Geschichte & Biografie

Heimat und andere Gefühle

Harald Kallmeyer

Heimat und andere Gefühle

Ein real gelebtes Leben

Leseprobe:

Erinnerungen an Kindheit und Jugend

Chronist: Es war am 16. April 1939, einem Sonntag, dass ich in Berlin das Licht der Welt erblickte. Die Eltern wohnten in der Crusemarkstraße in Pankow. Ich wurde in der Wohnung getauft, als ich schon ein Steppke war, wobei ich meine musikalischen Ambitionen durch Schläge auf den bildungsbürgerlichen Flügel kundtat. Meine Mutter fuhr mich in der Karre in dem nahegelegenen Schlosspark Schönhausen am Ufer der Panke spazieren, mit ihrem modischen Hut, den man auf Fotografien bewundern kann.
Ja, richtig: Das war doch kurz vor Kriegsbeginn, auf dem Höhepunkt der Naziherrschaft. Aber ganz ruhig bleiben: Es zählte nur das private Glück, wann ich zum ersten Mal auf dem Topf saß und wann ich laufen lernte. Ganz wichtig waren die ersten unbeschwerten Urlaube der jungen Familie in Boltenhagen und Prerow an der Ostsee sowie in Schierke im Harz. Beim Betrachten der Urlaubsfotos kommen vermeintliche Erinnerungen auf: Wie es sich anfühlt, wenn man barfuß über einen Holzsteg geht, und welchen Eindruck der Bahnhof und die Dampfloks der Kleinbahn in Schierke machten.
Allerdings stellt sich die Frage, warum ich in diese unselige Situation hineingeboren wurde, sodass ich die Schatten dieser fatalen politischen Entwicklung mein ganzes Leben lang nicht loswurde. Aber diese Frage ist müßig: Wenn ich zu anderer Zeit an einem anderen Ort als Kind anderer Eltern geboren worden wäre, dann wäre ich nicht Ich, sondern jemand anders. Dann gäbe es meine Person nicht.

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Die ersten Nachkriegsjahre bis zur Währungsreform habe ich als düstere Zeit in Erinnerung. Ich erinnere mich noch an die Wehmut, die mich ergriff, wenn ich in den Trümmern eines Wohnhauses die zerfetzten Tapeten im Wind flattern oder die Wohnungseinrichtung in der Luft hängen sah. Ich habe aber nie nach dem Warum gefragt. Ich habe diese äußeren Umstände als selbstverständlich hingenommen. Auch das Spielen in den Trümmern habe ich als etwas ganz Natürliches empfunden, so als ob es immer und überall so wäre. Auch hat es mich nur positiv berührt, als die Steinhaufen beseitigt, die Reste der zerstörten Häuser abgerissen und Neubauten in primitiver Bauweise errichtet wurden. Abwechselnd mussten die Familienmitglieder vor dem Milch-Laden Schlange stehen, um am Ende aus einem großen Bottich lose, blau schimmernde Milch zugeteilt zu bekommen. Zu Hause gab es Brot ohne Butter mit Sirup darauf, der durch alle Poren lief und auf dem Teller landete, bevor das Brot gegessen war. In einer Nachbarstraße war in einer Villa die britische RAF (Royal Air Force) Police einquartiert, bei der wir, manchmal mit Erfolg, um Schokolade bettelten.
Ich bin 1950 in die Leibnizschule in Hannover eingeschult worden, ein Gymnasium für Jungen. Koedukation wurde in den fünfziger Jahren an diesem Gymnasium nur in kleinen Ansätzen verwirklicht. Kurioserweise hatten wir in unserer Klasse zeitweilig drei vereinzelte Mädchen. Welche Politik dahinterstand, war nicht ersichtlich. Sie mussten bei Shakespeare die „three witches“ lesen. Voraussetzung für die Aufnahme war das erfolgreiche Absolvieren eines einwöchigen Probeunterrichts mit täglichen Klassenarbeiten. Eine weitere Auslese wurde dadurch getroffen, dass in Fällen schwacher Leistungen mit den Eltern über einen Abgang von der Schule verhandelt wurde. So etwas kam ziemlich häufig vor. Tatsächlich war die Schülerschaft bunt gewürfelt. Die ersten Jahre war die Schule in einem düsteren Gebäude aus alter Zeit untergebracht. Es fand Schichtunterricht statt, d. h., die Hälfte der Klassen hatte am Vormittag Unterricht, die andere Hälfte hatte wochenweise am Nachmittag von 13 bis 18 Uhr Unterricht. So auch wir. Ich erinnere mich, dass meine Mutter große Probleme hatte, uns zum Unterrichtsbeginn um 13 Uhr aus der Eilenriede zu holen, wo wir uns austobten, um dann ermüdet zur Schule zu gehen. Um 18 Uhr mussten wir mit der Straßenbahn im Berufsverkehr den langen Schulweg zurücklegen. 1953 bekamen wir dann als erste Schule in Hannover einen Neubau nach neuesten architektonischen Erkenntnissen im Pavillonstil. 2010 wurde diese Schule als wiederum veraltet abgerissen. So schnell ändern sich die Zeiten.
Ich habe in meiner Zeit am Gymnasium (das sich übrigens nicht so nannte, der offizielle Titel war: Oberschule für Jungen) eindrucksvolle Lehrerpersönlichkeiten kennengelernt. Mit Sicherheit hatte mancher ein wechselvolles, möglicherweise schweres Schicksal im Nationalsozialismus erlebt. Sie ließen sich aber nichts anmerken, gingen vielmehr ihre pädagogische Aufgabe positiv im Sinne der deutschen oder auch europäisch gewachsenen Kultur an. Das Beste, was uns Jugendlichen passieren konnte. Über den Nationalsozialismus wurde niemals, auch nicht nur in Anspielungen, gesprochen. Er war wie ein nächtlicher Spuk verschwunden und man konnte wieder zur Tagesordnung übergehen. Man hatte ja auch genug Probleme, mit denen man fertig werden musste. Für uns Kinder war das die Welt, wie wir sie kennenlernten. Den Naziterror hatten wir ja nicht bewusst erlebt. Den Krieg empfanden wir als einen Schicksalsschlag, der von irgendwo hergekommen war und der jetzt vorbei war. Die Mangelsituationen erschienen uns ganz normal.
Die kontinuierlich traditionelle Wissensvermittlung und die Erziehung zum Denken war also alleiniges Ziel in der Schule. Es wurde jede Indoktrinierung vermieden. Auch waren keinerlei internationale Spannungen spürbar. Es gab keine Feinde mehr. Im Gegenteil, es standen die Zeichen auf Völkerverständigung. Auch wurde der Antisemitismus ausgespart. Ich erinnere mich nicht, dass jemals im Unterricht das Wort Jude fiel. Rückblickend kann ich sagen: Der Nationalsozialismus wurde so behandelt, als wenn es ihn nie gegeben hätte. Die Schüler haben auch niemals Fragen in diese Richtung gestellt. Der Krieg und die Niederlage waren ein davon unabhängiges schicksalhaftes Ereignis.
Ich erinnere mich noch an meinen ersten Mathematiklehrer, bei dem ich auch den Probeunterricht zur Aufnahme im Gymnasium absolvieren musste. Er war frankophil und sagte, wenn die Schüler wieder einmal seine Ableitungen, die immer mit dem Spruch endeten: „Quod erat demonstrandum“, nicht verstanden hatten: „Mon Dieu, mon Dieu, vois ton peuple et pleure!“ Ein sehr kultivierter Mensch.
Ich war langjähriges Mitglied im Schulorchester, einem sehr ambitionierten Streichorchester an unserer Schule. Dieses Orchester wurde zur Völkerverständigung eingesetzt und durfte verschiedene Konzertreisen nach Bristol in Großbritannien machen, wobei wir in englischen Familien untergebracht wurden. Erstaunlich war die Gastfreundschaft ohne jede Ressentiments. Ich durfte sogar die Hecke schneiden, was eine große Ehre war. Bezeichnend empfand ich auch folgendes Erlebnis: In der Londoner Paddington-Station liefen wir morgens früh zu einem Kiosk, um uns etwas zu essen zu kaufen. Nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben hatten, sagte die urwüchsige Kioskfrau zu uns sinngemäß: Sie hätte kein Problem mit den Deutschen, wir würden nur zu viel arbeiten.
Unsere Schule hatte aus alter Zeit ein „Landschulheim“ in Nienstedt am Deister bei Hannover, in dem jede Klasse jährlich zwei Wochen verbrachte. Es war ein richtiger Internatsbetrieb mit Unterricht durch die begleitenden Lehrer, mit Frühsport, Küchendienst, ausgedehnten Wanderungen einschließlich Schnitzeljagd und Theateraufführungen. Schon die Anreise geschah durch eine Wanderung quer über das Gebirge, während das Gepäck auf einem Pritschenwagen transportiert wurde. Am Wochenende konnten Eltern zu Besuch kommen. Das Gebäude war ein altes Gemäuer mit Schlafsälen (Etagenbetten) und Aufenthaltsräumen. Es lag in einem Tal neben einem großen Teich mit einem Bachlauf. Durchaus idyllisch. Man konnte als Jugendlicher Banden bilden oder als Einzelner seinen Träumen nachhängen.
Die Studienwahl war seinerzeit in der Schule ein heißes Thema. Eine gewisse Vorentscheidung musste schon bei Eintritt in die Oberstufe getroffen werden. Der Reformeifer der Schulverwaltung hatte dazu geführt, dass man sich schon bei Eintritt in die 11. Klasse (Obersekunda) zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem neusprachlichen Zweig entscheiden musste. Schon früher musste man zwischen Französisch und Latein als zweiter Fremdsprache wählen. Ich muss bekennen, dass ich bei meiner Entscheidung für das Jura-Studium etwas nach dem Subtraktionsverfahren vorgegangen war: Ich hatte keine ausgesprochenen Neigungen, die meine Studienwahl vorbestimmt hätten. Jura war für mich ein unbeschriebenes Blatt, es kam in der Schule einfach nicht vor. Es war also bei mir ein gehöriges Neugierpotential vorhanden. Über die verschiedenen Zweige des juristischen Berufs habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Das hatte Zeit bis nach den Staatsexamen.


Beruf

Der Beruf, oder wie man heute sagen würde, Job, hatte für mich einen hohen Stellenwert, als ich 1969 meine Zweite Juristische Staatsprüfung ablegte. Bei der Bewerbung eines frischgebackenen Volljuristen spielten die Examensergebnisse eine entscheidende Rolle. Glücklicherweise habe ich beide Staatsexamen mit gehobenem Prädikat abgeschlossen, was nicht auf besonderem Talent, sondern mehr auf Fleiß beruhte. Auf diese Weise hatte ich die Wahl, ich wurde geradezu umworben. Die Alternativen waren: Anwalt beim Oberlandesgericht oder sogar beim Bundesgerichtshof, anfangs natürlich in untergeordneter Stellung einer Kanzlei, Richter, ich hatte diesbezüglich ein suggestives Gespräch beim Justizministerium in Hannover, und natürlich die Industrie. Auch in Brüssel bei der Europäischen Kommission hatte man mich empfangen. Mein Ehrgeiz ging in zwei Richtungen: Einerseits wollte ich wissenschaftlich arbeiten, andererseits legte ich Wert auf die Praxis, träumte von einer Stellung mit Verantwortung und Entscheidungsbefugnissen. Schließlich wollte ich auch viel Geld verdienen. Ich habe mir die Entscheidung nicht einfach gemacht und mich auch mit befreundeten Kollegen besprochen. Schließlich habe ich mich für die Industrie entschieden und freute mich auf Gestaltungsaufgaben. Ich bin zur Firma Glanzstoff in Wuppertal-Elberfeld gegangen, wobei mir durchaus geschmeichelt hat, dass ich dort unter zahlreichen Bewerbern die erste Wahl war. Interessant war das Ergebnis eines Einstellungstests, der als negatives Ergebnis lediglich ergab, dass ich gelegentlich „ausrasten“ könnte, was absolut zutrifft.


Heimat und andere Gefühle

Draußen herrschen Regenschauer, treibende Wolken, Windböen. Ich sitze in der Stube und schaue durch die tropfnassen Fensterscheiben. Ich liebe dieses Wetter. Das ist meine Heimat.
Es ist ein freundlicher, heller Morgen. Die Sonne scheint. Die Kirchenglocken läuten. Auch das ist meine Heimat. Ich liebe die Abwechslung der Jahreszeiten, der Stimmungen und der Wetterfühligkeit. Als einmal in der Karibik erklärt wurde, hier seien das ganze Jahr über 32 Grad Wärme, habe ich gedacht: Das ist nicht mein Land. Ich möchte nicht am Äquator leben.
Apropos Kirchenglocken: Auch das Christentum gehört zu meiner Heimat. Konkret: Ich bin getauft und konfirmiert und bin lebenslang Mitglied der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Mein Gottesglaube war immer mehr vage. Ich brauchte nicht die gegenständliche Ausprägung des Glaubens, Gott war für mich ein abstraktes Phänomen im Bewusstsein der Menschen, das aber unerlässlich ist, um ihnen Halt zu geben.
Mich hat das ganze Leben mein Konfirmationsspruch begleitet: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage der Toleranz gegenüber anderen Religionen mit einem anderen Gottesbild. Der Glaube ist seiner Natur nach exklusiv, und zwar nicht nur gegenüber sogenannten Heiden, sondern auch gegenüber anderen Religionen. Das bedeutet aber nicht, dass Andersgläubige als „Ungläubige“ verfolgt werden dürfen, auch dann nicht, wenn sie die herrschende weltliche Macht in Frage stellen. Insoweit ist Toleranz gefragt. Sie muss aber auf Gegenseitigkeit beruhen. Die Verteidigung der eigenen Religionsfreiheit ist legitim.

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Mein Heimatgefühl ist untrennbar verbunden mit der Landschaft Norddeutschlands. Da kann man noch so oft sagen: wie langweilig, alles eben, schwarz-weiße Kühe, nur Himmel. Ich liebe diese Landschaft und brauche kein objektives Urteil, dass es hier schön ist. Ich hätte volles Verständnis, wenn man die Sahara als die geliebte Heimat fühlt. Außerdem gibt es in Norddeutschland nicht nur Marschen, sondern auch die Moränen-Landschaft der Eiszeit, wie die schöne Lüneburger Heide, die Mark Brandenburg oder die Mecklenburgische Seenplatte.

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Was ist die Bedeutsamkeit dieser ganzen Vergangenheit? Der Wert liegt darin, dass dieses Leben wahrhaftig gelebt worden ist, als Mosaikstein einer Gesellschaft, zu dessen Gesamtbild es aber nur wenig beigetragen hat. Es ist einfach die eigene Existenz, die dem eigenen Leben Bedeutung verleiht, auch wenn an dessen Ende keine öffentliche Würdigung steht. Am Ende steht der Mensch in seiner Vergänglichkeit nackt da, dem es nicht mehr nützt: Kleider machen Leute. Wer jetzt noch eitel ist, dem ist nicht zu helfen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 70
ISBN: 978-3-95840-261-4
Erscheinungsdatum: 16.11.2016
EUR 19,90
EUR 11,99

Herbstlektüre