Geschichte & Biografie

Mein Leben - ein Tanz

Helga Sigmund

Mein Leben - ein Tanz

Biografie einer Vertriebenen

Leseprobe:

„Sie müssen von hier verschwinden!“ Das waren die Begrüßungsworte an einem grauen Oktobertag, die mich wie ein Hammerschlag trafen. Man wollte das Sägewerk meines Vaters wieder in Gang bringen – es gehörte uns ja nicht mehr – und die Räume, die uns bislang als Behausung gedient hatten, brauchten die Tschechen für ihre Arbeiter. Das wurde uns jedenfalls als Grund genannt. Der wahre Grund war, dass wir den beschlagnahmten Betrieb zur Gänze räumen mussten. Das war der Vorbote einer Aussiedung – einer Vertreibung.
Meine bange Frage, wohin wir denn gehen sollten, blieb unbeantwortet. Stattdessen wurde die Haustür geöffnet, ich mit einer brüsken Handbewegung zum Mitkommen veranlasst und vorwärts gestoßen. Dieser Mann kannte keine Gnade. Ich drehte mich um und sah meine Großmutter an, die gerade mit meinem kleinen Sohn am Frühstückstisch saß. Man ließ mir keine Zeit, kurz mit ihnen ein paar Worte zu wechseln. Schweigsam folgte ich dem Mann. Als wir einige Hundert Meter zurückgelegt hatten, blieb er vor einem alten Bauernhaus stehen und wies mit der Hand auf die Eingangstür. „Da!“, das war alles, was er hervorbrachte. Das hieß, dass wir hier einquartiert werden sollten, ein Rausschmiss aus unserer jetzigen Wohnung – ohne Widerspruch.
Meine Oma war erschrocken, als ich ihr die Botschaft mitteilte. Jetzt konnten die Tschechen mit uns machen, was sie wollten, mein Vater war nicht da, wann er wieder kommen würde, war fraglich und wir konnten uns nicht wehren. Sie hatten seine Abwesenheit bestens genützt.
Viel Zeit zum Räumen hatten wir nicht. Bis zum Abend mussten wir draußen sein. Soweit es meiner Großmutter möglich war – sie war bereits über achtzig Jahre alt –, half sie mir beim Packen. Wir durften nur persönliche Dinge mitnehmen, alles, was zum Hausrat gehörte, musste hier bleiben.
Kleinigkeiten ganz persönlicher Art, wie Andenken oder Fotos, konnte ich heimlich unter meinem Mantel verstecken und mitnehmen. Es war ein Umzug in Eile und Angst. Erwischt wollte ich nicht werden, obwohl ich nur mein eigenes Hab und Gut mitnahm.
Als ich vor der Tür des Bauernhauses stand, wurde mir ein größeres Zimmer mit zwei Betten zugewiesen, welches ebenerdig neben der Eingangstür lag. Udo durfte in der Mitte bei uns schlafen, das war’s vorerst.
Mehrmals rannte ich bepackt vom Sägewerk zum Bauernhof, um möglichst viel retten zu können. Meine Oma packte – ich rannte.
Erschüttert, den Tränen nah, sah ich zurück, als ich die letzten Sachen, meine Oma und Klein-Udo vom Sägewerk mitnahm und die Tür für immer hinter mir schloss. Alles, was mein Vater erarbeitet hat, alles, alles war verloren. Dankbar war ich dem Herrgott, dass mein Vater in diesem Augenblick nicht hier war und unseren Jammer sehen konnte.
Es war kein Wunder, dass in dem alten Bauernhof niemand einquartiert worden war, denn das Haus war eine baufällige Bruchbude. Die Zimmer waren feucht, der Fußboden zum Teil verfault, die Küche roch nach allen möglichen Dingen, nur nicht appetitlich. Gleich am zweiten Tag musste ich nach Lobnig, um Schützengräben zu schaufeln. Der Befehl kam von der Gemeinde. Die Arbeit lenkte mich ab von allen trüben Gedanken, von allen schrecklichen Erlebnissen und die frische Luft tat mir gut. Meine Großmutter versorgte meinen kleinen Udo, was mich sehr beruhigte.
Als ich spät nachmittags müde von der Arbeit heimkam, wurde mir eine unglaubliche Nachricht überbracht. Es sollte mein Albtraum werden. Wir hatten Einquartierung von sechzehn russischen Soldaten bekommen, für welche ich und eine andere Frau kochen mussten. Anfangs verlief alles reibungslos und uns wurde sogar von einigen Soldaten geholfen. Fünf Uhr morgens aufstehen, Kartoffel schälen und Suppe kochen – für sechzehn Mann. Wir wurden sogar manchmal eingeladen mitzuessen. Mit welcher Absicht, sollten wir später erfahren. Gute Laune wollte man schaffen, uns gefügig machen. Das war ihr Ziel.
Eines Tages rief mich der Leiter der Truppe, ein junger Leutnant, zu sich ins Zimmer. Über eine Woche verliefen die Einladungen mit immer dringenderer Forderung, welche ich stets ablehnte, bis mir auf meine Verweigerungen Krüge, andere Geräte und ein gläserner Aschenbecher nachgeworfen wurden. Diesen besitze ich heute noch mit einem abgesplitterten Glasteil; Erinnerung an eine unbeschreiblich schwere Zeit.
Alles Sträuben, alles Wehren half nichts. Das Unvermeidliche geschah. Mit Pistolengewalt und geöffnetem Messer wurde ich bedroht und dreimal vergewaltigt.
Dann kam mein Schutzengel in Form eines höheren russischen Offiziers. Er erzählte mir einmal, dass seine Frau von den Deutschen erschossen wurde, weil sie Jüdin war. Was hatte ich wohl von ihm zu erwarten? Trotz allem Leid, welches ihm zugefügt worden war, hegte er keinen Hass auf die Deutschen. Gregor hatte auch einen kleinen, vier Jahre alten Sohn daheim und war immer sehr lieb zu meinem kleinen Udo, schenkte ihm Schokolade, Marmelade – Köstlichkeiten, welche für uns unerschwinglich waren – und uns auch zusätzliche Lebensmittel. Er beschützte mich, wo immer es möglich war, wenn er sah, dass mir Nikolai zu nahe kam.
Dieser trank viel und gerne, ganz gleich, was, Wodka und anderen Alkohol, und war die meiste Zeit betrunken. Eigentlich hätte er schon Hauptmann sein sollen, war aber degradiert worden, weil er in seinem Rausch eine Frau erschossen hatte, so erzählte mit Gregor. Vielleicht blühte mir auch dieses Schicksal. Ich hatte unheimliche Angst vor Nikolai, der unberechenbar und brutal war. Seine Absicht war, mich fertigzumachen, sobald Gregor wieder fort wäre. Die gesamte Mannschaft sollte mich dann vergewaltigen, sagte mir Gregor.
Dieser wartete nur noch auf Benzin, um dann nach Russland zurückzukehren.
Was konnte mein Beschützer tun, um mich aus dieser Hölle zu befreien? Im ersten Augenblick hatte ich Zweifel, ob seine Idee durchführbar wäre, doch nach längerem Nachdenken entwickelte Gregor einen Plan, der möglicherweise gelingen konnte. Gregor sollte allen einen Strich durch die Rechnung machen. Er beschloss, mich heimlich mit sich aus dieser Hölle zu entführen.
Nikolai war wieder einmal total betrunken. Ich fragte mich, was er wohl als Nächstes tun würde, als er mich fordernd am Ärmel zog und mich zu sich in sein Zimmer rief. Mein Herz begann außer Kontrolle zu geraten, und ich vertröstete ihn auf Abend, weil Gregor nicht da war und ich die Hoffnung hatte, dass dieser mir dann helfen könnte. Ich ging dann klopfenden Herzens, zitternd und weinend, am späten Nachmittag zu Gregor und erzählte ihm von Nikolais Anliegen. Der sagte nur: „Hab keine Angst.“ Aber ich hatte Angst, denn Nikolais Aufforderungen wurden immer dringender, immer brutaler, bis mir ein großer Krug nachflog. Hätte ich mich nicht schnell gebückt, um diesem großen Geschoss zu entgehen, wer weiß, was passiert wäre. Udolein hatte zu weinen begonnen, meine Großmutter und meine Mama, welche gerade zu Besuch bei mir war, waren aus dem Zimmer gerannt. Sie konnten mir ja auch nicht helfen und brachten wenigstens sich in Sicherheit.
Plötzlich krachte ein Schuss. Das Ziel war die Lampe im Zimmer gewesen und wir standen plötzlich im Dunkeln. Ich schnappte schnell mein Udokind und floh an Gregors Seite, ich wollte mich in Sicherheit bringen. Gregor führte mich in sein Zimmer, aber Nikolai kam mit einem weiteren Russen nach und leuchtete mir mit Zündhölzern dauernd ins Gesicht. Das fremde, herausfordernde Schwein sagte mir: „Dej mi maso.“ was auf Deutsch heißt: „Gib mir Fleisch.“ Ich schenkte den anzüglichen Worten keine Beachtung und Gregor bewahrte eine unbeschreibliche Ruhe. Er führte mich wieder aus seinem Zimmer hinaus, in den Raum, wo alle anderen Soldaten saßen. Ich nehme an, er wollte, dass Nikolais Brutalitäten von allen anderen Soldaten bezeugt werden konnten. Es waren nicht alle mit Nikolais Gemeinheiten und Brutalitäten einverstanden.
Vergewaltigen war offiziell verboten und wurde bestraft und Gregor war ihr Vorgesetzter. Nur durch ihn hatte ich eine Chance zu überleben.
Nach einer Weile kam Nikolai, sternhagelbesoffen, wieder zu uns herein, brüllte mich an und gab mir zwei schallende Ohrfeigen. Mich schwindelte, mein Schädel brummte wie ein Bär, das Blut rann mir aus der Nase und die Unterlippe war aufgesprungen und brannte wie Feuer. Was tun? Meine Gedanken verwirrten sich, wohin sollte ich mich wenden? Gregor schnappte mich und Udo, führte mich in einen Nebenraum beim Stall, wo der Bauer war. Dieses besoffene Schwein von Russen, dieser entartete Mensch, hörte die Stalltür gehen und kam nach. Ich konnte rasch in einen Nebenraum fliehen und mich verborgen halten. Den armen Bauern hat Nikolai mit der Pistole gedroschen, bis auch dieser blutete, als er ihn zurückhalten wollte.
Ich schnappte meinen kleinen Udo und rannte mit jagendem Herzen und atemlos durch den Stall ins Freie. Dem grausamen Tod, der mich, wie mir schien, schon gestreift hatte, musste ich entfliehen, um für mein kleines Kind da zu sein. In wilder Panik rannte ich ums nackte Leben durch die Nacht. Atemlos erreichte ich mit meinem Kind das Sägewerk, wo ich mich gut auskannte und bei der Frau unseres Platzmeisters übernachten konnte.
Es war eine schlaflose Nacht, mein kleiner Engel weinte und ich konnte ihn nur schwer und mit gutem Zureden zur Ruhe bringen. Um fünf Uhr früh ging ich ängstlich und übernächtigt wieder zurück und klopfte an das Fenster. Meine noch schläfrigen Augen flogen durch die Fensterscheiben in das Zimmer, wo meine Großmutter lag; sie hatte mich nicht gehört. Ich musste leise sein. Meine Mutter war nicht mehr da, sie war tags zuvor wieder zurück nach Braunseifen, zu ihrem noch genesungsbedürftigen Mann, gefahren.
Plötzlich öffnete sich das Fenster neben unserem Zimmer. Gregor, mein Schutzengel sah heraus. Ich reichte ihm erst Udo und stieg dann selbst ein. Es war ein beruhigendes Gefühl, wieder unter Gregors Schutz zu sein. Die Fenster lagen, wie bei allen Bauernhöfen, sehr niedrig und das war mein Glück. Der ärmste Mann hat die ganze Nacht nach mir gesucht, kaum schlafen können und auf mich gewartet.
Um halb sechs stand ich wieder unbehelligt an meinem Arbeitsplatz.
Nikolai hatte seinen Rausch ausgeschlafen und die Welt war für mich wieder in Ordnung. Nicht aber für ihn. Er sann auf Rache: Alle sollten mich vergewaltigen, wenn Gregor abgereist sei, erzählte mir dieser wieder; aber das sollte ihnen nicht gelingen.
Gregor sollte über Pressburg und Kiew in seine Heimat fahren. Endlich! Am 31. Oktober kam ein Auto in den Hof gefahren und Gregor sagte mir heimlich und leise: „Helga, Benzin da!“ Ich packte schnell ein paar Armseligkeiten, die ich in einen alten Kartoffelsack steckte, um nicht Verdacht zu erwecken, falls jemand beim Aufladen auf den Lastwagen zusah. Die kommende Nacht konnte ich kaum ein Auge zumachen, denn ich hatte noch viel und Gefährliches zu erledigen. Ob es glücken würde, unbemerkt zu entkommen? Wenn nicht, wäre es mein sicherer Tod.
Um 1 Uhr mittags sollte die Fahrt losgehen. Der Gedanke an alles, was schief gehen konnte, trieb mir den kalten Schweiß aus allen Poren und ließ mich zittern wie Espenlaub. Ob ich meine Mission erfüllen konnte, wagte ich nicht zu bezweifeln. Ich taumelte halb ohnmächtig wie eine Irre durch die Gegend, mein Atem flog wie eine dampfende Lokomotive, mein Herzklopfen trieb mich in Angst und Panik, wenn ich daran dachte, welch gefährlichen Weg ich noch vor mir hatte. Meine Kraft war einfach am Ende. Zu viel Schweres hatte ich bis jetzt mitmachen müssen. Nun musste ich noch eine gefährliche Aufgabe bewältigen, bevor an die Flucht gedacht werden konnte.
Ich hatte die Sparbücher meiner Eltern in Verwahrung, welche nach Braunseifen gebracht werden mussten. Sie besaßen ja sonst nichts mehr, keinen Heller Geld. Dieser Verantwortung konnte ich mich nicht entziehen. Unter Einsatz meines Lebens musste ich es wagen, zu meinen Eltern zu gelangen. Ich konnte sie nicht im Stich lassen.
Als Bäuerin verkleidet, mit einem Korb auf dem Rücken und einer Sichel darin, startete ich kurz vor Morgengrauen den Gang nach Braunseifen zu Mama und Papa. Ich hatte mich verkleiden müssen, denn ich hatte keinen Passierschein, welchen wir Deutschen unbedingt benötigten, wenn wir in eine andere Gemeinde gehen wollten. Es war stockfinster, die Sterne und der Mond gaben nur schwaches Licht. Ich stapfte wie eine Irre durch den Wald, immer in Angst, ertappt zu werden und meine Rettung verpassen zu können. Dieses Gefühl trieb mich zu einem unglaublichen Tempo an. Um viertel sieben war ich bei meinen Eltern, welche überglücklich waren, mich zu sehen. Um halb acht ging ich vorsichtshalber ins Krankenhaus, weil meine Leistendrüsen merkwürdig geschwollen waren. Die Diagnose war niederschmetternd – Gonorrhoe.
Als ich wieder heimwärts ging, begleitete mich mein Papa noch ein Stück des Weges, an dem ein Christuskreuz stand. Das Symbol der Liebe und des Glaubens. Dort fielen wir uns weinend in die Arme, vielleicht ahnend, dass wir uns nie wiedersehen würden. Mein Vater wollte, dass wir immer beieinanderbleiben, doch unter diesen Umständen – Mama hatte ihm alles erzählt, was sie erlebt hatte, als sie bei mir zu Besuch gewesen war – riet er mir sofort zur Flucht. Bis jetzt waren wir immer zusammen gewesen, nun trennten sich unsere Wege. Es war wirklich das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah, und mit den Worten: „Ach Papale!“ verabschiedeten wir uns unter Tränen.



Flucht in die Freiheit

Ich drehte mich noch einige Male um, sah meinem Vater nach, bis er immer kleiner und kleiner wurde und als winziger Punkt verschwand. Ein leichter Nebel stieg aus den Wiesen der aufsteigenden Sonne entgegen. Als die Sonnenstrahlen den Nebel verschlungen hatten, sah ich in die Richtung, wo mich meine Großmutter und mein kleiner Sohn erwarteten.
Dort begegneten sich die Liebe und die Rachsucht der Menschen, dort vereinte sich Gottes Gnade mit der Hässlichkeit des Krieges.
Plötzlich wölbte sich ein Regenbogen über den Himmel von meinem Vater zu mir herüber, wie ein Band, wie ein sichtbares Zeichen für mich, dass wir nicht auf ewig getrennt werden sollten. Ich habe oft das Gefühl, dass er mich mein ganzes Leben lang mit seinen guten Gedanken begleitet hat.

Unter den gleichen Ängsten trat ich meinen Rückweg an. Ich bewegte mich wie auf Glatteis. Mich fröstelte, es war schon herbstlich kühl. Langsam wurde es hell, das Zwitschern der Vögel zeigte den frühen Morgen an, der Horizont wurde ein breites Lichtband, das Leben erwachte. Irgendwann lief etwas über den Weg, dann knackste etwas. Mein Herz raste und meine Füße rasten mit. Ich rannte so schnell, wie mich meine Füße tragen konnten. Mein Instinkt, überleben zu wollen, trieb mich noch stärker an als zuvor.
Es war geglückt! Welch ein Segen! Ich war wieder daheim bei meinem kleinen Udo am Bauernhof. Gregor hatte den Wagen schon mit Getreide beladen, bastelte aber scheinbar absichtlich noch am Auto herum, und als ich ihn fragte: „Auto kaputt?“, sagt er nur ganz leise: „Verschwind!“ Ich wusste Bescheid. In einem unbeschreiblichen Tempo zog ich mich um, packte den letzten Rest meiner Habe ein; ich stopfte alles in einen Sack und in meine Jackentaschen. Gregor trug die Sachen in einem Korb, unter Lebensmitteln versteckt, zum Auto. Ein Kamerad, welcher mitfuhr, half ihm. Bedrohlich näher rückte die Zeit zur Abfahrt – zu meiner Flucht.
Mir war das Herz so schwer, musste ich doch meine Eltern zurücklassen und es war noch nicht sicher, ob alles glücken würde, aber ich musste es wagen. Die Freiheit, der Frieden waren so nah, aber der Tod auch.
Ich hob meinen kleinen Udo aus dem Fenster, um ihn Gregor zu reichen, welcher ihn liebevoll wie ein Vater an sich drückte und ins Auto setzte. Zum Glück war Nikolai unterwegs, vielleicht Alkohol tanken – oder hatte ihn Gregor absichtlich irgendwohin geschickt? Das erfuhr ich nie. Ich holte noch schnell zwei Ballen mit Betten, warf sie vor das Auto und sprang in den Laster.
Wie vom Sturmwind getrieben rasten wir mit Vollgas in die Freiheit!!!
Ich war endlich von den Fesseln der Angst befreit, doch man sollte den Tag nicht vor den Abend loben. Welch ein Schreck, der mir durch die Glieder fuhr und mich erstarren ließ! Circa hundert Meter vor uns sahen wir Nikolai entgegenkommen. Die Kurve in Richtung Sternberg zu nehmen war unmöglich. Das Tempo hätte um vieles verringert werden müssen, was für uns die größte Gefahr bedeutet hätte. So fuhr Gregor im gleichen rasenden Tempo an Nikolai vorbei, Udolein und mich tief ins Wageninnere drückend, denn wir saßen vorne bei ihm. Gott hat uns beschützt, wir wurden von Nikolai nicht bemerkt.
Ich bin gerettet, ich bin gerettet, jubelte ich innerlich vor Glück. Es ist kaum fassbar für jemanden, der diese Ängste nicht erlebt hat, wie einem die Nerven blank liegen. Meine Kraft war zu Ende. Als wir unseren Bauernhof hinter uns ließen, drehte ich mich nicht mehr um; nicht aus Angst, ich könnte gesehen werden, sondern weil ich so schnell wie möglich diese Hölle und diesen Satan hinter mir lassen und vergessen wollte. Jetzt war sein teuflisches Vorhaben zunichte gemacht worden. Der aufgewirbelte Staub und die splitternden Steine, die durch das rasende Tempo des Lasters von den Rädern weggeschleudert wurden, hätten mir ohnedies die Sicht genommen.
Als ich mich zur Seite drehte und einen Blick auf meinen Retter warf, sah ich ein erschöpftes, schweißüberströmtes Gesicht. Das sagte alles. Nicht nur ich war fertig, der Blick auf Gregor zeigte mir, dass auch er mit letzter Kraft gekämpft hatte. Gott, wie danke ich Dir, hilf auch Gregor, wieder eine gute Frau zu finden, welche für seinen kleinen Sohn eine liebevolle Mutter ersetzen kann. Mich wollte er am liebsten mit nach Russland nehmen. War es Liebe, welche seine Hilfeleistungen, seinen übermächtigen Einsatz rechtfertigte und verständlich machte? Er war jedenfalls mein Schutzengel, ohne den ich nicht mehr leben würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 310
ISBN: 978-3-99038-118-2
Erscheinungsdatum: 27.11.2013
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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