Geschichte & Biografie

Das Platon Experiment

Ernst Humaní

Das Platon Experiment

Leseprobe:

Vorwort

Am Ende des zweiten Weltkrieges ist er acht Jahre alt. Er wird bis zu diesem Zeitpunkt in der Schule im Geiste Adolf Hitlers erzogen: „hart wie Krupp Stahl – zäh wie Leder – schnell wie Windhunde“. Hitlers Parole, dass nur die Stärksten lebenswert sind und das Schwache, das „unwerte Leben“, zu vernichten sei, ist das Naturgesetzt der Evolution.
Seine Eltern versuchen erfolgreich gegenzusteuern.
Durch den tiefen Eindruck der Not und des Elends als Folgen des Krieges und aufgrund der großen Hilfe der Quäker und vielen anderen Organisationen, die den hungernden Schwachen halfen und zu essen gaben, wurde er von Eltern und Lehrern in der Nachkriegszeit an neue Gedanken herangeführt.
Hitlers Interpretation der „Gerechtigkeit des Stärkeren“ wurde von seinen Eltern und Lehrern widerlegt. Die „Gerechtigkeit des Stärkeren“ wurde als ein Gesetz der Tierwelt entlarvt und hatte nichts mit den Menschen, mit der Menschlichkeit, zu tun.
Angeregt von diesen Gedanken suchte er weiter bei den griechischen Philosophen nach dem glückhaften Leben und befasste sich mit dem Gegenteil der „Gerechtigkeit des Stärkeren“.
Das Ergebnis seiner Suche fand er bei Platon.
Zunächst fand er das Naturgesetz: „Vorteile haben immer gleichgroße Nachteile“. Es gibt keinen Vorteil ohne einen Nachteil. Dieses Naturgesetz ist aber durch den oftmals großen Zeitversatz beider Ereignisse nicht sofort erkennbar. Der Nachteil kann erst eintreten und wird oft zu spät erkannt wenn der Vorteil genutzt wird.
Und ein weiteres Naturgesetz, welches immer beachtet werden muss: „Das Übermaß führt immer zum Gegenteil des angestrebten Gutes!“ war für ihn von ganz großer Bedeutung.
Daraus folgte die Antwort: „Die Gerechtigkeit des Stärkeren“ führte im Verlauf der Evolution immer und immer wieder am Ende einer Periode zu einem totalen Zusammenbruch. Daher entwickelte sich ein Lebewesen, der Mensch, mit einem Verstand der diesem immer wiederkehrenden grausamen Kollaps endlich ein Ende setzen soll und kann.
Das ist die eigentliche „Erlösung“ für die wir selber zuständig sind.
Es gibt keinen anderen „Erlöser“, wir brauchen darauf nicht warten. Sondern wir müssen anfangen die uns von der Natur geschenkten Werkzeuge zu nutzen. Es sind saubere Gedanken und das Bewusstsein warum wir einen Verstand bekamen.
Die „Gerechtigkeit des Stärkeren“ ist also ein Gesetz der Tierwelt und eine Art Krankheit im menschlichen Sinne. Darum entwickelte sich der Verstand des Menschen damit der „Lernprozess über das Leid“ beendet werden kann.
Niemand, außer Platon und später Christus, hat aber scheinbar dem Menschen gesagt, warum der menschliche Verstand sich auf dem langen Weg der Evolution entwickelte.
Alle Machthaber und alle Streber zur Macht wissen also nicht warum sie einen Verstand haben; das ist das erschreckende Ergebnis seiner Suche.
Aber was kann man diesem Naturgesetz als Besseres entgegensetzen?
Platon sagt, wenn das „Gesetz des Stärkeren“ eine Krankheit ist dann ist das Gegenteil „das Gesetzbuch der Gesundheit“.
Das Gegenteil der „Gerechtigkeit des Stärkeren“ ist also eine Gerechtigkeit die einer Gesundheitspflege, einer Wissenschaft über eine allumfassende Gesundheit des eigenen und des Gemeinschaftskörpers gleicht.
Die „Gerechtigkeit des Stärkeren“ ist in diesem Sinne die Krankheit, die es zu heilen gilt. Die allumfassende Gesundheit ist die Basis des glückhaften Lebens.
Den Machthabern muss also endlich bewusst werden, dass sie nicht wissen, warum sie einen Verstand haben.
Nach seinem Studium versuchte er in seinem beruflichen Leben sich nach Platons Definition der Gerechtigkeit, so wie er sie verstand, zu richten, war aber unzufrieden mit dem Ergebnis.
In dem Buch wird nun geschildert wie er nach seiner Pensionierung versuchte als Entwicklungshelfer in der Mongolei Platons Definition umzusetzen. Er scheiterte bei diesem „Platon Experiment“ und überlebte einen Mordanschlag nur mit sehr viel Glück.
Das erfreuliche Ergebnis lautet aber „der Weg war das Ziel“ denn es stellte sich heraus, dass es sehr viele Menschen und Unternehmer gab die ihn uneigennützig mit einer großartigen Hilfe unterstützten.
Ein sehr erfreuliches Ergebnis. Es gibt sehr, sehr viele einfache Menschen die wissen warum die Natur dem Menschen einen Verstand schenkte. So gewinnt man zunehmend den Eindruck, dass der friedliebende und hilfsbereite Anteil des Volkes klüger ist als die regierenden Machthaber.
Intelligenz hat scheinbar nichts mit Klugheit zu tun. Ab einem bestimmten IQ fand er sogar die größte Dummheit, also Menschen, die noch nicht wissen warum sie einen Verstand bekamen. Ein aktuelles Beispiel sind die Banker mit ihrem „Raubtierkapitalismus“, die durch ihre unermessliche Habgier dabei sind ihre eigene Existenzgrundlage zu vernichten. Die von den Banken ausgebeuteten Menschen müssen den Banken helfen weil Banken Systemrelevant sind. Banken beschädigen auf diese Weise zunehmend die Demokratie und die Politiker sind hilflos und beklagen die zunehmende Tyrannei, die daraus entsteht. Die Hilflosigkeit der Politiker verführt sie die Banker als Berater einzusetzen. Eine Negativspirale die nicht zu stoppen ist.
Gibt es einen Grund zur Hoffnung? Wohl nur dann, wenn den Machthabern bewusst wird warum sie einen Verstand bekamen. Aber das wäre die Hoffnung darauf, dass ein Rauschgift-Süchtiger seine Sucht selber besiegt.
Wenn diese Entwicklung aber nicht über den Verstand geschieht, wird der „Lernprozess“ wieder über ein unendlich großes Leid, einen Leidensdruck, der das Leid des zweiten Weltkrieges in den Schatten stellt, ablaufen.
Das Endziel der Evolution ist der dauerhafte Frieden. Es gibt nur zwei Wege dorthin.
Wir Menschen entscheiden, ob wir dieses Endziel freiwillig und friedlich über den Verstand erreichen oder über den unsagbar leidvollen Kollaps, der der „Gerechtigkeit des Stärkeren“ immer und mit absoluter Sicherheit folgt.
Aber die Hoffnungen bleiben. Sie liegen in den Zeitzeugen des letzten Weltkrieges, die eine noch nie dagewesene Dauer des Friedens in Europa bescherte. Die Hoffnungen bleiben und liegen auch in der mongolischen Jugend mit ihrem unstillbaren Wissensdrang, ihrer großen Sprachbegabung in Verbindung mit der mongolischen Familienkultur deren gesunde Quellen in jedem Ger der Nomaden zu finden sind. Die Hoffnungen liegen in der Jugend der Welt, die die Zeitzeugen des letzten Weltkrieges und der Kriege überhaupt verstanden haben bevor diese Zeitzeugen gestorben sind. Der Leser darf auf etwas vertrauen was in Deutschland noch ein großes und zunehmendes Wagnis wäre.
Der Leser darf ohne Gepäck und Geld durch das riesige Reich der Mongolen reiten ohne Hunger oder Durst leiden zu müssen. Die Nomaden achten darauf mit ihrer unvorstellbaren Gastfreundschaft.
Bei den Nomaden hat er die ursprüngliche Quelle des „Dienens für die allumfassende Gesundheit“ als Definition der Gerechtigkeit, die er suchte, gefunden.
Es ist ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Nächstenliebe, zu der wir Menschen noch nicht fähig sind.


Der Auflösungsvertrag

Er stand am Fenster und schaute in den regenschweren, dunklen Himmel. Irgendwie hatte er das Gefühl: „Heute ist ein besonderer Tag.“ Es gibt eben Tage, an denen Schlüsselerlebnisse stattfinden, Tage oder Stunden, die die Zukunft neu bestimmen.
Eine Vorahnung?
Sokrates nannte es „sein Daimonion“, mit dem er auf diese Weise kommunizierte. Er hatte beobachtet, etwas Ähnliches machte sich in ihm schon oft als ein vorahnendes „Bauchgefühl“ bemerkbar. In irgendeiner Form geht es wohl jedem Menschen so.
Heute war dieses Gefühl wieder ganz deutlich da. Oder war es nur das dunkle Bild da draußen vor seinen Augen? … oder, dass „der neue Chef in spe“ in ein paar Minuten durch diese Tür in sein Büro kommen würde und sich informieren wollte?
Unruhig brauchte er nicht zu sein, denn „das Haus“ war gut bestellt.
Fünfundzwanzig Jahre war er nun hier in diesem Unternehmen und seit gut zehn Jahren war er der Chef der zweitgrößten Abteilung des Energie-Versorgungs-Unternehmens (EVU). Etwa zweihundert Mitarbeiter waren es noch, als man ihn zum Abteilungsleiter beförderte.
Damals, 1985, war es eine gute Grundsatzentscheidung, sich an der neuen Umweltschutzgesetzgebung zu orientieren.
Die großen Sorgen und Zielsetzungen des Wiederaufbaues der Wirtschaft und des Wohlstandes der Nachkriegszeit wurden von den Sorgen um den Umweltschutz abgelöst, eigentlich eine logische und notwendige Entwicklung.
Als Hunger und Not in der Nachkriegszeit die Zielsetzungen bestimmten, wäre das unmöglich gewesen. Trotzdem wurde die Notwendigkeit und Chance zugleich in einigen Etagen vieler Unternehmen nicht sofort erkannt; aber was nutzte es zu lamentieren, wie teuer doch der Umweltschutz sei. Es ging kein Weg daran vorbei.
Er hatte selber die Emissionen der Abfallverbrennungsanlage und des Kraftwerkes, die noch nicht gemessen wurden, auf der Basis der Brennstoffanalysen berechnet und war auf bedenkliche Ergebnisse gekommen. Die Folge war die damalige Entscheidung des Aufsichtsrates, Ende der 1970er Jahre, sich für ein vom BMFT (Bundesminister Forschung und Technik) gefördertes Forschungsvorhaben zu entscheiden mit dem Titel „Schadstoffbindung in der Feuerung“, in einer Wirbelschicht-Feuerung mit einer Feuerungs-Wärme-Leistung von 124MW thermisch; auf der Basis der Laborversuche der Bergbauforschung mit Unterstützung des BMFT und der Forschungs-Zentrale Jülich.
Seit dieser Zeit arbeitete er in diese Richtung und hatte die schrittweise Umstrukturierung seiner Abteilung geplant. Ein Programm über zehn Jahre hatte er schon 1984 vor dem Abschluss des Forschungsvorhabens entworfen, wohl wissend, dass eine jährliche Neuanpassung an die sich stets ändernde Situation erforderlich würde. Aber die Zielrichtung stimmte, denn die Basis war der politische Wille der Regierung, eben die stete Fortschreibung der neuen zukunftsorientierten Umweltschutz-Gesetzgebung.
Mit der 13. Bundes Immissionsschutz Verordnung (13. BImSchV.) von 1984 wurden gravierende Änderungen in den Kraftwerken der EVUs eingeläutet und es war erst der Beginn.
1986 sollte die neue Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA-Luft 86) verabschiedet werden, aber es kam ganz anders.
Die TA-Luft 86 sollte für Abfallverbrennungsanlagen gelten und in diesem Bereich wurde zwischen Sonderabfall und Hausmüll unterschieden. Für Sonderabfälle wurden sehr strenge Anforderungen formuliert und man stellte sich die Frage: „Wenn es möglich war, die geringen Grenzwerte für Sondermüllverbrennungsanlagen einzuhalten, dann wäre es doch sinnvoll, diese Grenzwerte auch für die anderen Arten der thermischen Abfallbehandlung zu fordern.“
Aber, wie bei jeder neuen Innovation, wurden Ängste in der Öffentlichkeit geschürt. Diese Ängste waren ursächlich für die politischen Forderungen nach immer geringeren Grenzwerten. Es war ein kaum zu stoppender Wettbewerb der Politiker, immer niedrigere Grenzwerte zu nennen, um sich damit zu profilieren.
Daraus resultierten aber dann die wissenschaftlichen Untersuchungen der vernetzten Probleme im Umweltschutz.
Das allgemeingültige Ergebnis: „Der Ruf nach immer geringeren Grenzwerten führt zu einer Art Eskalation der Aufwendungen, deren überregionale Umweltbelastung größer werden kann als der regionale Erfolg.“
War das für die Wirtschaft erforderliche Wirtschaftswachstum zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes kontraproduktiv?
Der „Club of Rome“ hatte „die Grenzen des Wachstums“ auch in anderen Bereichen ganz deutlich gemacht. Würde unser, auf Wachstum basierendes Wirtschaftssystem eines Tages kollabieren? Kontraproduktiv anderen Problemen, wie zum Beispiel dem Umweltschutz, gegenüberstehen?
„Ein unbegrenztes Wachstum gibt es nicht“, so damals der Club of Rome. Ein Wirtschaftssystem, das aber Wachstum als Fundament hat, muss also irgendwann kollabieren. Nach dem Zusammenbruch gibt es dann wieder Wachstum. Der Zusammenbruch war bisher häufig der Krieg. Dann konnte wieder Wachstum stattfinden.
Ein Irrsinn ohne Gleichen? Wachstum – Zusammenbruch – Wachstum? Gab es keinen Wissenschaftler auf der Erde, der diesem Irrsinn ein Ende setzen konnte? Er mochte und konnte diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Er war nur ein einfacher Ingenieur und hatte die Wirtschaftswissenschaften nur in seinem technischen Bereich studiert. Aber er trug den Wunsch in seinem Herzen, dass es irgendwann einen human denkenden Wirtschaft-Wissenschaftler geben wird, der diesen Irrsinn endlich beendet. Hatte man die alte einfache Lebenserfahrung, so sicher wie ein Naturgesetz: „Das Übermaß führt immer zum Gegenteil des angestrebten Gutes“ vergessen?
Hinzu kam die Gefahr, dass wir Menschen linear denken, aber die Entwicklungen, wie in der Natur, sich nach einer e-Funktion, also exponentiell, entwickeln. Die alte Frage, die jeder kennt, wurde nicht beachtet: „In einem See ist eine Seerose. Im nächsten Jahr sind es zwei und die Seerosen verdoppeln sich jährlich. Nach tausend Jahren ist der See halb voller Seerosen. Wann ist der See ganz voll?“ Die Antwort lautet: „Im nächsten Jahr!“
Ein Kollaps kommt also dann nicht überraschend, wenn man exponentiell denken würde. Aber welcher Mensch macht das schon und verlässt sein lineares Denken?
Die Diskussionen im Umweltschutz führten vorläufig zu einem guten Ergebnis und weckten große Hoffnungen, dass es in anderen Bereichen eines Tages genauso sein würde. Das Übermaß wurde in diesem Fall aufgrund der Untersuchungen der vernetzten Probleme durch das Umwelt Bundes Amt (UBA) verhindert. Trotzdem gab es immer noch ein paar Ideologen, denen „genug zu wenig“ war und dem Übermaß das Wort redeten.
„So entstehen die Pendelungen um die Wahrheit, die in der Mitte liegt“, schmunzelte er zufrieden in sich hinein, „und die Ausschläge, die vorübergehenden Entfernungen von dem eigentlichen optimalen Ziel, werden immer kleiner.“
Bei allen technischen Fortschritten hatte er es in seinem Leben immer wieder beobachtet und sich immer wieder aufs Neue sehr gewundert über das optimale Endergebnis.
Das war der Erfolg der Diskussionsfreiheit, die die vielen unterschiedlichen Unvollkommenheiten und Irrungen der Menschen weitgehend eliminieren kann.
Es war für ihn wie ein Wunder, die Unterschiedlichkeit in der Unvollkommenheit aller Menschen.
An jener Stelle, an der der eine sehr unvollkommen ist, gibt es einen anderen, der an dieser Stelle von der Natur gesegnet ist. So ist es möglich, gemeinsam das Beste zu erreichen, nie allein. Die Unterschiede in der Unvollkommenheit als das kräftige Bindemittel für die Gemeinschaft. Er war ein Bewunderer der Natur, ob dieser weisen Lösung, damit die Menschen einander helfen, ja helfen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen.
Jede Ideologie, jede Diktatur, jede Gleichschaltung von Menschen, auch das Naturgesetz „die Gerechtigkeit des Stärkeren“, scheitert unausweichlich eben an der Unvollkommenheit des oder der gleichgeschalteten Ideologen, die die Unterschiede nicht akzeptieren.
Die kleine Welt eines jeden Ideologen verhindert die volle Nutzung dieses großen Geschenks der Natur.
Im Mai 1945 hatte er als acht-jähriger Junge erstmalig dieses Scheitern miterlebt.
Auf der Straße und in der Schule wurde er dazu erzogen, „hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und so schnell wie ein Windhund zu sein“. In diesem Umfeld hatte er sich behaupten müssen, sonst wäre er untergegangen wie alle Schwachen und Kränklichen dieser Zeit und hätte zum „unwerten Leben“ gehört.
Zu Hause wurde er sozialdemokratisch und christlich erzogen und er konnte lange Zeit diesen Zwiespalt nur schwer ertragen. Bis er sich eines Tages dem neuen Hitler-Befehl widersetzte, „Glatze mit Vorgarten“ zu tragen. Alle Jungen sollten diesen verrückten Haarschnitt tragen.
Als seine Haare immer länger wurden, weil er nicht mehr zum Friseur ging, nahm sein Vater ihn an die Hand, schleppte ihn zum Friseur, und als der Friseur fragte: „Wie soll es denn sein?“, sagte sein Vater mit ganz lauter, strenger und mit sehr empörter Stimme: „Was für eine Frage! Mein Sohn will selbstverständlich den Befehl Hitlers streng befolgen und Glatze mit Vorgarten tragen!“, und dabei drückte er seine starke, schwere Hand auf die Schulter des „Delinquenten“, damit dieser nicht aufstehen und weglaufen konnte.
„Warum darf ich nicht über meine eigenen Haare bestimmen?“, hatte er auf dem Weg nach Hause traurig seinen Vater gefragt, „ich fühle mich wie ein Sklave!“
„Ja, ich möchte, dass du mir verzeihst“, antwortete sein Vater, „Diktatoren und andere Machthaber, du wirst es auch in den Religionsgemeinschaften finden, die erlassen Gesetze, nur um Gewalt ausüben zu können. Das darfst du nie vergessen. Viele Menschen sind ganz stolz darauf und wollen im Befolgen dieser blödsinnigen Gesetze immer besser sein als der Nachbar und behaupten, sie seien die besseren Nazis usw., weil sie mit anderen Mitteln ihr eigenes Minderwertigkeitsempfinden nicht kompensieren können. Nur deshalb habe ich dir wehgetan, damit du es nie im Leben vergisst!“
„Auch in Religionsgemeinschaften ist das so?“, fragte er ängstlich.
„Ja, leider auch dort“, sagte Vater überzeugt, „es gibt Religionen, die dir vorschreiben, was du wann essen darfst, welche Kleidung wer wann tragen darf und alles solchen Unsinn. So wie heute bei Hitler zum Beispiel das Jungvolk, mit der schneidigen Uniform und nun auch noch mit Glatze mit Vorgarten. Die Pfarrer behaupten sogar, dass wir alle Sünder sind, damit wir uns schuldig fühlen. Aber wir sind nur unvollkommen und haben einen Verstand bekommen, aus freiem Willen gegen unsere tierische Verhaltensweise zu kämpfen. Für den lieben Gott wäre es gar kein Problem gewesen, uns Menschen vollkommen zu machen, aber er hat aus ganz bestimmten Gründen uns Menschen unvollkommen gemacht. Darüber müssen wir nachdenken. Du wirst sehen, ich meine, er hat es auch deshalb gemacht, weil wir uns alle gegenseitig helfen sollen. Daher hat er auch die Unvollkommenheit unter den Menschen ungleich verteilt!“
Und dann sagte sein Vater das Gedicht von Theodor Strom auf, welches die Kinder in der Familie zu lernen hatten: „Der Eine fragt: was kommt danach, der Andere fragt nur: ist es Recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht!“ und ergänzte dann: „Tue Recht und scheue niemanden. Und auch die Frage, ob du ‚willst‘ oder ‚musst‘, unterscheidet den ‚Freien‘ von dem ‚Sklaven‘, nicht der Haarschnitt. Denke aber stets daran, dass du unvollkommen bist und irren kannst. Gerecht zu handeln, ist ganz schwer und erfordert Güte. Güte, so hat aber ein Philosoph gesagt, ist wie ‚gerade biegen‘. Du musst also erkennen, was ‚krumm‘ ist und dann noch die Kraft besitzen, es ‚gerade zu biegen‘. Wenn du etwas ‚biegst‘, was bereits ‚gerade‘ ist, wird es krumm. Das ist dann ein fataler Irrtum, oft mit schlimmen Folgen!“
An solche und andere Gespräche erinnerte er sich nun.
Und plötzlich hatte er die trotzige Melodie von der Gedankenfreiheit im Kopf, die sie als Kinder immer heimlich zu Hause sangen, obwohl solche Protestlieder zu dieser Zeit bei den Nazis verboten waren … und eine innere Fröhlichkeit stieg in ihm auf.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-99048-336-7
Erscheinungsdatum: 17.11.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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