Geschichte & Biografie

Sprung oder Leben

Henning Von Rosen

Sprung oder Leben

Leseprobe:

Ich hatte alles bis ins Detail überlegt. Ich war den Weg immer wieder in Gedanken abgefahren. Und den Weg nach oben gelaufen. Meinen Weg.
Hoch auf den Berg. Ganz weit oben, bis es nicht mehr weiter ging. Zum Felsvorsprung. Hier müsste es sicher sein, hier müsste er sicher sein.

Der Parkplatz war ein gewöhnlicher Wanderparkplatz mit Platz für etwa zwanzig Autos und ich glaube, zwei Mülleimern. Groß genug, dass mein Auto am 12. Dezember dort einen Platz finden würde. Sicher einen Platz finden würde.
Von dort ging es zuerst etwa zwei Kilometer an einem Bachlauf entlang – links der Bachlauf und rechts ein zunächst spärlicher Wald, der sich dann immer mehr zu einem kräftigen Mischwald verdichtete. Es herrschte eine wunderbar friedliche Stimmung hier im Tal.
Nichts war in Unordnung. Herrlich die Aussicht auf die vor mir aufragenden Bergketten. Wunderbar, wie der Berg vor mir sich zunächst sanft und liebevoll zur Höhe formte und dann jäh aufstieg zu einem majestätischen Felsungetüm.

Ich war jetzt auf einer Halbhöhe, von der man ins andere Tal blicken konnte – unten lag noch im Halbschlaf ein kleines Albdorf, in dem ein erstes Morgenerwachen zu erkennen war. In ein paar wenigen Häusern brannte schon Licht. Über dem Dorf lag noch der sanfte Schleier eines Morgennebels. Es war 05.30 Uhr.
Der Weg wurde jetzt immer steiniger und schmaler – ich spürte langsam den Anstieg.
Die Riemen des Rucksacks begannen sich allmählich in meine Schultern zu graben und entzogen mir erste Energien des noch jungen Tages. Im Rucksack befand sich eigentlich nur wenig: etwas zu trinken, zwei Scheiben Vollkornbrot mit Ziegengouda, ein Apfel, ein Müsliriegel und das Nötigste für meine letzte Nacht.
Ich hatte mir viele Varianten überlegt. Aber der Sprung – der war es. Es war meine klare freie Entscheidung, so mein Leben zu beenden.
Ich weiß nicht mehr, wie der Weg wirklich weiterging. Ich war jedenfalls auf einmal auf dem Felsungetüm. Da war die Hütte. Für meine letzte Nacht. Und da der Berg.
Es war Samstag 17.30 Uhr. Alles war klar geregelt – ich hatte den Brief an meine Frau Sabine, den letzten Brief, noch unten an der Bergstation in den Briefkasten geworfen. Alles war sicher. Sie würde ihn erst am Montag erhalten. Und mein Sprung würde am Sonntag sein. Sie würden mich nicht mehr retten können. Das war mir ganz wichtig. Ich wollte das erste Mal in meinem Leben sicher sein. Ich wollte das erste Mal in meinem Leben mir sicher sein.
Es war ein friedlicher Ausblick. Es muss der erste Vogel gewesen sein, den ich hörte, und noch einer – es war wie Frühlingserwachen –, ich war traurig und glücklich zugleich. Aber meine Entscheidung war klar. Ich hatte ihn schon hundert Mal geprobt – bis ganz unten zum Aufprall – wo mein Körper aus etwa zweihundert Metern Höhe durch die Wucht und die Beschleunigung mit 9,8?m/s² zusammengestaucht, gerissen, zerrissen wurde, immens viel Blut verlor und sein Leben lassen musste. Aber das war mir alles zu unsicher. Daher hatte ich mir vorgenommen, kopfüber mit den Händen voraus hinunterzuspringen – so wie damals im Freibad, als Papi unten stand und ich meinen ersten Köpfler vom Dreimeterbrett gemacht hatte.
Das musste sicher sein.
Ich würde kurz vor dem Boden die Arme zurückziehen und somit frontal mit meinem Kopf auf den nackten Boden knallen. Nackter harter Steinboden. Mein Kopf würde zerplatzen, meine Halswirbelsäule brechen. Das war todsicher.

Es war dieser süße, cremige, schokoladige Geschmack, der sich ganz langsam in meinem Mund entfaltete und knapp unterhalb vom Gaumen seine Vollendung fand.
Am liebsten bin ich immer direkt mit dem Finger ins Glas gegangen und von dort direkt in den Mund.
Meist bekam ich diesen Himmelsbalsam nur zum Geburtstag, ganz für mich alleine – sonst konnten wir ihn uns nicht leisten bei vier Kindern. Und mein Vater verdiente, glaube ich, auch nicht so viel. Nuss-Nougat-Creme. Das war’s. Das war für mich damals die höchste Form der ganzheitlichen Verwöhnung.
Ich war das jüngste von vier Kindern. Ein Nachzügler. Rastatt, Kreiskrankenhaus, frühmorgens, 29. März 1958, 4,6 Kilo.
Mein Vater wollte eigentlich gar kein Kind mehr nach den dreien.
Mit irgendwelchen Tricks – ich glaube, sie gab vor, dass man gerade nicht aufpassen müsste, gelang es meiner Mutter, ihren späten Wunsch in die Wirklichkeit umzusetzen.
Ihr spätes Wunschkind durfte entstehen.

Drei rote Rosen – ein einfaches und schlichtes Wappen – ein einfacher und schlichter Name: Henning, Alexander, Reinhard, Hans, Freiherr von Rosen. Altes preußisches Adelsgeschlecht.
Schon früh wurde bei mir beziehungsweise uns mit der Bewusstmachung begonnen, dass wir nicht als gewöhnliche Menschen geboren worden waren, sondern unserem Namen und unserer Herkunft entsprechend Würde zu tragen hatten. Du mit deinem Namen, hallt es mir heute noch in meinen Ohren – wir lernten früh die wichtigsten Benimmregeln und Umgangsformen. Es wurde uns immer wieder bewusst gemacht, dass wir nicht irgendjemanden mit irgendeinem Namen als Partner nehmen sollten, sondern möglichst einen aus Adelskreisen.

Es war ein kleiner Club in der Innenstadt von Stuttgart. Club Kuckuck hieß er. Die Fassade hatte einen blassroten Anstrich, und es war, als könne man ihr die vielen Erlebnisse ansehen, die sie im Laufe der Jahre im Rotlichtmilieu mitbekommen hatte.
Es war ein schöner Julisommertag 2007. Meine Tour führte mich durchs Bohnenviertel, einer Mischung aus Rotlicht, Bars und Jazzclubs. An den Hauseingängen lungerten mit Mühe zurechtgemachte weibliche Gestalten, die versuchten, ihr letztes Potenzial an Erotik mit Glanz zu versehen.
„Hey, wie wär’s denn mit uns zwei? Fünfzig Euro mit allem!“ Klingt nicht schlecht, dachte ich, aber die Frau wollte ich nun wirklich nicht mit allem. Aber es war heute so ein Tag, da wollte ich mir eine aussuchen. Einfach so. Ich hatte bisher nur einmal in meinem Leben Sex mit einer Prostituierten gehabt – und der war langweilig gewesen. Aber heute ist heute und jetzt ist jetzt. Ich ging mit einer ganz neuen Einstellung an die „Sache“ ran. Ich wollte es einfach noch mal wissen.
Es ging eine schmale Treppe hinauf. Oben angekommen waren überall Zimmer zu erkennen. Die meisten Türen waren geschlossen. Aber die erste Tür, gleich am Anfang des Flurs, die war offen. Ich schaute vorsichtig rein – auf dem Bett saß eine brünette junge Frau, wohl lateinamerikanischer Herkunft, die kurz teilnahmslos zu mir rüberschaute. Aber war da nicht ein kleines Lächeln gewesen?
Ich ging erst mal weiter, mal schauen, ob’s noch was Besseres hat. Wieder die Treppe hoch. Auch hier die meisten Türen geschlossen. Mann, hier wird ganz schön gearbeitet, dachte ich mir – oder ist dieser Puff schlecht besetzt? In zwei Zimmer konnte ich noch reinschauen, aber die machten mich nun wirklich nicht an.
Die Kleine von unten. Ja, zu der würde ich noch mal gehen. Ich stand vor ihrer Tür – mein anfängliches Selbstbewusstsein war etwas gesunken. Sie schaute mich an und sagte nur: „Hello, come in.“ Ich ging rein.

Mein Vater hatte mich immer wieder dazu angespornt, ein ordentlicher Junge zu sein – so ein richtiger Junge – mit Mut und so.
Es machte mich immer wieder an, wenn ich ihm sportliche Leistungen präsentieren konnte. Freischwimmer, Fahrtenschwimmer, Jugendschwimmer.
Ich genoss seine Anerkennung, wenn ich meine sportlichen Leistungen oder auch Mutproben noch weiter steigerte. Noch mutiger, stärker, noch höher.
Er wäre als junger Mensch gerne zum Militär gegangen, so wie sein Bruder, der es bis zum Brigadegeneral geschafft hatte. Mein Vater hatte jedoch damals einen Gehirntumor, gutartig. Nach der OP hatte er jedoch gewisse Einschränkungen, die es ihm verboten am Militärdienst teilzunehmen.
An einem Sonntag, es war, glaube ich, so mit neun Jahren, stand ich auf dem 7,5-Meter-Turm des Sindelfinger Freibads. Papi unten. Bisher hatte ich es nur bis zum Fünfmeterbrett geschafft. Es war ein tolles Gefühl – so weit oben.

Club Kuckuck.
Höher und noch höher – wie damals im Freibad mit Papi –, dazu brachte sie mich.
Im Hintergrund lief lateinamerikanische Musik. Es war ein kleines Zimmer – aber mit einem großen Bett, um das nur ein etwa ein Meter breiter Gang war. Zwei Kommoden, ein Fernseher, eine Musikanlage, zwei Stühle. Sonst nichts.
Sie zeigte auf den einen Stuhl. Ja, auf den sollte ich meine Kleider ablegen.
Ein bisschen Deutsch konnte sie. Aus Venezuela stamme sie, sagte sie. Ihr Alter war schwer zur schätzen – zwischen 22 und 28. Sie wirkte jedoch schon so abgeklärt, als wäre sie schon zwanzig Jahre im Geschäft.
So war auch die Preisverhandlung gleich zu Beginn verlaufen, kurz und knapp.
„Was willst du geben?“, fragte sie mich.
Ich war so hingerissen von ihrem jungen, schlanken Latinokörper, dass ich mein Preisangebot sofort erhöhte, als sie versuchte sich auf „nur“ gewisse Handlungen zu beschränken.
Die Latinorhythmen wurden lauter gedreht – auf einem Einwegtuch entdeckte ich ein Kondom.
Ihre Bewegungen begannen sich immer mehr dem Latinorhythmus anzupassen, während sie die letzten Vorbereitungen traf. Ich wurde immer mehr in einen Hauch von Karibik getaucht, das kleine Zimmer wurde regelrecht in Wallung versetzt.
Sie hatte geschickte Hände – jeder Handgriff saß. Ihr fester, aber zugleich sanfter Lippendruck an meiner empfindlichsten Stelle ließ auch den letzten Hauch von Nervosität in mir weichen. Ich vertraute mich ihr an – dieser fremden Frau.
Und ich begann Berge zu erklimmen, höher, noch höher, doch der Anstieg war so leicht. Für eine kleine Ewigkeit tauchte ich ein in die Welt der zuckersüßen Träume.

Ich habe Wendy später noch einmal wieder besucht. Sie war gerade aufgestanden.
Es war so gegen 15.00 Uhr. Sie war ungeschminkt, ungekämmt, nicht fürs „Geschäft“ hergerichtet.
Sie wirkte wie ein kleines Kind. Sie hatte noch nicht das Kostüm der reifen Prostituierten angezogen. Verstört, fast depressiv saß sie auf ihrer Bettkante. Sie tat mir leid. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihr und erfuhr, dass sie noch eine zwölfjährige Tochter in Venezuela hat, und die wollte sie bald besuchen. Sie sparte für den Flug. Ich gab ihr fünfzig Euro und wünschte ihr alles Gute.
Wochen danach versuchte ich noch einen Kontakt zu ihr aufzubauen, außerhalb ihrer Arbeit. Aber sie lehnte ab und sagte, sie habe keine Zeit für Freundschaften, sie müsse arbeiten – Wendy aus Venezuela.

Wir hatten schöne Hinterhöfe. Herrlich verwinkelt und überall immer wieder kleine Vordächer, auf die man hochklettern konnte.
Obwohl mir bewusst gemacht worden war, dass ich etwas Besonderes bin, durfte ich auf der Gasse mit den ganz „normalen“ bürgerlichen Kindern spielen.
1962 waren wir hierher in den Stuttgarter Westen gezogen, in ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus aus den Zwanzigerjahren. Mein Vater hatte hier eine Stelle als Landesgeschäftsführer des evangelischen Männerwerks bekommen – mit Dienstwagen. Einem VW-Käfer. Dieser war dann auch das Familienauto für unsere sechsköpfige Familie. Etwa bis zum sechsten Lebensjahr war mein Platz hinter dem Rücksitz in der Gepäckablage. Aber ich saß gern da. Man konnte da so toll hinten aus dem ovalen Fenster rausschauen, und ich sah, wie die Straße mit den Autos drauf einfach so wegfloss.
Der Hof war unser Hauptspielbereich. Im Haus und in der Nachbarschaft hatte es immer genügend Kinder, sodass wir vom Fußball über Räuber und Bolle oder ganz einfach Verstecken immer ein spannendes Spielprogramm hatten. Beim Fußball war das Tor die hölzerne Garagentür, die so lange beschossen wurde, bis irgendwo an einem Fenster wieder ein genervter Nachbar erschien und „Ruhe“ brüllte.

Der Eintritt in die Schule kam für mich eindeutig zu früh. Ich war gerade sechs geworden – es war die Zeit der Kurzschuljahre.
Es war mir, als hätte mich jemand am Kragen gepackt und mitten aus einem Spielplatz mit vielen spielenden Kindern he­rausgerissen und in ein großes Haus mit vielen Bänken und vielen Stühlen drin gesteckt, das man Schule nennt. Irgendwie war mir, als hätte ich mein Spiel noch nicht zu Ende gespielt.

Und so erging es mir auch die erste Zeit in diesem komischen Gebäude – Falkertschule, Klasse 1?a.
Ich war häufig geistig abwesend – es ging mir alles zu schnell und für was war das alles hier gut?
Heute war wieder so ein Tag. Ich war zwar da, aber in Gedanken eigentlich ganz woanders.
Der Unterricht begann. Rechnen. Herr Metz, unserer Klassenlehrer, schrieb irgendwelche Zahlen an die Tafel. Ich schaute an die Tafel, er erzählte irgendetwas dazu – ich verstand nichts.
Mein Blick schweifte ab Richtung Fenster – ich vernahm nur noch aus der Ferne die monotone Stimme des Lehrers. Ich erhaschte den Kastanienbaum direkt vor unserem Klassenzimmer. Wie Hunderte von Igeln hingen sie da. Die Kastanien. Es war ein großer alter Baum – gesund, mit kräftigem Stamm und einer riesigen Baumkrone. Ja, und jetzt war er übersät mit einer Unmenge von Kastanienfrüchten. Wie Igel. Und wenn man durch den Baum durchschaute, konnte man hinten auf das lang gezogene Dach des Schulgebäudes blicken, das gleich neben unserem Klassenzimmer um die Ecke bog. Viele rote Dachziegel hatte es, aber zwischendrin waren auch ein paar schwarze. Im Kastanienbaum entdeckte ich jetzt zwei Vögel, die wohl irgend so ein Fangspiel miteinander spielten. Sie machten immer ein Riesengeschrei, wenn sie zusammenkamen. Der eine von ihnen hatte hinten so eine blau-gelbe Schwanzfeder. Wumm!!!
Ein glutheißer Strom verbunden mit einem ekelhaften Schmerz durchflutete meine rechte Wange. Tränen schossen mir ins Gesicht. Wo bin ich? Was war passiert? Verschwommen sah ich durch meine tränenüberfluteten Augen eine große Gestalt vor mir stehen – der Arm, die Hand noch im Rest der letzten Handlung verharrt. „Du sollst hier aufpassen und nicht rumträumen“, brüllte die Gestalt mich an. Ich erkannte jetzt meinen Lehrer. Herrn Metz.

Dieser widerliche Schlag ins Gesicht. Ich weiß nicht, wie oft mir das passiert ist. Aber auf jeden Fall war es immer ekelhaft.
Ich glaub, im zweiten und dritten Schuljahr bin ich besser mitgekommen, aber das erste Schuljahr war das schlimmste. Als ich dann die vierte Klasse mit Ach und Krach geschafft hatte, sollte ich aufs Gymnasium. Einer wie ich, mit dem Namen, musste doch Abitur haben.
Es gab ein Probehalbjahr. Und das war’s dann auch. Ich hatte null Chancen.

Zurück auf die Hauptschule. Mit Sitzenbleiben und allem Drum und Dran hatte ich dann irgendwann so gute Noten, dass ich auf die Realschule wechselte.
Und die Mittlere Reife habe ich dann auch einigermaßen geschafft: 3,4.

Mit fünfzehn sah ich aus wie ein Mädchen. Es war die Flower-Power-Zeit und „alle“, vor allem die Rockstars, hatten lange Haare. Ich wollte auch „in“ sein. Also ließ ich mir die Haare wachsen. Es war ein ganz schöner Kampf mit meinem Vater.
Als wir noch jünger waren, wandte mein Vater einen ganz besonderen Trick an. Er hatte seine Vorstellung von einem „ordentlichen“ Jungenhaarschnitt. Am liebsten militärischer Kurzhaarschnitt. Hinten weit hochrasiert mit weiten Übergängen an den Ohren, dass man wirklich wie geschniegelt aussah.
Vaters Trick:
Wenn wir zum Friseur mussten, ging er immer schon vorher hin und gab dem Friseur exakte Anweisungen, wie der Schnitt auszusehen hatte. Als wir dann beim Friseur ankamen, sagten wir natürlich, was wir wollten: „Beatfrisur, so mit Haaren über den Ohren.“ Der Friseur meinte dann immer bloß, ja, ja, alles klar, er wisse schon – und wir wunderten uns, dass wir jedes Mal mit dem gleichen Schnitt wieder rauskamen. Preußischer Militärhaarschnitt.

Mit fünfzehn hatte ich es dann geschafft. Ich weiß nicht, wie, aber ich hatte mich einfach durchgesetzt. Schließlich hatte mein großer Bruder auch lange Haare.
Irgendwann waren meine Haare fast schulterlang, dazu ein Mittelscheitel. Ich hatte noch dazu ein so richtig liebes, weiches Gesicht mit süßem Schmollmund. Ich glaube, ich hatte bei Männern echte Chancen. Und so war’s dann auch.
Wenn ich unterwegs war, schauten mich die Leute und vor allem die Männer immer so seltsam an. Am Anfang dachte ich mir nichts dabei. Aber dieses Getuschel war immer da. Vor allem bei Veranstaltungen. Bis ich eines Tages mal heraushörte: „Sag mal, ist das ein Junge oder ein Mädchen?“
Mir fuhr es durch alle Glieder. Sind die bescheuert?
Ab da verstellte ich meine Stimme, die zu diesem Zeitpunkt noch eher engelhaft klang. Ich veränderte meinen Gang und versuchte aus meinen X-Beinen durch geschickte Gewichtsverlagerung wenigstens einigermaßen O-Beine zu machen. So wie sie eben richtige Männer haben. Mein Gesichtsausdruck verdunkelte sich und ich guckte bewusst ernst und hart, mit heruntergezogenen Augenbrauen.
Ich musste einfach als Mann erkannt werden oder zumindest als Junge.
Ich begann auf einem Rudergerät zu trainieren, das wir zu Hause hatten, und stopfte bewusst alles in mich rein, was ich so zu essen bekam. Ich musste männlich werden. Möglichst schnell.

Es war ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Angst und Neugier.
Seine Hand schob sich ganz langsam tastend an meinem Körper entlang und bahnte sich dann einen Weg unter den Gummizug meiner Schlafanzugshose bis zu dem Ort, an den er wollte. Ich hatte es mir schon selber gemacht. Aber ein anderer Mensch war noch nicht in die Region vorgedrungen. Diese Region war für mich als junger Mensch noch mit einer Mischung aus Kennenlernen, Ablehnung und Anziehung behaftet.

Er hieß Bernhard und war achtzehn. Er war eine Art Hausfreund von uns. Er war eigentlich immer da. Fast immer. Und er kannte tolle Tricks.
Heute Abend saß ich mit Bernhard alleine in meinem Zimmer. Meine Mutter war schon zu Bett gegangen, mein Vater nicht da und auch sonst niemand in der Wohnung. Nur wir zwei waren noch wach. Es muss schon ziemlich spät gewesen sein – so 23.00 Uhr. Bernhard zeigte mir noch einige von seinen tollen Tricks.
Zum Beispiel, wie man eine runtergerauchte Zigarette durch geschicktes Zirkeln mit einem Dreh in den Mund schwenkt und dann wieder raus. Oder wie man mit dem Zigarettenrauch Ringe so bläst, dass die einen Ringe durch die anderen durchgehen. Und dann etliche Kartentricks. Ich war jedes Mal fasziniert mit meinen fünfzehn Jahren.
Irgendwann sagte ich Bernhard, dass ich jetzt ins Bett ginge, weil ich müde sei. Er fragte, ob er noch etwas bleiben dürfe – er sei auch ganz leise. Ich bejahte. Mein Bett stand direkt neben dem Tisch, an dem wir gesessen hatten.

Bernhard hatte mal einen Annäherungsversuch bei meiner Schwester Annette gemacht beziehungsweise umgekehrt. Aber irgendwie war es nie richtig zu etwas gekommen. Annette hatte damals gesagt, dass er immer so komisch reagiert hätte, wenn sie ihm körperlich nahe gekommen sei.
Heute Nacht kam Bernhard mir nahe.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 82
ISBN: 978-3-99003-106-3
Erscheinungsdatum: 24.02.2011
EUR 13,90
EUR 8,99

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