Geschichte & Biografie

Mensch, Arzt und Psychiater in Zeiten gesellschaftlichen Wandels

Bernd Siegfried Sachs

Mensch, Arzt und Psychiater in Zeiten gesellschaftlichen Wandels

Leseprobe:

Unsere Arnsdorfer Jahre bis 1991

Für mich stand nun zur Wahl als Hausarzt, Chirurg oder als Nervenarzt tätig zu werden. Die schon vorher vorhandene Zuneigung zu dem großen Gebiet der Nervenheilkunde gewann die Oberhand. Als Chirurg mit einem chronischen Wirbelsäulenleiden ein Leben lang den ganzen Tag am OP-Tisch zu stehen, verbot mir meine nüchterne, realitätsbezogene Denkweise. Wenn man als Nervendoktor etwas krumm und komisch daherkam, fütterte man zwar damit das öffentliche Image dieser Berufsgruppe, was jedoch nicht hinderlich war und mich nicht störte. Selbst die frühzeitige Empfehlung des Hausarztes der Familie meiner Frau, sich nicht mit einem Psychiater einzulassen, denn das „… färbt ab …“, war kein Hinderungsgrund.
Ich hätte auch in dem kleinen vorpommerschen Landstädtchen Torgelow mit seinen ca. zehntausend Seelen, gelegen zwischen Pasewalk, Anklam und Ückermünde am Stettiner Haff, bleiben können. Das hätte sogar etwas Nostalgisches an sich gehabt, denn meine Elfi ist im nahen Stettin, jetzt zu Polen gehörend, geboren. Berufschancen hätte es für mich genug gegeben. Aber außer einer großen Eisenhütte und einer Masse von Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR gab es dort nichts von Bedeutung. Ich hatte den Eindruck, dass dort die halbe Volksarmee der DDR stationiert war, denn an den Wochenenden wimmelte es in der Stadt nur so von Uniformierten und man kam sich wie in einer Garnisonsstadt vor. Die Landschaft mit ihren großen und schönen Waldbeständen war meist militärisches Sperrgebiet, wo die Panzer die weichen, sandigen Waldböden aufwühlten und ungehemmt ihr Unwesen treiben konnten. Das verstellte den Blick auf eine wunderschöne Auen- und Flusslandschaft um die Flüsse Ücker und Randow herum, die dann vereint hinter der Kreisstadt Ückermünde in das Stettiner Haff münden. Damals hatten wir andere Sorgen. Aber heute empfinde ich die Stille und Unberührtheit dieser Flusslandschaft mit ihrem Reichtum an Fauna und Flora, auch ein Paradies für Camper und Paddler, besonders intensiv. Ich kann nur jedem empfehlen, der Besinnung und Stille in der Natur sucht, an diesem eher weniger bekannten und nicht zu den aufregendsten Ferienregionen gehörenden östlichsten vorpommerschen Zipfel unserer Heimat nicht achtlos vorbeizugehen.
Aber es zog mich wieder in meine Heimatstadt Dresden an der Elbe zurück, wo wir auch mit besseren beruflichen Perspektiven und Wohnungsmöglichkeiten für die Familie rechneten. Dennoch gelang es erst mit Unterstützung des Vaters und seinen Verbindungen für unsere Familie in Dresden-Gittersee, dem westlichsten Außenbezirk von Dresden, eine Dreizimmerwohnung zu finden. Eine Anstellung und Ausbildung zum Nervenfacharzt fand ich dann aber im damaligen Bezirkskrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie in Arnsdorf. Die Gemeinde Arnsdorf mit ca. 6000 Einwohnern liegt etwa 30 km östlich von Dresden in Richtung der Sorbenmetropole Bautzen, sodass ich auf dem Weg von zu Hause zur Arbeitsstelle entweder mit Straßenbahn und Eisenbahn oder auch mit unserem alten Trabi quer durch Dresden und das ganze Elbtal musste. Das war dann ein Wochentag von früh 5.oo Uhr bis abends 20.00 Uhr, was auf die Dauer nicht gehen konnte. Manche Tage in der Woche blieb ich nachts dort und nächtigte in einem karg eingerichteten Zimmer auf dem sogenannten Schwesternflur im Dachgeschoss eines Stationsgebäudes, wo ich mich kaum getraute die Gemeinschaftswaschräume zu nutzen, da bereits alle Waschbecken von den Schwestern und deren Familien reserviert waren.
Nachdem ich am 15. Oktober 1967 meine Arbeit und Ausbildung aufgenommen hatte, gelang es uns am 15. Juni 1968 in einem der früher für die Mitarbeiter gleich mitgebauten und zur „Anstalt“ gehörenden Beamtenhäusern eine für uns großzügige, fast hochherrschaftliche Wohnung mit 115 qm Wohnfläche zu beziehen. Auf dem Korridor mit 13?m Länge konnten die Kinder Roller fahren. Es handelte sich um die frühere Direktorenwohnung einschließlich Mädchenkammer, für die wir einschließlich eines großen Hausgartens 66 Mark der DDR Monatsmiete zahlten. Hier waren die Kinder praktisch mitten in der „Anstalt“ groß geworden und haben sich, wie sie heute noch bestätigen, recht wohl und geborgen gefühlt. Vierundzwanzig Jahre lebten und arbeiteten wir dann in Arnsdorf. Elfi als gelernte Krankenschwester und später Fachschwester für Neurologie und Psychiatrie arbeitete lange in der neurologischen Abteilung, zuletzt in einer Seniorenbetreuungsstätte des Krankenhauses. Sie hatte als „pommersches Mädel“ mit der Mentalität der Sachsen und dem sächsischen Dialekt einige Anpassungsprobleme, fand sich jedoch bald gut zurecht. Trotzdem ist sie bis heute dem „Pommerschen“ treu geblieben. Eigentlich war sie aber gar nicht so, wie man sich die Pommern vorstellt, etwas behäbig, langsam, was jedoch nicht stimmt. Der blöde Spruch „Im Winter ist der Pommer noch dümmer als im Sommer“ ist wirklich saudumm. Die Pommern sind kluge Leute, manchmal etwas stur, die in Ruhe überlegen und wissen, was sie wollen. Elfis sensible, „elfenhafte“ Erscheinung, wie es auch der Name ausdrückt, ihre leichte Verletzlichkeit, Schreckhaftigkeit und Ängstlichkeit mit Neigung zur Melancholie passt nicht so recht zum Bild des Pommern, aber ein gutes Maß an Sturheit ist ihr verblieben. Es war nicht vorstellbar, dass sie als blutjunge Schwester im Sektionssaal die Schädel der Verstorbenen aufsägte. Ungläubig haben wir das erst nach Jahren erfahren. Die vorausgegangene Flucht aus Vorpommern 1945 in Richtung Schleswig-Holstein mit Beschuss durch Tiefflieger hatte eine nachhaltige Wirkung hinterlassen, sodass sie heute noch nach siebzig Jahren schnell den Raum verlässt, wenn die Enkel einen Luftballon aufblasen oder jemand einen Silvesterknaller in der Hand hält. Silvesterveranstaltungen in der üblichen Art haben wir deshalb immer vermieden und ich habe dabei nichts vermisst.
Dagegen sächseln heute unsere drei Kinder, alle im vorpommerschen Greifswald geboren und mit dem Sprechen im Hochdeutsch begonnen, wie die „Ursachsen“. Natürlich sind sie verschieden. Unsere älteste Tochter ist ein freundlicher, warmherziger, hilfsbereiter Mensch, der sich trotz der Belastungen in der mit dem Ehemann gemeinsamen Zahnarztpraxis um alle und alles sorgte, ist nun auch eine zweimalige fantastische Oma geworden und der Dreh- und Angelpunkt ihrer Familie. Die jüngere Tochter hat ihren lieben Ehemann nach schwerer Krankheit sehr zeitig verloren, stand mit ihren beiden Jungen allein da, hat sich tapfer durchgeschlagen, ist in ihrer Meinung sehr offen und direkt, spontan, ungewollt dadurch mal schnell verletzend, geht ihren Weg, ist immer noch sehr um weitere berufliche Qualifikation in der stationären Kranken- und Altenpflege bemüht. Die Großen behaupten, dass sie als Jüngste etwas verwöhnt worden sei, was wir nicht ganz abstreiten können. In der Mitte unser Sohn, eher ruhig, zurückhaltend, sparsam und unaufgeregt seinen Pflichten nachgehend, im Automobilbau bei Porsche in Leipzig fest verankert, ist dabei, auch ein persönliches Glück zu finden. Gelegentlich mal öfter anrufen könnte er aber schon. Er muss etwas von mir haben! Wir haben ein gutes Verhältnis miteinander, bemühen uns jedenfalls darum und sind froh, dass sie nicht allzu weit von uns sind, wie bei vielen Familien, wo die Kinder jetzt 600 km entfernt leben und arbeiten.
Unser Hauptaugenmerk galt und gilt immer unseren fünf Enkeljungen. Unterdessen sind wir auch zweimal Urgroßeltern geworden und nach dem nun sechsten Jungen hat uns die Natur endlich auch einmal mit einem kleinen Mädchen beschenkt, sodass die Jungendominanz in der Familie ins Wanken geraten ist. Ein Großteil unserer großen Familie mit Enkeln und „Schwiegerenkeln“ arbeitet im medizinischen und sozialen Bereich. Wir zusammen hätten sicher auch eine eigene Klinik auf die Beine stellen können!

Dialekte und Mundarten in Deutschland geben immer mal Anlass zu meist nicht so ernst gemeinten Diskussionen und spaßigen Bemerkungen. Besonders der sächsische Dialekt steht da nicht besonders hoch im Ansehen, was ich nicht nachvollziehen kann. Das Sächsische kann man immer verstehen und ist, wie ein Sprachwissenschaftler einmal behauptete, lediglich ein „verschlammtes“ Hochdeutsch. Das Meißner Kanzleideutsch basiert auf der Bibelübersetzung des Reformators Martin Luther -(1483–1546) und fand im ausgehenden Mittelalter von hier weite Verbreitung in den deutschen Ländern. Der Dialekt der oberbayrischen Landleute, der Menschen aus dem schwäbischen „Ländle“ oder gar das norddeutsche Plattdeutsch kommen mir dagegen wie Fremdsprachen vor, über die komischerweise kaum gelästert wird. Aber wie auch, wenn man es nicht versteht. Dennoch spreche jeder so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und ich werde mir meine sächsischen Sprachwerkzeuge deshalb nicht „verbiegen“ lassen. Das gehört eben auch zu unserer Kultur und Identität.

Wir wohnten von nun an in einem 80 ha großen weitläufigen offenen Gelände, bewachsen mit schönen, großen Eichen, Buchen und Birken, auf dem zwischen 1908 und 1912 in Sachsen für die damalige Zeit die modernste psychiatrische Einrichtung dieser Art in Deutschland entstand. Alle Gebäude wurden im Stil der Zeit, heute als Reformstil bezeichnet, gebaut und sind bis in die Gegenwart als Bauensemble erhalten geblieben.

Die Geburtsstunde der sächsischen Psychiatrie schlug am 8. Juli 1811 mit der Eröffnung der „Königlich Sächsischen Heil- und Verpflegungsanstalt Sonnenstein“ bei Pirna. Bis dahin war der Umgang mit psychisch Kranken und geistig Behinderten geprägt von der Vorstellung, dass Geisteskranke von Gott bestraft seien und deshalb weggesperrt gehören. Für viele der Betroffenen bedeutete das die Unterbringung in den Zucht-, Waisen- und Armenhäusern zusammen mit Verbrechern, Bettlern und Waisenkindern unter gefängnisartigen und menschenunwürdigen Zuständen.
Anfang des 20. Jahrhunderts bestand die sächsische Anstaltspsychiatrie neben einigen Stadtkrankenhäusern und einer Universitätsklinik in Leipzig aus acht großen Heil- und Pflegeanstalten und drei für Kinder und Jugendliche bestimmte Einrichtungen.

Als jüngste und letzte Einrichtung dieser Art in Sachsen wurde die 1912 eröffnete „Königlich-Sächsische Pflegeanstalt zu Arnsdorf“ dringend benötigt, da in den bisher vorhandenen Heil- und Pflegeanstalten „… die Anhäufung dieser meist tobenden, lärmenden und schreienden Kranken…“ nicht mehr versorgt werden konnte. Schwerpunkt dieser Einrichtung war deshalb die Pflege und bei der geplanten Bettenzahl von bis 1200 war diese ständig überbelegt. Gleichzeitig erfolgte der Bau notwendiger Versorgungseinrichtungen wie Kohleheizwerk einschließlich Kraftwerk zur Eigenstromerzeugung, Großküche, Gärtnerei, Wäscherei, Werkstätten wie auch eine im Jugendstil gebaute Anstaltskirche. Großküche und Wäscherei boten auch Leistungen für andere Betriebe und Institutionen an. Hinzu kamen später über 150 Wohnungen in krankenhauseigenen Wohnhäusern für die Mitarbeiter. Damit war ein im hohen Maße eigenständiger Krankenhaus- und Wirtschaftsbetrieb entstanden, der fortan bis in die Gegenwart das Bild der Gemeinde Arnsdorf prägt und diese in ganz Sachsen bekannt machte. Und so hieß es dann nicht selten im Volksmund, wenn man meinte, dass der andere nicht ganz richtig im Kopf sei, „… Du musst mal nach Arnsdorf gehen …!“. Selbst die Eintragung von Arbeitsstätte und Arbeitsort in den in der DDR üblichen Sozialversicherungsnachweis hätten manche Leute deshalb lieber vermieden.

Die Geschichte der Psychiatrie und der Betreuung Geisteskranker und Behinderter im 20. Jahrhundert spiegelt sich auch in der Entwicklung der damaligen Pflegeanstalt Arnsdorf zu einem modernen neuropsychiatrischen Krankenhaus in der Gegenwart wider, an der ich vierundzwanzig Jahre mitwirken durfte. Es blieb nicht „nur“ bei der Pflege, sondern therapeutische Aspekte mit der Einführung von Arbeits- und Beschäftigungstherapie, der Elektroheilkrampf-Cardiazolschock und Insulin-Schockbehandlung sowie die Malaria–Fiebertherapie gewannen ab den Dreißigerjahren zunehmend an Bedeutung.
Die Einführung der modernen Psychopharmakotherapie mit dem CHLORPROMAZIN in den Fünfzigerjahren war ein wesentlicher Wendepunkt hin zu einer wirksamen Therapie und bot die Möglichkeit, die Humanisierung der Betreuung und Therapie weiter voranzutreiben und gefängnisähnliche Unterbringungsstrukturen wie Fenstergitter, Zäune u. Ä., wie sie von der Bauweise architektonisch vorgegeben waren, nach und nach abzubauen. Die Elektroheilkrampftherapie, wenngleich methodisch verbessert und für den Patienten schonender, und gelegentlich die Fiebertherapie, gehörten bei meinem Dienstantritt im Jahre 1967 aber noch zum festen Therapierepertoire. Es wurde noch „kräftig“ geschockt, insbesondere bei Krankheitsfällen, bei denen die Therapie mit Medikamenten nicht ausreichend wirksam war. Dabei wird über Schläfenelektroden mit einem kurzen elektrischen Stromdurchfluss durch das Gehirn ein epileptischer Krampfanfall ausgelöst. Man erhoffte sich davon einen komplexen Einfluss auf die Erregungsausbreitung im Gehirn und dadurch Besserung der schweren psychotischen Symptome, was auch oft gelang. Und da muss ich an meinen alten Klassenlehrer in der Grundschule denken, der behauptete und es auch praktizierte, dass „… leichte Schläge auf den Hinterkopf das Denkvermögen erhöhen …!“. Bei den Möglichkeiten der fortgeschrittenen Psychopharmakotherapie ist heute die Elektroheilkrampftherapie unter intensivmedizinischen Bedingungen nur noch ganz selten schwersten, lebensbedrohlichen psychischen Krankheitszuständen vorbehalten.
Mit den „Rodewischer Thesen“ aus dem Jahre 1963, in denen Wissenschaftler der DDR, anderer Ostblockstaaten, Frankreich, Westdeutschland und Kanada Maßnahmen zur Abschaffung der sogenannten Verwahrpsychiatrie, der besseren sozialen Integration psychisch Kranker sowie die Installierung ambulanter und teilstationärer Dienste forderten, war bereits eine richtungsweisende Orientierung gegeben. Der Weg war mühsam und langwierig, galt es doch, alte Gewohnheiten, Vorbehalte und Einstellungen zu verändern. Und zudem war es technisch aufwendig und teuer, aus den alten „Anstalten“, die um die Jahrhundertwende und früher gebaut worden waren und der Ausgrenzung und zum großen Teil auch der Verwahrung psychisch Kranker und Behinderter unter Zurückstellung jeder Individualität dienten, zu modernen psychiatrischen Kliniken umzugestalten. In Arnsdorf gelang es erst Mitte der Achtzigerjahre aus einem großen Gebäude mit Bettensälen eine erste moderne Klinik mit kleinen Stations- und Therapieeinheiten zu schaffen.
Im Ersten Weltkrieg wurde ein großer Teil der Einrichtung für ein Kriegslazarett geräumt. Hier wurden bis 580 Kriegsverwundete versorgt. Psychiatrische Patienten mussten vorübergehend in andere Landespflege- und Heilanstalten Sachsens verlegt werden.
Im Zweiten Weltkrieg hatte Sachsen der deutschen Wehrmacht Betten zur Versorgung Verwundeter zur Verfügung zu stellen. In Arnsdorf war mit weit über tausend Betten ein Reservelazarett geplant.

Ein Tiefpunkt der deutschen Geschichte und damit auch der Psychiatrie entstand auf dem Boden der rassistischen Herrenmenschenideologie der Nationalsozialisten des sogenannten Dritten Reiches, die zur Staatsdoktrin erhoben wurde und der Tausende von Geisteskranken und Behinderten zum Opfer fielen. Die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zur „Reinhaltung der germanischen Rasse“ erlebte 1940/1941 mit der sogenannten T4-Aktion ihren Höhepunkt. Dafür wurde in Sachsen die längst geschlossene ca. 25 km entfernte ehemalige Anstalt „Sonnenstein“ bei Pirna als Tötungseinrichtung reaktiviert und eingerichtet. Um die Massenmorde zu verschleiern, wurden die zur Tötung vorgesehenen Menschen aus anderen Einrichtungen aussortiert und in sogenannte Zwischenanstalten transportiert. Dazu gehörte auch die Einrichtung in Arnsdorf, von der 2681 Kranke und Behinderte mit Bussen in die Tötungsanstalt „Sonnenstein“ gebracht und in der Regel am gleichen Tag ermordet wurden.
(s. auch „Hundert Jahre Krankenhaus Arnsdorf“, Hotex-Verlag 2012, Dr.?B. Böhm u.?a.)

So kamen bis Ende August 1941 auf dem „Sonnenstein“ 13720 Menschen vorwiegend durch Gasmorde mit Kohlendioxid von insgesamt rund 300 000 Menschen in ganz Deutschland ums Leben. Das war der Probelauf für die danach millionenfachen Morde an Juden und anderen Volksgruppen. Darunter war auch die berühmte Dresdner Künstlerin und Malerin Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940), bei der eine schizophrene Erkrankung diagnostiziert und sie damit als „lebensunwert“ eingestuft wurde. Viele Jahre danach wurden im Krankenhausarchiv Zeichnungen der Künstlerin aufgefunden und von uns ausgestellt.
Das nationalsozialistische System hatte es geschafft, einen Großteil des deutschen Volkes mit seiner Herrenmenschenideologie zu infizieren und so ist es nicht verwunderlich, dass an diesen Tötungsverbrechen auch Ärzte und medizinisches Hilfs- und Pflegepersonal bei der Organisation und Durchführung der „Aktion T 4“ aktiv beteiligt waren. Nach 1945 wurden diese dafür zur Rechenschaft gezogen, soweit man ihrer habhaft werden konnte. Diese Schande für unseren Berufsstand bleibt immer bestehen. Im Jahre 1987 haben wir in der Vorhalle des Verwaltungsgebäudes eine Gedenkstätte für die Opfer der faschistischen Euthanasie eingerichtet, die uns immer an diese dunkelste Zeit der jüngeren deutschen Psychiatriegeschichte erinnern soll.
Für den Interessierten ist zu erwähnen, dass auf dem Tolkewitzer Friedhof in Dresden eine Gedenkstätte mit in Granit gehauenen Namen und Todesdatum der Ermordeten vorhanden und auch auf dem „Sonnenstein“ Pirna eine Gedenkstätte zu besichtigen ist.

Anfang 1949 waren im Krankenhaus 703 psychiatrische Patienten, 316 Altersheimfälle, 32 neurologisch erkrankte Patienten sowie 133 Patienten in einer Infektionsabteilung untergebracht. Im Jahre 1954 entstand daraus das „Bezirkskrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie“ mit einer gemischten neurologisch/internistischen Abteilung, einer Kinderneuropsychiatrischen Klinik, einer psychiatrischen Klinik, einer Abteilung für Suchtkrankheiten und weiterhin einem sehr starken Pflegebereich, was Tradition war und wofür ja eigentlich die Einrichtung einmal gebaut wurde.
Im April 1948 wurde die Schwesternschule des ehemaligen Mutterhauses Arnsdorf als staatliche Krankenpflegeschule wiedereröffnet und im Jahre 1951 wurde daraus die juristisch selbstständige Fachschule für Krankenpflege/Geisteskrankenpflege und Hygiene. Im Rahmen der Erwachsenqualifizierung wurden Fachschwestern bzw. Fachpfleger für Neurologie und Psychiatrie ausgebildet. Fachärzte des Krankenhauses waren nebenberuflich als Dozenten, in meinem Falle für Arzneimittellehre und Nervenheilkunde, tätig.
Dem Krankenhaus oblag die psychiatrische Versorgung von Teilen Ostsachsens bis in die östliche Erzgebirgsgegend einschließlich der Stadt Dresden und von der tschechischen Grenze im Süden bis in das jetzt südliche Brandenburg.
Nachdem wir uns nach dem Umzug von Dresden nach Arnsdorf so einigermaßen eingerichtet hatten, begann für mich am 15. Oktober 1967 das Berufsleben als Arzt. Zunächst stand eine fünfjährige Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie an, die in den verschiedenen Kliniken des Krankenhauses zu absolvieren war.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 174
ISBN: 978-3-95840-527-1
Erscheinungsdatum: 09.10.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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