSSR (Sowjetunion) wurde mehr als nur betont. Nach solch einer, wie mein Vater sagte, „Rotlichtbestrahlung“ oder Gehirnwäsche freute ich mich jeden Tag, das kleine heimliche Winken von Oma und Opa Hufnagel zu sehen. Unser kleines Geheimzeichen. Fast schon eine mehr als nur liebevolle Geste. Ja ich liebte diese beiden alten Menschen sehr. Opa Wilhelm und Oma Erni. Immer roch es nach würzigem Zimt und anderen Gewürzen. Oma Erna backte jeden Tag. Immer lag etwas davon früh am Morgen in meiner Schultasche. Wie von Zauberhand. Sogar unser Schuldirektor Herr Zettel aß, angeregt vom wunderbaren Geruch aus meinem Schulranzen, davon und lobte die Backkunst meiner Mutter.
„Wer so backen kann, muss einfach Genossin werden, sag das mal deiner Mutter“, sprach er und verschlang lachend den Rest aus meiner Brotdose. Zum Glück wusste er ja nicht, wer diese wunderbare Bäckerin war. Die Klasse lachte und applaudierte natürlich mit. Obwohl die meisten es nicht lustig fanden. Aber Unterwürfigkeit ist für viele alles. Es ist Schulschluss und ich gehe nach Hause.
Meine Eltern waren zu dieser Zeit ja noch auf ihren Arbeitsstellen tätig. Etwa 14 Uhr war es jetzt gerade.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 462
ISBN: 978-3-95840-590-5
Erscheinungsdatum: 19.02.2018
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