Geschichte & Biografie

Das Staatskind

Giulia Binger

Das Staatskind

Ein Ausnahmefall?

Leseprobe:

Tatsachen aus der Schweiz
zwischen 2009 und 2015



Die Feier

24. Dezember 2009

„Gut, dass wir diesmal den Heiligabend bei Andres feiern. Der ganze Aufwand für eine halbe Stunde bei uns wäre mir heute zu viel.“
„Ich hab’ auch nichts dagegen, obwohl es, wenn du mich fragst, am schönsten doch zu Hause ist. Der Geruch nach Tannenreisig und Kerzen, das ganze weihnachtliche Ambiente vermisse ich schon, und dann die inzwischen traditionellen Menüs, die du hinzauberst.“
Gewiss liebe ich diese Familienbräuche auch, aber diesmal ist’s mir recht, wenn nicht ein großer Teil auf meinen Schultern liegt.
Das vergangene Jahr hatte viele außerordentliche Herausforderungen gebracht, die jetzt zu einem guten Ende gelangt sind. Nach 20 Jahren Weinbau in der von uns geliebten Toskana hatten wir den ganzen erfolgreich arbeitenden Betrieb mit einem Kaufversprechen an ein deutsches Paar verpachtet. Sie würden den Betrieb im nächsten März antreten. Nach all den Besichtigungen, Verhandlungen, Vertragsformulierungen usw. können wir eine gewisse Erschöpfung nicht leugnen.
Bei Andres, unserem Sohn, wird es sicherlich ein unbeschwerter Abend werden, der unsere vergangene und noch vor uns liegende Anstrengung vergessen lässt.
„Hast du mitbekommen, dass uns Andres im Hotel Lago ein Zimmer reserviert hat, damit wir spätabends nicht nach Hause fahren müssen?“
„Gut, da sagst du was! Dann muss ich noch ein paar Sachen einpacken.“
„Ich verstaue inzwischen die Geschenke im Kofferraum. Du hast wieder maßlos übertrieben und ich auch, ich weiß.“
Gegen sechs Uhr fahren wir. Es ist stockdunkel. Wieder einmal Weihnachten ohne Schnee. Es wird dann an Ostern weiß sein, geht es mir durch den Kopf. An den Häusern, in den Dörfern brennen zwar festliche Lichter, aber mit Schnee wirkt es anders. Unsere Reise von Italien in die Schweiz liegt erst ein paar Tage zurück, und dort brennen, wenn überhaupt, eher bunte Lichter, die wechselnd rot, grün, blau blinken und fastnächtlich anmuten. Die Gegensätze in der Lebensweise der beiden Länder, in denen wir arbeiten, bereichern uns. Ich möchte sie nicht missen. Doch Weihnachten haben wir die letzten zwanzig Jahre nördlich der Alpen verbracht. Eine unbewusste Sehnsucht vielleicht nach der vergangenen Jugend, die an diesem Tag dann mit dem Besuch der Mitternachtsmesse endete. Kirchgang zu Fuß und öfter in knirschendem Schnee, die drei Schwestern untergehakt, um der bösen Winterbiese nicht gar so sehr ausgeliefert zu sein.
Schon sind wir da.
„Geh schon mal voran! Ich bring, was ich mag, und lauf dann nochmals.“
Cécile und Andres begrüßen uns herzlich und erklären: „Evelyne und Paul werden auch bald da sein.“
Es ist einer der wenigen Tage im Jahr, wo wir alle beisammen sind, unsere Kinder mit ihren Partnern und seit einigen Jahren auch Großkind Mirjam. Wir schnuppern in die Küche, trinken ein Glas Champagner auf frohe Weihnachten, und dann sind sie auch da, aufgeräumt und natürlich auch mit Geschenken beladen. Jetzt kann’s ja losgehen.
Kerzen an, Licht aus. Schönes Bäumchen! Ein bisschen kalt die Dekoration, junggesellig halt. Dann wie immer die Parole: „Ohne Gesang keine Geschenke.“ Ein bisschen kläglich tönte das „Stille Nacht“. In unserer Familie fehlen die großen Stimmen, die vorangegangene Generation war da noch besser ausgestattet. Da wurden mit Klavierbegleitung mindestens fünf, sechs Lieder auswendig zum Besten gegeben, die musikalischen Konserven kamen nicht zum Zuge.
Längst haben wir aufgehört, Überfluss üppig zu verpacken, wir schenken eher etwas Spaßiges oder zu Konsumierendes. Um acht Uhr ist der Spuk vorbei. Wir rollen Bändchen auf und räumen Papier weg.
„Was macht ihr morgen?“, fragte Evelyne.
„Oh, wir schlafen vor Ort, fahren dann sicher gegen Mittag zurück. Wenn’s ordentlich ist, wollen wir einen kleinen Lauf machen und uns dann abends einigeln, wir sind ein wenig erledigt. Und ihr? Bleibt ihr zu Hause?“
„Ja, am 25. schon. Aber stell dir vor, am 26. fliegen wir nach Hamburg. Paul hat Tickets besorgt für ein Musical, und ich komme ja sonst nie weg. Mirjam hat in der zweiten Klasse schon ein rechtes Programm, das für meine privaten Interessen wenig Platz lässt. Also werde ich die Koffer packen.“
„Toll für euch! So was sollten wir auch wieder einmal machen. Im Moment liegt’s nicht drin, am 3. oder 4. Januar wollen wir zurück nach San Gimignano fahren, um die noch verbleibenden Monate gut zu nützen. Es ist noch einiges zu tun. Kannst es dir ja vorstellen. Aber wenn wir dann zurück sind, wollen wir hier Versäumtes nachholen.“
Tatsächlich haben mein Mann und ich harte, arbeitsreiche Zeiten hinter uns. Es hatte damit angefangen, dass ich mir 2003 geschworen hatte, es genug sein zu lassen. Der heiße Sommer 2003, der uns körperlich schon viel abverlangt hatte, gipfelte in einer Weinlese, die mörderisch war. Dreißig Grad am Schatten und entsprechend mehr an den sonnigen Lagen, wo die Weinlese stattzufinden pflegt, brachten uns an den Rand der Erschöpfung. Außerdem war ich damals gut 63 und hatte schon ein arbeitsreiches Leben hinter mir. Die letzten Jahre in der Toskana waren zwar sehr interessant und abwechslungsreich gewesen, wir waren erfolgreich, aber einfach nicht mehr ganz jung und abenteuerlustig.
So ist dann der Entschluss gereift, für die ganze Azienda geeignete Nachfolger zu suchen. Auf einige Inserate anfangs 2004 erhielten wir Anfragen von Interessenten, die zwar den Traum von der wunderschönen Toskana kannten, sich aber unter der Realität, wie sie unseren Alltag prägte, nichts oder wenig vorstellen konnten. So ein Weingut ist kein Selbstläufer, sondern ein Kleinunternehmen mit allem Drum und Dran.
Nach verschiedenen, teils auch halbherzigen Versuchen – auch international tätige Betrügerbanden hatten wir kennengelernt – hatte sich dann 2009 eine konkrete Ablösung herauskristallisiert, die während des ganzen Jahres, neben den natürlich weiterlaufenden beruflichen Verpflichtungen, unseren vollen Einsatz benötigte. Kurz, zur regulären Azienda-Arbeit kamen Hunderte von Extra-Stunden intensivster Arbeit für Kontakte zwischen deutschsprachigem Interessent und Vermittler und allen notwendigen italienischen Kontaktstellen.
Wenn’s um Sprachen geht, sind wir noch weit von einem geeinigten Europa entfernt. Jeder hält seine eigene für die wichtigste, und die gegenseitige Sensibilität besteht nicht. Doch in den einzelnen Ländern kommt es in Verträgen auf jedes korrekte Wort an, das bestimmen die langen bürokratischen Traditionen. Hier aufzuführen, wie viele Kontaktstellen wir besuchten, immer natürlich alles „live“ gedolmetscht, was gesprochen wurde, würde zu weit führen. Es waren Hunderte Seiten Beschreibungen, Inventare, Protokolle, Vertragsentwürfe, definitive Fassungen von Deutsch nach Italienisch und umgekehrt, Besuche bei Beratern, Anwälten, Gewerkschaften, Notaren: alles in allem ein rechtes Zusatzpensum.
Einiges hat auch darunter gelitten. Ferien waren gestrichen, die Besuche bei treuen Kunden in Italien, die Reisen in die Schweiz, um Familie und Freunde zu sehen, wurden seltener. Alles in allem war es eine rechte Aufgabe. Doch nun ist es geschafft: Das Kaufversprechen, kombiniert mit einem Pachtvertrag zu erträglichen Konditionen mit fixer Fälligkeit am 1. Dezember 2012, liegt vor.
Weit vor Mitternacht verabschieden sich Evelyne und Paul, damit sie sich in Ruhe auf ihre Deutschlandreise vorbereiten können. Auch wir geben gegen 24.00 Uhr auf und vereinbaren noch ein gemeinsames Frühstück.
„Aber nicht zu früh!“, rufen Cécile und Andres uns nach.



Der Tod

25. 12. 2009

Am frühen Nachmittag gehen wir raus an die frische Luft, kräftig schreiten wir aus und fühlen uns richtig erholt. Das Nachtessen danach fällt kurz aus, das Festtagsschlemmen haben wir uns schon seit Jahren abgewöhnt.
Gegen acht Uhr abends setzen wir uns für eine „Tagesschau“ vor den Fernseher, eine Seltenheit, denn in all den 20 Toskana-Jahren haben wir bewusst auf dieses Vehikel verzichtet, ohne wirklich etwas zu vermissen. Auch heute sehen wir nichts, was im Gedächtnis haften bliebe, vielleicht wegen der nun folgenden Ereignisse.
Plötzlich klingelt das Telefon. Es ist schon 23.15 Uhr. Wer will denn um diese Zeit noch etwas von uns? Ein Übersee-Anruf vielleicht? Harrys Bruder lebt seit Jahrzehnten in Australien, und ein Weihnachtsanruf wäre schön. Harry geht ran, es ist Andres. Um diese Zeit? Doch dann sagt Harry: „Nein!“ und, an mich gewandt: „Evelyne ist tot!“
„Nein!“ Ich höre mich schreien, doch dann weiß ich nichts mehr. Es wird dunkel vor meinen Augen. Dann bin ich wieder hier, doch ohne zu begreifen. „Was ist los? Was hat er gesagt?“
„Paul hat Andres kurz nach 23.00 Uhr angerufen und ihm gesagt, Evelyne sei tot. Kurz darauf hat Andres Paul nochmals kontaktiert, um mehr zu wissen. Evelyne sei kurz vor 18.00 Uhr weggegangen und um 19.30 Uhr zurückgekommen. Sie wäre bei ihrer Rückkehr betrunken gewesen. Dann hätten sie zusammen ein Fondue chinoise gegessen, und danach sei Evelyne auf den Balkon gegangen, weil sie sich nicht wohlgefühlt habe und eins habe rauchen wollen. Um 20.15 Uhr hätte er ihr, da sie nicht reinkommen wollte, eine Wolldecke und eine Alka-Seltzer-Tablette gebracht. Dann sei er um 23.00 Uhr nachsehen gegangen. Da sei sie bereits kalt gewesen. Nun sei der Hausarzt hier, ebenso die Polizei, und gleich komme der Statthalter, und anschließend werde sie nach St. Gallen in die Pathologie zur Obduktion gebracht. Andres fährt nun gleich hin.“
„Was?“ Ich bin wieder voll da. „In dieser kalten Winternacht einfach auf dem Balkon sitzen lassen, ohne einmal nachzusehen bis gegen elf Uhr? Das glaube ich einfach nicht.“
Kurz darauf ruft Paul selbst an und bestätigt, was uns Andres schon gesagt hat. Er fügt noch an, sie hätte wahrscheinlich Tabletten geschluckt und sei dann an Erbrochenem erstickt. Als er sie gefunden habe, sei sie schon kalt gewesen.
„Hier stimmt doch etwas nicht!“, rufe ich. „Jemanden mehr als zwei Stunden einfach auf dem Balkon sitzen zu lassen, das ist absurd. Wir müssen etwas unternehmen!“
Anhand der Anrufe und der Schilderungen versuchen wir den Abend von Evelyne und Paul zu rekonstruieren. Was zwischen 18.00 Uhr und 19.30 und anschließend bis ca. 22.30 vor sich gegangen ist, bleibt schleierhaft. Wir blieben angesichts der vorgerückten Stunde und des langen Wochenendes ohne Handlungsmöglichkeit bis zum Montag, 28. Dezember – der 24. Dezember war auf einen Donnerstag gefallen, Arztpraxen und Ämter bis aufs Allernotwendigste reduziert. Weder konnte eine kompetente Amtsperson erreicht noch eine Todesanzeige aufgegeben und bestellt werden, und eine Obduktion würde infolge der Feiertage nicht vor dem 4. Januar stattfinden. Die Situation ist unmöglich. Keiner ist da, um einem in dieser schwierigen Situation zu helfen oder beizustehen.
„Wir brauchen jetzt einen ganz klaren Kopf, um Schritt für Schritt das Richtige zu tun.“
Harry pflichtet mir bei, und wir beginnen die Abläufe zu notieren. Unsere Fragen, die uns immer mehr bedrängten, fanden je länger je weniger eine logische Antwort. Zu vieles ist suspekt.
Wie wir die darauf folgende Nacht verbracht haben spottet jeder Beschreibung und kann deshalb nicht im diesem Rahmen ausgedrückt werden. Unser Zustand glich einer Trance, wo die eigene physische Realität kaum wahrgenommen wird und Trauer, Alltag, Pflichten zu einer Situation führten, in der wir wie Marionetten handelten. Erst später realisierten wir die Tragweite des Geschehenen.



Die Vorgeschichte

An dieser Stelle muss ich mich in die Vergangenheit zurückbegeben, und zwar so, wie ich sie wahrgenommen habe. Dabei sind natürlich Mütter nicht ganz objektiv, doch kommt der Wahrheit sicher sehr nahe, was ich hier niederschreibe.
Evelyne war nach einer wilden Pubertät, ein paar Schwärmereien, einer kurzen Jugendliebe und drei beinahe vollendeten Berufslehren mit knapp 20 Jahren eine Liaison mit einem nicht mehr ganz jungen Mann eingegangen, mit dem sie kurz darauf außerhalb Zürichs eine sehr schöne Wohnung bezog. Zugegeben, die Miete war im Moment etwas außerhalb ihres Budgets, doch vermochte die Wohnung zumindest ästhetisch zu befriedigen. Evelyne arbeitete im Familienbetrieb eines Accessoire-Grossisten, fühlte sich wohl und machte einen glücklichen Eindruck. Das Geschäft des selbstständig erwerbenden Lebenspartners entwickelte sich mit der Zeit – es mögen zwei Jahre vergangen sein – mehr und mehr zu einem schwarzen Loch, in dem nicht nur Evelynes Erspartes, sondern auch unsere eigenen Vorschüsse auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Ihr Zusammenleben wurde auch aus diesem Grund offensichtlich immer schwieriger und die gegenseitigen Vorwürfe immer massiver. Das Ende der Beziehung war abzusehen. Wir wollten uns nicht einmischen. Evelyne war inzwischen bald 25 und hatte ihre privaten und beruflichen Weichen selbst gestellt. Doch dann traf etwas Unerwartetes ein.
Kurz vor ihrer Trennung hatte ihr eine liebe Freundin einen Gutschein für einen Tauch-Schnupperkurs in einem Zürcher Hallenbad geschenkt. Es schien eine Schicksals-Fügung. Evelyne war seit dem Kleinkindesalter immer eine Wasserratte und eine gute Taucherin gewesen. Jetzt absolvierte sie mit Leidenschaft, ja beinahe Fanatismus diesen und folgende Kurse, bestand in kürzester Zeit ihr Diving-Master-Diplom und schmiedete Zukunftspläne. Selbst wenn wir ein paar gute Argumente gegen ihre Pläne vorgebracht hätten, wären wir hoffnungslos abgeblitzt. Sie war entschlossen, Tauchen zu ihrem Beruf zu machen, und bildete sich unbeirrt weiter. Die dazugehörenden Prüfungen bestand sie alle mit Erfolg.
Nach einem kurzen Aufenthalt im heimischen Frauenfeld wollte sie dann definitiv auf die Taucherei umstellen. Sie reiste im Frühherbst mit Sack und Pack zu uns in die Toskana, legte mit Hand an, wo sie konnte, und zusammen bereiteten wir ihre Zukunft vor. Natürlich war vor dem Frühjahr nichts zu finden, also blieb sie den Winter 1997/1998 bei uns.
Das war eine gute Zeit. Welchen Eltern ist es denn gegönnt, nach einem langen Unterbruch nochmals ein halbes Jahr mit dem Kind zusammen zu sein? Wir bauten gerade in zweiter Etappe unser Haus um und mussten uns, was die Wohnverhältnisse anbelangte, etwas einschränken und immer wieder von einem Raum zum anderen ziehen. Lärm und Staub und Improvisation waren unsere täglichen Begleiter.
Ein lieber italienischer Freund aus Parma – er hatte als Generalunternehmer bei unserer Ankunft den Um- und Ausbau der Kellerei einschließlich aller Einrichtungen besorgt und besuchte uns regelmäßig – gab Evelyne den Rat, sich in Sardinien umzusehen, und lieferte auch gleich Adressen mit. Endlich stand fest, dass sie ab 10. Mai 1998 in einer Tauchschule an der Costa Paradiso südlich von Santa Teresa di Gallura ihre Arbeit aufnehmen konnte – zu mickrigen Bedingungen, das war klar. In der Warteschlange standen viele tauchbegeisterte junge Leute, die einen solchen Job auch ohne Bezahlung mit Eltern-Sponsoring angenommen hätten. Immerhin war Logis im schuleigenen Bungalow einschließlich einer Kochgelegenheit und 300’000 Lire Monatsgeld dabei.
Mitte Mai sollte sie starten. Aus Neugierde und auch, um ihre Umgebung und ihren „Padrone“ kennenzulernen, begleiteten wir sie beim ersten Mal. Sardinien war für uns alle Neuland, obwohl wir sardische Freunde schon seit den Achtzigerjahren haben. Die Bücher von Grazia Deledda, der sardischen Nobelpreisträgerin, kannte ich teilweise. Wer weiß, ob wir die Insel besucht hätten, wenn nicht Evelyne dort ihren Traumjob gefunden hätte.
Wir waren und sind begeistert. Die Nordwestküste mit ihren roten Felsen, dem türkisblauen Wasser und dem noch wenig erschlossenen Gebiet erschien uns wie ein Bild aus dem Märchen. Jedenfalls konnte man hier auch einen wenig lukrativen Beruf ohne große Einschränkungen ertragen. Kleine hübsche, von Felsen umgebene, kaum besuchte Sandstrände, eine sattgrüne Landschaft, landwirtschaftlich genutzt, oder in dieser Jahreszeit blühende Mittelmeermacchia hinterließen einen bleibenden Eindruck. Kleine, an die Hügel hingekleckste Orte rundeten das Bild ab.
Nach einigen Tagen haben wir Evelyne ihrem Schicksal überlassen. Wir haben sie ihrem Chef, einem sympathischen Norditaliener, und den diversen Mitarbeitern in Obhut gegeben.
Ihre Anrufe waren immer positiv. Die Begeisterung sollte anhalten, und bereits im Juli haben wir sie besucht, begeistert waren wir alle. Auch im folgenden Jahr – die erste Saison war Mitte Oktober zu Ende – konnte sie nichts abhalten, wieder am selben Ort weiterzufahren. Im anschließenden Winter, also 1999/2000, ist sie dann nach Thailand geflogen, um dort die Ausbildung und Prüfung zum Diving Instructor in Angriff zu nehmen. Leider musste sie aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig zurückkehren, um an den Mandeln operiert zu werden. Die Prüfung hat sie dann in der Schweiz absolviert.
Es erstaunte uns nicht weiter, dass sie für die Saison 2000 wieder an die Costa Paradiso zurückkehren wollte. Sie hatte dort inzwischen viele Freunde: unter den Sommergästen, die nur bei ihr einen Kurs absolvieren wollten, unter ihren Tauchkollegen, aber auch unter den Einheimischen. Ihre beste Freundin war die örtliche Apothekerin, durch die sie auch sardisches Familienleben kennenlernte. Das Tauchen bereitete ihr weiterhin viel Spaß, Anfängerkurse mit Kindern lagen ihr vor allem. Sie konnte sich auch für die Unterwasserfauna und -flora begeistern, und wir haben durch sie in dieser Hinsicht viel Neues und Interessantes erfahren. Dieser letzte Aufenthalt, währenddessen sie eine kurze Liebschaft mit einem Kunden hatte, sollte nicht ohne weitreichende Konsequenzen bleiben.
Bei der Rückkehr in die Toskana wusste erst sie, wie es um sie stand. Sie ist dann nach Norditalien gereist, um die Familie und die Umgebung des Kindesvaters kennenzulernen. Später, als wir von ihrer Schwangerschaft wussten und den Sinn der damaligen Reise verstanden, hat sie uns gestanden, dass sie in Norditalien, am Wohnort des Kindesvaters, nicht leben könne. Das konnten wir nach drei Jahren Sardinien durchaus nachvollziehen. Wir selbst waren ja noch öfters nach Sardinien gereist, direkt von Livorno mit der Fähre oder über Korsika mit Fähre, eigenem Fahrzeug und wieder Fähre. Auch heute noch würden wir jederzeit auf diese herrliche Insel reisen, um nochmals einen feuerroten Sonnenuntergang zu erleben oder einen wütenden „Maestrale“ mit hoch aufschäumenden Wellen und klarstem Wetter hinnehmen, zu Fuß eine kaum zugängliche Bucht entdecken. Es war eine herrliche Gegend, der nun Evelyne den Rücken kehren wollte. Sie hätte bleiben sollen!
Nachdem klar war, dass eine Verbindung mit dem Vater des Kindes nicht infrage kam, hatte sich Evelyne in Frauenfeld wieder häuslich eingerichtet. Sie ging so lange wie möglich einer Arbeit nach und hat sich, so gut es ging, auf die bevorstehenden Änderungen in ihrem Leben vorbereitet. Wir taten aus der Ferne, was wir konnten. Von außen betrachtet, schien alles in Ordnung zu sein. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt fingen die Mühlen des Staates an zu mahlen, doch wir alle waren voll Vertrauen, dass alles zum Besten stünde. Wir hatten telefonischen Kontakt, und unsere Reisen in die Schweiz wurden häufiger. Öfters reiste ich per Eisenbahn, allein, mit dem viel geschmähten CISALPINO. Das dauerte von Florenz bis Zürich nur rund sieben Stunden.
In der zweiten Maiwoche 2001 rief ich Evelyne an, ich würde am Freitag, 11. Mai, gegen Mitternacht eintreffen und direkt mit dem Taxi zu mir nach Hause fahren. Sie solle sich nicht bemühen. Ich kann mir heute noch nicht erklären, was mich genau an diesem Wochenende in die Schweiz trieb. Es sollte sich herausstellen, dass sich mein Bauchgefühl, wie so oft, wenn es um Evelyne ging, nicht getäuscht hatte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 244
ISBN: 978-3-99038-712-2
Erscheinungsdatum: 04.05.2015
EUR 16,90
EUR 10,99

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