Geschichte & Biografie

Chronik einer Flucht

Axel Böhme

Chronik einer Flucht

Leseprobe:

<strong>Das Jahr 1978</strong>

Die Tante meiner Ehefrau Heidi war über unsere Bemühungen informiert. Sie kam jährlich aus dem Sauerland zu Besuch. Zu Weihnachten 1977 traf sie mit einer freudigen Nachricht ein: Von einem Jugoslawen hatte sie während einer Zugfahrt erfahren, daß die bulgarischen Grenzer Touristen aus dem Ostblock nach Jugoslawien reisen lassen, wenn schwerwiegende gesundheitliche Gründe vorliegen. Das eröffnete völlig neue Perspektiven, schien es doch dadurch möglich, völlig gefahrlos durch den Eisernen Vorhang zu gelangen. Ein Blick auf die Landkarte zeigte, daß der Weg vom Süden Jugosla­wiens über den Autoput nach Ungarn tatsächlich kürzer als die Strecke über Rumänien war. Zudem mußte an der Fähre von Vidin nach Calafat, die die Grenze Bulgarien-Rumänien passierte, mit stundenlangen Wartezeiten gerechnet werden. Die sich nunmehr bietende Chance wollten wir noch nutzen. Wir waren uns einig, daß das unser letzter Versuch werden sollte, denn länger wollten wir mit dieser Belastung nicht leben.
Auch ein einfaches Zugehen auf die Grenze mit freiwilligem Festnehmenlassen hatten wir früher erwogen. Nach Verbüßen der Haftstrafe bestand zwar keine Garantie, aber immerhin die Möglichkeit eines Freikaufs durch die Bundesregierung. Diese brachte Riesensummen dafür auf. Anfangs gab es eine Staffelung des Kopfgeldes. Der Beruf des Kandidaten war ein Kriterium dafür. Später vereinfachte man das Verfahren und legte eine Pauschalsumme fest, die sich pro Person im fünfstelligen D-Mark-Bereich bewegte. Dieser Menschenhandel verhalf der stets devisenhungrigen DDR zu längerem Überleben. Es kursierte das Gerücht, daß mit steigender Zahl der Abgeschobenen deren Zellenplätze immer schneller neu belegt wurden. Nachschub gab es genug. Auch ein Ausreiseantrag konnte ein Haftgrund sein. Das Geschäft florierte.
Den Gedanken meiner Einzelflucht über ein anderes Ostblockland hatten wir ebenfalls durchgespielt, aber wieder verworfen. Auch in den anderen Ostblockländern wurde an der Grenze geschossen. Und falls mir die Flucht gelingen sollte, konnten wir höchstens auf eine Familienzusammenführung in der Bundesrepublik hoffen. Bestenfalls durften meine Frau und die Söhne nach Jahren durch Freikauf legal ausreisen. Eine Garantie dafür gab es nicht, denn die DDR-Behörden lehnten damals die meisten Anträge ab und ließen sich außerdem mit der Bearbeitung sehr lange Zeit. Für uns stand deshalb immer die Frage im Raum, ob unsere Familie nach der langen Trennung wieder zusammenfinden könnte oder inzwischen zerbrochen wäre. Hätte der Schritt sich dann wirklich gelohnt?
Großzügigerweise verwiesen die staatlichen Stellen der DDR auf die Möglichkeit einer Zusammenführung im Arbeiter-und-Bauern-Staat und versprachen dem Flüchtigen für den Fall seines Wiederkommens Straffreiheit. Auf diese Zusage war jedoch keinesfalls Verlaß. Mit Sicherheit konnte der Rückkehrer aber mit der Verhängung eines dauerhaften Berufsverbotes rechnen, denn dazu reichte es bereits, einen Ausreiseantrag zu stellen.
Mit dem Ausblick auf einen neuen Schlupfwinkel galt es für mich, eine Diagnose auszuwählen, die jedermann geläufig ist und außerdem die Kontrolleure so weit überzeugen könnte, daß sie uns passieren lassen würden. Bei einer Ablehnung wären wir weder ein Risiko für Leib und Leben eingegangen, noch hätte man uns Fluchtabsichten unterstellen können. Und außerdem schien die Methode reproduzierbar, erforderlichenfalls mit meinem ausdrücklichen Hinweis auf eine inzwischen eingetretene Verschlechterung ergänzt.
Nach langem Für und Wider entschied ich mich für die Simulation einer Appendizitis, allgemein als „Blinddarm“ bekannt. Die Kinder wollte ich damit nicht belasten. Ich selbst schied von vornherein als Patient aus, da ich den Wurmfortsatz nicht mehr besaß und wegen der Narbe sofort zu entlarven war. Außerdem mußte ich als Sprecher und Arzt auftreten. So blieb nur meine Frau als Kandidatin übrig. Hatte sie schon bisher meinem jahrelangen hartnäckigen Drängen zur Flucht nachgegeben, so nahm sie jetzt auch noch dieses Opfer bereitwillig auf sich.
Das Vortäuschen gängiger Appendizitissymptome sollte uns keine größeren Schwierigkeiten bereiten. Wiederholtes Erbrechen, wie es im Akutstadium häufig vorkommt, verbunden mit Leibschmerzen und krankem Aussehen, läßt auch den medizinischen Laien rasch eine Blinddarmentzündung vermuten.
Nachdem die Planung gedanklich abgeschlossen war, konnten die praktischen Vorbereitungen beginnen.
Zunächst besorgte ich mir für meinen Notfallkoffer Apomorphin-Ampullen. Das war unverfänglich, da dieses Präparat bei oralen Vergiftungen zum Auslösen von Erbrechen eingesetzt wird, um den Magen rasch zu entleeren. Das Medikament ist jedoch nicht ganz unproblematisch in seiner Anwendung. Es muß nach Kilogramm Körpergewicht dosiert und dem liegenden Patienten verabreicht werden. Blutdruck und Puls sind regelmäßig zu kontrollieren, ein Aufstehen sollte wegen Kollapsgefahr unterbleiben. Infolge dieser erheb­lichen Nebenwirkungen, das unstillbare Erbrechen allein ist schon eine Tortur für sich, verbieten sich Nachdosierungen.
Die Wirkung probierte ich zuerst an mir aus, wobei ich Dosis, Zeitpunkt der Injektion, Einsetzen und Dauer der Wirkung und Nebenwirkungen schriftlich festhielt. Der Test war beeindruckend. Ich erbrach etwa zwanzigmal und kollabierte fast, weil ich mich anfangs aufgesetzt hatte. Nach weniger als einer Stunde fühlte ich mich wieder völlig unbeeinträchtigt.
Nun folgte der Test bei meiner Frau, ebenfalls mit genauer Beobachtung und Protokollierung. Die Ergebnisse waren identisch. Zusätzlich trug sie leider für einige Tage massive punktförmige Blutungen in den Lidern davon. Sie hatte beim Übergeben ihre Augen nicht geschlossen gehalten, was ich nicht bemerkt hatte.
Als nächstes fotografierte ich alle wichtigen Dokumente: Geburtsurkunden, Abiturzeugnisse, den Fachschulabschluß zur Krankenschwester meiner Frau, meine Approbations-, Promotions- und Facharzturkunde für Allgemeinmedizin. Beim Entwickelnlassen des Filmes, Abzüge ließ ich sicherheitshalber nicht anfertigen, bekam ich Bauchschmerzen. Was, wenn ein Fotolaborant Verdacht schöpft und Anzeige erstattet?! Zu unserer Erleichterung passierte nichts. Den entwickelten Film spulte ich vor Urlaubsantritt wieder in die Spiegelreflexkamera zurück.
Zielstrebig hatten wir D-Mark-Scheine, Westgeld genannt, gesammelt. Zum Teil handelte es sich um Schenkungen des Freundes oder der Tante, zum Teil boten Bekannte erhaltene Devisen zum Tausch gegen DDR-Geld an. So kamen, da wir nie in Intershopläden einkauften, im Laufe der Jahre 850 DM zusammen.
Für den alles entscheidenden Tag in Bulgarien mußte ich mir schließlich noch eine „Rede“ erarbeiten, die alles Notwendige enthielt: Die Akuterkrankung meiner Ehefrau mit Erfordernis einer baldigen Operation; die durch mich als Arzt zweifelsfrei gestellte Diagnose; das Risiko eines Zeitverzuges beim Umweg über Rumänien; die Unmöglichkeit, meine Frau alleine in einer bulgarischen Klinik zu lassen und später, um sie abzuholen, nochmals einreisen zu können.
Dafür mußte ich mir einige Grundkenntnisse der bulgarischen Sprache aneignen, was mit Hilfe eines Wörterbuches und eines Sprachführers relativ unproblematisch gelang. Die kyrillischen Buchstaben waren uns durch achtjährigen Russischunterricht vertraut. Außerdem weisen die slawischen Sprachen viele Gemeinsamkeiten auf.
Vor Beginn der Urlaubszeit besuchten wir ein letztes Mal alle Familienangehörigen und einige Freunde. Sie ahnten nicht, was wir mit unserer Bulgarienfahrt in Wirklichkeit bezweckten, und deshalb bedeutete die Verabschiedung für sie nichts Besonderes. Für meine Frau und für mich war das Abschiednehmen schmerzlich. Die Zurückbleibenden würden nicht vor Erreichen ihres Rentenalters eine Besuchserlaubnis zu uns erhalten. Wir konnten daher nicht wissen, ob wir jemals alle wiedersehen würden. Trotzdem mußten wir uns unbefangen geben und durften auch jetzt keine verräterischen Bemerkungen machen. Nicht nur Republikflucht und Beihilfe dazu, sondern auch Nichtanzeigen bei Kenntnis des Vorhabens wurden geahndet, denn schließlich handelte es sich um einen Verrat an der DDR.
Mein damals neunundsechzigjähriger Vater wurde nachträglich von einem Behördenangestellten (offizieller Angehöriger des Ministeriums für Staatssicherheit, im Gegensatz zu den bereits erwähnten inoffiziellen, als IM geführten Mitarbeitern) belehrt, daß er im Falle solcher Unterlassung für mich ins Gefängnis gegangen wäre; Sippenhaft bei Nichtanzeigen eines nächsten Angehörigen!
Die letzten Vorbereitungen bestanden darin, die erforderlichen Reisezahlungsmittel zu besorgen und das Auto vorzubereiten. Wir tauschten die erlaubte Höchstmenge an Mark der Deutschen Notenbank in tschechoslowakische Kronen, ungarische Forint, rumänische Lei und bulgarische Lewa um.
In den Pkw Lada kamen eine komplette Campingaus­rüstung, Werkzeug und Ersatzteile, Reservekanister für Benzin, Lebensmittel, Garderobe und meine Notfalltasche.
Am 29. Juli 1978 starteten wir. Nach dem Verschließen der Haustür warf ich keinen einzigen Blick mehr zurück.

<strong>Nachwort</strong>

Nachdem ich meinen Vater lange genug zum Schreiben gedrängt habe, ist es endlich soweit: Viele Jahre nach unserer Flucht können sich meine eigenen kindlichen Bilder aus dieser Zeit mit den mir fehlenden Fakten und Details zu einem Ganzen zusammenfügen.
Die Lektüre rüttelt mich, auch nach mehrmaligem Lesen, noch emotional gehörig auf. Trotz der Tatsache, dass wir Kinder – zumindest ich als „Kleinster“ – von der politischen Motivation unserer Eltern und den enormen Risiken der Flucht keine Ahnung hatten und die Ausführung eher als Abenteuer erlebten, waren wir uns doch der grundlegenden Ernsthaftigkeit bewußt.
Einzelheiten der betreffenden Tage und Nächte sind mir noch lebhaft im Gedächtnis: die Tränen und die Angst, daß meine Mutter im Auto an der Grenze stirbt; die Szene, als wir „geschnappt“ wurden und es mir durch den Kopf schoß, alleine weiterzurennen, da ich hinter meiner Familie als letzter kam und die Grenzer mich vielleicht nicht gesehen hatten; mein Vater in Handschellen; wie wir Kinder zum Spielen geschickt wurden, während unsere Eltern mit „den Männern“ verhandelten; wie wir nachts am Schlagbaum ankamen; die Grabensprünge von der Grenzstraße jedes Mal, wenn ein Fahrzeug zu hören war.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-99003-592-4
Erscheinungsdatum: 11.08.2011
EUR 14,90
EUR 8,99

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