Geschichte & Biografie

Ja, diese Kinder können wir lieben

Paula Pokunda

Ja, diese Kinder können wir lieben

Ein Bericht über 40 Jahre Adoptivfamilie

Leseprobe:

Fr, 14. November 1975
Wir sagen uns oft, wie reich und glücklich wir uns zusammen fühlen. Karl meinte in diesem Zusammenhang, er fände es schön, diesen Reichtum zu teilen – mit Kindern. Da hat er recht und trifft auch bei mir auf alte Sehnsüchte.
Beim Räumen fiel mir ein Tagebuch von 1956 in die Hände und was finde ich als Motto auf dem ersten Blatt? „Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn, dass ich nicht für mich auf Erden bin, dass ich die Liebe, von der ich leb’ liebend an andere weitergeb’.“
Schade, dass ich nicht weiß, von wem dieser gefühlvolle Spruch stammt. Ich bin schon sehr überrascht, wie wenig sich die Grundeinstellung geändert hat – ich möchte immer noch Liebe und Freundlichkeit aufnehmen und weitergeben – und das ist mir sehr wichtig. Vielleicht könnte man ein Kind adoptieren. Das hätte natürlich großen Einfluss auf unsere beruflichen Vorstellungen, manche Planungen müssten wir ändern – wir wären ja nicht mehr so flexibel.

Do, 20. November 1975
Karl ist dem Adoptionsgedanken gegenüber sehr offen – seine Cousine hat eine jetzt dreijährige Adoptivtochter und Karl ist der Patenonkel. Außerdem sieht er es auch so, dass eine Schwangerschaft zu unserer Situation gar nicht passt.
Für eine Adoption gibt es noch andere gute Argumente: manche unserer Freunde fragen sich, wie man in diese Welt der Atom-Kriegsgefahr noch Kinder hineingebären mag. Dann gibt es da ja auch viele Kinder, die schon da sind, aber keine Eltern haben und in Heimen leben, sollte man die doch aufnehmen, wenn man unbedingt Kinder will. Und drittens: es muss vielleicht nicht immer das eigene Erbgut sein – nach dem Motto „auch andere Mütter haben schöne Töchter“ könnten wir sagen auch andere Menschen haben feine Kinder mit denen wir leben und teilen könnten, falls die leiblichen Eltern es nicht mehr vermögen, warum auch immer.

Mi, 26.November 1975
Diese Woche schon viel organisiert! Am 4. Dezember haben wir einen Termin bei der zuständigen Adoptionsabteilung – informativ und unverbindlich, aber doch etwas aufregend! Ansonsten: Hab die Voraussetzungen für meine Tätigkeit als Psychotherapeutin weiter geklärt, Papiere eingereicht, Kurse belegt.
Am Wochenende bekommen wir erstmals viel Besuch – Karls Vater mit Bruder, Schwester und Schwägerin kommt am Samstag zum Mittagessen und zum Kaffee. Sie sind zusammen auf der Durchreise zur Verwandtschaft im Harz. Am Sonntag kommen Karls Freunde aus der Pfalz mit Frauen und Kindern.

Mo. 15. Dezember 1975, Schönau
Liebe Chris,
hier sitze ich in aller Ruhe nach dem Sturm, der die Einrichtung in unserer neuen Situation begleitet hat und vor dem Weihnachts-Silvester-Sturm …
Wir sind hier sehr glücklich und haben uns ans gemeinsame Leben so gut gewöhnt, dass wir uns jetzt ein Kind vorstellen könnten. Nicht wie Du wahrscheinlich denkst. So waghalsig, jetzt schwanger zu werden, bin ich nicht, aber wir haben uns an eine Adoption randiskutiert.
Obwohl wir einen ersten Beratungstermin bei der lokalen Adoptionsvermittlung hatten, ist aber alles noch offen.
Die Situation dort war fast witzig: die Sachbearbeiterin hat uns gleich gesagt, dass wir zu alt für ein Baby seien und als wir meinten, es müsse unseretwegen gar kein Baby sein, bestand sie darauf, dass das aber viel besser für uns wäre und alle Leute ein Baby wollten. Wir hinterließen den Wunsch, ev. für ein Kleinkind vorgemerkt zu werden. Während wir zuvor doch sehr aufgeregt an dem Thema dran waren, scheint jetzt nicht nur eine Denkpause, sondern auch eine Gefühls–Sturm-Pause eingetreten.
Sollten wir noch zur Adoption kommen, wäre das auch erst in zwei Jahren möglich, wenn das Betriebsprojekt in der Auswertungsphase ist und meine vielen Reisen wegfallen.

Bei meinen Bemühungen, mir hier etwas aufzubauen, hab ich viel Unterstützung erlebt. Meine Lehraufträge laufen 14-tägig …
Ansonsten werde ich 1976 ungefähr zehn Wochenstunden an Beratungen und Therapien im Zuge der Ausbildungen haben und der Rest ist den Betriebsprojekten vorbehalten. Das schaut nach weniger Arbeit als früher aus – aber die Reisen und die zeitweise geballten Termine sorgen schon für meine Auslastung …
Nun überlasse ich Dich der nahenden Weihnachtsstimmung – vielleicht telefonieren wir noch? Liebe Grüße! Annegret



– 1976 – Erstes Jahr im gemeinsamen Nest und viel Bewegung

Als Beobachterin schätze ich Annegrets Berufssituation und damit die Organisationsprobleme des Paares als kompliziert ein.
Wenn ich aus den Papieren und Erzählungen rekonstruiere, zeigt sich, dass Annegret bei ihren Forschungen zur Arbeitsmotivation immer mehr zum Thema der seelischen Gesundheit in der Arbeitswelt gekommen war. Eine Beschäftigung damit an einer Hochschule wäre auch nach ihrem Umzug möglich gewesen, hätte aber alle verfügbare Zeit gekostet und ein Familienleben, gar mit Kind, unmöglich gemacht – so beurteilte es jedenfalls Annegret.
Deshalb wollte sie diese Aspekte lieber in eine psychotherapeutische Tätigkeit einbringen – nachdem sie zuvor schon den therapeutischen Aspekt in die arbeitspsychologischen Fragen besonders einbezogen hatte.
Bei ihren Erkundungen vor Ort hatte sie den Eindruck gewonnen, dass sie als Frau mit Kinderwunsch in Beratungsstellen oder Kliniken geringe Chancen hatte, in eine qualifizierte Arbeit hineinzuwachsen – Teilzeitarbeit auf gehobenem Niveau schien ausgeschlossen, Chefs zogen es gar nicht in Betracht.
Deshalb wollte sie sich langfristig für die Führung einer Psychologischen Praxis qualifizieren und das bedeutete den Seiteneinstieg in die Psychotherapie durch vielfältige Zusatzausbildungen. Viele Psychotherapeuten absolvierten nach dem Diplomstudium Ausbildungen als Gesprächs-psychotherapeuten in der „Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie“ GwG; bildeten sich in Verhaltenstherapie, VT bei der DGVT, der „Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie“ und den Nachfolgeorganisationen fort. Und in dieser Zeit ziemlich neu waren u.?a. die Ausbildungsinstitute für Gestalttherapie.

Da es keine allgemeingültigen Ausbildungsrichtlinien gab, absolvierten die Psychologen meist mehrere Zusatzausbildungen. Unter Berücksichtigung dieser Fortbildungswege war der Berufsverband BDP dabei, das Modell des „Klinischen Psychologen“ zu entwickeln, um wenigstens die Eintrittsanforderungen für die selbständige und freiberufliche Tätigkeit zu vereinheitlichen und die Stellung der Diplom-Psychologen in der Berufswelt durch einheitliche nachweisliche Ausbildungsstandards zu untermauern.
Annegret hatte etwa die Hälfte der Ausbildungen in Gesprächstherapie und in Verhaltenstherapie hinter sich und war bei beiden Berufsverbänden zu Aufbaukursen angemeldet. Ihr Ziel war zunächst die Behandlungserlaubnis durch diese beiden Fachverbände und die Anerkennung als Klinische Psychologin im BDP. Im jetzigen Stadium sollte sie Psychotherapien unter Supervision durch Ausbilder und im Gespräch mit Kollegengruppen durchführen.

Gehen wir zu Karl. Er war eher in seinem Bereich geblieben: geographisch in der Gegend, wo er nach dem Studium die ersten Arbeitsstellen angetreten hatte, im Rhein-Main-Gebiet. Er hatte sich als Maschinenbauingenieur mit Modellbau selbständig gemacht. Seine und seines Partners Modelle wurden auch gekauft und in Produktionen eingesetzt. Andererseits übernahm das Ingenieur-Büro Vertretungen für Bauteile und organisierte Gebäuderenovierungen zusammen mit Auftragsfirmen. Außerdem konnten sie immer häufiger als Betriebsprozess-Berater tätig werden. Karl war sehr interessiert, Arbeitsvorgänge an technischen Anlagen zu optimieren und dabei die Schulung der Mitarbeiter zu organisieren. Er musste keine weitere Fachausbildung durchlaufen, um in seinen Berufsrahmen das zu tun, was ihm lag.

Annegret und Karl hatten vereinbart, falls sie Kind oder Kinder hätten, die Erziehung und häusliche Pflichten zu teilen und ihre Zeiten so zu organisieren, dass beide auch berufstätig sein könnten. Aktuell versuchten sie, sich gegenseitig bei der Umstellung auf die neue Situation zu unterstützen, wobei Annegret mehr Unterstützung von Karl brauchte – allein indem er sie häufig zum Flughafen bringen und abholen und dazwischen alle Haushaltsangelegenheiten abwickeln sollte.

Und wie geht es mit der Adoptionsfrage weiter?
Ein wichtiges Datum war da der 21. Februar 1976. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU hatte über zwei Waisenjungen berichtet, neun und sieben Jahre. Ihre alleinerziehende Mutter war unerwartet im Krankenhaus verstorben. Angehörige gab es nicht. Die Kinder suchten Eltern, so hieß es. Anne und Karl meldeten sich sofort schriftlich unter dem angegebenen Passwort.

So, 29. Februar 1976
Es ist uns wie Schuppen von den Augen gefallen, dass für unser Lebensalter ältere Kinder, wie in der Zeitung erwähnt, am passendsten wären – für die wären wir nicht so alte Eltern und wir könnten mit denen eher was anfangen. Wir bekamen richtig Sehnsucht nach diesen beiden. Aber wir haben bis jetzt keine Antwort – für einen Fall, der so eilig dargestellt wurde schon komisch. Wir sind aufgeregt – vielleicht weil wir mit uns selbst und dem Kinderwunsch mehr ins Reine gekommen sind? Gefühlsmäßig sind wir seitdem auch eher auf Jungen eingestimmt – auch gerne zwei.

Mi, 2. April 1976
Viel Zeit ist vergangen und viel Aufregendes ist passiert, aber ich hatte keine Ruhe zum Schreiben, war in Norddeutschland zum Test, dann in CH und schließlich wieder hier. Also am 12. März kam ein Brief vom Jugendamt Frankfurt, Adoptionsabteilung. Unser Brief bezüglich der beiden verwaisten Jungen sei über Umwegen erst jetzt dort gelandet – man verstehe es selbst nicht ganz. Diese beiden Kinder seien inzwischen in eine Familie vermittelt, aber wir sollten doch einen Termin vereinbaren.
Zwei Wochen später dann eine engagierte Sozialarbeiterin, die von einem geplanten Projekt „Spätadoption“ erzählte. Eine bevorstehende Gesetzesänderung mache es in Zukunft möglich, dass sogenannte „geparkte Kinder“, die schon jahrelang in Heimen leben, ohne dass Eltern sich kümmern, adoptiert werden könnten. Die Zustimmung der leiblichen Eltern könne dann notfalls gerichtlich ersetzt werden. Es sei noch gar nicht so weit, aber schon jetzt werden aus den Heimen und von gerichtlich bestellten Betreuern solche Kinder gemeldet. Wenn also solche „ältere Kinder“ für uns in Frage kämen, fände sie das prima und damit drückte sie uns ihren Fragebogen in die Hand.

Heute haben wir nun unser Werk, den Fragebogen, abgeschickt, nachdem wir am Wochenende alles durchgesprochen und verabredet hatten. Neben Formalien vier Seiten Einstellungsfragen – und zu sonstigen sehr persönliche Themen. Dabei: Ob wir ärztliche Bescheinigungen vorbeibringen könnten, dass wir keine leiblichen Kinder bekommen. Jetzt wird es doch hoffentlich nicht daran scheitern! Das haben wir natürlich nicht – wir verhüten ja, weil wir denken wir könnten ja …
Andere Fragen nach Bereitschaften, Kinder von nicht so begabten Eltern oder aus Problemfamilien zu akzeptieren, haben uns selbst klargemacht, dass wir beide am IQ nicht kleben, ein debiles Kind möchten wir aber auch nicht. Ist nicht so edel, aber die Wahrheit. Bei den Problemfamilien dachten wir beide aber: der Nährboden sind da ja gesellschaftliche Probleme und die Kinder können sich ganz anders mausern. Unsere Einigkeit in diesem Punkt hat uns bestärkt und noch zusätzlich in Schwung gebracht.

So, 11. April 1976
Nicht so gut geschlafen. Gestern mit Chris telefoniert. Sie reagiert richtig aufgeschreckt, findet Spätadoption Mist, man wisse doch, dass sich in den ersten Jahren alles entscheidet und die Heimkinder meist schon recht gestört seien. Mein Argument, dass wir durch unsere Beziehung Sicherheit und Liebe geben und manches abmildern könnten, ließ sie halbherzig gelten: ‚Ja, schon, aber …‘ Ich sei zwar Psychologin, täusche mich aber durch die ausschließliche Beschäftigung in der Forschung mit Erwachsenen über die konkreten Probleme und Möglichkeiten bei solchen Kindern.
In mir wurmt es, bin enttäuscht von Chris, ärgere mich, sollte ich wohl nicht. Ich will ja auch vorsichtig sein und die Warnung von Chris anhören, glaube aber wie eh und je, dass die Umwelt entscheidend ist und Liebe und Vertrauen Berge versetzen können. Karl sagt, Chris habe ihre Meinung, o.?k. und wir sollten den Einwand bedenken und trotzdem Kinder und Situationen auf uns wirken lassen.
Vielleicht war ich zu spontan am Telefon, hätte ihr vielleicht alles erst schreiben sollen, dann hätte sie besonnener reagieren können



– Ein Adoptionsprojekt nimmt Fahrt auf

Aus den Kalendern und Tagebucheinträgen wissen wir folgendes: Von da an fanden bis Mitte Juli 1976 vier lange Gespräche zwischen Annegret, Karl und „ihrer“ Sozialarbeiterin, Frau Ha vom Jugendamt Frankfurt, statt – darunter auch eines mit Hausbesuch – offensichtlich war auch das Paar in Aktion in den eigenen vier Wänden von Interessen.
Inhaltlich ging es einmal um Äußerlichkeiten, wie Einkommens- und Wohnverhältnisse, Zu-kunftspläne, Bereitschaften für ein Kind die Lebensgewohnheiten umzustellen und – wichtig: vorher zu heiraten wäre unerlässlich.
Über die Treffen hinweg zogen sich Fragen zum lebensgeschichtlichen Hintergrund. Frau Ha brachte Annegret und Karl dazu, aus ihrer jeweiligen Kindheit, vom Verhalten und den Wert-vorstellungen ihrer Eltern, der ersten Begegnung der beiden, ihrer langen Wochenendbeziehung und der Entstehung ihres Kinderwunsches zu erzählen. Beide berichteten anscheinend gern und nahmen zu Hause den Faden wieder auf und erzählten einander von früher. Sie wurden sich offenbar der eigenen Geschichte immer wieder ein Stück bewusster – die eigene Kindheit rückte ihnen näher und näher, sie bekamen Ideen, was sie mit einem Kind alles unternehmen könnten, Anne summte für Karl ihre alten Kinderlieder.

Wie sie später verstanden, war es unter anderem ein Anliegen der Sozialarbeiterin, in dieser Anbahnungsphase eventuelle Risikofaktoren auszuschließen: z.?B. Beziehungsprobleme, die ein Kind eventuell zudecken sollte, Schuldgefühle wegen Kinderlosigkeit, die ein Kind beheben sollte, übertriebener Altruismus, der sich in der „Wohltätigkeit einer Adoption“ ausleben wollte und ähnliches mehr.
Andererseits ging es auch um Fragen zu emotionaler Offenheit, Beziehungsfähigkeit sowie um Einstellungen zu Erziehungsstilen und die vermutliche Frustrationstoleranz und allgemeine Belastbarkeit.
Im Hinblick auf ein größeres Kind bereitete Frau Ha die beiden darauf vor, dass die Phase des Kennenlernens einige Zeit in Anspruch nehme. Dem Kind wie auch den potentiellen Eltern soll die Möglichkeit zum Abbruch gegeben sein.
Eltern sollten genau hinsehen, sich prüfen und sich fragen „Können wir dieses Kind lieben?“ Aber bitte, es sei keine Warenbeschauung! Man biete nicht Kinder für Eltern an – man suche passende Eltern für die Kinder.
Es könne auch vorkommen, dass eine geknüpfte Beziehung vielleicht schon nach dem Umzug des Kindes nicht klappe, das Kind zurückwolle, Eltern das Kind zurückgeben – das sei aber ein so sehr schmerzhafter Prozess für beide Seiten, dass eine gründliche Prüfung vorher unbedingt wichtig sei – daher der Zeitaufwand.

Frau Ha führte jetzt, ab Mitte Juli 76, die beiden als potentielle Eltern. Es sei jedoch kaum damit zu rechnen, dass sich bald etwas konkretisieren werde. Annegret und Karl selbst konnten wegen der Arbeitsplanung von Annegret ja auch frühestens ab Anfang 1977 ein Kind aufnehmen – Annegret hätte dann den Projekt-Zwischenbericht und anstehende Prüfungen in Gesprächs- und Verhaltenstherapie hinter sich.

Di, 4. August 1976
Ich hatte mit richtig viel Zeit und Ruhe gerechnet – nix da! Frau Ha hat eben angerufen, hat einen Jungen, Phillip, neun Jahre, für uns – eventuell. Er lebt jetzt in einem kleinen Kinderheim auf dem Land, in dem ein Sozialarbeiter-Ehepaar mit zusätzlichen Angestellten rund 20 Kinder betreut. Der Heimleiter habe den Jungen als sogenanntes „parkendes Kind“, ohne Familienanschluss, zur Adoption vorgeschlagen. Frau Ha kennt das Kind nur aus den Akten und will demnächst mit uns gemeinsam dort hinfahren, damit wir Phillip zusammen kennenlernen.
Nachdem Karl gleich mehr wissen wollte, hab ich noch nachgefragt.
Die Akten sagen, dass Phillip, von neun Kindern der einzige Junge, vom Babyalter an in Heimen gewesen sei: Pflegefamilie in München; nach Krebserkrankung der Pflegemutter, mit zwei Jahren im Babyhotel in Bamberg; nach Heirat der Mutter kurz bei ihr in Frankfurt, dann ununterbrochen in wechselnden Heimen – manchmal zusammen mit leiblichen Schwestern.
Phillip habe ein besonders traumatisches Erlebnis, wie ein Bericht festhält: Er und eine seiner Schwestern seien, als er vier bis fünf war, bei der Mutter zu Besuch gewesen und er, Phillip, sei danach von der Polizei verschmutzt und verwahrlost zurück ins Heim gebracht worden, während die Schwester bei der Mutter blieb.
Phillip gehe jetzt in die dritte Klasse, sei nach Test normal intelligent, aber verspielt, verträumt und mit schlechten Schulleistungen.

***


1.2 Für Phillip sucht man Eltern – eine Adoptionsanbahnung

– Annäherung an Phillip – Besuche im Kinderheim

Wie Annegret und Karl in einem späteren Info-Kurs feststellten, waren bei ihnen die sogenannten Vorbereitungs- und Anbahnungsphasen planmäßig verlaufen und auch heute gilt dieser Fahrplan anscheinend noch: Vier bis fünf Vorgespräche mit einer Sozialarbeiterin oder einem Sozialarbeiter können zur Vorbereitung und Abklärung dienen und gleichfalls sind und waren etwa bei positiver Vorklärung vier bis fünf Treffen mit dem Kind zum Schnuppern und „Warmwerden“ vorgesehen.
Die Treffen mit dem Kind Phillip – Phillip mit zwei LL – fanden zwischen Mitte August und Anfang September wöchentlich statt – bis zum Urlaub von Annegret und Karl. Dabei ist eine Menge gelaufen und Annegret hat die Ereignisse und etwas von der Stimmung in einem „Tagebuch für Phillip“ eingefangen.

Sa, 14. August 1976
Mein lieber Phillip, ich werde ein Tagebuch für uns und für Dich schreiben, damit auch Du später einmal nachlesen kannst, wie wir uns kennengelernt haben und wie unsere Beziehungen gewachsen sind.
Also, an diesem Tag, Samstag, den 14. August 1976, nachmittags um 16 Uhr sehen wir uns zum ersten Mal. Wir kommen mit der Sozialarbeiterin Frau Ha. Wir besuchen zu dritt die Heimeltern und sollen Dich kennenlernen. Wir treffen uns gleich im Vorgarten.
Du, ein schüchternes Kerlchen, hellhäutig, aber braungebrannt, Blondschopf, starrst in den Boden. Man hat Dir gesagt, Paten-Leute werden Dich besuchen, vielleicht dann öfters.

Wir kommen gleich mit den Heimeltern ins Gespräch. Ich mag beide sofort. Es gefällt mir, wie sie von ihren pädagogischen Vorstellungen und von einzelnen Kindern und von Dir sprechen. Sie nötigen mir Hochachtung ab. Ich denke, sie sind gute, tolerante Vorbilder für Dich und sie strahlen gesunden Menschenverstand, Sachlichkeit und Liebesfähigkeit gegenüber den Kindern gleichzeitig aus.
Du zeigst uns, begleitet von Tante R, wie die Heimmutter heißt, und Onkel H, dem Heimvater, das Kinderheim. Dein kleines Zimmer teilst Du mit Andreas, ein Teddybären sitzt auf Deinem Bett. Du scheinst ein tapferer Kleiner zu sein. Danach bist du gleich bereit, mit uns in die Stadt zu gehen, Frau Ha bleibt bei den Heimeltern.
Wir fahren mit dem Auto. Du entdeckst das Päckchen, das wir Dir mitgebracht haben: „Hoffentlich ist da ein Modell drin!“ Was für ein Modell? Es ist keins drin.
Später ziehen wir für eine DM ein Flugzeugmodell aus dem Automaten und essen Eis und bringen Dich danach zurück. Du wirkst wohlerzogen und meldest dennoch Deine Wünsche an. Um 18 Uhr verabschieden wir uns zusammen mit Frau Ha von Dir und allen anderen.

Danach geht mir durch den Kopf, dass Du doch so selbstsicher wirkst, dass Du vielleicht gar nicht aus dem Heim willst, uns gar nicht brauchst.

Sa, 21. August 1976
16–18 Uhr, unser zweiter Besuch bei Dir
Lieber Phillip, Onkel H berichtet, es gehe Dir gut, unser Besuch habe Dich nicht weiter aus der Bahn geworfen. Wir starten gleich per Auto zum Wildpark. Du zeigst uns die vielen Rehe, Hirsche, Enten und Du fütterst alle, begeistert, tierlieb.
Beim Klettern lässt Du Dir nicht helfen, bist ganz selbständig, ein klein wenig abweisend, was so kleine Annäherungsversuche betrifft, wie Handreichen zum Grabenüberspringen. Du brauchst niemand! Du erwähnst Deine Mutter: Sie schreit Kinder nicht so an, wie es eine Mutter dort im Park eben tut.
Bei einem kleinen Wettlauf zu dritt zeigst Du Dich ehrgeizig, es macht dir Spaß. Wir liefern Dich um 18 Uhr wieder ab – nach Eis essen und Modellziehen.

Diesmal haben wir Dir Stelzen mitgebracht, Du kannst sie kaum schleppen. Es scheint, je größer oder je mehr die Geschenke, desto mehr Ehre bei den Heimgeschwistern. Wir spüren Deine Raffgier – Onkel H hatte uns darauf vorbereitet.
Später lernen wir von Frau Ha und den Heimeltern, dass das vielleicht daherkommt, dass Du so schlechte Erfahrungen gemacht hast. Dinge, die Du besitzt, sind vielleicht das Einzige, worauf Du Dich verlassen kannst.
Wir halten es für möglich, dass Du wirklich nicht aus dem Heim willst.

So, 29. August 1976
15–18 Uhr
Lieber Phillip, heute bringen wir Dir nur einen Propeller aus Plastik mit Bällen, die man damit in die Luft schießen kann und ein paar Bonbons mit. Wir möchten Dich auch von den Modellen wegbringen, vor allem, weil immer nur Kriegsschiffe oder Kriegsflugzeuge aus dem Automaten kommen.
Heute rät Onkel H, Du solltest uns zu den Seen führen. Wir fahren ein Stück zum Dorf hinaus und sind gleich da. Natur macht uns allen Spaß. Karl zeigt Dir sein großes Fahrtenmesser und meint, Du solltest Rinden suchen, dann könntet ihr beide Bötchen schnitzen. Du bist hellauf begeistert und hast alle Plastik, alles Raffen vergessen. Das alles macht mir auch Spaß. Deine Bindung zu Karl festigt sich, ihr macht was zusammen, ich guck zu.
Wir bringen Dich zurück. Du holst Helfer, die Deine Beute mit hineintragen: zwei große Rindenboote mit Segeln aus Kaugummipapier, den Propeller mit den Bällen und die Bonbons … dann bist Du verschwunden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 486
ISBN: 978-3-95840-799-2
Erscheinungsdatum: 13.03.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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