Geschichte & Biografie

Die Natchez

Karl-Hermann Hörner

Die Natchez

Staatenbildung am unteren Mississippi?

Leseprobe:

Die ersten ausführlichen Berichte über die bis zu ihrer Vertreibung und Ausrottung im 18. Jahrhundert am Unterlauf des Mississippi lebenden Natchez stammen von französischen Reisenden, Militärs und Missionaren. Während die meisten der in jener Zeit der Entdeckungen entstandenen Beschreibungen fremder Kontinente geringschätzig, allenfalls mitleidig die Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung schildern, bedienen sich die frühen Natchez-Chronisten einer Sprache und Darstellungsform, wie sie zur Erläuterung der Sitten am Hofe von Versailles nicht besser hätten geeignet sein können. Die Natchez-Gesellschaft wird zu einer hierarchischen Gesellschaft mit einer Aristokratie an der Spitze, geführt von einem absolut herrschenden König. Diese teilweise unangemessene und überzogene Sichtweise steht in auffallendem Kontrast zu der von Hudson (1978: 3) vermerkten, weitverbreiteten Unkenntnis über den nordamerikanischen Südosten und damit auch über die Natchez. Eine im Vergleich mit anderen Regionen des nordamerikanischen Kontinents nicht zu verkennende zeitweilige Zurückhaltung in der Beschäftigung der wissenschaftlichen Ethnologie mit den Südost-Gruppen mag ihren Teil zu dieser Situation beigetragen haben. Die Untersuchung der Natchez wurde zudem noch durch die frühe Ausrottung dieser Gruppe und fehlerhafte Beobachtungen durch die ersten europäischen Kontaktpersonen erschwert. Auch die Interpretationen Swantons, dem wir die umfangreichsten und überdies exzellenten Auswertungen des Quellenmaterials verdanken, vermochte nicht unbeeinflusst zu bleiben von den Irrtümern der Chronisten.
Dieser Sachverhalt erfordert eine Überprüfung ethno-historischer Quelleninterpretationen anhand neuerer Daten, wie sie wohl nur von der Archäologie erwartet werden dürfen. Sollen Ergebnisse dieser Nachbarwissenschaft der Ethnologie und Sozialanthropologie gewinnbringend in das Studium der Natchez einbezogen werden, so bedarf es einer klaren Definition des Stellenwertes, der archäologischen Schlussfolgerungen in einer ethnologischen Betrachtung zukommen soll. Die Möglichkeiten und Grenzen einer Umsetzung archäologischer Erkenntnisse in ethnologisch relevante Aussagen müssen deutlich umrissen werden. Es müssen somit die Rahmenbedingungen abgesteckt werden, innerhalb deren Daten der Archäologie ethnologischen Erklärungswert haben können. Zur Einschätzung eines ethnologisch relevanten Erkenntnisgewinns durch archäologische Daten gehört auch eine Stellungnahme zum Verständnis von Archäologie, das dieser Einschätzung zugrunde liegt.

Auch in Coles-Creek-Gesellschaften gab es Hügel-Plaza-Komplexe, zu deren Errichtung es einer hierarchischen Ordnung bedurft haben muss. Den Unterschied zwischen Coles Creek und Plaquemine macht für Roe (2007: 36 f.) die intensive Nutzung des Maises als Ernährungsgrundlage und der überregionale Austausch mit anderen Gesellschaften während der Plaquemine-Zeit aus.
Einen ähnlichen Stellenwert wie Plaquemine erhält bei einigen Autoren auch der Caddo-Komplex. So misst Sears (1964: 273?f., 282) dem Gebiet der Caddo im westlichen Louisiana und Arkansas und im östlichen Texas und Oklahoma, von wo aus auch die Plaquemine-Keramik beeinflusst worden sein soll, ganz besondere Bedeutung bei. Er nimmt an, dass von hier der Komplex des Southern oder Southeastern Cult seinen Ausgang nahm. In diesem Kult sollen Elemente von Troyville und Coles Creek mit mesoamerikanischen Einflüssen vereint worden sein. Sears (1964: 273?f., 282) begründet seine Annahme mit der weiten Verbreitung, die Stilelemente der Caddo-Keramik im Südosten gefunden haben.
Der wichtigste Fundort im Caddo-Gebiet, die Davis-Ausgrabungsstätte, wertet Sears (1964: 273 f., 282) als ein bedeutendes Zentrum sowohl in religiöser als auch demografischer Hinsicht. Seine Bewohner sollen in festen Häusern gewohnt und sich fast ausschließlich von Produkten des Bodenbaus ernährt haben.
Hudson (1978: 91) merkt hierzu allerdings an, dass die Caddo hauptsächlich in kleinen Dörfern gelebt haben. Große Zentren hätten vornehmlich religiöse Bedeutung gehabt und seien weniger als Wohnplätze in Erscheinung getreten.
Der Begriff des Southern Cult beschreibt eine Vielzahl unterschiedlicher Gegenstände mit Motiven von religiösem Symbolgehalt, die alle einem einheitlichen zeremoniellen Komplex zugeordnet werden (Sears, 1964: 279 ff.). Objekte, die typisch sind für den Südöstlichen Kult, sind Darstellungen adlerähnlicher Wesen, Abbildungen einer langnasigen Gottheit und Ohrschmuck. Sears (1964: 279 ff.) meint gemeinsam mit Waring und Holder (1945: 27 f.), in Teilen dieses Kultes Vorläufer des Buskfestes historischer Zeiten erkennen zu können.
Wichtige stadtähnliche Zentren des Südöstlichen Kultes waren Spiro im Caddo-Gebiet, Moundville in Alabama und Etowah in Georgia (Sears, 1964: 279 ff.). Von solchen religiösen Zentren aus sollen staatsähnliche Gebilde regiert worden sein. Mit dem Kult wäre damit auch eine differenzierte Form sozialer Organisation verbunden.
Die Einheitlichkeit, die Sears dem Südöstlichen Kult nicht nur in geografischer, sondern auch in religiöser und gesellschaftlich-politischer Hinsicht unterstellt, lässt Muller (1978: 317, 319 ff.) in dieser Form nicht gelten. Für ihn bestehen deutliche regionale Differenzen. Er nimmt eher an, dass an mehreren Stellen des Südostens, ohne größere zeitliche Verschiebungen, parallel zueinander zentrale gesellschaftliche Organisationsformen entstanden sind. Ein verbindendes Element zwischen den einzelnen Zentren, das auch über weite Entfernungen hinweg wirksam war, sieht Muller (1978: 317, 319 ff.) in einem System von Tauschbeziehungen, das sich sowohl auf Rohprodukte als auch auf Fertigwaren erstreckte.
Kroeber (1939: IX, 1) kann offenbar im Zuge der Entstehung des Südöstlichen Kultes ebenso wenig eine gesellschaftlich-religiöse Vereinheitlichung erkennen. Er hebt mit dem Gebiet der Natchez und dem unteren Mississippi eine Region hervor, in der für ihn eine zwar den ganzen Südosten betreffende, aber dennoch regional unterschiedlich ausgeprägte Entwicklung einen Höhepunkt erreicht hat.
Auch Waring und Holder (1945: 21 f.), denen wir die erste zusammenfassende Darstellung des Südöstlichen Kultes verdanken, vertreten die Ansicht, dass sich das gesamte räumliche Areal dieses Kultes aus unterschiedlichen Kulturregionen mit eigenen kulturellen Zentren zusammensetzte. Dies leiten diese beiden Autoren allein schon aus der unterschiedlichen regionalen Verteilung der einzelnen Kultelemente ab.
Offenbar gab es zur Zeit der Mississippi-Tradition, folgt man den Ausführungen Mullers (1978: 312, 315), bereits eine Arbeitsteilung mit einer Freistellung eines Teils der Gesellschaft von der unmittelbaren Nahrungsmittelproduktion und eine auf Wiederverteilung beruhende Wirtschaftsform. Hierzu bedurfte es einer administrativen Organisation und einer Autorität, die in der Lage war, diese Wiederverteilung zu überwachen. Priester dürften in diesem System eine wesentliche Rolle gespielt haben. In kleineren Zentren übernahmen möglicherweise niederrangige Priester diese Verteilungsaufgabe, woraus auf eine soziale Hierarchie geschlossen werden kann. Der größte Teil der Bevölkerung blieb aber ausschließlich mit der Produktion und Beschaffung der Nahrungsmittel beschäftigt.
An der Spitze der sozialen Hierarchie vermutet Muller (1978: 316) eine Führerpersönlichkeit, deren Position vererbt wurde. Zu dieser Annahme gelangt er zum einen aufgrund der Einschätzung der Tempelhügel als Stätte der Ahnenverehrung und zum anderen wegen der planmäßigen Vorgehensweise bei der Errichtung der religiösen Zentren, die einen großen zeitlichen, unter Umständen über eine Generation hinausgehenden, und organisatorischen Aufwand erfordert haben muss.
Archäologische Belege, die für einen unterschiedlich verteilten Wohlstand sprechen, lassen darauf schließen, dass es in den Gesellschaften des unteren Mississippi-Tales mehrere soziale Schichten gegeben hat (Kidder, 2004: 558). Die Zugehörigkeit zu diesen Schichten wurde wahrscheinlich vererbt (Kidder, 2004: 559). Verbindungen zum südöstlichen Zeremonialkomplex können archäologisch aber kaum nachgewiesen werden (Kidder, 2004: 558). Es gab zwar vermehrt Kontakte mit Nachbargruppen im Norden wie auch im Osten und Westen (Kidder, 2004: 555). Die sozialen Verhaltensmuster zeigten aber durchaus regionale Unterschiede (Kidder, 2004: 559).

<strong>3.3. Die Natchez im Kontext vorgeschichtlicher Kulturtraditionen</strong>

Andere historische Gruppen des unteren Mississippi, die neben den Natchez ebenfalls ausführlich von den französischen Chronisten beschrieben werden, die Taensa, die Caddo und die Bayogoula, erfahren von den Chronisten recht unterschiedliche Bewertungen.
Die Formen religiöser Verehrung bei den Caddo scheinen Joutel, einem Begleiter des Mississippi-Erforschers La Salle, nicht sonderlich bemerkenswert (Cox, 1973, 2: 142, 144). Auch ist diesem Berichterstatter offenbar keine weitergehende gesellschaftliche Differenzierung aufgefallen. Es wird lediglich von der Vorbereitung der Felder bis zur Aussaat als einer öffentlichen Angelegenheit, außerdem von Initiationszeremonien bei der Aufnahme in den Stand der Krieger und von der bedeutenden gesellschaftlichen Stellung der Alten berichtet (Cox, 1973, 2: 139, 143 f.).
Die Beschreibungen des Tempels und der Begräbniszeremonien der im Delta-Bereich siedelnden Bayogoula sind dagegen schon sehr viel differenzierter und ähneln zum Teil Darstellungen, wie sie über die Natchez zu lesen sind. So war der Bayogoula-Tempel, den Ausführungen d’Ibervilles (Margry, 1974, 4: 169 f.) zufolge, außen mit verschiedenen Tierfiguren versehen und im Inneren soll es eine Art Plattform gegeben haben, auf der Gaben für die Götter dargebracht wurden. Außerdem berichtet d’Iberville (Margry, 1974, 4: 169 f.) von zwei Feuern, die in der Mitte des Tempels brannten. Die Begräbniszeremonien fanden nach d’Iberville (Margry, 1974, 4: 169 f.) außerhalb der Dörfer statt, wobei die Toten, in Schilfmatten gehüllt, aufgebahrt wurden. Die Gebeine eines verstorbenen Häuptlings wurden nach du Ru (de Villiers, 1925: 123) in den Tempel gebracht.
Die Taensa werden von Tonti (Ethridge, 2010: 136 f.) in einer Weise beschrieben, die nahelegt, dass diese Gruppe über ein recht differenziertes Sozialgefüge verfügt hat. Die Schilderung des Tempels mit einem ewigen Feuer und einem Allerheiligsten in seinem Innern und dem Darbringen von Gaben für die Tempelwächter ähnelt schon sehr den Beschreibungen des Natchez-Tempels und der Verehrung, die diesem entgegengebracht wurde.
In auffallendem Gegensatz zu diesen, hier nur beispielhaft erwähnten Darstellungen steht aber das Bild, das die frühen Chronisten von den Natchez zeichnen. Über sie wird sehr viel ausführlicher und detaillierter berichtet als über alle anderen Gruppen vom Unterlauf des Mississippi. Diesen Umstand haben wir einerseits Du Pratz zu verdanken, der mehrere Jahre bei den Natchez lebte und über eine einheimische Übersetzerin verfügte. Zum anderen deutet die Berichterstattung darauf hin, dass die Natchez die Aufmerksamkeit der ersten europäischen Kolonisatoren in einem Maße auf sich gezogen haben wie keine andere Gruppe in dieser Region.
Du Pratz (1758, 2: 223 f.) hält die Natchez für die einstmals wichtigste ethnische Gruppe des späteren Französisch-Louisiana überhaupt. Ihr Herrschaftsbereich soll sich von einem Ort namens Manchac, den Du Pratz (1758, 1: Karte zwischen 138 und 139) wenig nördlich des Mississippi-Deltas lokalisiert, bis zum Ohio erstreckt haben. Alle anderen Gruppen, die in diesem Gebiet lebten, sollen den Machtanspruch der Natchez anerkannt haben. Ein Häuptling gab Du Pratz (1758, 2: 338) die Auskunft, dass zu jener Zeit allein die oberste Gesellschaftsschicht der Natchez, die Sonnen, aus 500 Personen bestanden habe. Auch jener Gewährsmann, auf den Du Pratz’ (1758, 2: 335) Informationen über den Ursprungsmythos der Natchez zurückgehen, erwähnt, dass das Siedlungsgebiet seines Volkes früher sehr viel größer war als nach Ankunft der Franzosen. Um es von Osten nach Westen zu durchmessen, soll man mehr als 12, von Norden nach Süden mehr als 15 Tage unterwegs gewesen sein (Du Pratz, 1758, 2: 338).
Anhaltspunkte, die uns die Archäologie liefert, weisen darauf hin, dass es in vorgeschichtlicher Zeit Siedlungsstätten der Natchez auch weiter nördlich der historisch belegten Siedlungsräume gegeben haben muss (Phillips, 1951: 139 f.). Leider gibt es hierfür keine eindeutigen Belege durch die Berichte der ersten Europäer, die zusammen mit dem Spanier De Soto an den unteren Mississippi gelangten (Phillips, 1951: 348–391). Da allein schon der Weg, den die Expedition dieser spanischen Konquistadoren nahm, ungeklärt ist, ist eine eindeutige Identifizierung archäologischer Fundstätten, geschweige denn ethnischer Gruppen späterer Zeiten anhand der Reiseroute De Sotos außerordentlich schwierig.
Sicher ist, dass diese erste Expedition, die irgendwo zwischen Memphis und Arkansas-Mündung auf den Mississippi traf, auf Gemeinschaften stieß, die sich durch eine für nicht-industrielle Gesellschaften große Komplexität ihrer sozialen Organisation und durch eine Vielfalt einander hierarchisch zugeordneter Gruppen auszeichneten (Phillips, 1951: 351 f., 354 ff.). Es soll große Städte, wahre Hauptstädte, gegeben haben, denen kleinere Orte offenbar untergeordnet waren. Der sozial-strukturelle Unterschied zu den weiter westlich, in den beginnenden Plains lebenden Gruppen, durch deren Gebiet die Expedition eine Zeit lang reiste, um dann weiter im Süden wieder an den Mississippi zurückzukehren, muss auffallend gewesen sein (Hudson, 1978: 115 f.).
Diese Rückkehr zum Mississippi brachte die Spanier zwar wieder in die Nähe des historischen Siedlungsgebietes der Natchez und diese waren sicherlich auch unter den Angreifern, die den europäischen Eindringlingen so sehr zusetzten, dass sie diese Gegend eiligst wieder verließen (Hudson, 1978: 116), den einzig wirklichen, wenn auch spärlichen Hinweis auf die Natchez meint Swanton (Phillips, 1951: 390 f.) aber in der Bezeichnung Quiguate für einen Ort, auf den die Männer um De Soto weiter am Oberlauf des Mississippi stießen, zu entdecken. Diesem Wort billigt Swanton eine gewisse Ähnlichkeit mit der Sprache der Natchez zu. Quiguate, „die größte Stadt in ganz Florida“ (Phillips, 1951: 382), lag mit Sicherheit viel weiter nördlich als das Gebiet, in dem die Franzosen über 100 Jahre späterdie Natchez antrafen. Selbst jene These über die Reiseroute der De Soto-Expedition, die von der US-amerikanischen De Soto-Kommission favorisiert wird und die von allen Alternativen schon die südlichste Variante annimmt (Phillips, 1951: 384–390), lokalisiert Quiguate in der Nähe der Arkansas-Mündung in einem Dreieck zwischen Mississippi, Arkansas und White River (Phillips, 1951: 382 f.). Südlich von Quiguate soll das Mississippi-Tal sehr bevölkert gewesen sein und es soll dort noch viele große, stadtähnliche Siedlungen gegeben haben (Phillips, 1951: 382). Phillips, Ford und Griffin (1951: 457) sehen außerdem Anzeichen dafür, dass sich die Zentren der Mississippi-Kultur allmählich von Norden nach Süden verlagerten. Dadurch ergäbe sich eine Verbindung zwischen dem Quiguate De Sotos und dem Gebiet der Natchez zur Zeit der Franzosen.
Die Größe von Quiguate hinterließ offensichtlich einen starken Eindruck bei den spanischen Chronisten (Phillips, 1951: 360). Die Stadt soll weitläufig genug gewesen sein, um alle Teilnehmer der Expedition zu beherbergen und dennoch den Einheimischen noch genug Wohnraum übrig zu lassen. In der Umgebung soll es fruchtbare Felder gegeben haben, deren Erträge die Ernährung der Bewohner gesichert haben. Der „Kazike von Quiguate“ (Phillips, 1951: 382) herrschte offenbar über eine große Zahl von Untertanen.
Ein ganz anderes Bild bot sich den Franzosen, als diese im 17. Jahrhundert an den Mississippi kamen. Dort, wo die Spanier stadtähnliche Gebilde mit wehrhaften Palisaden vorgefunden hatten, trafen die Franzosen nur auf einige Siedlungen der Quapaw, einer Sioux-Gruppe (Phillips, 1951: 419). Daneben gab es in der Yazoo-Region eine Reihe von Splittergruppen wie die Koroa, die Tunica und die Tioux, die noch nicht einmal einer gemeinsamen Sprachfamilie angehören (Phillips, 1951: 420). Der Kontrast zwischen der Gruppenvielfalt zur Zeit der Franzosen und den in einer Art Hegemonie miteinander verbundenen Gemeinwesen zur Zeit der Spanier ist deutlich. Es muss zwischenzeitlich ein Zerfall der alten Strukturen und ein Eindringen fremder Gruppen in diesen Raum stattgefunden haben. Phillips (1951: 419 f.) erwähnt als verantwortlich hierfür einen durch eingeschleppte Krankheiten verursachten Bevölkerungsschwund und ein Vordringen der Chickasaw nach Westen. Letztere werden von den Franzosen als eine recht aggressive Gruppe eingeschätzt. Das Verhalten der Engländer in Carolina und Virginia mag seinen Teil zu dieser Aggressivität beigetragen haben. Neuere Untersuchungen (Ethridge, 2010: 92–98) unterstreichen die Bedeutung des beginnenden kapitalistischen Welthandels und die Einbeziehung der indianischen Bevölkerung Nordamerikas durch Engländer, Holländer und Franzosen in diesen Handel als Lieferanten von Tierhäuten und Fellen und durch deren Funktion im Sklavenhandel.
Ohne die Einschätzung Sears von der sowohl in kultureller wie auch gesellschaftlicher Hinsicht stark generalisierenden Wirkung des Südost-Kultes unbedingt teilen zu müssen und ohne regionale Differenzen zu leugnen, kann folglich angenommen werden, dass die Kultur am Unterlauf des Mississippi in prähistorischer Zeit ein geschlosseneres Bild geboten hat als nach Ankunft der französischen Siedler. Die Kolonisation mit ihren gewaltsamen Eingriffen in die indianischen Traditionen machte ein Aufrechterhalten der alten gesellschaftlichen Organisationsformen unmöglich und beschleunigte Zerfallserscheinungen, wo solche bereits eingesetzt hatten. Die Menschen, die ihre bisherige soziale Ordnung bedroht sahen, zogen sich fast zwangsläufig auf vertraute gesellschaftliche Nahbereiche, wie sie sich etwa aus verwandtschaftlichen Bindungen ergeben, zurück. Diese Nahbereiche waren überschaubarer und leichter zu handhaben und damit auch leichter zu verteidigen als komplexere Strukturen mit ihrem größeren organisatorischen Aufwand.
Aus diesem Sachverhalt ergeben sich Konsequenzen für die Einbeziehung vorgeschichtlicher Tatbestände in die Analyse historischer Gruppen. Es kann davon ausgegangen werden, dass auch Momente aus vorkolonialer Zeit, die einem größeren regionalen Bereich entstammen als dem, den die betreffende Gruppe in geschichtlicher Zeit besetzt hielt, bedeutsam sind. In diesem Sinne muss weiten Teilen des Verbreitungsgebietes der Plaquemine-Tradition sowie des Südöstlichen Kultkomplexes bei der Interpretation der Gesellschaft der Natchez Bedeutung geschenkt werden. Der räumliche Zusammenhang der Tiefebene des nordamerikanischen Südostens ist offensichtlich. Die Golfküste bildet eine geografische Einheit mit dem Unterlauf des Mississippi. Den am Mississippi und seinen großen Nebenflüssen gelegenen kulturellen Zentren standen bei der vorhandenen Geschicklichkeit seiner Bewohner im Befahren der Wasserwege weite Teile des Einzugsbereichs des Stromes offen. Einflüsse von Cahokia sind zumindest bis ins Yazoo-Becken belegt (Kidder, 2004: 559). Zum Caddo-Gebiet im westlichen Louisiana und Arkansas gibt es keine größeren natürlichen Barrieren. Ähnlich deutlich wie die räumliche ist die zeitliche Kontinuität zwischen Plaquemine- und Südöstlichem Zeremonialkomplex und historischen Natchez. Dieser gesamte Komplex geht der geschichtlichen Epoche direkt voran und wurde von den ersten Europäern, die mit De Soto an den Mississippi kamen, wahrscheinlich noch erlebt. Auch der Golf-Tradition, als einem Teil der Mississippi-Tradition, muss ein möglicher Einfluss zugebilligt werden. Zwischen ethnischen Gruppen und prähistorischen Kulturen bestehen außerdem klare Analogien. Hierzu braucht nur an den gesamten Bereich der Religion mit seiner weiten Verbreitung der hügel- und pyramidenförmigen Sakralbauten erinnert zu werden.


<strong>3.4 Die Zeit der Entdecker</strong>

Die erste Expedition von Europäern, die den Mississippi bereiste, war die unter Führung des bereits erwähnten, auch an der Eroberung Perus beteiligten spanischen Hauptmanns Hernando de Soto (Hudson, 1978: 115 f., Barnett, 2007: 3–20). Die Entdecker um De Soto waren jedoch so sehr von der Suche nach Gold und anderen Reichtümern besessen, dass sie kaum Zeit fanden, ethnografisch wertvolle Beobachtungen aufzuzeichnen (Hudson, 1978: 11). Zudem mussten die Spanier, als sie den Unterlauf des Mississippi erreichten, ihre ganze Kraft darauf verwenden, mit heiler Haut dem Angriff einer indianischen Übermacht zu entkommen, und fanden keine Gelegenheit, im Gebiet der Natchez an Land zu gehen. Ihre Berichte beziehen sich daher eher auf militärische Details und deuten an, dass die Indianer, denen sie begegneten, in der Lage waren, eine große Bootsstreitmacht zu organisieren und diese mit strategischem Geschick zu lenken.
Nach dieser ersten Berührung in den Jahren zwischen 1541 und 1543 kamen erst wieder gegen Ende des 17. Jahrhunderts Europäer, dieses Mal Franzosen aus Französisch-Kanada, an den Unterlauf des Mississippi (Hudson, 1978: 118, Barnett, 2007: 21–26). Unter ihnen sind insbesondere der Forscher René-Robert de La Salle, der als erster Europäer 1682 den Mississippi, aus der Region um den Michigansee kommend, fast in seiner vollen Länge bereiste, und der bereits an der ersten La Salle-Expedition teilnehmende Henri de Tonti, der nochmals acht Jahre später in diese Gegend kam, zu nennen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 238
ISBN: 978-3-99003-616-7
Erscheinungsdatum: 05.10.2011
EUR 16,90
EUR 10,99

Herbstlektüre