Geschichte & Biografie

Mama, werde ich dann auch ein Spießer, wenn ich mal groß bin?

Markus Kaufmann

Mama, werde ich dann auch ein Spießer, wenn ich mal groß bin?

Leseprobe:

An jenem Nachmittag war das Wetter kühl, man konnte drei Grad am Thermometer ablesen, und eigentlich war es halb schön und halb nicht. Die Sonne wollte durchkommen und uns ihre Aufwartung machen, aber die Wolken ließen ihr keinen richtigen Platz, sondern verschleierten sie. Über Mittag dann gelang ihr erst ein stärkeres Durchkommen, aber immer noch ein eher dunstiges, deutlich heller zwar, wie in Aquarell gemalt, aber noch kein Strahlen. Wir schrieben den 24. Dezember 1946. Unsere Familie wohnte in einem Altbau in der Buchenstraße in Basel, wo ich auch aufwuchs. Vis-à-vis unserer Wohnung gab es ein größeres Areal, in welchem Straßenrandsteine vom Tiefbauamt Basel lagerten. Das Steinmätteli, wie wir es liebevoll nannten. Teilweise waren sie bis auf die Höhe des ersten Stockes übereinander geschichtet. Dass das für uns Buben ein super Spielplatz war, brauche ich wohl kaum zu erwähnen; wenn wir in das Areal wollten – denn es war immer geschlossen – mussten wir zuerst über einen höheren Zaun klettern, was uns aber nicht davon abhielt, höchstens die Mädchen. Selten zierte auch ein Mädchen unsere losgelassene Horde. Dass dies so war, war uns allen recht, besonders wenn wir uns in eine Reihe stellten und ein Wettpissen veranstalteten. Dabei kam es darauf an, wer am höchsten oder wer am weitesten kam. Je nachdem, wie der Wind blies, bekamen wir alle eine leichte Dusche ab, was aber dann eben das feine Klubparfum an uns ausmachte. Am vorderen Eck, am Anfang der Straße, war ein Merceriegeschäft und dies hatte ein kurviges Schaufenster, welches mich außerordentlich faszinierte. Da, wo der Bogen des Schaufensters war, glänzte es besonders stark, und wenn die Innendekoration der Fenster bis auf halbe Höhe dunkel gestaltet war, konnte man sein eigenes Spiegelbild verzerrt erkennen. Die letzten drei Wochen hatte ein Christbaumhändler seine Weihnachtsbäume auf dem kleinen Vorplätzchen vor dem Fenster verkauft. Heute räumte er zusammen und wischte den Platz sauber. Dabei kam noch ein ansehnliches Häufchen Tannenzweige zusammen, welches er gerade in den Mist schmeißen wollte. Ich fragte ihn, ob ich so eine Handvoll Reisig nach Hause mitnehmen durfte. Er sagte ja, ich solle mir so viel nehmen, wie ich das Gefühl hätte zu brauchen. Sehr viel war es nicht, was ich mit nach Hause trug, aber ich freute mich darüber, denn wenn man so ein Tannenästlein über eine brennende Kerze hielt, roch es immer so herrlich nach Weihnacht. Was wir damals noch nicht hatten, waren Mandarinen und Orangen, die kamen gerade erst auf den Markt, waren aber für Vater unbezahlbar. Den Rest des Reisigs schmiss ich in einen der Holzöfen, von denen wir drei hatten, in jedem Zimmer einen. Auch in unserer Straße an einer anderen Ecke gab es einen Comestibleshändler, welcher eben gerade neu Orangen, Mandarinen, Nüsse, Schokolade und Ruten im Angebot hatte. Auch heute half ich Mutter beim Aufräumen und Saubermachen. Es musste gesaugt werden und der Hauseingang musste geschrubbt werden, ebenso die Eingangsplatten draußen im Vorgartenbereich. Diese wurden ungefähr bei allen Häusern in unserem Straßenabschnitt, welche ähnlich gebaut waren, geputzt. Das war auch der Grund, dass es so um vierzehn Uhr nach Sauberkeit, Schmierseife, Glitschigkeit und Scheuerpulver roch. Der Geruch hatte sogar etwas Feierliches. Nun konnte der Schnee kommen, auf den wir alle warteten, aber Schnee kommt nicht auf Hoffnung und so blieb er halt eben dort, wo er sich gerade befand und wartete auf später, um herunter zu tanzen. Als in der Wohnung und davor alles aufgeräumt und sauber war, hieß es für meinen jüngeren Bruder und mich ab ins Bad. Man hat schließlich sauber vor dem Weihnachtsbaum zu stehen. Nach dieser Prozedur gab es dann frische Wäsche, sozusagen das Tüpfelchen auf dem i zur bevorstehenden Feierlichkeit. Ich hasste frische Wäsche, da sie am Anfang beim Tragen immer so leicht biss. Nachdem auch die Eltern gebadet hatten, fingen beide ihre weitere Arbeit an; Mutter stellte den Weihnachtsbaum auf, um ihn zu dekorieren und Vater verzog sich in die Küche, um zu kochen. Nachdem Mutter im Wohnzimmer auf einer Stelle Zeitungspapier ausgelegt hatte, stellte sie ein Tabourettli darauf und legte ein altes Leintuch, welches extra für solche Zwecke aufbewahrt wurde, darüber. Jetzt kam der gusseiserne, grün bemalte Stern mit der Weihnachtstanne darin eingeklemmt auf das Tabourettli Beim darauffolgenden Dekorieren des Christbaumes durften wir nicht zusehen und mussten deshalb aus der Stube. Vater wollte die Küche zum Kochen auch frei haben, so blieb uns nur, in unser Zimmer zu gehen und zu spielen. Ich saß in einer Art Schneidersitz auf meinem gemachten Bett, zog das Deckbett über Kopf und Schulter, ließ vorne offen, nahm noch so viel Deckbett von dem Vorigen, zog es auch noch quer vornüber, nicht höher als die Beine waren, um eine Autotür zu bilden, und spielte so „Autolis“. Mein Bruder machte mir viel nach und so tat er dasselbe in seinem Bett. Ihm gefiel das Spiel nicht lange, und so wurde er in meinem Bett eben Fahrgast. Mit dem Mund pfluderte ich ein Motorengeräusch nach, und zwischendurch äußerte ich ein lautes „Pflumm“, um das Schletzen einer Autotür auszudrücken. So fuhren wir, mein Bruder und ich, bis nach Afrika, bis Mama uns aufforderte, zu einem kleinen Spaziergang mitzukommen. Auch Vater hatte fertiggekocht, denn er kam auch mit und nach Sauerkraut roch es schon länger in der Wohnung, bis nach Afrika. Wir spazierten nur ums Viereck und waren gleich wieder zu Hause. Jetzt durften wir auch in die Küche, weil Vater fertig gekocht hatte. Es gab Schüfeli mit Sauerkraut und Kartoffeln. Was für mich Sauerkraut und Kartoffeln hieß, denn Fleisch hatte ich gar nicht gerne. Damit aber mein Sauerkraut noch einen kleinen Geschmack von Fleisch bekam, drückte ich jeweils auf eine Gabel Sauerkraut ein wenig Senf dazu. Das schmeckte mir sehr. Vater kochte oft, aber nicht nur, um damit Mutter zu entlasten, nein, er wollte auch sicher sein, dass das Essen so war, wie es ihm schmeckte, ziemlich deftig und bäuerlich. Fett musste es auch sein. Er war das Familienoberhaupt und diesem hatten sich alle unterzuordnen. Normalerweise kaufte Vater auch nur Endstücke vom Fleisch oder Aufschnitt, Stücke, die am Ende vom Fleisch waren und nicht mehr die schöne Form hatten wie in der Mitte, oder Wurstenden, welche zu dünn waren, um sie in der Maschine schneiden zu können. So, nachdem wir alle die Schuhe ausgezogen hatten, ging es in den Finken in die Küche, um dort das Wunderwerk von Vaters Kochkunst einzunehmen. Lustig, ich bemerkte sofort nach dem Öffnen der Pfannendeckel, dass da ein ganzes Schüfeli drin war und nicht etwa ein paar kleine Stücke. Da guckte doch tatsächlich unter dem Sauerkraut ein veritables Stück Fleisch hervor, gerade so, wie ein abgeschnittener Unterarm, gefesselt mit einer Schnur ringsum, als könnte er so tot, wie er war, nochmals aus der Pfanne gumpen. Vater nahm den Gefesselten heraus und legte ihn auf ein Holzbrett. Zuerst entfesselte Vater dieses Stück Unterarm und dann begann er, es in Tranchen zu schneiden. Also jetzt sah ich, wieso das Stück Fleisch eingeschnürt wurde vor dem Kochen, denn als Vater schnitt, fiel es auch schon auseinander. Mein Bruder machte „hmmm“ beim Geruch des Fleisches, das jetzt frei wurde, aber mir stellte der Geruch erst recht den Appetit darauf ab. Als alles gut verteilt in den Tellern lag, wurde das Tischgebet gesprochen und los ging das Essen. Ich war glücklich mit dem Sauerkraut und den Kartoffeln und aß es auch gemächlich. Am Schluss warteten wie immer alle auf mich, da ich wie gewohnt der langsamste Esser am Tisch war. Ich gab mir Mühe, schneller zu werden und als alle fertig waren, wurde noch gemeinsam das Geschirr abgewaschen. Dann ging es ins Wohnzimmer zum Weihnachtsbäumchen. War das eine Augenweide, da stand ein Tabourettli mit einem Leintuch darüber und darauf ein schöner, gerade gewachsener Weihnachtsbaum. Wunderbar geschmückt war er und glänzte mit seinen bunten Kugeln; ich merkte sofort, Mutter war die Beste, sie konnte die schönsten Weihnachtsbäume machen. Es waren auch so lustige Pipelchen daran mit ganz farbigen, borstigen Schwänzchen. Und unter dem Baum waren Geschänkli, resp. Geschenke. Die waren ziemlich groß, aber trotzdem mit Geschenkpapier verpackt. Ich war schon gespannt, was darin war. Aber meine Geduld wurde jetzt noch ein wenig strapaziert, da zuerst gesungen wurde. Mutter setzte sich ans Klavier und Vater holte seine Geige aus dem Holzkasten und ich holte zu guter Letzt meine Blockflöte aus dem Etui und steckte sie zusammen. „Oh Tannenbaum“ konnte ich gerade noch so schlecht und recht flöten, aber „Stille Nacht“ ging sicher nicht fehlerfrei. So quietschte ich halt mehr oder weniger die Weihnachtslieder herunter und wo es mit der Flöte nicht ging, sang ich halt einfach. Singen, das konnte ich gut und hoch und ich traf die Töne auf Anhieb. Der letzte Ton war verklungen, ja und dann, dann wurde das Geschenkpapier vergewaltigt, wir rissen und schnitten wie die Verrückten und was da hervorkam beraubte mich meiner Worte, und das hieß etwas. Ich bekam eine Dampflokomotive aus Holz, mit einem dazu gehörenden Kohlewagen, plus einen Güter- und einen Personenwagen. Alles war sehr stabil gebaut, man konnte auf den Kohlewagen sitzen und mit den Beinen angeben. Die Lok war etwa 60 cm lang und etwa 40 cm hoch. Die Wagen hatten ein ähnliches Maß, waren aber nicht ganz so hoch.
Mein Bruder erhielt ein Lastauto, aus dessen Führerhauskabine ein Metallhebel nach hinten hinausragte, mit dem er die Vorderachse steuern konnte. Wie es sich gehörte, konnte er auch die Ladebrücke schräg nach hinten abkippen. Es war ihm auch möglich, darauf zu sitzen und mit den Beinen anzugeben und natürlich auch zu steuern. So wurden wir noch nie verwöhnt, und das kam deshalb, weil Mutter aushilfsweise in einem Spielwarengroßhandel arbeitete. Und wenn es nur war, um uns verwöhnen zu können, das gelang ihr aber sehr. Wir kämpften uns durch den Geschenkpapierabfall, Bänder und Schnüre, um unseren Eltern einen ganz großen Dankeschönkuss zu geben. Wenn ich diese Zeilen schreibe, laufen mir heute noch die Freudentränen übers Gesicht, wenn ich daran denke. Es bleibt mir unvergesslich.
Außer meinem Teddy, der natürlich Lokführer wurde, war dies von nun an eine lange Zeit mein Lieblingsspielzeug und beflügelte meine Fantasie aufs Höchste. Ich spielte ja gerne auch immer Trämlis zwischen dem Vorfenster und der Normalfenstertür der Terrasse, einfach, weil es da 2 Fenster gab; das war allerdings nur im Winter möglich, wegen des Vorfensters. Als es langsam Frühling wurde, nahm ich die Lok mitsamt den Wagen auch mit auf die Straße, um dort ebenfalls mit ihr auf dem Trottoir zu spielen. Mein Teddy wurde der beste Lokführer der Welt, wenn ich ihm ein Ziel angab, fuhr er den Zug mit mir genau dahin, wohin ich wollte, und er bremste punktgenau. Einmal jedoch klaute mein Bruder mir meine Lok. Nur die Lok ohne Wagen und ohne Teddy. Er stellte sie vor eine Veloabfahrt bei einem Neubau und schubste sie hinunter. Natürlich krachte die Lok unten direkt in die Mauer, nahm aber zum Glück keinen größeren Schaden. Ich konnte sein Handeln manchmal gar nicht verstehen. War es aus Eifersucht, da ich der Größere und Ältere war oder konnte es böswillig sein? Er neigte dazu, den Batzen und das Weggli zu wollen, aber das geht halt nicht. Damit musste er sich auch abfinden, wie wir alle.

***

Schulpädagogisches Landheim

Barfuß schritt ich durch einen frisch gepflügten Acker. Bei jedem Schritt sank ich etwa fünf Zentimeter tief ein. Es fühlte sich an, wie in Schokoladenpudding zu gehen. Der Sommer 1947 war heiß, ja eigentlich lange sehr heiß. Der Boden trocknete aus und bekam große Risse. Die Früchte und das Gemüse verdorrtengroßteils. Durch die Vermittlung des Schulfürsorgeamtes Basel-Stadt wurde dem Wunsch meiner Eltern entsprochen, dass ich mein Schuljahr während der dritten Klasse an einem gesünderen Ort verbringen konnte, als in der Stadt. Ich wurde also auf die Farnsburg verfrachtet, ein Schulpädagogisches Landheim in der Höhe zwischen Gelterkinden und Ormalingen, am Fuße der Schlossruine Farnsburg. Vater brachte mich hin. Zuerst fuhren wir mit der Eisenbahn bis Gelterkinden, was mir sehr gefiel, und dann liefen wir etwa eine Dreiviertelstunde den Berg hinauf, was mir schon schwerer fiel, obwohl ich damals erst acht Jahre jung war. Als wir oben angelangt waren, übergab mich Papa der Heimleiterin Fräulein Handschin. Eine dürre Person mit krausen widerspenstigen Haaren, und einem stechenden Blick. Als Vater sich verabschiedete, wollte ich ihm nacheilen, jedoch wurde ich am Arm festgehalten und ins Innere des Heimes gezerrt. Mein Widerstand nützte gar nichts, der Griff an meinem Arm wurde immer stärker bis zur Schmerzhaftigkeit. Ich begann jetzt, meine Beine zu benutzen und trat gegen die dürre, ekelhafte Person Fräulein Handschin. Auch das nützte nichts, ich wurde auf Abstand gehalten und es wurde mir versprochen, dass ich, wenn ich so weitermachen würde, kein Nachtessen bekäme. Da ich immer schwächer wurde, denn ich weinte jämmerlich, ließ ich mich auf einen Stuhl sinken, um einfach weiter zu weinen. Trost gab es keinen, man ließ mich weinen. Ich weinte fast drei Tage am Stück, danach wimmerte ich nur noch hie und da. Das Schlimmste war eben, dass ich dachte, meine Eltern wollen mich nicht mehr, sie haben mich weggegeben in ein Heim, schlimmere Schmerzen konnte man einem Kind nicht antun. Nur der Tod meiner Frau viele Jahre später war noch schlimmer.

Ich gewöhnte mich ans Heim und es begann mir langsam, ganz langsam, zu gefallen. Die Schule, welche wir jeden Morgen hatten, war toll, und auf das Schöpferische wurde großer Wert gelegt, was mir sehr entgegenkam.

Heute, es war ein warmer, schöner Frühlingstag, durfte ich nach Ormalingen, um in einer dortigen Papeterie etwas zu erledigen. Dies war eine Vorzugsaufgabe, denn nicht alle durften Solches. Mein Weg nach Ormalingen führte mich zuerst über einen frisch gepflügten, aufgewühlten Acker. Ich war barfuß und hatte nur meine Turnhosen an, denn es war ein warmer Spätfrühlingstag. Bei jedem Schritt sank ich etwa fünf bis sieben Zentimeter in die Erde. Das Gefühl war wunderbar, besonders für einen Stadtjungen, der so etwas nicht kannte. Ich kauerte in die Hocke nieder und grub beide Hände fast bis zum Ellbogen in die Erde, zog sie wieder heraus und ließ mir die warme Erde durch die Finger rieseln. Jetzt lag ich auf dem Rücken und deckte mich mit der Erde zu, auch dies ein herrliches Erlebnis, das ich nie vergaß. Schaute in den blauen Himmel und lauschte dem Gebrumm der Insekten. Nachdem ich dann wieder aufgestanden war, ich hatte ja noch was zu erledigen, schüttelte ich mich wie ein Hund und schon war ich wieder sauber, wenigstens oberflächlich, so wie ein Knabe sauber zu sein hat. Mein Weg führte mich weg vom Acker, direkt in den Wald. Ich genoss die Waldeskühle und widmete mich nun der Farbenvielfalt der so hübschen Waldpflanzen. Ich kauerte mich nieder und streichelte zärtlich die halbkugelköpfigen Rapunzeln mit ihren feinen weißen Härchen. Ich liebte auch die zarten Maiglöckchen, welche so wunderbar ausgewogen grün und weiß dastanden. Noch viele Blumen waren zu bewundern, die Hirtentäschchen, Storchenschnäbelchen, gelben Bachbummeln und rosa, violette, rote türkenbundartige Blumen standen da, und erfreuten mich sehr. Ob es das heute alles noch gibt in den Wäldern oder fiel es mir auf, weil ich es mit den Augen des ersten Blickes sah? Noch heute schwelge ich in der Erinnerung, wenn ich daran denke. Jetzt kam ich in die Nähe eines größeren Bauernhofes, dessen Hund an einer Kette immer fürchterlich bellte, wenn ein Fremder in die Nähe kam. Gerne gebe ich zu, dass ich immer schreckliche Angst hatte, wenn ich in die Nähe des Hundes kam, denn er bellte lange und recht laut. Ormalingen kam immer näher, und den Rest des Weges hüpfte und sprang ich abwechselnd, da ich kaum noch merkte, dass ich Beine hatte, welche mich trugen. Im Dorf angekommen, erkundigte ich mich als Erstes, wo ich denn die Papeterie finden konnte. Dort angekommen erledigte ich meinen Auftrag, indem ich eine schriftliche Bestellung von Fräulein Handschin abgab. Auch diesen Geruch einer Papeterie habe ich heute noch in der Nase. Vorherrschend war der Duft von Zedernholz, aus dem ja alle Blei- und Farbstifte gemacht waren. Ob es heute noch so ist, weiß ich nicht. Auch der Dorfgeruch fiel mir auf, es roch nach Kuhmist, Trockenheit, Geranien, und ganz fein noch ein wenig nach frisch Gebackenem. Von der Post war für unser Heim auch nichts mitzunehmen, sodass ich meinen mittlerweile entstandenen Durst an einer Brunnenröhre löschte, deren Stock mit Geranien geschmückt war, wie übrigens so manches Fenster im Dorf auch. Ich hatte alles erledigt und trat wieder meinen Heimweg an. Mein Interesse galt nun dem Weg, auf dem ich lief. Es war ein Naturweg mit feinem, härterem Grund. Deutlich waren die Spuren eines Pferdefuhrwagens am Boden. Es war abzulesen, dass zwei Pferde den Wagen zogen, der Metallreifen an den Rädern hatte. In den Reifenspuren lief es sich wunderbar weich und glatt, wie auf einem Parkettboden mit Perserteppich. Völlig vergaß ich wegen meiner Überlegungen, dass ich bald wieder beim Bauernhof mit dem Hund vorbei musste. Aber was war denn geschehen, kein Gekläff war vernehmbar, es war absolut ruhig. Es dauerte auch nicht lange, bis ich eine kalte Hundenase an meinem linken Bein spürte. Ich sah ihn nicht, er schlich sich von hinten an, aber als ich ihn spürte und sah, fiel mir fast mein Herz in die Hose. Losgelöst von seiner Kette begleitete er mich ein Stück meines Weges den Berg hinauf. Sofort wurde aus meiner Angst Freude, denn er tat mir ja nichts, und als ich sah, dass der Hund nach seiner kurzen Begleitung wieder zurück auf seinen Hof trottete, mit wedelndem Schwanz natürlich, war ich wirklich froh, wieder einen neuen tierischen Freund zu haben. Denn ich dachte, ich muss sicher noch manchesmal an diesem Bauernhof vorbei, und dann bin ich doch froh, wenn der Hund und ich uns kennen. Vielleicht hätte ichdiesen Kontrakt ja noch mit Pfotengeben beschließen sollen, aber es gelang mir nicht, so viel Vertrauen in so kurzer Zeit aufzubauen. Meine Rückkehr ins Heim war gerade rechtzeitig, die anderen Kinder waren eben im Pausenhöfchen um eine Zweierkolonne zu bilden, um gesittet zum Einnehmen des Mittagessens in das Gebäude einzutreten. Es gab eine Rüeblisuppe, danach Hackbraten mit Kartoffelstock und Rüebli. Wie ich es gewohnt war, nahm ich nur ein ganz kleines Probierstückli Fleisch, dafür mit viel Soße über dem Kartoffelstock und Rüebli. Fleisch hatte ich nicht besonders gerne, dafür umso lieber Soße, Kräuterbutter und sonst die leckeren Dinge, mit denen das Fleisch garniert wird. Das änderte sich nie und hält bis heute an.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 350
ISBN: 978-3-903155-02-2
Erscheinungsdatum: 03.01.2017
EUR 26,90
EUR 16,99

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