Geschichte & Biografie

Das Wunder von Reichenau

Heidi Haldemann-Tietze

Das Wunder von Reichenau

Spuren der Liebe

Leseprobe:

Vorwort

Der Auslöser zum Schreiben dieses Buches war das Wiedersehen der Gletscheralp im Lötschental im Kanton Wallis, wo ich am 27. Mai 2009 während eines Tagesausflugs den Ort wiedersah, an dem ich dreiundvierzig Jahre zuvor mit meinen Eltern die Sommerferien verbracht hatte. Dieses Erlebnis hat mich zutiefst berührt.
Zudem half mir ein Arbeitszeugnis meines Vaters, das ich in seinem Nachlass fand, die Spuren zu finden, die mich 2010 und 2011 nach Jablonec nad Nisou und nach Rychnov u Jablonce nad Nisou führten und mich direkt mit meinen Wurzeln und meinem Ursprung konfrontierten.
Am 13. März 1982, einen Tag, bevor mein Vater starb, besuchte ich ihn an seinem Wohnort. Als ich an seiner Seite am Bett saß, fragte er mich, ob ich ihm ein Glas Rotwein einschenken würde. Ich kam seinem Wunsch nach und griff mit meinem rechten Arm unter seinen Rücken, um ihm beim Aufsitzen zu helfen. Während er so in meinen Armen lag, huschte plötzlich ein wunderschönes strahlendes Lächeln über sein wegen des Leberkrebses gelb gewordenes schmales Gesicht, und er schaute mir intensiv in die Augen. Dann sprach er über seinen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg. Er habe sich all die Jahre nie gern an diese Zeit erinnert und deshalb kaum darüber gesprochen und auch nichts darüber aufgeschrieben, was er nun zutiefst bedaure. Aber nun sei es leider zu spät. Er erzählte dann noch, was für eine wunderbare Fügung es war, dass er während des Hitlerregimes mitten im Chaos an seinem Arbeitsplatz in der Getewent-
Fabrik seiner großen Liebe, meiner Mutter, begegnet sei, und dass die Jahre mit ihr die glücklichsten seines Lebens gewesen seien.
Ich verabschiedete mich dann gegen Abend von ihm und übergab die Nachtwache seinem besten Freund Camille und dessen Frau Aline, die ihn umsorgten. Als ich kurz zurückschaute, sah ich ganz gerührt, dass mein Vater seinen Kopf an Hals und Schulter zuerst von Aline, dann von Camille bettete. In dieser Nacht ist mein Vater in den Armen seiner Freunde sanft entschlafen.
Da ich bald nach dem Begräbnis meines Vaters den Wohnort wechselte und beruflich sehr engagiert war, verlor ich leider den Kontakt zu Aline und Camille. Doch das Schicksal wollte es, dass wir uns einundzwanzig Jahre später, im Sommer 2003, im Restaurant des Botanischen Gartens in Zürich auf wundersame Art und Weise ganz unerwartet wieder begegneten.
An einem sonnigen Sonntag war ich dort mit meinem Lebenspartner Fritz zum Essen verabredet und sah ihn beim Betreten des Restaurants schon wartend an unserem gewohnten Platz am Fenster sitzen. Ich trug ein buntes Sommerkleid und einen großen Strohhut mit breitem Rand, der mein Gesicht teilweise verdeckte.
Am Tisch neben uns saß ein älteres Paar, welchem ich kurz zunickte, welches ich aber nur ganz flüchtig wahrnahm. Es störte mich ein bisschen, dass die beiden so nahe neben unserem Tisch saßen, wo doch die meisten Tische und Stühle im Saal unbesetzt waren.
Als wir so beim Essen saßen, sprach mich die Frau vom Nebentisch plötzlich an und fragte mich, ob ich Heidi Tietze sei, sie habe mich sofort an meiner Stimme erkannt. Wie vom Donner gerührt, starrte ich die beiden an und rief: »Aline und Camille?«, und schon lagen wir uns in den Armen. Die Wieder­sehensfreude war unbeschreiblich! Sie hätten so oft an mich gedacht und von mir gesprochen, hätten mich aber leider nicht finden können. Auch mein ­Lebenspartner Fritz wurde mit eifrigem Händeschütteln herzlich begrüßt.
Welch ein Glück war es, dass Camille alle musikalischen Erinnerungen an meinen Vater von alten Kassettenaufnahmen und Tonbändern auf CDs überspielt und sie all die Jahre wie einen kostbaren Schatz aufbewahrt hatte. Kurze Zeit nach unserem Wiedersehen überreichte mir Camille eine große Sammlung von CDs, schön eingepackt, als Geschenk. Von da an blieben wir in engem Kontakt miteinander und besuchten uns regelmäßig.
Ich war tief erschüttert, als ich von Aline im September 2010 die Mitteilung bekam, dass Camille auf der Straße gestürzt und ganz unerwartet gestorben war. Sein Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Dieser Schmerz wurde noch übertroffen, als im Dezember desselben Jahres auch noch mein geliebter ­Lebenspartner Fritz an den Folgen eines Unfalls kurz nach einer Operation starb.
Mit Aline, Camilles Frau, verbindet mich bis heute eine innige, herzliche Freundschaft. Wir versuchen beide, behutsam mit unserer Trauer umzugehen und sie in unser Leben zu integrieren gemäß dem indischen Sprichwort: Glaube ist der Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.
Ich bin dankbar für die reichen und wertvollen Erfahrungen, die ich gerade in schwierigen Zeiten machen durfte.



Einleitung
1939–1945 – Zweiter Weltkrieg

»Am 1. September 1939 griff das Deutsche Reich – mit Rückendeckung der Sowjetunion durch den Hitler-Stalin-Pakt – die Republik Polen an und begann damit den Zweiten Weltkrieg. Sowjetische Truppen rückten am 17. September 1939 in polnisches Gebiet ein und besetzten ganz Ostpolen. Am Ende des Krieges stand die Niederlage Deutschlands. Sie bedeutete nicht nur die bedingungslose Kapitulation der ›Wehrmacht‹ und die Besetzung des Reiches, sondern ging auch einher mit der Tragödie von massenhafter Flucht und Vertreibung. Sie betraf Millionen von Deutschsprechenden, zwang sie zum Auszug aus ihrer Heimat und beendete das jahrhundertelange Zusammenleben von Deutschen und anderen Nationen in vielen Ländern Mittel-, Ost- und Südeuropas: eine moderne Völkerwanderung ohne Beispiel, die das Gesicht Europas veränderte.«1
Die »Deutsch-Böhmen« – die »Sudetendeutschen« – siedelten seit siebenhundert Jahren in den Randgebieten Böhmens und Mährens und in Österreichisch-Schlesien. Deren Vorfahren haben die Länder der böhmischen Krone mit
aufgebaut und kultiviert, die dreihundertzweiundneunzig Jahre zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörten, zwanzig Jahre zur Tschechoslowakei, sieben Jahre zum Deutschen Reich und nochmals ein halbes Jahr zur Tschechoslowakei. Die Sudetendeutschen gebrauchten nicht das Schwert, sondern den Pflug, und sie haben dieses Land niemandem weggenommen. Vom Mai 1945 bis Dezember 1946 wurden rund drei Millionen deutsch-ethnische Bürger (Sudetendeutsche) von den Tschechen enteignet und vertrieben. Die Menschenverluste werden auf rund eine viertel Million geschätzt. Gablonz an der Neisse (Jablonec nad Nisou) war vor dem Zweiten Weltkrieg eine blühende Stadt, die weltweit berühmt war für ihr Glasbijouteriehandwerk. Es ist der Geburtsort meiner Mutter, die ihre Heimat nie mehr wiedergesehen hat.



Meine Vorfahren

Mein Großvater Willibald Tietze wurde am 30. März 1878 in Lassing (Steiermark) in Österreich geboren. Im Jahr 1910 reiste er in die Schweiz nach Zürich. Er war Metzger von Beruf, verdiente aber in der Schweiz seinen Lebensunterhalt bei der Maschinenfabrik Escher Wyss AG in Zürich. 1914 rückte er in die österreichische Armee ein und fiel 1915 in Galizien.
Meine Großmutter Josefa Tietze-Wind wurde am 17. März 1892 in Lind (Steiermark) in Österreich geboren. Sie war Privatköchin von Beruf und kam ebenfalls 1910 zusammen mit meinem Großvater nach Zürich.
Mein Vater Josef Tietze, gebürtiger Österreicher, wurde am 15. Dezember 1913 in Zürich geboren und wuchs dort auf. Im zarten Alter von zwei Jahren war er bereits Halbwaise, da sein Vater im Ersten Weltkrieg für verschollen erklärt wurde. Meine Großmutter zögerte lange, wieder zu heiraten, da sie dachte, ihr Mann könnte vielleicht eines Tages doch noch unverhofft aus einem russischen Gefangenenlager zu ihr zurückkehren.
1923 wagte es meine Großmutter dann allerdings doch noch einmal, den Bund der Ehe zu schließen, und heiratete einen Bürger von Zürich. Mein Vater war damals neun Jahre alt. Er erhielt einen Stiefvater, der alles gab, um seine Jugendzeit so schön wie möglich zu gestalten. Durch die Heirat wurde nun auch meine Großmutter Schweizer Bürgerin, mein Vater jedoch blieb Österreicher.
Er besuchte in Zürich die Primar- und die Sekundarschule und machte in den Jahren von 1928 bis 1931 eine Lehre als Elektrowickler bei der Firma Spälti Söhne & Co. in Zürich. Weil er danach in seinem erlernten Beruf keine Arbeit fand, betätigte er sich bis im Jahr 1941 in der Großmetzgerei Ruff in Zürich als »Raucher«, wobei er das Räuchern von Fleisch und Wurstwaren etc. zu besorgen hatte. Diese Arbeit hat ihn aber nie befriedigt, und es war für ihn nur eine Notlösung, um durch die Krisenjahre zu kommen. Es war eine schwierige Zeit, denn sein Stiefvater war häufig arbeitslos, aber es gelang der Familie, diese traurige Zeit zu überstehen.

Mein Vater lernte in diesen Jahren auf Berg- und Velotouren die Schweiz kennen und lieben. Er war ein begeisterter Bergsteiger und erklomm damals mit Gleichgesinnten an den freien Wochenenden manchen Gipfel unserer Alpenwelt.
Während der Schulzeit und auch später, als er die Lehre absolvierte, machte er sich nichts daraus, Ausländer zu sein. Aber was war der Grund dafür, dass er nicht Schweizer wurde? Zum einen fehlte damals das Geld dafür, das Schweizer Bürgerrecht zu erlangen, und zum andern war es vielleicht auch ein wenig Gleichgültigkeit. Mein Vater bereute es allerdings später sehr, dass er das Schweizer Bürgerrecht nicht hatte.
1938, nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland, wurde er auf das Konsulat gebeten. Der österreichische Pass wurde ihm abgenommen, dafür erhielt er den Reichspass. Damit begann für ihn eine Zeit, an die er nicht gern zurückdachte. Aber bevor die Kriegswirren losbrachen, hatte er noch ein Erlebnis, das ihn sehr freute. Als Aktivmitglied des Nautischen Clubs Zürich durfte er beim Eidgenössischen Wettfahren 1939 auf der Limmat dabei sein. In Schweizer Militärhosen konkurrierte er mit den anderen Vereinen aus der ganzen Schweiz, und wenn es auch nicht zu Siegerehren reichte, konnte er doch im Hof des Landesmuseums unter der Schweizer Fahne einen Preis entgegennehmen. Wie stolz war er doch bei diesem Anlass!

Dann brach der Krieg aus, und vorbei war das mehr oder weniger sorgenfreie Leben. Bei der Mobilmachung stand mein Vater auf der Kornhausbrücke in Zürich und schaute zu, wie die Truppen vorbeimarschierten. Dem einen oder anderen bekannten Gesicht winkte er zu, und als alles vorüber war, stand er noch lange Zeit auf demselben Platz und kam sich auf einmal ziemlich überflüssig vor. Einerseits war er unzufrieden mit der Arbeit, andererseits fühlte er Trotz und Abenteuerlust.
Die deutsche Propaganda besorgte den Rest, und er meldete sich am
4. Mai 1941 in einen Rüstungsbetrieb in Reichenau bei Gablonz an der Neisse (Rychnov u Jablonce nad Nisou), der Radio- und Elektroausrüstungen für die Wehrmacht herstellte. Dort wurde ihm die Chance geboten, wieder seinen erlernten Beruf auszuüben.
Er merkte jedoch sehr bald, dass er nicht zu diesem Volk passte, und er kam sich einsam und verlassen vor. Während acht Monaten übte er sodann als Abteilungsleiter in Reichenau bei Gablonz an der Neisse seinen erlernten Beruf aus. Als dann das Aufgebot der deutschen Wehrmacht kam, blieb ihm nichts anderes übrig, als mitzumachen, es gab kein Zurück mehr.
Aber auch beim Militär änderte sich nichts, er fühlte sich fremd und wurde als Ausländer angesehen. Ungefähr acht Monate war er an der russischen Front, und anschließend konnte er wieder für vier Monate als Elektrowickler in Reichenau bei Gablonz an der Neisse arbeiten. Nachher leistete er zehn Monate Kriegsdienst an der Westfront.
1942 erlebte er den Feldzug in Russland und kam bis kurz vor Stalingrad. Er war oft sehr niedergeschlagen, und nur die Verbundenheit mit seinen Eltern und Bekannten in der Schweiz halfen ihm über die schweren Stunden. Aus ihren Briefen schöpfte er stets neuen Mut und Hoffnung, wieder einmal in seine Geburtsstadt zurückkehren zu können. Es sollten aber noch einige Jahre vergehen, bis sich dieser Wunsch erfüllte. Polen, Frankreich, Italien, Deutschland, die Tschechoslowakei und Österreich waren vorher noch seine Stationen. Wie durch ein Wunder entkam er dem Chaos, und zwar ohne jegliche Verwundung.

Meine Mutter Gertrud Elisabeth Staffen wurde am 28. März 1921 in Gablonz an der Neisse (Jablonec nad Nisou) in der damaligen Tschechoslowakei geboren und hat während ihrer Jugendzeit in Untermaxdorf (Dolní Maxov), Bad Schlag (Jablonecké Paseky) und Marschowitz (Maršovice) gewohnt. Sie besuchte sechs Jahre die Volks- und zwei Jahre die Bürgerschule, worauf sie drei Jahre in einer Buchbinderei in Gablonz arbeitete und den Beruf der Buchbinderin erlernte.
Unter dem Hitlerregime musste sie daraufhin auf einem Bauernhof in der Nähe von Hamburg ihr obligatorisches Landjahr absolvieren, worauf sie wieder ein Jahr in Gablonz in einer Papierfabrik arbeiten konnte. 1940 und 1941 war sie Rüstungsmitarbeiterin in Berlin.
Von 1942 bis 1945 war sie Mitarbeiterin in einem Rüstungsbetrieb mit Namen Getewent in Reichenau bei Gablonz an der Neisse, wo sie meinem Vater das erste Mal begegnete. Es war für beide Liebe auf den ersten Blick, und sie blieben danach unzertrennlich.

Meine Großmutter Elisabeth Staffen-Zirm, geboren am 24. April 1887
in Gablonz an der Neisse, und mein Großvater Richard Staffen, geboren am
16. Februar 1894 in Untermaxdorf, von Beruf ursprünglich Glasschleifer, hatten schon einen Jugendfreund meiner Mutter als Ehemann für sie im Auge und waren nicht erfreut über meinen Vater, doch für meine Mutter war es die große Liebe, und sie ließ sich nicht mehr umstimmen. Sie wurde schließlich schwanger, und so mussten meine Großeltern dann doch gegen ihren Willen in die Heirat einwilligen. Am 7. Mai 1945, einen Tag vor Kriegsende, heirateten meine Eltern in der St.-Joseph-Kirche in Schumburg (Krásná).
Sie wussten beide nicht, dass am Tag darauf der Krieg zu Ende sein würde, aber hätten sie auch nur einen Tag später geheiratet, so wären sie wahrscheinlich voneinander getrennt worden. Meine Großeltern und meine Tante mussten 1946 als Sudetendeutsche ihre Heimat verlassen und sind von den Tschechen in die ehemalige DDR ausgewiesen und vertrieben worden.

Bei der Befreiung, als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 zu Ende war, drangen die Russen in die Munitionsfabrik Getewent ein und wollten meinen Vater, der dort als Abteilungsleiter auf dem Gebiet der Transformatoren arbeitete, erschießen. Da standen aber plötzlich einige junge ukrainische Frauen aus dem Zwangsarbeiterlager schützend vor ihn und riefen: »Den nicht, den nicht, der hat uns immer gut behandelt und so schön auf seiner Handharmonika gespielt und mit uns Lieder aus der Heimat gesungen!« Auch hätten sie stets eine Ration Brennsprit mehr bekommen, als ihnen zustand. Meine Mutter, die damals mit mir schwanger war, stand ebenfalls bei der Gruppe und flehte die Russen an, ihren Mann, den sie doch erst kurz zuvor geheiratet hatte und der der Vater ihres ungeborenen Kindes war, am Leben zu lassen. Wie durch ein Wunder ließen sie meinen Vater schließlich gehen.
Die Schwester meiner Mutter, die am 24. Februar 1928 in Gablonz an der Neisse geborene Lieselotte Huck-Staffen, hat mir erzählt, dass zwei oder drei dieser jungen Ukrainerinnen damals ab und zu bei meinen Großeltern in der Landwirtschaft mitgearbeitet hatten und dafür gutes Essen und Kleider erhielten. Meine Mutter musste damals bei der »Getewent« eine Genehmigung einholen, damit diese Frauen die Erlaubnis bekamen, außerhalb der Fabrik zu arbeiten. So kannten die Ukrainerinnen meine Eltern und Großeltern und waren für deren Hilfe sehr dankbar und haben sich wahrscheinlich deshalb so vehement für das Leben meines Vaters eingesetzt.

Dann, eine Woche nach Kriegsende, als überall die russischen Truppen einmarschierten und die sudetendeutsche Bevölkerung bedrohte, hatte mein Großvater eine Vorahnung, und er versteckte seine beiden Töchter (die eine war meine Mutter), eine Woche lang in einem Hühnerstall um die beiden jungen Frauen vor einer Vergewaltigung durch den Feind zu schützen. Dieser lag in einem Anbau des Hauses im Untergeschoß und ließ sich nur mit einer Falltüre, die man auf- und wieder hinunterklappen konnte, öffnen und schließen. Darüber lag ein Teppich zur Tarnung.
Meine Großmutter, die allein im Haus blieb, hatte einen Schutzengel und ihr wurde nichts angetan.
Jedoch mein Großvater wurde von den Russen einige Tage in einen Luftschutzbunker verschleppt, wo er zusammen mit anderen sudetendeutschen Männern geschlagen und misshandelt wurde.
Mit zwei gebrochenen Rippen kehrte er danach wieder nach Hause zurück, wo er seine beiden Töchter aus dem Hühnerstall befreite.

Mein Vater war ein sehr talentierter Handharmonikaspieler, der nach der Arbeit stundenlang frei musizieren und dazu die schönsten Lieder singen konnte. Mit seiner Musik hat er während der Kriegszeit viele Herzen berührt und zahlreichen Menschen über diese schwere Zeit und das Heimweh hinweggeholfen.
Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass mein Vater Josef hieß, in der St.-Josef-Kirche in Zürich getauft wurde, einige Zeit an der Josefstrasse 164 in Zürich wohnte, seine Mutter Josefa hieß und er am 7. Mai 1945 in der St.-Joseph-Kirche in Schumburg (Krásná) mit meiner Mutter den Bund der Ehe einging.

Zum militärischen Werdegang meines Vaters habe ich von der Deutschen Dienststelle (WASt) in Berlin erfahren, dass die Personalpapiere (Wehrpass, Wehrstammbuch, Stammrolle etc.) meines Vaters dort nicht vorliegen; sie sind vermutlich durch Kriegseinwirkung verloren gegangen.
Aus dem sonstigen Schriftgut der ehemaligen Wehrmacht wird Folgendes bestätigt:

Die Deutsche Dienststelle (WASt) in Berlin weist in ihrem Schreiben darauf hin, dass das in Berlin verwaltete Schriftgut der ehemaligen deutschen Wehrmacht und sonstiger militärischer Verbände unvollständig ist.

Im Juni 1942 gehörte die 336. Infanterie Division zur 6. Armee der Heeresgruppe B und kämpfte an wechselnden Schauplätzen wie Charkow, Rossotsch und Tschir. Mein Vater, der sehr gute Sinnesorgane hatte, wurde während seines militärischen Einsatzes seiner Truppe oftmals als Gasriecher in Kornfeldern vor­ausgeschickt, um mögliche feindliche Angriffe im Voraus festzustellen. Gasriecher, ein Beruf, den heute kaum mehr jemand kennt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein ungewöhnliches Betätigungsfeld. Dank dem Geschick meines Vaters konnte sich seine Truppe oftmals rechtzeitig in Sicherheit bringen, und er und seine Kameraden entgingen so dem Vernichtungstod.

Format: 15,5 x 22,5 cm
Seitenanzahl: 310
ISBN: 978-3-99038-229-5
Erscheinungsdatum: 27.05.2014
EUR 30,90
EUR 18,99

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