Geschichte & Biografie

Das Leben hat Vorfahrt

Werner Sauer

Das Leben hat Vorfahrt

Der Leidensweg der Zurückgebliebenen

Leseprobe:

Meiner lieben Frau Erika
in Dankbarkeit gewidmet


I

Die Straßenbahn fuhr mit einem leichten Ruck wieder an und begann ihr Tempo zu beschleunigen; erst in diesem Augenblick sprang Ursula Kossbach von der vorderen Plattform auf den Fahrdamm, leichtfüßig und furchtlos, mit einer Eleganz, die darin einige Übung verriet. Die lange Ulla, so wurde sie von ihren Freundinnen genannt, war hoch aufgeschossen, übermäßig mager und war vor Kurzem sechzehn Jahre alt geworden. Ihr langer blonder Haarschopf wehte unter der Pelzkappe wie ein Pferdeschwanz hervor. Sie trug einen dicken grauen Wollmantel und darunter schwarze Hosen, die in hochschäftigen Schnürstiefeln endeten.
Es war kalt an diesen Januartagen des Jahres 1945, bitterkalt sogar. Das Thermometer zeigte in den letzten Tagen unter minus 20 °C an. Der letzte Schnee, der zum Jahreswechsel gefallen war, lag jetzt knirschend und glattgefahren in den Straßen von Lodz.
Ursula wollte wie gewöhnlich ein paar bremsende Schritte machen, kam aber nicht zum Stehen sondern rutschte, sich noch immer aufrecht haltend, bis an den Rinnstein und landete schließlich unsanft in einem Schneehaufen. Sie fühlte den verharschten Schnee brennend im Gesicht und an den Handgelenken. Nur wenige Sekunden blieb sie liegen; dann richtete sie sich auf, pustete den Schnee von den Lippen und befühlte ihren Körper. „Das ging ja noch mal gut ab“, stammelte sie vor sich hin und begann, ihren Mantel abzuklopfen.
Sie benutzte die Straßenbahn nicht täglich. Bis zur Uniformfabrik in der Piotrkowska, die zu dieser Zeit noch Adolf-Hitler-Straße hieß, wo sie als kaufmännischer Lehrling arbeitete, waren es nur vier Haltestellen. Wenn sie aber fuhr, dann prüfte sie vorher genau, auf welcher Plattform der Schaffner stand und ob der Triebwagen auch genügend besetzt war. Hatte sie sich trotzdem einmal verschätzt, dann sprang sie rechtzeitig ab und lief den Rest des Weges. Sie betrachtete das Schwarzfahren als eine Art Sport, der nicht nur Sparen half, sondern darüber hinaus einen gewissen Reiz in sich barg.
An diesem Abend hatte Ursula das Fahrgeld ausnahmsweise bezahlt, denn sie war müde und spürte die Kälte. Den ganzen Tag musste sie Stoffballen aus dem Magazin in den Fabrikhof hinuntertragen, wo die Ballen von Soldaten auf Lastkraftwagen verladen wurden. Eigentlich wäre das Männerarbeit gewesen, aber außer dem Zuschneider Turek, der ein Holzbein hatte, und dem Seniorchef - sein Sohn war im Krieg gefallen - bestand die Firma nur aus Frauen.
Der Tag brachte überhaupt so viele Neuigkeiten, mit denen sie nicht fertigwerden konnte. Schon am Morgen erhielt sie unerwartet die Kündigung, weil der Betrieb verlagert werden sollte, dann, kurz vor dem Mittagessen, gab es plötzlich Fliegeralarm, und die ganze Belegschaft musste ohne Ausnahme in den Keller, wogegen man sonst bei Fliegeralarm nur im Fabrikhof herumstand. Und jetzt am Abend die Unterhaltung in der Straßenbahn, wegen der sie beinahe zu weit gefahren wäre.

Während sie, erholt vom Schock der unsanften Bauchlandung, die wenigen Meter bis zur Wohnung ihrer Eltern in der ulica Wolczanska zurücklegte, musste sie wieder an die Gespräche in der Straßenbahn denken. „Da kann mir keiner was vormachen, ich habe selbst russische Flugzeuge an der südlichen Stadtgrenze gesehen“, hatte ein Mann gesagt. Ein anderer hatte bemerkt: „Die werden uns jetzt öfter besuchen kommen, verlasst euch drauf.“ Hinter ihr war getuschelt worden: „Es wird Zeit, dass wir uns absetzen.“ Und dann eine Frauenstimme, halb geflüstert: „Wo willst du denn hin, Oskar? Die fahren mit ihren Panzern doch schneller, als wir laufen können. Ursula hatte gehorcht und gestaunt und doch nichts verstanden.
In ihrem jungen Köpfchen herrschte ein heilloses Durcheinander. Warum regen sich die Leute nur so auf? Soll das wirklich stimmen, dass die Russen bald in Lodz sein werden? Nein, das ist nicht wahr, das darf nicht wahr sein. Das ist nur Hetze. Der Führer hat uns doch versprochen, dass er das nicht zulassen wird. Ja, der Mann hatte Recht; es ist Verrat, wenn die Leute so sprechen. Trotzdem verfolgte sie der Gedanke, was geschehen würde, wenn die Russen doch bis Lodz kämen. Obwohl sie angestrengt nachdachte, fand sie keine befriedigende Antwort darauf. Sie sah im Geiste ihren älteren Bruder Arthur vor sich. Er war seit zwei Jahren im Partisaneneinsatz. Wenn die Russen wirklich bald in Lodz sein sollen, überlegte sie, dann müsste Arthur ja ganz in der Nähe sein. Ich muss doch mal Helen schreiben, ob sie wieder etwas von ihm gehört hat. Ihre Schwägerin tat ihr leid. Helene war mit dem kleinen Lothar allein und seit Arthurs letztem Urlaub vor vier Monaten wieder schwanger. Dann, kurz bevor sie das Haus betrat, stellte sich wieder der Albdruck ein, dass die Russen doch bis Lodz kommen könnten, und was dann mit ihnen geschehen würde …

Ursula ging an der Glastür des Hausmeisters Cebulski vorbei, der ihr zunickte, und stieg langsam die Treppen hinauf. Die Treppenhausbeleuchtung war kläglich. Vor den Flurfenstern hing schwarzes Verdunkelungspapier und auf den Treppenabsätzen brannten blaulichtige Birnen. Sie hatte sich schon so daran gewöhnt, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, wie das Treppenhaus bei Tageslicht oder bei voller Beleuchtung aussah, denn das Verdunkelungspapier blieb aus Bequemlichkeit auch am Tage hängen.
Nach einem Klopfzeichen öffnete die Mutter ihr die Wohnungstür.
„… ’n Abend, Mutti“, grüßte Ursula abgespannt und platzte sofort mit der Frage heraus: „Was gibt’s zum Abendbrot? Ich habe furchtbaren Kohldampf.“
Die Mutter, kleiner als Ursula, aber von doppeltem Umfang, schüttelte den Kopf. „Du denkst bloß immer ans Essen. Zieh dich lieber aus und wasch dich, du siehst ja aus wie ein Müllkutscher.“
Ursula trug noch Spuren vom schmutzigen Schnee im Gesicht. Sie dachte aber schon nicht mehr an ihren Sturz. „War ich heute beinahe auch“, erwiderte sie und erzählte der Mutter, welch schwere Arbeit man ihr heute aufgetragen hatte. „Ich bin todmüde“, gähnte sie, „nach dem Essen hau ich mich sofort in die Falle.“
„… hab nichts dagegen“, sagte die Mutter, „aber geh und wasch dich jetzt. Ich habe noch in der Küche zu tun. Papa kann auch jeden Augenblick kommen.“
Ursula ging aber nicht, sondern schaute ihre Mutter verwundert an. „Sag mal“, fragte sie plötzlich, „Hast du geweint?“
Die Mutter wurde verlegen. „Was, ich geweint? - Wie kommst du nur darauf, Kind?“ Sie konnte ihrer Tochter aber nicht mehr in die Augen sehen.
Ursula fühlte, dass die Mutter nicht die Wahrheit sagte. Sie forschte aber nicht weiter, sondern fragte nur leichthin: „Weißt du schon das Neueste?“
„Das Neueste?“, stutzte die Mutter, „was denn?“
„Mir wurde heute gekündigt.“
Die Mutter erschrak und schaute Ursula wieder an. „Und das sagst du so, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre? - Damit scherzt man doch nicht! Was hast du denn angestellt? Warum denn? Oder willst du mich nur auf den Arm nehmen?“
„Nein - es stimmt wirklich.“ Ursula sah die angstvoll fragenden Augen der Mutter. „Was soll ich aber dagegen machen? Heulen hat auch keinen Zweck. Unsere Fabrik wird verlagert, und die Lehrlinge werden nicht mitgenommen. Das Stofflager ist schon fast leer. Ich will auch gar nicht mehr hingehen. Ich bin Lehrling im Büro und kein Transportarbeiter.“
Die Mutter starrte geistesabwesend an Ursula vorbei. „Da hat Helen doch nicht so Unrecht“, flüsterte sie vor sich hin.
„Was hast du gesagt?“
„Nichts, Kind - ach, nichts; geh jetzt, wir besprechen nachher alles mit Papa.“
Ursula zuckte mit den Schultern. Dann ging sie sich waschen und zog sich danach mit einem 30-Pfennigroman, der die Schicksale und Sehnsüchte eines ferngetrauten Paares schilderte, ins Wohnzimmer zurück. Warum sollte sie sich auch Sorgen machen? Bisher hatte Papa immer Rat gewusst.

Erst zwei Stunden nach Ursula traf der Vater ein. Auch er war nicht in bester Stimmung, weil der ganze Betrieb die Zeit des Fliegeralarms abends nachholen musste.
Bruno Kossbach war als Schlossermeister in einer der größten Textilfabriken der Stadt beschäftigt. Er sah abgearbeitet und müde aus. Obwohl seine Haltung den Eindruck erweckte, als müsse er ständig durch zu niedrige Türen gehen, wirkte er groß. Die Ähnlichkeit mit der langen Ulla war unverkennbar. Beide hatten breite Backenknochen und tief liegende braune Augen. Nur in der Haarfarbe unterschieden sie sich. Der Vater war fast schwarz und trug als Überbleibsel einer ehemals kosakischen gezwirbelten Männerzierde den Rest eines sauber gestutzten Schnurrbartes auf der Oberlippe.
Schreibt man die Gemütlichkeit den dicken Männern zu, so bestätigte Bruno Kossbach diese Regel als Ausnahme. Der Ablauf seines Feierabends war eine einzige Huldigung an die Gemütlichkeit. Es begann mit dem Wechseln der Schuhe. Gewöhnlich schlüpfte er in seine bequemen warmen Schlappen, ohne die er sich nicht zu Hause fühlte, wusch sich, zog seine Hausjacke an und gab dann das von Ursula immer schon ersehnte Startzeichen zum Essen. Nach dem Essen studierte er die Zeitung, hörte die Abendnachrichten und nickte, meist noch bei den letzten Worten des Sprechers, ein. Jeden Abend aufs Neue musste ihn dann seine Frau überreden, ins Bett zu gehen.
An diesem Abend sollte der gewohnte Ablauf durch die tragische Entwicklung, die in das sonst gleichförmige und geruhsame Leben der Kossbachs eingriff, zerstört werden, um niemals wiederzukehren.

Der Krieg spülte 1939 nur leicht über sie hinweg. Er entfernte sich nach Osten noch schneller, als er vom Westen gekommen war. Nur zwei Wochen lebten sie in Angst, während die Polen in Bromberg, Thorn, Krakau und in anderen Städten die Volksdeutschen misshandelten und oft wie Vieh abschlachteten. In Lodz blieben die Deutschen aber, bis auf wenige Ausnahmen, verschont. Sie hatten dann lange Zeit Ruhe, bis der Krieg eine Kehrtwendung machte und mit stetiger Beschleunigung wie ein fallender Stein wieder zurückkam. Bruno Kossbach wusste das. Er hatte sich aber nie die Mühe gemacht, diese Beschleunigung genauer zu berechnen.
Nur einmal griff der Krieg unmittelbar nach ihnen. Das war, als der jüngere Sohn, Bernhard, der in Libyen stand, als vermisst gemeldet wurde. Aber seit einem Jahr hatten sie die Gewissheit, dass er sich in Texas in amerikanischer Gefangenschaft befand. In Gefahr, in engster Tuchfühlung mit der schmutzigsten Seite des Krieges, war noch Arthur. Und ausgerechnet Arthur löste das ohnehin Unvermeidliche aus. Denn kaum hatte der Vater die Wohnung betreten, da warf sich seine Frau ihm auch schon weinend entgegen.

„Was ist das für eine Begrüßung, Ollusch?“ Er stand ratlos da; hielt mit der einen Hand die schluchzende Olga umschlungen und strich ihr mit der anderen Hand über das schon leicht ergraute Haar. „Sag, Ollusch, was ist passiert?“
Die Mutter war aber nicht imstande, zu antworten. Erst nach einer Weile, als sie sich etwas beruhigt hatte, hörte er sie die Worte stammeln: „Wir sollen flüchten, Bruno, wir sollen weg aus Lodz … Alles stehen und liegen lassen und einfach weg.“
„Wer sagt das?“
„Der Arthur!“
„Der Arthur?“ Im ersten Augenblick glaubte der Vater, sein Sohn wäre nach Hause gekommen. „Wo ist er?“
Jetzt löste sich die Mutter von ihm und sah ihn mit ihren feuchten Augen an. „Ich weiß es nicht. Er hat geschrieben.“
Enttäuschung stand im Gesicht des Vaters. Er nahm seine Frau bei den Händen und zog sie in die Küche zu einem Stuhl. Mit sanfter Gewalt nötigte er sie zum Sitzen. „So, nun erzähl mir mal alles in Ruhe.“
Die Mutter hatte noch nicht einmal den Mund geöffnet, da kam Ursula freudestrahlend, des Vaters Schlappen in der Hand, in die Küche gestürmt. „Wo bleibst du heut so lange, Papa?“, rief sie. Als sie aber den Vater ansah und dann ihr Blick zur Mutter wanderte, würgte sie plötzlich ein Kloß im Hals. Wie versteinert blieb sie am Herd stehen.
Der Vater winkte sie heran. „Komm, Ulla, mir scheint, wir müssen einiges besprechen, was uns alle drei angeht. So, Ollusch, schieß los!“
„Ach, Bruno - es ist schrecklich - die Helen will weg, weil der Arthur geschrieben hat. Und wir sollen auch flüchten.“ Die Stimme der Mutter war wieder gebrochen.
„So beruhige dich doch, Ollusch“, sagte der Vater leise und wischte ihr die Tränen ab. „Wann und von wo hat Arthur geschrieben? Und von wem weißt du das?“
„Ich weiß das von Helen. Sie hat am Nachmittag bei Cebulski angerufen. Sie war so aufgeregt und sprach so schnell, dass ich nur die Hälfte verstehen konnte - sie hat gesagt, dass Arthur geschrieben hätte, ein Kamerad von ihm hätte ihr den Brief heute früh selbst gebracht.“
„Und was schreibt Arthur?“ Der Vater wurde immer ungeduldiger.
„Arthur schreibt, Helen soll sofort nach Meißen zu ihrer Tante Bertha aufbrechen. Die Russen können jeden Tag in Lodz sein. Und sie soll auch uns benachrichtigen, damit wir keine Zeit verlieren.“
„Und was sagt Helen dazu?“
„Sie will morgen früh bei Tagesanbruch aufbrechen.“
„Was soll das heißen, sie will aufbrechen? Doch nicht etwa zu Fuß?“
„Natürlich, wie denn sonst?“
„Aber das ist doch Selbstmord! - In ihrem Zustand. - Mit dem kleinen Lothar. - Bei dieser Kälte! Hast du ihr das nicht ausgeredet?“
„Selbstverständlich, ich hab es jedenfalls versucht. Ich glaube aber, es war zwecklos. Sie ließ sich von ihrem Entschluss nicht abbringen. Sie will mit Gewalt weg.“
„Ja, schön, das verstehe ich. Aber hat sie sich nicht wenigstens nach einem Zug umgesehen?“
„Ha“, die Mutter bemühte sich krampfhaft zu lachen, „nach einem Zug umsehen. Es gibt seit Tagen schon keine Fahrkarten mehr. Die können noch nicht einmal die Verwundeten aus den Lazaretten abtransportieren.“
Der Vater wühlte mit der Hand in seinen Haaren. „So eine Saubande! Warum beschafft man keine Fahrmöglichkeiten, wenigstens für die Frauen und Kinder, wenn die Lage so hoffnungslos ist?“
Jetzt war es die Mutter, die ruhig blieb. „Bruno, schimpf nicht so, du weißt, die Wände haben Ohren. Überleg lieber, was wir mit Helen machen.“
Die Neuigkeit hatte Ursula verwirrt. Sie musste wieder an die Leute in der Straßenbahn denken. Ist das ein Tag, alles kommt auf einmal und so plötzlich, dachte sie. Jetzt begriff sie erst richtig, warum ihre Freundin Waltraud vor zwei Wochen so Hals über Kopf mit ihren Eltern nach Aachen zurückgefahren war. Dann wussten sie es schon damals. Oder hatten sie es bloß geahnt?
Die Kossbachs konnten aber nicht mehr überlegen, wie sie helfen könnten, denn plötzlich hörten sie dumpfes Grollen wie fernes Gewitter. Der Vater drehte den Kopf zur Seite. Seine Augen wurden immer größer. „Hört ihr’s?“, fragte er.
Die beiden Frauen hörten und hörten auch nichts. Sie wussten nicht, was er meinte. Gespannt lauschten sie nach draußen. Das Grollen wurde stärker, dann hörten sie tiefes Brummen.
„Kommt, zieht euch an!“, rief der Vater, sprang auf und rannte aus der Küche. Erschrocken und wie gelähmt sahen sich die beiden Frauen an. Trotz der dringenden Aufforderung des Vaters saßen sie noch einige Sekunden wie angewurzelt auf ihren Stühlen, als lauteres Krachen sie ebenfalls in die Höhe trieb. Die dumpfen Schläge rückten näher. Ein Fenster vibrierte. Das Licht begann zu flackern.
Der Vater kehrte mit einem Koffer in der Hand in die Küche zurück. „Wie weit seid ihr?“, rief er. „Beeilt euch doch!“
Die Frauen schnürten gerade ihre Schuhe zu.
„Wir kommen ja schon“, stöhnte die Mutter, „aber mein Gott, das kann doch nicht wahr sein - ohne Warnung, ohne Alarm -“ Hastig schlüpfte sie in den Mantel. Ursula war bereits fertig angezogen.
Sie eilten die Treppen hinunter, auf denen die Nachbarn schon voranstürmten.
Ihr eigenes Haus hatte keinen Keller. Sie mussten im Ernstfall über die Straße laufen. Im Parterre befand sich lediglich ein Aufenthaltsraum, dessen Fenster zugemauert waren. Es war ein unbenutztes Lager, das man notdürftig für den Luftschutz hergerichtet hatte. Bisher hatte der Raum auch vollauf genügt, denn es verirrte sich höchstens einmal ein russischer Aufklärer über Lodz.
Fast gleichzeitig betraten die Kossbachs die Straße, doch so schnell, wie es ihnen keiner zugetraut hätte, jagten sie wieder ins Haus zurück. Draußen krachte, klirrte und splitterte es. Starkes Brummen erfüllte die Luft, und die Häuser lagen in bengalisches Licht getaucht. Am Himmel hingen Leuchtraketen, die aussahen wie brennende Weihnachtsbäume. Die Hölle hatte sich aufgetan, sie spie Feuer und Tod.
Keuchend standen sie im Hausflur, in dem sich immer mehr Hausbewohner ansammelten. „Mein Gott, mein Gott …“, stammelte die Mutter unaufhörlich. Andere Frauen weinten oder standen bleich, stumm und hilflos herum. Kinder schrien.
Dann kam der Hausmeister Cebulski und schloss den notdürftig hergerichteten Luftschutzraum auf. Es entstand ein Geschubse, Gestoße und Gedrängel. Jeder wollte als Erster den Hausflur verlassen, der, beidseitig mit verglasten Holztüren abgeschlossen, eher gefährlich als nützlich war. Die Tür zum ehemaligen Lagerraum war nur so breit, dass im günstigsten Falle zwei schlanke Personen gleichzeitig eintreten konnten. Schon am Eingang mit seiner halsbrecherischen, viel zu hohen Eisenschwelle fielen einige hin, und die Nachstürmenden stolperten oder traten auf die am Boden Liegenden. Einem fünfjährigen Jungen wurde der rechte Arm gebrochen. Er schrie herzerschütternd.
Als der Letzte die eiserne Tür hinter sich verschloss, gab es erst Alarm. In den Krach der fallenden und krepierenden Bomben hinein heulten die Sirenen. Es war ein infernalisches Konzert.
Mit weichen Knien ließ sich Ursula bei ihren Eltern in einer Ecke auf dem Fußboden nieder. Vor Angst klapperten ihr die Zähne. Der Vater fragte sie etwas, aber durch den Krach von draußen und das Kindergeschrei im Raum verstand sie nichts. Neben ihr saß Clara Köllermann im schmutzigen, am Eingang zerrissenen Mantel und hielt Tochter Evelyn mit beiden Armen umschlungen, der lautlos die Tränen über das Gesicht liefen.
Die Kossbachs bewohnten eine Dreizimmerwohnung im dritten Stockwerk mit Fenster zur Straße und zum Hof. Außer ihnen lebten noch vier deutsche Familien im Hause. Drei davon schon so lange Ursula zurückdenken konnte.
Da waren zunächst die Greilings, die Flurnachbarn, eine vierköpfige Familie. Der Expedient Richard Greiling hatte 1927 die Tochter der Matuschek’s geheiratet, zwei Jahre später war dann die Frieda zur Welt gekommen. Frau Matuschek war immer noch Polin. Sie hatte sich nie mit der Heirat ihrer Tochter abfinden können. Sie hasste alles, was deutsch war. Am meisten litt Frieda darunter. Sie durfte mit ihrer Großmutter nur Polnisch sprechen. Es verging selten ein Tag ohne Streit in der Familie. Der Name Matuschek war allerdings seit Anfang des Krieges vom Klingelbrett verschwunden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 490
ISBN: 978-3-99038-657-6
Erscheinungsdatum: 03.12.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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