Geschichte & Biografie

Der Blick von Wolke neun ...

Monika Sattmann

Der Blick von Wolke neun ...

Leseprobe:

1 - Der Blick von Wolke neun!

Jeder Mensch hat eine Seele, ich wusste das auch nicht immer. Man kann es auch Bewusstsein, höheres Selbst oder ganz einfach Gott nennen. Im vergangenen Jahrhundert, so um die 1940er Jahre, sitze ich wieder einmal auf meiner Lieblingswolke Nr. 9, es geht mir sehr gut, wie schon könnte es im Himmel anders sein, da fällt mein Blick nach unten. Es muss die Erde sein, sofort war das Glücksgefühl beendet.
Ist die Menschheit noch zu retten?
Der Andrang am Himmelstor ist sehr groß, Petrus muss Überstunden machen, um alle Menschen einlassen zu können.
Zweiter Weltkrieg nennt man das. Er ist keine Überraschung.
Von der Menschheit selbst durch ihre Lieblosigkeit verursacht, ist sie aus der Harmonie des Universums gefallen, durch den Krieg muss die Harmonie wieder hergestellt werden.
Hitler muss die Rolle des Bösewichts übernehmen.
Es muss mir einfach zu gut gegangen sein, es packte mich das Helfersyndrom, denn auf einmal hatte ich die Idee, ich könnte wieder einmal in einen Körper schlüpfen, mit dem ich mich auf der Erde niederlassen könnte.
Es fand eine kurze Beratung mit Petrus statt.
Er ist die oberste Instanz, was menschliche Seelen betrifft, Er hat mich gewarnt, ich solle mir nicht zu viel vornehmen, das könnte auf Erden sehr schmerzlich werden.
Mein Gott ist sehr ehrgeizig, darum habe ich mir einige große Aufgaben gestellt.
Ratschläge sind auch Schläge, darum gibt man sie weiter und von Wolke neun sieht alles nicht so schlimm aus.
Wenn ich in diesem Leben ALLES schaffe, ist keine Wiedergeburt mehr notwendig.

Nun schauen wir einmal nach, ?was muss ich da noch alles lernen?

***

Geduld
Jeden Menschen so annehmen, wie er ist.
Hilfe leisten, wo immer man kann, für alle da sein.
Wunschlos werden.
Ich brauche kein Ego mehr.
Alle Aufgaben erkennen und erfüllen.

***

Ja ja, gut, ist das alles? Das kann ja nicht so schwer sein. Und ich habe mich voll Enthusiasmus von der Wolke gestürzt. Nun musste ich mich umsehen, ich brauchte das passende Objekt und die passende Familie, in der ich all das verwirklichen konnte.
Die Suche dauerte und dauerte. Was ist schon Zeit im Universum? Ich war sehr wählerisch, denn ich wollte alle Aufgaben genau erfüllen, schließlich bekommt man Erleuchtung nicht geschenkt.
Endlich, die Kreise wurden schon enger, da habe ich das Objekt der Begierde erspäht. Als ich noch näher kam, bemerkte ich, dass ich diese Seele schon kannte. Der Schreck fuhr mir gewaltig in die noch nicht vorhandenen Glieder, denn ich war mit dieser Seele schon einmal verheiratet gewesen, es war zwar schon ein paar Leben her, aber so etwas vergaß man nicht. Damals war die Seele nicht sehr nett zu mir gewesen, sie hatte versucht, mir mein Leben durch Verbrennen zu beenden.
Was sollte ich machen?
Auch diese Seele hatte ihre Aufgaben zu erfüllen.
Ich warf mich mutig auf die Seele, auch ich merkte, dass sie sich freute, als sie mich bemerkte, eine alte Verbundenheit war spürbar, sozusagen eine Seelenverwandtschaft. Das wurde die Vaterseele.
Die Mutterseele, sie war nicht erfreut, als sie von meiner Absicht, in ihr Leben zu treten, erfuhr. Unsere Seelen kannten sich nicht.
Da so ein neues irdisches Leben nicht vom Zufall abhängt, musste die verkörperte Vaterseele herbeigeschafft werden.

Die Seele erscheint

***

Der Vater war in einem eisigen Winter im tiefsten Russland und kämpfte für sein Vaterland (Hitler). Anno Domini 1942 gab ihm Hitler Weihnachtsurlaub. Vater reiste mit den verschiedensten Militärfahrzeugen (er war „Kradfahrer“) und dem Zug nach Österreich, in seine Heimat. Für drei Wochen durfte er seine Familie besuchen. Eine Frau und zwei Kinder freuten sich auf seinen Besuch. Eine Tochter, die die Mutter aus einer vorangegangenen Beziehung in die Ehe mitgebracht hatte, sechs Jahre alt, und ein zwei Jahre alter Bub.

Das, was sich die Seele für dieses Leben vorgenommen hatte, war ziemlich heftig, doch es bedeutete viele Erkenntnisse, das erfuhr sie erst viel später. Sie hatte natürlich auch ihre vergangenen „Leben“, so wie alle Menschen, vergessen. Bis zum zweiten, dritten Lebensjahr wissen wir noch um unsere Wiedergeburt Bescheid, doch dann vergessen wir die vergangenen Leben, um nicht noch verwirrter zu werden, als wir ohnehin schon sind.

Sie, die Seele, harrte der Dinge, die da kommen würden. Als sie noch im schwerelosen Raum schwebte, merkte sie, dass es nicht einfach werden würde, ihre Mutter machte sich große Sorgen, es war ihre Art, sich viele Sorgen zu machen. Verständlich war es denn es herrschte immer noch Krieg, es gab kaum etwas zu essen und niemand wusste, ob der Vater heil aus dem Krieg nach Hause kommen würde.
Die Sorgen ihrer materiellen Mutter teilte sie nicht. Ihr Körper gedieh! Und sie erblickte im September 1943 um fünf Uhr morgens im Körper eines Mädchens

Kurzfristig vom Lebensmut verlassen, die Nabelschnur dreimal um den Hals gewickelt, dem Erstickungstod nahe, machte es, das Kind, das kleine Mädchen, doch den ersten Schrei.
Hausgeburten, mit einer Hebamme, waren damals normal.
Es saugte das Leben und die Muttermilch so heftig, dass es seiner Mutter eitrige Brüste bescherte. Eine sehr schmerzhafte Sache für die Mutter, da man damals radikale Lösungen für solche Probleme hatte. Die Brüste wurden vom praktizierenden Hausarzt aufgeschnitten, um die Entzündung und den Schmerz zu lindern.
Doch seine Mutter rächte sich, indem sie dem Kind einen heiß erwärmten Ziegelstein ins Bettchen legte, der aber durch seine Ausdünstung so heiß wurde, dass es das schreiend kundtun musste. Da man einige Zeit nicht darauf hörte, was das Kind zu sagen hatte, hat es heute noch die Narben der Brandblasen. Das waren die ersten körperlichen Schmerzen, die dem Kind einen Vorgeschmack auf das Leben geben sollten.

Getauft wurde das Mädchen auf den Namen Monika Ulrike Josefine. Es war damals so üblich, den Kindern mehrere Vornamen zu geben, denn alle Tanten und Onkel wollten in dem Kind verewigt sein. Ich glaube, das hat das Mädchen nicht gestört, denn es hatte in seinem Leben keine Nachteile.
Die Kleine gedieh trotz eines genetischen Fehlers sehr gut, fast zu gut. Die Zeit damals hatte für das Kind einen ganz großen Vorteil. Durch die eitrigen Brüste stand keine Muttermilch zur Verfügung. Kuhmilch war zu kostspielig, daher musste man auf Ziegenmilch zurückgreifen. Seine Mutter bezeichnete diese Krankheit als „Vierziger“, ein juckender Hautausschlag (heute Neurodermitis, beziehungsweise adopische Dermatitis genannt). Die Ziegenmilch, die damals zur Verfügung stand, war ideal für das Kind und außerdem viel billiger, denn Milch von der Ziege hatte damals einen geringen Stellenwert. Die Zeiten haben sich geändert, heute bezahlt man für Ziegenmilchprodukte mehr als für Kuhmilch.

Das Mädchen war schon über ein Jahr alt, als es seinen Vater zum ersten Mal sah. Der Vater war ganz verliebt in sein kleines Mädchen, sozusagen war es das Nesthäkchen. So nannte man damals Kinder, die schon ein wenig als Nachzügler galten.

Irgendwann hatte der Wahnsinn mit dem Krieg ein Ende. Der Vater, der körperlich den Krieg heil überstanden hatte, erzählte seinen Kindern immer wieder, wie er es geschafft hatte, von Südfrankreich in nur drei Tagen zu Hause zu sein.
Die Kindheit des Mädchens war geprägt von vielen Erzählungen, die alle vom Krieg handelten.
Zuerst war da die Front des Vaters in den russischen Wintern, in denen es den Soldaten die Glieder abgefroren hat, und als die Siegermächte an der französischen Küste landeten, war er auch da noch im Einsatz.
Er brachte Schwarz-Weiß-Fotos von getöteten Soldaten mit nach Hause, die aber die Kinder nicht sehen durften.
Da für Kinder das Verbotene immer am interessantesten ist, fanden sie schnell heraus, wo die Bilder versteckt waren.

Wofür leben wir, wenn nicht dafür, ?einander das Leben weniger schwer zu machen?

***


2

So wie es den Menschen immer nach einem überstandenen Krieg ging, so ging es den Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch. Wenig bis nichts zu essen, die Wohnmöglichkeiten waren sehr bescheiden.

Als der Krieg zu Ende war, war das Mädchen zwei Jahre alt. Es musste unter der Hungersnot nicht leiden, die Fotos von damals belegen das. Doch ich stelle mir vor, dass es für die Eltern sehr schwere Zeiten waren, sie mussten sich selbst und die drei Kinder ernähren. Das Mädchen „Weiwi“ lebte mit seiner Familie auf dem Land, doch irgendwann bekam der Vater in einer Fabrik Arbeit, und die Familie zog in eine kleine Stadt. Es begann die Zeit des Wiederaufbaues.

Monika wohnte von nun an in einer Wohnung, in einem Wohnblock. Die Wohnsiedlung war von Hitler errichtet worden. Die Menschen arbeiteten in der Waffenfabrik. Hitler hatte Waffen gebraucht.
Er war ja auch deshalb in Österreich so willkommen, weil er Arbeit schaffte. Zwischen den beiden Weltkriegen herrschte in Österreich große Arbeitslosigkeit, es gab keine Arbeit und nichts zu essen. Das hörten die Kinder immer wieder, „seid froh, dass ihr überhaupt etwas zu essen habt“, (wenn es einmal nicht so gut geschmeckt hat), wir hatten gar nichts.
Die Eltern des kleinen Mädchens hatten sich schwierige Zeiten ausgesucht, um in diese Welt zu kommen. Sie sind im Ersten Weltkrieg zur Welt gekommen, es gab nur Not, dann durften die jungen Männer kämpfen, und die jungen Frauen mussten auf sie warten.

Nach dem Krieg bekamen die Familien manchmal ein Essenspaket aus Amerika mit Käse und Konserven. Die Menschen der Siegermächte spendeten für die Besiegten in Europa, so wie wir heute für Menschen spenden, die in Krieg führenden Ländern leben. Es litt damals niemand an Übergewicht, diese Generation hatte diesen großen Vorteil gegenüber den heutigen Kindern. Das kleine Mädchen litt keinen Hunger, nein, es gedieh prächtig.

Da der Vater Tiere sehr mochte und er in der Umgebung der kleinen Stadt viel Kontakt zu Bauern hatte, kam ihm die Idee, selbst Bauer zu werden. Er hatte irgendwo im Voralpenraum ein kleines Anwesen entdeckt, das zu pachten war. Es hatte nur den großen Nachteil, dass es zu klein war, um eine Familie zu ernähren.
Doch wenn der Vater sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war die Entscheidung schon gefallen. Die Familie zog mit dem bisschen Hab und Gut wieder aufs Land. Die Mutter war nicht glücklich darüber, denn sie war zwar sehr fleißig, doch keine geborene Bäuerin. Für die Kinder und besonders für klein Monika, das Mädchen, begannen paradiesische Zeiten.

Ein wolkenverhangener Morgen ?bedeutet nicht zwangsläufig einen verregneten Tag.

***


3

Der kleine Zweikant-Hof lag mitten im Wald. Eine Stunde zu Fuß in den nächsten Ort. Das störte das Mädchen nicht, denn es hatte das Paradies gefunden. Ein paar Ziegen und ein Ziegenbock wurden angeschafft, eine Kuh und ein Pferd wurden in dem kleinen Stall von anderen Bauern eingestellt. Die Mutter war nun immer sehr mit der Landwirtschaft beschäftigt. Der Vater, gelernter Polierer, war die ganze Woche zur Arbeit in einer Stadt, die ungefähr fünfzig Kilometer entfernt war. Die Mutter war mit den drei Kindern fünf Tage in der Woche allein, und das machte ihr stark zu schaffen. Sie hatte immer große Angst. Am Abend, wenn es dunkel wurde und die Kinder schliefen, stellte die Mutter eine schwere Truhe vor die Eingangstüre, sie entzündete eine Petroleumlampe, schrieb Tagebuch und so manches Gedicht. Im Haus gab es weder Strom noch Trinkwasser. Das kleine Mädchen erledigte kleinere Aufgaben, wie das Holen von Trinkwasser aus einer Quelle, die im Wald war, oder sie half beim Tierefüttern. Die meiste Zeit genoss es Freiheit pur. Der Wald rund ums Haus bot einen unbegrenzten Spielplatz. Was gab es Schöneres als Blätter, Äste und Steine?

Die Erde gehört nicht den Menschen, ?der Mensch gehört der Erde.

***


4

Eines Tages begann für das kleine Mädchen der Ernst des Lebens, es war noch keine sechs Jahre alt, es musste zur Schule gehen. Hinunter ins Dorf war es ja lustig, da war man ganz schnell, doch den steilen Berg hinauf, das war schon ganz schön anstrengend. Die Winter brachten damals noch sehr viel Schnee. Es gab keine geräumten Wege, so kam es manchmal vor, dass das Mädchen im Schnee versank. Die von der Großmutter gestrickten, wollenen Strümpfe waren nass, wenn die Kinder in der Dorfschule ankamen, so dass sie ihre Sachen ausziehen und an den Ofen hängen mussten, der das Klassenzimmer beheizte.

Wenn die Kinder am Morgen von der Mutter geweckt wurden, war es stockdunkel und bitterkalt in dem Raum, in dem sie schliefen. Doch die Mutter war schon lange auf, sie hatte in der Küche eingeheizt, die Milch gewärmt und auch das Gewand, das die Kinder anziehen mussten. Bei Dunkelheit stapften die Kinder hinaus in die Kälte und den tiefen Schnee.

Der große Bruder musste vorangehen, damit Weiwi nicht ganz in den Schneemassen verschwand. Durch den Wald ging es bergab. Die Äste der Tannen und Fichten waren auch mit Schnee beladen, manchmal schüttelte der Bruder einen dieser Äste, wenn das Mädchen darunter durchgehen musste. Das war für Monika noch Spaß, leider hatte sie ein anderes Problem.

Sie konnte nicht gut singen. Der Pfarrer, der den Religionsunterricht hielt, um den Kleinen die zehn Gebote zu erklären, damit sie endlich wussten, was sie tun durften und was nicht, legte aber viel Wert auf Gesang. Einmal brummte das Mädchen wieder ganz fürchterlich. Das hielt der Pfarrer nicht aus. Er dachte, Schläge mit einem dicken Stock würden das Brummen beenden. Das gelang ihm auch. Singen war für Monika vorbei, auch für das spätere Leben.
Den Winter über ging das Kind nicht sehr viel zur Schule, denn die Mutter war nicht gern allein im Haus, sie konnte sich ja gut auf den vielen Schnee hinausreden. Die ältere Schwester, die schon in die Hauptschule ging, war wochentags nicht da. Wenn sie am Wochenende nach Hause kam, lehrte sie Monika das Stricken. Daher beherrschte sie vor dem Schreiben und Lesen das Stricken.

Das war ihr ja auch viel lieber, denn sie konnte sich stundenlang mit den Stricknadeln beschäftigen. Überhaupt war ihr nie langweilig, im Winter liebte sie den Schnee und im Sommer die Tiere und den Wald, das alles faszinierte das Kind.

Der Ziegenbock wurde vor einen Wagen gespannt, und wenn er Lust hatte, dann zog er ihn ein Stück.
Die Wochenenden erwartete das Mädchen immer sehnsüchtig, weil der Vater nach Hause kam. Er hatte jetzt einen Vollbart, und Monika liebte diesen Bart über alles. Monika war Papas Liebling, so weit es ging, erfüllte er ihre Wünsche. Er zimmerte einen Wagen mit zwei Rädern, vor diesen spannte er das Pferd, Vater und Kind fuhren damit in den nächsten Ort zum Einkaufen.

Der große Bruder war natürlich ein wichtiger Spielgefährte. Er hatte auch sehr oft die absurdesten Ideen. Eines Tages entdeckte er ein Wespennest in einer kleinen Steinmauer. Irgendwann kam er auf die Idee, in dem Nest herumzustochern. Monika sah ihm aufmerksam zu und merkte nicht, dass die Wespen zornig wurden. Der Schwarm kam herausgeflogen und reagierte sich in Klein Monikas Gesicht ab. Das Resultat war, dass sie eine Woche liegend verbringen musste weil sie nichts sehen konnte.

Irgendwann im Mai holte eine Schwester der Mutter Monika ab, sie musste mit ihr gehen. Sie kannte die Tante gut, und so war sie auch nicht traurig darüber. Ganz im Gegenteil, sie wurde von der kinderlosen Tante verwöhnt. Als die Tante das Kind wieder brachte, war ein kleiner Bruder da.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 102
ISBN: 978-3-99048-600-9
Erscheinungsdatum: 18.07.2016
EUR 15,90
EUR 9,99

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