Geschichte & Biografie

Nicht jeder trägt die gleiche Last

Monika Schreiber

Nicht jeder trägt die gleiche Last

Eine Familiengeschichte

Leseprobe:

An einem lauen Maienabend begleitete ich meinen Vater unlustig zur Grillparty des Seminars, da Mutti doch unbedingt einen Aufpasser für Vati brauchte! Schüchtern drückte ich mich in die hinteren Reihen, den Tumult aus der Ferne beobachtend erwachte doch plötzlich mein Interesse. Zum Abendprogramm gehörten kleine Einlagen verschiedener Art von den Studenten, die in der geöffneten Garage mit bunter Beleuchtung präsentiert wurden. „Auf der schwäbischen Eisenbahn“ wurde von einem jungen Mann in Kniebundhosen und Janker lauthals, schwungvoll und mit wohlklingender Stimme gesungen. Sein geschickter Versuch, die Gesellschaft etwas aufzumuntern, war gelungen.

Es lag etwas in der Luft.

Mein Herz begann zu klopfen, gebannt lauschte und beobachtete ich den Künstler. Nun war der Abend nicht mehr ganz so schrecklich, sondern aufregend. Ganz allgemein nahm das Interesse an der schüchternen, nett aussehenden Tochter des Herrn Professors zu, auch der Sänger rückte näher. Wie es immer so ist, war dann das Grillfest plötzlich viel zu schnell zu Ende. Für meinen Vater allerdings viel zu spät, der Blick in das Glas war tief gewesen. Ganz generell war es die Zeit ausgiebigen Alkoholgenusses in der Bevölkerung, einerseits des Vergessens wegen, anderseits hatte man wohl Nachholbedarf auf Whisky & Soda, verbunden mit vielen Zigaretten, machte man einen weltmännischen Eindruck. Die Alten sowie die Jungen.

Deutschland mauserte sich im Ansehen der Weltpolitik, unsere Wirtschaft kam in Fahrt, unsere Abbitte bei den Völkern wurde ernst genommen. Ein Wiedergutmachungsprogramm war der Aufbau einer Entwicklungshilfe für die 3. Welt. Dafür wurden ein eigenes Ministerium und eine Organisation Gawi – Gesellschaft für Entwicklungshilfe – geschaffen. Junge Pioniere meldeten sich zuhauf. Getestet, geprüft, untersucht, für tauglich befunden, absolvierten sie bei uns am Tropeninstitut eine Kurzausbildung als Vorbereitung für ihren Auslandsaufenthalt. Mein Vater war einer der Ausbilder, inzwischen Professor der Gesamthochschule Kassel.
Eine wiederholte Aufpasser-Rolle spielte ich auch auf der Fahrt nach Berlin, eine Exkursionsreise der abgehenden Studenten. Juni 1965. Wir waren zur Besichtigung nach Ostberlin eingereist, eine immer sehr gefährliche Unternehmung mit einer Gänsehautatmosphäre. Der Kampf Ost und West nahm kein Ende, wurde geschürt durch ungerechtfertigte Festnahmen, durch Schüsse an der Grenze, durch geheimnisvolles Verschwinden vieler Menschen, Machtdemonstrationen der Sowjetunion in Form von gnadenloser Niederschlagung des Volksaufstands am 17. Juni 1953 sorgten für Einschüchterung der Ostbevölkerung. Aber auch wir aus dem Westen bekamen schon an der Grenze und bei der Durchfahrt der Zone bis Berlin einen Vorgeschmack der Willkür.
Mit strikten Verhaltensregeln ausgestattet besuchten wir in Ostberlin den Alexanderplatz, besichtigten die Umgebung, nahmen die Armut und das Elend traurig wahr, ohne die Möglichkeit, helfen zu können. Das schlechte Wetter trug noch zur traurigen Stimmung bei, so wurde die Besichtigungstour noch kürzer und gerne versammelte sich die Gruppe in dem einzigen Café mit Westwährung. Auch mein Vater und ich suchten bis zur Abfahrt der S-Bahn dort Unterschlupf. Gedämpftes Murmeln empfing uns, keiner wagte aus Angst laut zu sprechen, nur einer klopfte auf den Tisch und prangerte das kommunistische Regime an. Die Stasi-Polizisten, in schwarze Ledermäntel gehüllt, kamen dem Tisch immer näher.
Mein Vater, verantwortlich für die Lehrgangsteilnehmer, suchte nach Rettung. Seiner Blitzidee gehorchend ging ich unwillig zum Tisch, denn ich hatte den „Sänger“ erkannt, meine Ohren glühten, kein Wort hätte ich herausgebracht, das war auch nicht nötig, der junge Mann sprang auf, stellte mich als seine Verlobte vor, die Pflicht würde nun rufen und umschlungen eilten wir im irrigen Tempo aus dem Café, Richtung S-Bahn, die auch gerade einfuhr, wir sprangen hinein und schon waren wir auf dem Weg in die rettende Westzone. Einziger Kommentar des Herrn: „Das war knapp.“
Als Dank für seine Rettung lud er mich abends zum Essen ein.
Wie ein Mann von Welt ging er mit mir in das Restaurant im Hotel Hilton, hoch über den Dächern von Berlin, eine beeindruckende, herrliche, traumhafte Kulisse. So auch der Abend.
Um nichts schuldig zu bleiben, ich durfte meine Rechnung nicht begleichen, gab es meinerseits eine Gegeneinladung in den Zoo, der im strömenden, wolkenbruchähnlichen, aber warmen Regen endete. Klitschnass, barfuß, denn das Wasser stand bis zu den Knöcheln, aber irgendwie glücklich, erreichten wir nach einem langen Marsch unser Hotel, wo ein wütender Vater im Eingang wartete. Eine Standpauke musste ich einstecken, Ausgehverbot folgte, die Aufpasser-Rolle drehte sich um 180 Grad.
Natürlich büxte ich aus, traf spätabends meinen Vater in einem Discoschuppen, der Anfang einer langen Nachttour. Nur Mutti durfte davon nichts erfahren, wie zwei Verschworene hielten wir dicht. Auf der Rückfahrt von Berlin schlief der junge Mann auf meinem Schoß. Jörn hieß er.
Ein ausgelassener, interessanter, abwechslungsreicher Sommer begann, endete mit einem durchtanzten Abschiedsball, denn kurze Zeit später wurden die Studenten ins Ausland geschickt, Jörn kam nach Tunesien.
Die Wirklichkeit hatte uns im Griff, beruflich musste jeder seine Leistung bringen und doch fanden wir Zeit für einen sehnsuchtsvollen, lang anhaltenden Briefwechsel mit 85 Liebesbriefen.
Um Erfahrungen in Hinsicht auf die Führung eines Babyhotels zu sammeln, ging ich nach Frankfurt und Düsseldorf. Letzterer Standort wurde zum Flop, zeigte mir die negative Lösung, verbunden mit leidenden Kindern. Eine richtige Abschreckung. Ich blieb nicht lange.
Zur Ausbildung der Persönlichkeit, sicheres Auftreten und Management absolvierte ich einen Volkshochschulkurs in Rothenburg. Eine herrliche Zeit mit kleinen Schäkereien und Liebeleien und bei einem Verhältnis 14 Mädchen zu 24 Jungs ging die Post entsprechend ab. An meinen kurzen, oberflächlichen Briefen erkannte auch Jörn die Gefahr. Mit Telefonterror machte er sich wichtig. Als das ohne Erfolg blieb, buchte er kurzerhand seinen Rückflug. Noch vor dem Ende meines Kurses holte ich ihn vom Flughafen ab und brachte wütend den völlig angetrunkenen Sohn zu seinen Eltern auf das Wasserschloss Thienhausen, den landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Auf dem Absatz drehend fuhr ich nach Rotenburg zurück, um den Abschlussball ausgiebig zu feiern. Ich war beleidigt und gekränkt, hatte ich doch durch meinen Vater vor alkoholisierten Männern einen Horror
Für Jörn war ich am Telefon nicht erreichbar, rächte mich, doch ohne Erfolg, denn er kam im Eiltempo angefahren, um Abbitte zu leisten. Flugangst war seine Ausrede und Entschuldigung, die ich ihm erst 12 Jahre später glaubte!!!
Glück oder Unglück, noch am gleichen Abend brach Jörn mit hohem Fieber, unfähig nach Hause fahren zu können, zusammen, wurde von Mutti ins oben gelegene Fremdenzimmer gebettet, versorgt und betreut. Den guten Ruf bewahrend, aus Sorge um den Verdacht der Verkuppelung tätigte Mutti einen Anruf bei Jörns Eltern, erfolglos, sie hatten andere Sorgen und konnten unmöglich ihren Sohn nach Hause holen. Jörn litt an Milchfieber, einer Krankheit aus dem Ausland und nicht ganz ungefährlich. Meiner Mutter in der Not helfend übernahm ich die Pflege am Krankenbett. Der Arzt hatte große Hoffnung auf eine Heilung ohne Folgeschäden. Meinen Eltern war die Situation nicht recht, mir schon, aber für das spätere Leben mit verräterischen Folgen. Mein Helfersyndrom wurde erweckt.

Die 85 Briefe, ein Liebesgeflüster auf Papier in gekonnter Schreibweise, haben heute, nach 45 Jahren, (mit dieser Erzählung lese ich die Erinnerungsbriefe, anschließend verbrenne ich sie im Kamin) die gleiche Wirkung, selbst mit dem Wissen um den Ausgang würde ich den Worten Glauben schenken. Ich zitiere:
„Du, meine liebste Monika, machst mich zum glücklichsten Menschen auf dieser Welt und oft denke ich mir, was würde aus mir werden, wenn ich Dir nicht begegnet wäre, wenn ich Dich nicht so lieb haben dürfte und wenn ich nicht an eine gemeinsame Zukunft mit Dir glauben dürfte! Wie arm wäre ich doch! Wem sollte ich mein Herz ausschütten? Wenn Du nicht wärest, wüsste ich nicht, wie ich das Leben meistern sollte, aber Du, meine einzige, heiß geliebte Monika, gibst mir Mut und Kraft! In allen Situationen, seien sie gut oder böse. Und das macht das Leben lebenswert! Ich habe Dich lieb und glaube ganz fest daran, dass ich Dich immer so lieb haben werde! Immer will ich Freud und Leid mit Dir teilen! Das alles und viel mehr, auch die innersten Geheimnisse sollst Du ergründen dürfen, wenn ich wieder bei Dir bin. Ich will immer offen zu Dir sein und wahrhaftig und ehrlich! Und mit Dir will ich mich noch lange Tage und Nächte hindurch unterhalten, bis Du meine Gedankengänge und Gefühlsregungen kennst! Auch ich will bei Dir dasselbe versuchen! Obwohl Du eine Frau und damit unergründlich bist! Denn Du bist schön und klug und hast Herz, deshalb bin ich so stolz auf Dich und habe Dich so sehr lieb. Auch deswegen will ich Dein Jörn werden und bleiben für immer! Ganz besonders herzlich grüßt Dich deshalb Dein treuer Jörn in spe!!!“

Den Worten habe ich Glauben geschenkt, allerdings nicht ohne Skepsis, deshalb schrieb ich:

„Du kannst mich mit jedem Wort glücklich machen, mit Deinen Briefen versetzt Du mich in eine neue, frohe Welt, doch im gleichen Moment schreibst Du Dinge, die die Welt zusammenstürzen lassen wie ein Kartenhaus. Wie schnell können unüberlegt geschriebene Worte ein Chaos verursachen. Ich bin unsicher, ich habe Angst!“

Ich merkte, ohne es zu verinnerlichen, das Wankelmütige in Jörn.
Ein Manko war zusätzlich in den Briefen zu lesen, meine Bescheidenheit und Zurückhaltung sah Jörn als Minderwertigkeitskomplexe und diese Einschätzung vertiefte sich im Laufe der Jahre, bis es eine Marotte wurde, die die Vergiftung der Beziehung zur Folge hatte.
Für mich unverständlich, ich war bescheiden, wusste um meine Schwächen, die ich aber mit meinen Stärken wettmachen konnte, und somit die Balance hielt. Heute weiß ich, dass es seine eigenen Komplexe waren, die er nicht aufarbeiten und bewältigen konnte. Darüber und über vieles mehr stritten wir, d. h., kabbelten wir uns im Dauerzustand.
Es waren nicht nur die vielen Zigaretten, die ich als ungesund ansah. Es war auch das schnelle Autofahren, in dem ich auch keinen Sinn sah, dann waren es die Ansichten über die Frauen, das Leben, die Arbeit, seine gesamte Einstellung war nicht identisch mit meiner Lebensauffassung, was sicherlich nicht reizlos war, denn Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Den Kampf nahm ich gerne auf, war ich doch sicher, dass meine Meinung die bessere sei, vielleicht ein bisschen stur, aber auch einsichtig kämpften wir uns zusammen – was 33 Jahre dauern sollte.

Wie unbedacht bleibt der Mensch in Sachen Liebe. Die aber nahm ihren Lauf, an seinem Geburtstag, 23. 3. 66, kamen wir uns näher, sind wir uns sehr nahegekommen. Zu Ostern feierten wir unsere Verlobung. Jörns Anhalten um meine Hand erfolgte mit den Worten: „Wenn es keine Umstände macht, wollen wir schnell heiraten.“
Meine Mutter fiel aus allen Wolken. Horst hatte vor einigen Wochen eine Hochzeit mit der verkehrten Frau gefeiert, davon hatten sich meine Eltern noch nicht erholt. Panik brach aus.
Ringe zur Verlobung wurden bei meinem ersten Besuch der Schwiegereltern in Steinheim gekauft, nach dem Motto: „Die billigsten sind gerade gut genug.“
Der Besuch selbst war schon fast eine kleine Tragödie. Mit Blumen aus dem eigenen Garten, mit einem riesigen Strauß bewaffnet fuhr ich mit dem Zug nach Höxter, wo Jörn mich am Bahnhof abholen sollte, aber nicht kam. Währenddessen fuhr ein auffälliger Flitzer immer um mich herum, sprach mich sogar an und hätte mich gerne gefahren. Zum Glück kam Jörn mit fast einer Stunde Verspätung. Wütend war ich, nicht grundlos schlecht gelaunt betrat ich die Küche der Schwiegereltern, versteckt hinter den Blumen sagte ich höflich: „Guten Tag“, sah die überraschten, leuchtenden Augen des Vaters, gleichzeitig bemerkte ich die Erstarrung der Mutter. Das Visier klappte herunter und ward nie wieder geöffnet, solange sie lebte. Heute, viele Erfahrungen reicher, kann ich sie verstehen, denn Vater war von mir, einem jungen Mädchen, begeistert, wie ihn wohl alle jungen Dinger entzückt haben!
Ich habe ihn nie enttäuscht, selbst meine erste Treckerfahrt war ein Erfolg. Ich brachte Vater Schreiber Kaffee auf das Feld, stieg auf den Trecker, er eggte zur Sommergerste, da sprang er plötzlich mit den Worten „Mach weiter“ herunter und verschwand. Abends war die Einsaat fertig. Keiner fragte nach meinem Befinden, war ich doch den ganzen Tag in Angst und Schrecken um den Traktor.
Den Bewunderer vom Bahnhof sah ich auf Schloss Thienhausen wieder, er war der junge Baron von Hackshausen.
Außerhalb der Arbeit unternahmen wir viele Ausflüge zu Freunden und Verwandten, hier sei die Fahrt nach Hamburg zu Matthaei erwähnt. Eine lebenslustige Familie, eine Freundschaft aus dem Krieg, die über die Kinder weiter gepflegt wurde und die mich beeindruckte, deshalb führe ich die Verbindung bis heute fort. Sie hatten eine Ferienwohnung in Siblin an der Ostsee, dort verweilten wir einige Tage, bummelten an der See in den Strandlokalen herum. Dort trank ich zum ersten Mal einen Schluck Alkohol in Form eines Schokoshakes. Lecker!
Eine Fahrt führte uns nach München, wieder im rasanten Tempo, zu seiner Schwester und meinem Bruder. Wir übernachteten im „Bayrischen Hof“, First-Class-Hotel in der Stadt, nicht nur deshalb blieb der Aufenthalt unvergessen, sondern auch durch Fraukes klare Ansage: „So einen Mann heiratet man nicht!“ Ein Hammerschlag, den ich erst viel später verstehen lernen sollte. Mein Bruder dagegen kannte Jörn aus den Kneipen und meinte trocken: „So einen Suffkopf willst du heiraten?“
Wahrlich aufbauend, was aber eher meinen Ehrgeiz anfachte, als dass sie mich zum Grübeln brachten. Alle gut gemeinten Ratschläge wischt man lässig zur Seite, weiß man doch hundertprozentig, was für einen gut ist, denn Liebe macht eben blind.
Jörn hatte auch eine ganz besondere Taktik, seine Aktivitäten reihten sich wie Perlen aneinander, so hatte man keine Zeit zum Denken, Besinnen oder gar Überlegen!
Das Autofahren mit Jörn hatte es in sich, nicht nur die Gefahren an jeder Kurve, sondern auch das Tempo machte mir zu schaffen, war ich doch eher die ruhige Fahrt von Vater gewohnt, auch meine Geschwindigkeiten hatten mit Raserei nichts zu tun. Aus Erzählungen erfuhr ich, dass Jörn mit Hasko, seinem Bruder, in jüngeren Jahren Rallye gefahren war, so meinte er wohl, jede Fahrt müsste ein Tempoerlebnis sein. Genauso raste er nachts mit mir im Schlepptau über die Autobahn von Mannheim bis Thienhausen. Hasko hatte seinen Wagen zu Schrott gefahren, die ganze Haube war hoch aufgebeult, meine Sicht zum Schleppseil nur auf 20 cm möglich, logisch, schon beim Anfahren riss das Seil. Ich hatte so etwas noch nie gemacht, meine Knie zitterten, Angst saß mir im Nacken, Jörn schrie, umso ängstlicher wurde ich und doch schaffte ich die Fahrt an einem Stück und Strick über 350 km. Eine lebensgefährliche Situation gab es im Moment eines Sekundenschlafes, ich kam von der Bahn ab und schlitterte kurz vor der Leitplanke auf den Seitenstreifen. Jörn merkte nichts, er raste weiter und ich war wieder wach. Im Morgengrauen landeten wir auf Schloss Thienhausen. Ich dankte meinem Schutzengel.
Hasko hatte sich sehr gefreut, konnte nun seinen Wagen recht günstig reparieren lassen, während er in Mannheim ein Vermögen verloren hätte. Hasko war so ganz anders als Jörn, er hatte ein Lachen in den Augen, war immer zum Schäkern und Albern aufgelegt und ich spielte mit, was Jörn und „Chefin“ albern fanden. Ich nicht, ich war ein bisschen verliebt in ihn.
Überall half ich, machte mich im Betrieb nützlich, fegte den großen Dachboden vom Schloss, mistete den Hühnerstall aus, wurde im Hof und Küche gebraucht und tat es gerne. Dort lernte ich viele nette Menschen kennen, Jäger, Nachbarlandwirte, Bürgermeister, Bankdirektor, aber auch Oma Thiessen, die Mutter der Chefin, eine ganz liebe, herzensgute, sehr bescheidene Frau. Wir mochten uns, hielten viele Jahre einen lebhaften Kontakt, wovon ich später noch erzählen möchte.
Mein richtiger Arbeitsplatz war im Klinikum Kassel, der nahm mich voll in Anspruch, neue Stationen warteten auf mich, meine Einführungszeit wurde verkürzt, eine Nachtwache war unumgänglich. Jörn musste zur Weiterbildung nach Feldafing, wir sahen einander nur noch an den Wochenenden. Unterdessen bereitete meine Mutti die Hochzeit vor, ich ließ sie gerne gewähren, wusste ich doch, dass sie das Beste für mich im Sinn hatte, und war nicht schlecht überrascht, als die Feier auf Schloss Berlepsch gebucht wurde.
Schon in der Nachtwache wurde es mir regelmäßig schlecht, schwere Leberschmerzen quälten mich, eine Ursache wurde erst nicht diagnostiziert, bis ich dann zum richtigen Arzt kam. Die Umstände wurden bekannt. Das Arbeitsverhältnis beendigte ich eine Woche vor der Hochzeit, viel war noch zu bedenken, wollten wir doch nach der Feier aufbrechen. Jörn musste nach Tunesien zurück und ich mit.
Die Nerven lagen recht blank, mich quälte der Gedanke an eine Trennung von meinen Eltern, Angst vor einem fremden Mann, gesundheitlich nicht auf der Höhe und es mussten noch 1000 Dinge erledigt werden. Wir zankten uns und flogen hochkant aus Thienhausen raus. So hässlich war das Erlebte, dass ich tagelang nur weinte, verheult und unglücklich war, während meine Schwiegermutter ganz unberührt zum Polterabend in mein Elternhaus kam. Ein Grund, noch mehr zu heulen.
Spätestens beim Wegfegen der Polterscherben hätte ich wach werden müssen, denn ich fegte die Scherben, Jörn amüsierte sich im Kreise der Gäste. Herr Dr. Riebel erkannte das Fehlverhalten, schickte Jörn zum Kehren, aber ohne anhaltenden Erfolg. Mein Fehler! Die Tendenz, Familienprobleme mit anstehender Arbeit zu verdrängen, war erkennbar und wurde in den Jahren sehr viel stärker. Differenzen, schlechte Stimmung und Ärger wurden zum Arbeitsmotor. Dennoch nahm der Polterabend seinen feuchtfröhlichen Verlauf, den Jörn nach dem offiziellen Teil noch bis zum frühen Morgen auskostete.

Wer war er?
Was wusste ich von ihm? Geboren 23. 3. 1940 in Danzig, aufgewachsen mit älterer Schwester Frauke, jüngeren Bruder Hasko auf einem landwirtschaftlichen Hof. Die Eltern Herta, geb. Thiessen, und Egon, in Kriegswirren verwickelt, flüchteten mit Sack und Pack gen Westen per Bahn, bis Eisenberg bei Jena, nach nicht langer Verweildauer ging die Reise nach Puch, später Rammelstein. Es wurde aufgebaut, bewirtschaftet, verändert, abgebaut, weitergezogen und das Glück versucht. Die letzte Station war Schloss Thienhausen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 508
ISBN: 978-3-99048-248-3
Erscheinungsdatum: 11.01.2016
Durchschnittliche Kundenbewertung: 3
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